Pharmazeutische Zeitung online

Dermopharmazie: mit der Haut im reinen sein

11.05.1998
Datenschutz bei der PZ

-Pharmazie

Govi-Verlag

Dermopharmazie: mit der Haut im reinen sein
Neue Arzneistoffe

"Es gibt sicher eine ganze Reihe Apotheker, für die Kosmetika in der Apotheke nach wie vor einen schalen Beigeschmack haben. Man führt sie zwar, aber eigentlich nur, weil sie nachgefragt werden", mutmaßte Hans-Günter Friese, Präsident der ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, in seinem Eröffnungsvortrag. Wer Kosmetika und damit Dermopharmazeutika belächelt, der wurde auf der 2. Jahrestagung der Gesellschaft für Dermopharmazie (GD) eines besseren belehrt.

Rund 100 Apotheker, Ärzte und Dermatologen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz konnte der Vorsitzende Dr. Joachim Kresken zum wissenschaftlichen Teil der Tagung begrüßen, die vom Govi-Verlag und von Hermes Arzneimittel unterstützt wurde. Auf die Teilnehmer wartete ein abwechslungsreiches Programm, das von "neuen Ansätzen für altbekannte Arzeistoffe" bis "relativ neue Wirkstoffe für altbekannte Indikationen" einiges zu bieten hatte.

Das Immunsuppressivum Cyclosporin A bedeutete eine Innovation für die Transplantationsmedizin und stellt heute zudem eine potente systemische Behandlungsmethode für schwere Fälle der Psoriasis und Neurodermitits dar. In Sachen immunmodulierende Wirkstoffe hofft das Herstellerunternehmen Novartis, bald einen weiteren Trumpf ausspielen zu können. Mit einer Verbindung vom Ascomycin-Typ hat das Unternehmen einen Wirkstoff in der Forschungspipeline, "der in ersten klinischen Untersuchungen hohe Wirksamkeit gegen atopische Dermatitis, Kontaktallergien und Psoriasis gezeigt hat", sagte Professor Dr. Anton Stütz, vom Sandoz Forschungsinstitut in Wien.

Der Vorteil des Ascomycin-Derivats SDZ ASM 981 im Vergleich zu Cyclosporin A ist seine Wirksamkeit nach oraler und Topsicher Anwendung. Erste klinische Studien an Psoriasispatienten haben einen vergleichbaren antiinflammatorischen Effekt gegenüber den Corticosteroiden Clobetasol und Fluticason ergeben. Eine Hautatrophie ist dabei nach den Ausführungen Stütz nicht registriert worden. Die Wirkung komme durch eine Hemmung der T-Zellaktivität zustande. Derzeit befinde sich das Ascomycin-Derivat in der Phase II.

Auch Professor Dr. Thomas Ruzicka von der Hautklinik in Düsseldorf beschäftigt sich intensiv mit Immunsuppressiva: "Topisch wirksame Immunsupressiva werden zu der wichtigsten Substanzgruppe in der Dermatologie in den nächsten Jahren avancieren." Neben Ascomycin ist Tacrolimus die am weitesten erprobte Substanz. Im Vergleich zu Cyclosporin hat Tacrolimus ein niedrigeres Molekulargewicht, was möglicherweise der Grund für die bessere topische Wirksamkeit ist. Während Tacrolimus systemisch verabreicht Schuppenflechte-Plaques schnell zur Abheilung bringt, schlägt es topisch aufgetragen kaum an.

Anders bei der Neurodermitis: Innerhalb weniger Tage bessert sich die kutane Entzündungsreaktion und der Juckreiz wesentlich. Ruzicka sprach von einer 70prozentigen Besserung gegenüber Vehikel. "Nach dreiwöchiger Therapie erzielt eine 0,1prozentige Tacrolimus-Zubereitung bei den meisten Patienten eine weitgehende Remission." Damit sei Tacrolimus so potent wie die Glucocorticoide, wertete der Referent. Nach der Tacrolimus-Behandlung wurden keine atrophischen Effekte beobachtet.

Die therapeutische Wirksamkeit dürfte zum einen auf die Inhibition der T-Zellfunktion und die Beeinflussung von immunregulatorischen Cytokinen zurückzuführen sein. Interessanterweise werden nicht nur inflammatorische Cytokine gehemmt, sondern auch antiinflammatorische Zytokine induziert. Zusätzlich beeinflußt Tacrolimus die Mast- und Epidermiszellen. "Das breite Netzwerk an vermittelnden Reaktionen erinnert an die Wirkung von Glucocorticoiden", verglich Ruzicka.

Neues aus der Kosmetikforschung: Lipopearls®

Die neue Generation nach den Liposomen heißt Lipopearls. Nach den Ausführungen von Professor Dr. Rainer Müller, Pharmazeutisches Institut der Freien Universität in Berlin, sind Lipopearls ein neues Drug-delivery-System, das die Vorteile von Emulsionen, Liposomen und festen Polymernanopartikeln in sich vereinigt. Die Arbeitsgruppe um Müller hat diese ultrafeinen Partikel aus gut verträglichen festen Lipiden zur Marktreife gebracht und sie unter dem Warenzeichen Lipopearls im Bereich der Kosmetik eintragen lassen. In der Pharmazie spricht man von SLN (Solid Lipid Nanoparticles).

Diese festen Lipidnanopartikel haben eine mittlere Partikelgröße von 80 nm bis 1000 nm. Sie bestehen aus einem festen Lipid, das in wäßriger Dispersion mit einem Tensid oder Polymer stabilisiert ist. Ihre Herstellung erfolgt durch Hochdruckhomogenisation von Lipiden im geschmolzenen Zustand oder im festen Aggregationszustand.

Enthält eine Creme oder Gel Lipopearls als Wirkstoffträger, so lasse sich die Zubereitung sehr gut auf die Haut auftragen, informierte Müller. Die dichte Packung der Nanopartikel steigere den okklusiven Effekt und verbessere dadurch die Wirkstoffpenetration. Die festen Lipopearls gewährleisten außerdem eine längere Haltbarkeit als beispielsweise Liposomen. "Liposomen lösen sich mit der Zeit in den Emulsionstropfen auf, weil ein Austausch mit Wasser stattfindet", erklärte Müller. Mit Wirkstoff beladene Lipopearls waren dagegen, so Müller, noch nach drei Monaten zu 90 Prozent stabil. Die feste Matrix erlaube zudem eine kontrollierte Wirkstofffreisetzung. Besonders eigneten sich Lipopearls für liphphile Wirkstoffe wie Interferone oder Peptide.

"Die Einarbeitung von SLN in Topika ist recht simpel", erläuterte Müller. Entweder rührt man eine konzentrierte wäßrige SLN-Dispersion in eine Creme oder Lotion ein oder man ersetzt direkt einen Teil des Wassers durch SLN-Dispersion. Ein Großansatz einer SLN-Dispersion soll demnächst für die Apothekenrezeptur erhältlich sein.

Ziel: Kosmetika ohne Tierversuche

Nur drei Prozent aller Tierversuche in Europa werden für Kosmetika gemacht. Jene Tierversuche sind es aber, die im Mittelpunkt der Tierschützerkritik stehen. Ab 30. Juni 2000 sollen nun endgültig keine Kosmetikprodukte mehr auf den Markt kommen, deren Bestandteile im Tierversuch geprüft wurden. So bestimmen es die EU-Richtlinien. Da es unrealistisch ist, abrupt auf Tierversuche zu verzichten, so Professor Dr. Horst Spielmann, Leiter der Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch im Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin, steigen die EU-Länder schrittweise aus.

Demnach werden kosmetische Fertigprodukte ab sofort nicht mehr im Tierversuch getestet. In Deutschland wird dieses Verbot bereits seit 1987 realisiert, England, Frankreich und Österreich prüften allerdings noch im Tierversuch. Der zweite Schritt des Stufenplans sieht vor, daß Hautpenetration, Hautreizung, Korrosivität und Phototoxizität neuer Inhaltsstoffe bis zum Jahr 1999 mit Alternativmethoden getestet werden können. Die Prüfung der Augenreizung von Inhaltsstoffen lasse sich ohne den Draize-Test am Kaninchenauge nicht vor dem Jahr 2000 umsetzen.

Noch ist nicht abzusehen, ob es bis zum Stichtag für alle sicherheitstoxikologischen Prüfungen einen Ersatz geben wird, sagte Spielmann. Probleme sieht er beispielsweise bei der Entwicklung von In-vitro-Tests, um Inhaltsstoffe auf sensibilisierende Eigenschaften oder auf Toxizität zu untersuchen.

Pflegelotionen für trockene Haut

Die GD-Fachgruppe Dermokosmetik will Leitlinien definieren, die aus fachlicher Sicht die Anforderungen für kosmetische Produkte festlegen. "Als erstes nehmen wir uns die Körperpflegelotionen vor, die für trockene Haut angeboten werden", informierte Professor Dr. Rolf Daniels, Pharmazeutisches Institut für Technologie, Braunschweig. "Die zu erarbeitenden Standards sollen die Beratung in der Apotheke erleichtern."

Bisher sei es recht schwierig, im Beratungsalltag die Produkte zu beurteilen, weil die Herstellerunternehmen mit Informationen zu Produkteigenschaften gerne hinter dem Berg halten. Die Firmen loben ihre Produkte zwar mit "fett- und feuchtigkeitsspendend" oder "schützend" aus. Eine Spezifizierung des Wirksamkeitsnachweises, der entsprechned der Kosmetikverordnung eigentlich gefordert wird, fehlt allerdings oft. Daniels: "Er wird nicht selten mit Formulierungen wie "klinisch getestet" oder "dermatologisch geprüft" umschrieben."

Trockene Haut ist meist sehr empfindliche und vorgeschädigte Haut. In Anbetracht dieser Tatsache sei das Ergebnis einer Inhaltsstoffanalyse von Pflegelotionen für trockene Haut erschreckend, sagte Daniels. Nach Daniels Ausführungen sind nur 11 von 44 Präparaten unparfümiert und nur 6 von 44 unkonserviert. Die Parabene sind trotz ihres bekannt hohen Allergisierungspotentials die meist eingesetzten Konservierungsstoffe (19mal). Die zu erarbeitenden Leitlinien sollen helfen, Produkte mit ungeeigneten Inhaltsstoffen leichter zu identifizieren, sagte Daniels.

PZ-Artikel von Elke Wolf, WiesbadenTop

© 1997 GOVI-Verlag
E-Mail:
redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa