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Bio-Zement beseitigt Wirbelschmerz

06.05.2002
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Kyphoplastie

Bio-Zement beseitigt Wirbelschmerz

von Wolfgang Kappler, Homburg/Saar

Wenn in Folge einer Osteoporose oder eines Tumors Wirbelkörper in sich zusammenfallen, leiden Betroffene an heftigen Rückenschmerzen. Ein neuartiger Zement - in die Wirbelkörper injiziert - soll die Patienten schneller mobilisieren und von Schmerzen befreien.

Seit wenigen Jahren versuchen auch deutsche Mediziner mit dem Einspritzen von Knochenzement die Wirbelkörper aufzurichten und zu stabilisieren. An der Uni Heidelberg haben kürzlich weltweit zum ersten Mal Ärzte um den Privatdozenten Dr. Dr. Hans-Christian Kasperk einen neuartigen Bio-Zement getestet. Im Gegensatz zum bisher verwendeten Kunststoff-Zement bindet er bereits bei normaler Körpertemperatur ab, und er soll mittelfristig von körpereigenen Knochenzellen abgebaut und ersetzt werden. Damit könnten einige Risiken des nicht ungefährlichen Eingriffes beseitigt werden. Die 18 so behandelten Patienten waren einen Tag nach dem Eingriff bereits mobil und schmerzfrei.

Mit seinem Team aus den Unfallchirurgen Professor Dr. Peter-Jürgen Meeder und Dr. Joachim Hillmeier sowie dem Radiologen Professor Dr. Gerd Nöldge gehört Kasperk hier zu Lande zu den wenigen, die Wirbelkörpereinbrüche mit der in den 90er-Jahren in den USA entwickelten Kyphoplastie behandeln. Der knapp einstündige Eingriff am auf dem Bauch liegenden Patienten erfolgt in Vollnarkose. Durch zwei kleine Einstiche beidseits des betroffenen Wirbels wird unter Röntgenkontrolle eine Kanüle vorgeschoben. Ein durch sie eingeführter Ballon wird an der Bruchstelle platziert und mit einer Flüssigkeit aufgepumpt. Durch den Druck werden Grund- und Deckplatte des eingebrochenen Wirbelkörpers angehoben und dessen normale Höhe annähernd wieder hergestellt. Der Ballon wird entfernt und der stabilisierende Bio-Zement eingespritzt.

"Bislang wurde dafür der Kunststoff Methylmetacrylat verwendet. Beim Abhärten wird er jedoch bis zu 90 Grad heiß und schädigt dadurch lebendes Knochengewebe", nennt Kasperk einen Nachteil. Zudem sei der Kunststoff härter als Knochen. Seine unregelmäßigen Kanten könnten daher den Wirbelkörper und benachbarte Wirbel schädigen. Der Bio-Zement eines deutschen Herstellers, den Kasperk erstmals verwendet hat, bindet dagegen bei normaler Körpertemperatur ab, er soll vom Körper abgebaut und durch Knochenzellen ersetzt werden.

In der Orthopädie lange bekannt

In der Orthopädie ist der Bio-Zement (Hydroxylapathit) bereits seit drei Jahrzehnten im Einsatz und dient der Befestigung von Hüftgelenkprothesen. Doch erst jetzt ist es gelungen, ihn so zu verändern, dass er als "Paste" durch die dünnen Kanülen gespritzt werden kann. Damit entfallen zwei Risiken des insgesamt nicht ungefährlichen Eingriffs. "Jede Operation an der Wirbelsäule ist prinzipiell gefährlich. Im Fall der Kyphoplastie kann theoretisch austretender Zement das Rückenmark verletzen. Eine Querschnittslähmung könnte die Folge sein", warnt Kasperk vor einem generellen Einsatz des Verfahrens, von dem behauptet wird, es könne die eingebrochenen Wirbelkörper vollkommen aufrichten und stabilisieren.

"Das eben ist nicht der Fall", kritisiert der Heidelberger. "Unsere Untersuchungen zeigen, dass eine Aufrichtung maximal bis zu 40 Prozent der ursprünglichen Wirbelkörperhöhe möglich ist. Immerhin reicht das, um die Schmerzen zu beseitigen und die Patienten mobiler zu machen." Da Erfahrungen zur Langlebigkeit des Zementimplantates noch nicht vorliegen und weil der Eingriff mit 2400 Euro pro Wirbel recht teuer ist, rät er dazu, die Kyphoplastie nur dann anzuwenden, wenn konventionelle Konzepte - auch die Schmerzbehandlung - nicht mehr greifen. Dass die Kyphoplastie als zusätzliche Option zur Ruhigstellung der Wirbelsäule mittels eines Korsetts oder einoperierter Fixationsplatten ihre Berechtigung hat, daran zweifelt Kasperk nicht.

Durch Wirbelkörpereinbrüche verschmälern sich die Wirbel, ein Rundrücken bildet sich aus, der den Lungen- und Bauchraum einengt. Atemnot und Verdauungsstörungen sind die Folgen. Die verordnete Schonung und der damit einhergehende Bewegungsmangel verschlimmern aber die Osteoporose und erhöhen das Risiko weiterer Wirbelkörpereinbrüche. Ein Teufelskreis entsteht, den die Anwender der Kyphoplastie unterbrechen wollen, indem sie Patienten schneller mobilisieren und von Schmerzen befreien. Top

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