Pharmazeutische Zeitung online

Neues Interferon-beta 1a bei Multipler Sklerose

04.05.1998
Datenschutz bei der PZ

-Pharmazie

Govi-Verlag

Neues Interferon-beta 1a bei Multipler Sklerose

Interferone werden seit einigen Jahren therapeutisch eingesetzt. Ende 1995 erhielt das in Bakterienzellen rekombinant hergestellte Interteron-beta 1b (Betaferon®, Schering) die Zulassung. 1997 folgte das in Säugetierzellen produzierte Interferon-beta la (Avonex®, Biogen), dessen Struktur identisch ist mit dem humanen Zytokin. Im April erhält ein neues Interterferon-beta 1a die europäische Zulassung für die Behandlung der schubförmigen Multiplen Sklerose (MS). Die Fertigspritzen sollen bereits im Mai auf den deutschen Markt kommen (Rebif®, Serono Pharma).

Nach Schätzungen der Deutschen MS-Gesellschaft leben etwa 120.000 Patienten mit Multipler Sklerose in Deutschland. Bei jungen Erwachsenen nimmt die MS die traurige Spitzenstellung unter den neurologischen Erkrankungen ein. Bislang ist sie nicht heilbar. Vieles ist unklar: der genaue Verlauf, die exakte Prognose von Art und Schwere des Geschehens und der Behinderung, die Identifizierung von Therapie-Respondern und -Nonrespondern, die Subtypisierung. Generell unterscheidet man fünf Verlaufsformen: gutartige, schubförmige (rezidivierend-remittierend), transitorische, sekundär-progrediente und primär-progrediente Verläufe. An der schubfömügen MS leiden etwa 35 Prozent der Patienten.

Da der Spontanverlauf nicht vorhersehbar ist und die Erkrankung stark auf Placebo anspricht, sind prospektive, randomisierte und kontrollierte Studien für einen Wirksamkeitsnachweis nötig, forderte Dr. Dieter Pöhlau, Chefarzt der Sauerlandklinik Hachen-Stundern, bei einer Pressekonferenz der Serono Pharma in München. Ergebnisse der bislang größten Studie bei Patienten mit schubförmig-remittierender MS stellte Professor Dr. Hans-Peter Hartung von der Universitätsklinik für Neurologie in Graz vor. Die Studie ist nach Firmenangaben zur Publikation bei Lancet eingereicht.

560 Patienten aus neun Ländern mit einem Behinderungsgrad von 0 bis 5,0 (EDSS nach Kurtzke, mild bis stärker beeinträchtigt und behindert) nahmen teil erklärte Hartung, der die deutschen Teilnehmer in Würzburg betreute. Die Patienten waren im Schnitt 36 Jahre alt (69 Prozent Frauen). Sie erhielten über einen Zeitraum von zwei Jahren dreimal wöchentlich subkutan entweder 22 µg (6 Millionen IU), 44 µg (12MIU) Interferon-beta 1a (Rebif®) oder Placebo. Zielgrößen der Studie waren die Schubfrequenz und -schwere, Behinderung und kernspintomographische Parameter (pathobiologische Läsionen im ZNS). Nach 24 Monaten konnten die Daten von 533 Patienten ausgewertet werden.

Dies sei die erste Studie, die die Wirksamkeit des Interferons auf drei Schlüsselparameter der MS gezeigt habe, resümierte Hartung. Das Medikament reduzierte signifikant Zahl und Schweregrad der Schübe und erhöhte die Zahl der schubfreien Patienten sowie die Zeit bis zum Auftreten des ersten Schubs. Die Progression der Erkrankung verzögerte sich deutlich. Im Kernspintomogramm zeigte sich eine Reduktion der Krankheitsaktivität, gemessen an Zahl und Zunahme der aktiven Läsionen (burden of disease). Diesbezüglich schnitt die höher dosierte Gruppe signifikant besser ab als die 22-µg Gruppe.

Beide Dosierungen wurden relativ gut vertragen. Häufige Nebenwirkungen (in den Verum- wie in der Placebogruppe(n)) waren Kopfschmerzen und grippeähnliche Symptome. In den Verumgruppen traten häufiger Reaktionen an der Injektionsstelle sowie Fieber auf.

MS ist behandelbar

"Wir sind noch weit entfernt von einer Therapie, die die Patienten stabil hält", sagte Pöhlau. Dennoch zeigten die Studien, daß die schubförmige MS behandelbar sei und aktive Krankheitsformen möglichst früh behandelt werden sollten. Neben der Pharmakotherapie müsse alles getan werden, um den meist jungen Patienten ein normales soziales Leben zu ermöglichen.

PZ-Artikel von Brigitte M. Gensthaler, MünchenTop

© 1997 GOVI-Verlag
E-Mail:
redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa