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KWenn die Seele schreit: Pharmakotherapieder Depression

27.04.1998  00:00 Uhr

-Titel

Govi-Verlag

KWenn die Seele schreit: Pharmakotherapie
der Depression

Depressionen als umschriebenes Krankheitsbild sind viel häufiger als allgemein angenommen. Etwa 20 bis 30 Prozent der Menschen über 60 Jahren sollen an einer Depression leiden. In der Psychopharmakologie werden seit etwa 1950 antidepressiv wirksame Stoffe eingesetzt.

In den letzten Jahren ist das Spektrum breiter und differenzierter geworden: von den Klassikern der trizyklischen Antidepressiva über die Tetrazyklika bis hin zu den Wirkstoffen, die an verschiedenen Neurotransmittersystemen angreifen. Hierzu zählen selektive Hemmstoffe der Serotonin- und der Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme (SSRI, SNRI), reversible selektive Hemmstoffe der Monoaminoxidase-A (RIMA),noradrenerge-serotonerge sowie duale serotonerge Antidepressiva. Arzt und Apotheker müssen umfassend informiert sein über den richtigen Umgang mit diesen Arzneimitteln, um den Patienten angemessen und kompetent begleiten zu können.

Depressionen nehmen zu und/oder werden häufiger erkannt. Vermutlich sind drei bis fünf Prozent der Weltbevölkerung betroffen. In der Praxis des Allgemeinarztes betrifft es fast jeden vierten, beim Nervenarzt nahezu die Hälfte und in psychiatrischen Kliniken fast jeden achten Patienten. Auslösende Faktoren sind Krankheiten, körperliche Versehrtheit, Verlust des Partners oder nachlassende Stoffwechselaktivität im Gehirn. Oft genug bleibt die Ursache unbekannt.

Die therapeutischen Ansätze sind vielfältig: Verfahren der Psycho- und Soziotherapie, physikalische Maßnahmen, körperliche und Entspannungsübungen, Schlafentzug, Beschäftigungs- und Musiktherapie, Lichttherapie (bei saisonalen Depressionen) und Elektrokrampfbehandlung. Daneben spielt die Pharmakotherapie eine zentrale Rolle.

Ein Blick in die Umsatzstatistik des deutschen Marktes offenbart eine Überraschung. An der Spitze steht heute ein pflanzliches Präparat auf der Basis eines hochdosierten Extraktes von Johanniskraut, Hypericum perforatum. Die Pflanze enthält eine Vielzahl komplexer Verbindungen unterschiedlicher chemischer Herkunft. Hypericine werden seit langem als wirksamkeitsbestimmende Inhaltsstoffe angesehen; neuerdings kommt Hyperforin in die Diskussion, das an allen antidepressiv wirksamen Systemen gleich stark wirkt und die Reuptake-Mechanismen hemmt. Nach heutigen Erkenntnissen wirkt Johanniskraut bei 60 bis 70 Prozent der Patienten mit leichten bis mittelschweren Depressionen. Hochdosierte standardisierte Präparate können daher und aufgrund der geringen bis fehlenden Nebenwirkungen insbesondere bei ambulanten Patienten als Antidepressivum der Wahl eingesetzt werden. Dosiert wird dreimal täglich 300 mg. Die Wirkung tritt innerhalb von 10 bis 14 Tagen ein, vergleichbar mit anderen Antidepressiva.

Ein Antidepressivum wird nach dem klinischen Erscheinungsbild ausgewählt und einschleichend dosiert bis zur individuell anzupassenden Enddosis. Blutbild, Leberwerte und Herzfunktion sollten regelmäßig kontrolliert werden. Die erwartete Stimmungsaufhellung tritt allmählich ein, während Nebenwirkungen meist sofort erlebt werden. Der Patient muß über die Wirklatenz informiert werden. Die medikamentöse Behandlung dauert in der Regel mehrere Monate und damit oft länger, als Patient und Angehörige wünschen. Die Dosis soll nach ärztlicher Anweisung langsam reduziert und ausgeschlichen werden, um Absetzphänomene zu vermeiden.

Häufig werden anticholinerge Nebenwirkungen beklagt wie Mundtrockenheit, Akkomodationsstörungen, Miktionsbeschwerden, Obstipation oder Schwindel. Potentielle Gefahren drohen auch von Wirkungen auf das Herz-Kreislauf-System sowie von der Herabsetzung der Krampfschwelle im ZNS. Vor allem bei älteren Patienten können Antidepressiva epileptogene Anfälle auslösen. Außerdem besitzen die herkömmlichen Wirkstoffe eine geringe therapeutische Breite und können bereits bei fünf- bis siebenfacher Überdosierung letal wirken. Solche Wirkstoffe zählen zu den häufigsten Suizidmitteln depressiver Patienten.

Als Resümee von 45 Jahren Antidepressiva bleibt die Feststellung, daß hinsichtlich der klinischen Globalwirksamkeit keine, bezüglich des differentiellen klinischen Einsatzes und Wirkprofils gewisse und bezüglich des Nebenwirkungsprofils deutliche Fortschritte erzielt wurden. Als positiv lassen sich die Reduktion der Kardiotoxizität sowie der anticholinergen Begleitwirkungen nennen. Das Risiko kognitiver Beeinträchtigung und die delirogene Potenz konnten ebenfalls gesenkt werden. Trotz der Verträglichkeitsvorteile der neueren Antidepressiva muß mit bislang unbekannten Nebenwirkungen und Risiken gerechnet werden.

PZ-Titelbeitrag von Victor Leutner, Grenzach-Wyhlen
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