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Lipidsenker und Antioxidans in einem

27.04.1998  00:00 Uhr

-Pharmazie

Govi-Verlag

Lipidsenker und Antioxidans in einem

Erhöhte Cholesterolspiegel gelten als wesentlicher Risikofaktor für die Entstehung von Arteriosklerose. Experten gehen davon aus, daß auch durch freie Radikale oxidativ veränderte Lipoproteine an der Pathogenese von Folgeerkrankungen der Arteriosklerose beteiligt sind. Selbst oxidativ gering modifiziertes LDL soll den atherogenen Prozeß auslösen können. Neue pharmakologische Untersuchungen sowie begleitende Therapiestudien zeigen, daß hoch dosierte Artischockenblätterextrakte eine Alternative in der Prävention von Arteriosklerose sind. Der Extrakt vereint lipidsenkende Eigenschaften mit einer ausgeprägt antioxidativen Wirkung.

Im französischen Sprachraum zählten Zubereitungen aus Artischockenblättern bereits in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts zu den Standardtherapeutika bei der Behandlung erhöhter Cholesterolwerte. Damals war über die Zusammenhänge und Funktionen der einzelnen Blutlipide jedoch noch wenig bekannt. Durch die Entdeckung hochwirksamer synthetischer Lipidsenker verloren die pflanzlichen Wirkstoffe an Bedeutung. Heute, in einer Zeit systematischer Arzneipflanzenforschung, wenden viele Therapeuten wieder gerne hochdosierte Phythopharmaka an.

In einer Anwendungsbeobachtung zur Effektivität von hochdosiertem Artischockenblätterextrakt an 553 Dyspepsie-Patienten untersuchte Fintelmann auch die Blutlipidparameter und stellte innerhalb des verhältnismäßig kurzen Einnahmezeitraumes von sechs Wochen einen Rückgang des Gesamtcholesterols um 11,5 Prozent fest. Bei den HDL-Werten registrierte er einen leichten Anstieg. Auch bei einer sechsmonatigen Anwendung beobachteten Wissenschaftler eine Lipidsenkung.

Aus einer Probandenstudie geht zudem hervor, daß unter der Therapie mit Artischockenblätterextrakt die Blutlipidspiegel nicht unter physiologische Werte absinken. Das ist angesichts der unphysiologischen und schädlichen Auswirkung zu niedriger wie auch zu hoher Cholesterolspiegel ein therapeutisch gewichtiges Argument.

Bereits in den 30er Jahren beschrieben Wissenschaftler die Auswirkungen der Cynara-Therapie auf cholesterolhaltige Ablagerungen an Gefäßen, Augen und Haut. Extrakte von Cynara scolymus hemmten im Rattenversuch die Ausbildung arteriosklerotischer Gefäßwandveränderungen.

Cholesterolsenkende Effekte der Artischocke wurden zwar in mehreren Arbeiten untersucht, der Wirkmechanismus blieb jedoch lange Zeit ungeklärt. Erst 1996 gelang Gebhardt der Nachweis einer Hemmung der Cholesterolsynthese, die auf mehreren Ebenen stattfindet. Die zunächst an Rattenhepatozyten vorgenommenen Untersuchungen konnten kurz darauf an humanen Leberzellen bestätigt werden.

Zusammen mit der seit langem bekannten Steigerung der Cholerese führt Artischockenblätterextrakt somit über zwei unterschiedliche Wege zur Senkung erhöhter Cholesterolspiegel: über die Hemmung der Cholesterolneubildung und über eine verstärkte Cholesterolelimination durch die Steigerung der Gallensäuren-abhängigen Cholerese.

Schutz vor oxidativer Veränderung des LDL


Aktuelle Studien belegen, daß die oxidative Veränderung von LDL-Cholesterol zu o-LDL einer der Initialschritte in der Pathogenese arteriosklerotischer Ablagerungen ist. Das Abfangen der für die Schädigungen im wesentlichen verantwortlichen freien Radikale innerhalb der Lipidphasen des Organismus erfolgt insbesondere über Vitamin E im Zusammenspiel mit wasserlöslichen Antioxidantien, allen voran dem Vitamin C.

Daß auch wirksame Naturstoffe Blutfette vor einer Oxidation schützen können, zeigen die Ergebnisse einer Untersuchung am Guy's Hospital in London. Im Modell einer durch Kupferionen induzierten LDL-Oxidation bewirkte der Artischockenblätter-Spezialextrakt eine ausgeprägte, direkt konzentrationsabhängige Hemmung der Lipidperoxidation unter gleichzeitiger physiologischer Einsparung von endogenem (RRR)-alpha-Tocopherol. Die Untersuchung von Brown und Rice-Evans zeigt, daß der Extrakt oxidative Schädigungen des LDL vorbeugen kann und so durch Unterbindung des Initialschrittes präventiv in die Pathogenese arteriosklerotischer Gefäßwandveränderungen eingreift.

Diese Ergebnisse bestätigen ältere Befunde. 1995 konnte Gebhardt an Primärkulturen von Rattenleberzellen aufzeigen, daß Artischockenblätterextrakt die durch den Radikalbildner t-Butylhydroperoxid (t-BHP) induzierte Malondialdehyd-Produktion signifikant hemmt. Eine erhöhte Malondialdehyd-Produktion ist das Ergebnis abnehmender Aktivität der Leberzellkulturen und somit als indirektes Maß für den Grad der oxidativen Zellschädigung zu werten. Bereits Konzentrationen im Bereich von 1 µg/ml reichten aus, um die radikalisch induzierte Bildung von Malondialdehyd signifikant herabzusetzen.

In Folgeuntersuchungen an kultivierten Leberzellen wies Gebhardt nach, daß der Artischockenblätterextrakt auch einen weitgehenden Schutz vor dem Lebergift Tetrachlorkohlenstoff bietet. Vergleichbare Resultate wurden kürzlich von einer Forschergruppe an der Universität Barcelona an menschlichen Blutzellen erzielt. Durch Stimulation polymorphkerniger Neutrophile mit Wasserstoffperoxid und Phorbol-12-myristat-13-acetat und gleichzeitiger Inkubation mit Artischockenblätterextrakt konnten sie zudem nachweisen, daß der Extrakt nicht nur als direkter Radikalfänger wirkt, sondern zusätzlich bereits hemmend in die Neubildung reaktiver Sauerstoff-Spezies eingreift.

PZ-Artikel von Jürgen Kreimeyer, Greffen, und Mathias Schmidt, Warendorf
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