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Lothar Jenne: Der Pharmagroßhandelhat eine Zukunft

20.04.1998  00:00 Uhr

-Wirtschaft & Handel

Govi-Verlag

Lothar Jenne: Der Pharmagroßhandel
hat eine Zukunft
PZ-Interview

Der pharmazeutische Großhandel ist ein Teil des deutschen Gesundheitswesens, der bei der Arzneimittelversorgung als Mittler zwischen Industrie und Apotheke eine wichtige Rolle spielt. In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Landschaft dieses Wirtschaftszweigs grundlegend gewandelt. Über seine Zukunft sprach die Pharmazeutische Zeitung mit dem Vorsitzenden des in Frankfurt am Main ansässigen Bundesverbandes des pharmazeutischen Großhandels - Phagro e. V., Herrn Lothar Jenne.

PZ
: Herr Jenne, der pharmazeutische Großhandel hat sich in den letzten zwanzig Jahren grundlegend gewandelt. Ist der Konzentrationsprozeß jetzt abgeschlossen?

Jenne: Wir müssen die Frage vor dem Hintergrund dessen sehen, was beim Großhandel in den letzten zwanzig Jahren geschehen ist: Er hat sich vom rein nachfragebestimmten Händler zum Dienstleister gewandelt. Es gibt eine zweite Entwicklung, die vor allem in der Technik begründet liegt. Für die Datenverarbeitung, Kommunikation und Lagerorganisation standen vor 20 Jahren bestimmte Techniken nur den großen Anbietern zur Verfügung. Heute können auch kleinere Anbieter diese Techniken kostengünstig nutzen. Der Konzentrationsprozeß, das ist meine Überzeugung, ist abgeschlossen, weil sich die Bedingungen zugunsten der mittelständischen Unternehmen verbessert haben.

PZ: Sie haben das Stichwort "mittelständisches Unternehmen" gegeben, und Sie sind Repräsentant eines solchen privatwirtschaftlich organisierten Großhandels, nämlich Max Jenne in Kiel. Welche Rolle spielen die Privaten in der Landschaft der vom harten Wettbewerb geprägten Pharmagroßhandlungen?

Jenne: Vor allem müssen wir folgendes festhalten: Die Privaten spielen exakt die gleiche Rolle wie jeder andere Anbieter auch, denn im Tagesgeschäft leisten wir genau das gleiche. Man kann die Stellung des mittelständischen Großhandels auch von seinen Marktanteilen ableiten, denn dieser ist seit Jahren gleichgeblieben. Das heißt also, unser Angebot wird honoriert. Außerdem: Das Geschäft des pharmazeutischen Großhandels ist vor allem ein regionales. Und in der Region sind die Familienunternehmen nicht selten Marktführer. Regional gesehen sind sie durchaus ein Markenregulativ.

PZ: Verstehe ich das richtig? Sie sehen auch in der Zukunft, also bis in das nächste Jahrtausend hinein, eine relativ sichere Basis für den privatwirtschaftlich organisierten Großhandel?

Jenne: Das ist richtig. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, daß in den letzten Jahrzehnten pharmazeutische Großhandlungen nie aus dem Markt ausgeschieden sind, weil dies durch Rahmenbedingungen erzwungen wurde, die entweder der Gesetzgeber gesetzt oder der Wettbewerb verursacht hat. Wenn Großhandlungen aus dem Markt ausgeschieden sind, dann weil es den Inhabern nicht gelungen ist, die Nachfolge zu regeln. Diesbezüglich bin ich sehr optimistisch, denn diese Klippe ist in den am Markt verbliebenen Unternehmen bekannt. Sie haben entsprechend Vorsorge getroffen.

PZ: Wieviele privatwirtschaftlich organisierte pharmazeutische Großhandelsunternehmen gibt es in Deutschland noch?

Jenne: Es sind elf Unternehmen. Sie sind vorwiegend regional aktiv. Zehn dieser Unternehmen haben sich im übrigen in der Kooperationsgesellschaft Pharma-Marketing & Logistik GmbH zusammengeschlossen, die bei den Apothekern besser unter dem Namen "Pharma Privat" bekannt ist. Zusammen kommen diese zehn Großhandlungen auf eine bundesweite Abdeckung, wie andere große Unternehmen auch.

PZ: Die Kapitalgesellschaften und auch die Genossenschaften haben ihre Expansionspolitik auf Europa ausgedehnt. Wird es unter den privaten Großhandlungen gleichfalls eine Europäisierung geben?

Jenne: Es besteht unverändert eine große Unsicherheit, wie ein europäisches Geschäft, bezogen auf Arzneimittelgroßhandel, aussehen kann. Doch auch unter dem Zeichen eines vereinten Europa hat der pharmazeutische Großhandel die Aufgabe, Apotheken mit Arzneimitteln zu versorgen. Und das ist vor Ort ein regionales Geschäft. Das möchte ich nochmals ausdrücklich betonen. Europa kann nur Rahmenbedingungen setzen. Wir haben natürlich auch Kontakte zu gleichgearteten Großhändlern in anderen europäischen Ländern geknüpft, pflegen diese Kontakte und stehen damit Gewehr bei Fuß für den Tag, an dem möglicherweise ein europaweiter Handel möglich wird.

PZ: Mit dem europaweiten Handel haben Sie ein Risiko für den pharmazeutischen Großhandel angedeutet. Wo sehen Sie die größten Gefahren in der Zukunft und wo sehen Sie Chancen?

Jenne: Aktuell sehe ich die größte Bedrohung für den pharmazeutischen Großhandel in dem Ausbluten des mittleren Preissegmentes unseres Sortimentes. Wir müssen hier zwischen niedrig-, mittel- und hochpreisigen Arzneimitteln differenzieren. Das Segment der mittelpreisigen Arzneimittel blutet aus, weil ein Teil der Arzneimittel aus dem Patentschutz entlassen wurde und damit dem Generikawettbewerb mit vollem Preisverfall ausgesetzt ist. Was übrig bleibt ist ein Markt, der zum einen von billigen Generika bestimmt wird, die nicht geeignet sind, dem pharmazeutischen Großhandel im Rahmen seiner Mischkalkulation ausreichend Marge zu verschaffen. Auf der anderen Seite rangieren die hochpreisigen Produkte, die zu einem nicht unwesentlichen Teil von der pharmazeutischen Industrie direkt an die Apotheke geliefert werden. Der Pharmagroßhandel muß hier eine neue Position suchen. Er wird gegen den Generikamarkt nichts ausrichten können, aber in diesem Markt seine Kostenstruktur überprüfen müssen. Zusehen muß er auch, daß er in den Handel der hochpreisigen innovativen Produkte vollständig eingebunden bleibt. Das ist die Herausforderung für die Zukunft.

Zur Chance: Der Apotheker hat noch ein Entwicklungspotential vor sich. Das ist unsere feste Überzeugung. Er kann in der Zukunft einer der wesentlichen Mittelpunkte bei der Sorge um den Patienten werden. In dem Maße, in dem der Apotheker sich gegenüber dem Patienten nicht nur als Arzneimittelfachmann, sondern im Rahmen von Managed Care auch als Betreuer definiert, haben wir als Großhändler auch weiterhin einen starken Kunden. Also wird es auch einen starken Arzneimittelgroßhändler geben.

PZ: Sie haben die hochpreisigen Arzneimittel angesprochen. Die neue Arzneimittelpreisverordnung, die wahrscheinlich zum 1. Juli 1998 in Kraft treten wird, sieht gerade für diesen Bereich eine Kappung auch beim Großhandelsaufschlag vor, so daß Marge verlorengeht. Glauben Sie, dies durch zusätzliches Engagement wieder auffangen zu können?

Jenne: Wie bereits gesagt, der Großhandel wird bezogen auf den Generikamarkt nicht aus seiner Pflicht entlassen, Kostenmanagement zu betreiben. Das gilt natürlich auch für den Hintergrund Ihrer Frage. Andererseits expandiert der Markt der hochpreisigen Produkte enorm. Dies könnte für den Pharmagroßhandel Kompensation bedeuten.

PZ: Sie erwähnten eben Managed-Care-Systeme. Welche Rolle könnte nach Ihrer Meinung der pharmazeutische Großhandel in solchen neuen Strukturen übernehmen?

Jenne: Ich möchte die rhetorische Gegenfrage stellen, was wir unter einem Managed-Care-System in Deutschland verstehen sollen? Mir ist der Begriff noch nicht nachhaltig genug definiert. Ich unterstelle einmal, daß darunter die verstärkte Hinwendung zum Patienten und die gleichzeitige Kostenoptimierung seiner Behandlung verstanden werden soll. Vor einem solchen Hintergrund erwachsen dem Apotheker neue Aufgaben, wie die Betreuung der Patienten. Diese Aufgabe wird der Apotheker nur ausfahren können, wenn ihm auch neue Sortimente zugängig gemacht werden. Eine Reihe von Apothekern hat hier erfolgreiche Initiativen ergriffen. Sie haben die Bemühung des pharmazeutischen Großhandels, entsprechende Sortimente zur Verfügung zu stellen, ausgebaut und stabilisiert. Die Rolle des Großhandels im Managed-Care-System ist in der Ausweitung und Pflege des Sortiments und in der Zurverfügungstellung der Logistik zu sehen.

PZ: Zur Zeit wird kontrovers über die Arzneimittelversorgung der Krankenhäuser diskutiert, die hauptsächlich im Direktgeschäft Industrie - Apotheke organisiert ist. Sehen Sie da eine Möglichkeit für den pharmazeutischen Großhandel, seine Logistik zur Verfügung zu stellen?

Jenne: Es ist sicher nicht Aufgabe des Großhandels, gewachsene Beziehungen zwischen Industrie und der Apothekerschaft, die Krankenhäuser versorgt, zu stören. Auf der anderen Seite bin ich davon überzeugt, daß der Kostendruck dafür sorgen wird, die bisherige Handlungsweise zu überprüfen. Der Pharmagroßhandel kann einen Beitrag zur Kostenminderung der Krankenhausapotheken liefern; das wird man über kurz oder lang erkennen. Als Logistiker ist ihm die Aufgabe auf den Leib geschrieben. Mit dem Begriff Logistiker möchte ich folgendes deutlich machen: Es kann und darf nicht Aufgabe des Großhandels sein, in die Vertragsbeziehung zwischen Industrie und Krankenhausapotheke einzugreifen. Die Preisbildung soll nach wie vor zwischen Apotheke und Industrie verhandelt werden. Transport, Lagerung und Sortimentsbildung könnte Aufgabe des Logistikers werden.

PZ: Der Wahlkampf hat zur Zeit die Gesundheitspolitik lahmgelegt. Nach den Wahlen, egal wer gewinnt, werden nach meinen Erwartungen neue Veränderungen auf die Beteiligten im Gesundheitswesen zukommen. Wie sehen Ihre Erwartungen für den pharmazeutischen Großhandel für die Zeit nach dem 27. September aus?

Jenne: Es gibt einen erheblichen Kostendruck im Gesundheitswesen. Damit werden wir unverändert zu tun haben. Er leitet sich schon allein aus dem Fortschritt der Behandlungsmöglichkeiten von Krankheiten ab. Und wir werden weiterhin einen Verteilungskampf zwischen den Leistungserbringern haben. Wir sind deshalb regelrecht darauf angewiesen, daß der Gesetzgeber die Rahmenbedingungen weiterentwickelt. Auch der Focus wird sich weiterentwickeln. Am Anfang stand der Patient im Focus als Kostenauslöser, anschließend standen und stehen noch die Leistungserbringer im Mittelpunkt der Betrachtung als Kostentreiber beziehungsweise Kostenmanager.

In der Zukunft wird sich der Focus weiter auf die Krankheit verschieben müssen. Davon gehe ich aus. Mehr noch als in der Vergangenheit, muß ein Konsens entwickelt werden, wie eine Krankheit optimal zu behandeln ist. Optimal heißt, hilfreich und kostensparend für den Patienten und kostensparend für die Solidargemeinschaft. Dieser Focuswechsel muß nach meiner Meinung künftig noch deutlicher machen, daß das Arzneimittel in vielen Fällen das wirksamste und kostensparendste Mittel ist, einen Patienten erfolgreich zu behandeln. Deshalb sehe ich auch einer Diskussion nach der Bundestagswahl optimistisch entgegen. Mit diesem neuen Focus können Apotheker und Großhandel auch in der Zukunft erfolgreich operieren.

PZ: Sehen Sie die Institution Apotheke, wie sie sich heute darstellt, auch in der Zukunft gesichert?

Jenne: Ja. Lassen Sie mich das einfach begründen. Wir leben in einer Zeit, wo allen immer bewußter wird, wie sehr wir nach Dienstleistungen und wie sehr wir nach Beratung und persönlicher Betreuung verlangen. In vielerlei Hinsicht wird uns die amerikanische Dienstleistungsgesellschaft als positiv und erstrebenswert vorgestellt, weil Kern der Botschaft die Zuwendung zum Mitmenschen ist. Jeder von uns will diese Zuwendung. Deshalb glaube ich auch, daß die alteingesessene Apotheke eine sehr moderne Einrichtung ist, weil sie genau dies im Rahmen der Beratung der Patienten leisten kann. Die Apotheke muß sich allerdings dieser Aufgabe vor dem moderner gewordenen gesellschaftlichen Hintergrund selbständig zum Ziel machen.

PZ: Wie kann der Großhandel dabei helfen?

Jenne: Der Großhandel kann dafür sorgen, daß dem Apotheker für diese Tätigkeit am Patienten möglichst viel Zeit bleibt. Er stellt die Ware, die der Apotheker dafür braucht, korrekt und zur rechten Zeit zur Verfügung und er hilft ihm darüber hinaus mit einem Kranz von Dienstleistungen, seine Apotheke optimal zu führen.

PZ: Herr Jenne, mit welcher Botschaft an die Apotheker möchten Sie unser Gespräch, für das ich Ihnen herzlich danke, schließen?

Jenne: Das Arzneimittel und die Einrichtung der Apotheke waren noch nie so modern wie heute. Da bin ich wirklich optimistisch. Diese Botschaft hat allerdings noch nicht jedermann erreicht, die Kritiker der Apothekerschaft sicherlich am wenigsten, aber auch noch nicht jeden Apotheker. Man mag zur Imagekampagne der ABDA stehen wie man will, aber in der Kampagne steckt eine unglaubliche Chance, die Apotheke und den Apotheker zu positionieren. Nachdenklich stimmt mich, wenn ich höre, Apotheker würden die zur Verfügung gestellten Materialien der Imagekampagne gar nicht einsetzen. Im Kern sind uns doch alle darin einig: Es gilt, gegenüber der Bevölkerung, der Politik und gegenüber den Krankenkassen folgende Botschaft zu kommunizieren: Die Apotheke ist eine Institution zur Betreuung der Patienten mit der besonderen Aufgabenstellung, Arzneimittel abzugeben. Wer diese Botschaft nicht kommuniziert, der versäumt etwas. Das bedauere ich, denn alle, die an der Arzneimitteldistribution beteiligt sind, leisten eine gute Arbeit. Das Arzneimittel ist ein Segen für die Menschheit.

PZ-Interview von Hartmut Morck, Frankfurt am Main
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