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Herzinfarkt durch Infektion mit Chlamydien

21.04.1997
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-Medizin

  Govi-Verlag

Herzinfarkt durch Infektion mit Chlamydien

  Bakterien vom Typ Chlamydia pneumoniae sind möglicherweise maßgeblich an der Entstehung von Arteriosklerose und der Koronaren Herzkrankheit beteiligt. Seit einigen Monaten mehren sich die Berichte darüber, daß Bakterien auch für Kalk- und Fettablagerungen in den Gefäßen mit dem häufigen Endstadium Herzinfarkt verantwortlich sein könnten. Ob seiner Brisanz befaßten sich auf dem Internistenkongreß in Wiesbaden Wissenschaftler aus Deutschland, England, Finnland und Argentinien mit diesem Thema.

Professor Dr. Pekka Saikku aus Finnland konnte bereits vor neun Jahren im Blut von Arteriosklerosepatienten verstärkt Antikörper gegen Bakterien vom Typ Chlamydia pneumoniae nachweisen. Es folgten zahlreiche Veröffentlichungen, alle mehr oder weniger mit dem gleichen Resultat: Es besteht zumindest eine Korrelation zwischen einer Chlamydien-Infektion und verkalkten Gefäßen. "Es sieht so aus, als ob Arteriosklerose eine Infektionskrankheit ist", sagte Professor Dr. Wolfgang Stille aus Frankfurt. Das würde zumindest einige Ungereimtheiten beseitigen, die bisher bei der Erklärung kardiovaskulärer Erkrankungen vorhanden sind. Danach sind viele nichtinfektiöse Risikofaktoren beschrieben, die in unterschiedlichen Konstellationen zur Bildung atheromer Gefäße führen können, allen voran eine hohe Konzentration an LDL- Cholesterol im Blutplasma.

Welche Rolle die Bakterien bei der Gefäßverkalkung genau spielen, müssen zukünftige Studien erst noch klären. Zur Zeit gehen die Meinungen noch auseinander. So sind einige Wissenschaftler davon überzeugt, daß die Bakterien die Gefäßveränderung einleiten, während andere es für wahrscheinlicher halten, daß sie sich erst nach den ersten Läsionen - im Sinne eines locus minori resistentiae - dort niederlassen. Für ihre Beteiligung bei der Atherogenese gibt es noch keinen definitiven Beweis, aber ernstzunehmende Anhaltspunkte, die sich auf drei Faktoren stützen: seroepidemiologische Studien, ihren Nachweis in atheromatösen Plaques der Koronararterien und die Tatsache, daß C. pneumoniae Endothelzellen infiziert. Die Seren von Patienten mit akutem Myokardinfarkt oder chronischer KHK weisen in circa 50 bis 60 Prozent der Fälle hohe C. pneumoniae-spezifische Antikörpertiter auf. Bei Kontrollgruppen sind diese nur zu 15 bis 17 Prozent nachweisbar.

Bisher war vor allem bekannt, daß die Bakterien Atemwegserkrankungen provozieren, die jedoch nur selten in eine Lungenentzündung münden und meistens harmlos verlaufen Darüber hinaus können sie aber auch schwere systemische Erkrankungen sowie Endo- oder Myocarditis auslösen. Möglich wäre auch eine Beteiligung bei einer asthmatischen Bronchitis.

Nicht nur über seine Rolle als Krankheitserreger wissen die Wissenschaftler noch sehr wenig. Auch wie sich das obligat intrazelluläre Bakterium innerhalb des Körpers weiter bewegt, ist noch nicht eindeutig geklärt. Um eine echte vaskuläre Infektion zu ermöglichen, müssen Chlamydien Zugang zur systemischen Zirkulation gewinnen und mesenchymale Zellen befallen können. Als mögliche Vektoren werden Makrophagen diskutiert. Diese werden vermutlich bei ihrer Abwehrtätigkeit im Lungengewebe von Chlamydien infiziert und transportieren sie von hier aus weiter in den Körper. Zumindest konnte C. pneumoniae-DNA in der Leukozytenfraktion von Patienten nachgewiesen werden, deren Koronargefäße durch den Keim befallen waren.

Die bisherigen Erkenntnisse sagen aber nichts aus über ihre ursächliche Beteiligung am Entstehen der Krankheit. Ein adäquates Tiermodell zu entwickeln ist allerdings nicht einfach, zumal die Chlamydien für viele Tiere auch für Mäuse nicht pathogen sind. Stille will derweil auf einem anderen Weg zur Klärung beitragen. Nach dem Motto "wer heilt hat Recht" will er zeigen, daß Antibiotika wirksam sein können. "Wir planen Studien, in denen Patienten mit verengten Gefäßen einer Antibiotikatherapie unterzogen werden sollen. Helfe das, Komplikationen zu reduzieren und eine Verschlimmerung der Krankheit zu verhindern, sei zumindest klar, daß die Bakterien nicht nur Trittbrettfahrer sind. Sowohl Professor Dr. Sandeep Gupta aus London als auch Professor Dr. Enrique Gurfinkel aus Buenos Aires haben entsprechende Studien bereits erfolgreich abgeschlossen.

Welche Antibiotika sich am besten eignen, ist noch nicht ganz klar. Generell haben die modernen Makrolide wie Azithromycin, Clarithromycin und Roxithromycin vom Konzept her besonders günstige Eigenschaften für eine derartige Anwendung. Eine Langzeittherapie in hoher Dosierung kann allerdings Nebenwirkungen haben. Chinolone sind wegen ihrer Pharmakokinetik interessant. Preiswert und gut verträglich wäre Doxycyclin, ist allerdings wahrscheinlich nicht gleichwertig mit modernen Makroliden. Auch eine Kombination von zwei Antibiotika wäre denkbar.

PZ-Artikel von Judith König, Wiesbaden        

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