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Sulpirid, Quereinsteiger bei den Antidepressiva

13.04.1998
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Sulpirid, Quereinsteiger bei den Antidepressiva

Der Wirkstoff Sulpirid wird seit vielen Jahren als atypisches Neuroleptikum eingesetzt. Inzwischen mehren sich aber Hinweise darauf, daß die Substanz in niedriger Dosierung auch eine gute antidepressive Potenz besitzt.

Nicht immer ist den Medizinern bei der Einführung eines neuen Wirkstoffs bereits klar, welche Patienten von der Medikation tatsächlich am meisten profitieren. Das zeigt jedenfalls das Beispiel des Sulpirid. Dieses besitze eine dreidimensionale Wirksamkeit, erklärte Professor Dr. Hanns Hippius aus München bei einer von Dolorgiet und Hormosan initiierten Pressekonferenz in Aschau. Sulpirid wirkt in hoher Dosierung antipsychotisch und wurde deshalb bislang vorwiegend als atypisches Neuroleptikum eingesetzt. Dabei erkannte man zunehmend, daß der Wirkstoff in niedriger Dosierung außerdem eine antidepressive Wirkung hat. Wird die Dosierung noch weiter reduziert, scheint Sulpirid sogar leicht beruhigend und angstlösend zu wirken.

Besonders interessant für die Praixis sind nach Hippius jedoch derzeit die antidepressiven Effekte, zumal es sich beim Sulpirid um eine gut steuerbare Substanz mit geringem Nebenwirkungspotential handele. Was es mit der antidepressiven Wirksamkeit tatsächlich auf sich hat, wurde jetzt in einer doppelblinden placebokontrollierten Multizenter-Studie überprüft. Eingeschlossen waren 177 Patienten mit milder bis mittelschwerer Depression. Nach einer einwöchigen Placebo-run-in-Phase erhielten sie zusätzlich zu einer Gesprächstherapie sechs Wochen lang entweder 150 bis 300 mg Sulpirid täglich oder Placebo.

Nach Studienablauf waren die Daten von 153 Patienten auswertbar. In beiden Studienarmen ergab sich eine deutliche Besserung in der Hamilton-Depressions-Skala (HAM-D), die jedoch unter Sulpirid statistisch signifikant ausgeprägter war als unter Placebo. Der Unterschied war bereits nach 14 Tagen faßbar, so Studienleiter Professor Dr. Eckart Rüther, Göttingen. Dies deute auf einen sehr raschen Wirkeintritt des Medikamentes hin. Diesen bestätigt Dr. Hans Joachim Rentrop, niedergelassener Nervenarzt in Bonn. Während andere Antidepressiva nach seinen Worten mindestens vier Wochen benötigen, ehe ihre Wirkung voll zum Tragen kommt, ist dies beim Sulpirid meist schon nach etwa zwei Wochen der Fall.

Als besonderen Vorteil des Wirkstoffs hob Rentrop dessen gute Verträglichkeit hervor. So sei unter Sulpirid nicht mit problematischen Nebenwirkungen wie Kardiotoxizität zu rechnen und auch gastrointestinale Begleiteffekte wie Übelkeit oder zentrale Nebenwirkungen wie Schwindel treten normalerweise nicht auf. Sulpirid wirke außerdem nicht sedierend, könne aber offensichtlich dennoch die Schlafqualität der Betroffenen verbessern.

Als wichtigste Nebenwirkung, auf die zu achten ist, nannten die Mediziner ein Spannungsgefühl in der Brust und eine manifeste Galaktorrhoe, die dadurch bedingt ist, daß Sulpirid die Prolaktinspiegel steigert. Allerdings seien diese Effekte nach Absetzen der Medikation reversibel. Die Galaktorrhoe ist, so das Studienergebnis, bei rund 2,4 Prozent der Patienten zu erwarten.

PZ-Artikel von Christine Vetter, Aschau
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