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Allergoide statt Allergene

12.04.1999
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-MedizinGovi-VerlagHYPOSENSIBILISIERUNG

Allergoide statt Allergene

von Ulrich Brunner, Eschborn

Hoffnung für Pollenallergiker versprechen neue Methoden der Hyposensibilisierung. Chemisch veränderte Allergene sollen das Immunsystem künftig schneller und nebenwirkungsärmer umstimmen.

Jedes Jahr das gleiche Übel. Kaum weht das erste Frühlingslüftchen, schon sind sie überall: Gräser- und Baumpollen. Die Zahl derer, die den wärmeren Tagen eher mit gemischten denn Frühlings-Gefühlen entgegen sehen, wächst von Jahr zu Jahr. Inzwischen leiden nach Schätzung des Deutschen Allergie- und Asthmabundes 16 bis 20 Prozent aller Deutschen an einer Pollenallergie.

Unter den Allergenen nehmen die Pollen damit die absolute Spitzenstellung ein. In der Bundesrepublik wurden 1997 alleine perorale Antihistaminika im Wert von knapp 265 Millionen DM umgesetzt. Doch diese rein symptomatische Therapie ist nicht der Weisheit letzter Schluß. Nach Meinung von Experten muß die moderne Allergiebehandlung auf drei Säulen stehen. Neben der Symptombekämpfung mit modernen Antihistaminika, Antiphlogistika und Glucocorticoiden sollten sich Allergiker, soweit möglich, auch durch Prävention schützen und eventuell hyposenibilisieren lassen.

Pollenfrei geht kaum

Prävention klingt gut, bleibt für Pollenallergiker aber eher ein Wunschtraum. Den Allergenen werden sie, außer in modernen Fahrzeugen mit speziellen Filtern oder hermetisch verschlossenen und voll klimatisierten Büroräumen, kaum aus dem Weg gehen können.

Die Hyposensibilisierung gilt derzeit als einziger kausaler und spezifischer Therapieansatz bei Typ-I-Allergien. Entsprechendes vermerkten auch Vertreter der WHO 1998 in einem Positionspapier. Im Gegensatz zur rein symptomatischen Therapie kann die sogenannte spezifische Immuntherapie (SIT) über eine langanhaltende Umstimmung des Immunsystems gezielt und wirkungsvoll einer allergischen Reaktion entgegenwirken, so Dr. Ulrich Hauser von der HNO-Klinik an der Universität Düsseldorf. Allergiker sollten nach Meinung des Experten deshalb möglichst frühzeitig hyposensibilisiert werden und nicht erst dann, wenn andere Therapien erfolglos blieben.

Den häufigsten Allergien liegt die Produktion von IgE-Antikörpern gegen Umweltallergene zugrunde. Eine schnell einsetzende Überempfindlichkeitsreaktion vom Typ I tritt innerhalb von Sekunden oder Minuten auf. IgE regt Mastzellen an, vasoaktive Amine, Leukotriene und Zytokine freizusetzen. Wahrscheinlich induzieren niedrige Allergen-Dosen IgE-Antworten besonders effizient. Zur Bildung von spezifischen IgE-Antikörpern sind IL-4-produzierende CD4-T-Helferzellen (Th2-Zellen) nötig. Dagegen kann der Prozeß durch IFN-y-produzierende CD4-T-Helferzellen (Th1-Zellen) gehemmt werden.

Bei Allergikern sind die Serumkonzentrationen Th2-typischer Zytokine wie Interleukin-5, -4 und –13 gegenüber den "Th1-Zell-Zytokinen" erhöht. Die Reaktion der T-Helferzellen ist also in Richtung Th2 verschoben. Genau hier soll die Hyposensibilisierung greifen. Durch die gezielte und regelmäßige Gabe relativ niedrig dosierter Allergene versucht man, beim Patienten eine meßbare Veränderung in Richtung Th1 zu erreichen. Verläuft die Umstimmung erfolgreich, treten nach der Hyposensibilisierung wieder verstärkt die Th1-typischen Zytokine IFN-y und IL-2 auf.

Patienten sollten nur dann hyposensibilisiert werden, wenn zuvor spezifische IgE-Antikörper im Serum nachgewiesen wurden. Die WHO fordert deshalb auch in ihrem Positionspapier neben Hauttests und einer Anamnese auf alle Fälle den IgE-Nachweis. Inzwischen können die Immunglobuline schnell und einfach mit einem Streifentest bestimmt werden. Das Ergebnis wird anhand einer Farbreaktion abgelesen. Dadurch kann in jedem Labor oder in Arztpraxen ohne großen Geräteaufwand getestet werden.

Neue Konformation für weniger Nebenwirkungen

In Sachen Hyposensibilisierung hat sich inzwischen einiges getan. Bislang applizierte der Allergologe seinem Patienten über einen Zeitraum von drei Jahren subcutan langsam steigende Dosen des Allergenextrakts. Limitierender Faktor der Dosis: potentielle anaphylaktoide Nebenwirkungen wie Schwindel, Kopfschmerzen und Unruhe sowie allergische Reaktionen. Die Idee, chemisch veränderte Allergene einzusetzen, um die Nebenwirkungen zu reduzieren, wurde bereits in den siebziger Jahren geboren.

Die IgE- beziehungsweise B-Zell-Epitope dieser Allergene werden durch chemische Modifikationen zerstört. Dabei ändert das Molekül seine Konformation; es kommt zur Umfaltung und Oligomerisierung. Von IgE-Antikörpern wird das neue Molekül also nicht mehr erkannt. Da sich an der Aminosäuresequenz des Allergens jedoch nichts ändert, vermuten Wissenschaftler, daß die T-Zell-Epitope erhalten bleiben.

Antigenpräsentierende Zellen nehmen die Allergoide über unspezifische Mechanismen wie Pino- und Phagozytose auf, bauen sie in kleine Fragmente ab und präsentieren diese Oligopeptide auf ihren Oberflächen den T-Zellen. "Man geht also in der Summe davon aus, daß die Allergoide die gewünschte Immunmodulation der Th-Zellen in Richtung Th2 ebenso wie native Allergenextrakte bewirken", so Dr. Helga Kahlert, Projektleiterin Immunologie bei Allergopharma in Reinbek.

Die IgE-abhängigen Nebenwirkungen seien jedoch durch weitgehend zerstörte IgE-Epitope abgeschwächt. Die Wirksamkeit konnte inzwischen in zahlreichen In-vitro-Untersuchungen und klinischen Studien bestätigt werden.

Der für die Praxis entscheidende Vorteil der Allergoide: Die für die Immuntherapie erforderliche Allergendosis kann gefahrloser und schneller verabreicht werden. Eine Behandlung ist also für die Allergiker weniger belastend und zeitaufwendig.

Der Einzug molekularbiologischer Techniken in der allergologischen Forschung erlaubte es heute, durch Klonierung, Sequenzierung und Charakterisierung der einzelnen Allergene hochreine Reagenzien herzustellen. Inzwischen planen Wissenschaftler einen weiteren Schritt: Durch Oligomerisierung rekombinanter Allergene wollen sie sogenannte hypoallergene Mutanten erzeugen. Damit soll die Immuntherapie künftig individuell auf den einzelnen Patienten zugeschnitten werden.

Leider kommt für diesen Frühling jedoch jede Hilfe zu spät. Hätte doch zum Beispiel der Birkenpollenallergiker spätestens nach den Weihnachtsferien sein auf sieben Wochen verkürztes Hyposensibilisierungsprogramm starten müssen. Aber auch 2000 werden die Pollen wieder fliegen.

Krankmachende Immunreaktionen

Bezeichnung

Reaktion

Krankheitsbild Typ I allergische IgE-abhängige Soforttyp-Reaktion Quaddeln, Rhinitis, anaphylalaktischer Schock et cetera Typ II Antikörperantworten gegen Zellmembranen, Blutgruppenantigene oder andere Autoantigene Autoantikörperantworten, Blutgruppen-Antikörperreaktion Typ III Immunkomplexreaktionen, übermäßige Anigen-Antikörper-Komplexe lagern sich an Basalmembranen ab und verursachen über Komplementaktivierung und Entzündungen oft chronische Krankheiten Serumkrankheit, Arthritiden, Glomerulonephritiden Typ IV zelluläre Immunpathologie als Folge übermäßiger T-Zell-Abwehr bei sonst wenig pathogenen bis apathogenen Infektionen oder gegen fremde Organtransplantate Arthus-Krankheit, vorübergehende Bildung von Ödemen, Erythemen und Nekrosen nach Kyser, F. H., et al. Medizinische Mikrobiologie. Thieme Stuttgart, New York 1998

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