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Pharmakoökonomie im Klinikum: spannendeAufgaben für Apotheker

06.04.1998
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Govi-Verlag

Pharmakoökonomie im Klinikum: spannende Aufgaben für Apotheker

Pharmakoökonomie ist ein Teilgebiet der Pharmazie, das die Apotheker für sich reklamieren müssen, bevor andere Berufsgruppen dieses Feld besetzen. Dies unterstrich auch der Beschluß des Deutschen Apothekertages, die Aufnahme von Pharmakoökonomie in die Studienordnung für Pharmazie voranzutreiben. Außerdem kann Pharmakoökonomie Arbeitsplätze für Apotheker schaffen.

Die allgemeine Mittelknappheit im Gesundheitswesen zwingt die Krankenhäuser, alle Wirtschaftlichkeitsreserven auszuschöpfen. Der Arzneimittelbereich kann aufgrund seines relativ geringen Anteils an den Gesamtkosten der Kliniken zwar kaum spürbar zur Entlastung der Gesamtetats beitragen, die Vorgabe in Zeiten fixer Budgets besteht aber darin, innovative, in der Regel sehr kostenintensive Arzneimittel aus den vorhandenen Mitteln zu finanzieren. Dies gelingt nur, wenn insgesamt für einen rationalen Einsatz von Arzneimitteln gesorgt wird. Dazu kann der Apotheker einen entscheidenden Beitrag leisten, wenn die personelle Kapazität geschaffen wird, intensiv und konsequent pharmakoökonomisch zu beraten.

Ob eine systematische, betriebswirtschaftlich orientierte pharmakoökonomische Beratung des Krankenhausapothekers zur Entlastung des Arzneimittelbudgets führt, sollte im Rahmen eines zunächst auf drei Jahre befristeten Modellprojekts am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München untersucht werden. Methodisch basieren deshalb alle durchgeführten Teilprojekte auf den Prinzipien der Kostenminimierungsanalyse, die Mittelfreisetzung durch den Einsatz therapeutisch mindestens gleichwertiger aber kostengünstigerer Therapieoptionen zum Ziel hat.

Um den strengen betriebswirtschaftlichen Kriterien gerecht zu werden, wurden besonders kostenintensive Arzneimittelgruppen als Projektschwerpunkte gewählt, die ein hohes Einsparpotential erwarten lassen. Für die Projektplanung, Durchführung und Dokumentation bewährte sich eine systematisierte Vorgehensweise. Die Ermittlung des ökonomischen Potentials und die interdisziplinäre Einbindung der Projekte im Vorfeld, die Etablierung kontinuierlicher, individueller Beratung im Stationsalltag, die EDV-gestützte monatliche Erfolgskontrolle und die Kommunikation der erzielten Erfolge oder Mißerfolge in klinikinternen Gremien entwickelten sich zu Schlüsselmechanismen des Konzepts.

Neben dem besonders intensiv bearbeiteten Antibiotikasektor wurden folgende Teilprojekte durchgeführt:
  • Rationalisierung der Heparinpalette,
  • Einführung eines neuen Fibrinklebersystems,
  • Überarbeitung der Indikationsgebiete für Humanalbumin,
  • Plazierung einer Kostenminimierungsanalyse für 5HT3-Antagonisten,
  • Einführung von ökonomisch sinnvollen Eigenprodukten sowie die
  • Initiierung von Produktumstellungen.

Die interdisziplinäre Überarbeitung der Antibiotikapalette umfaßte folgende Maßnahmen:

  • Einführung eines Standardaminoglykosids,
  • Produktkonzentrationen im Sektor der Aminopenicilline, der Glykopeptide sowie der Drittgenerations-Cephalosporine,
  • Einführung eines zusätzlichen, kostengünstigen Acylureidopenicillins sowie Zweitgenerations-Cephalosporins
  • Etablierung von Cefazolin in der Antibiotikaprophylaxe und die
  • Forcierung der oralen Gyrasehemmertherapie.

Mit Einsparungen im Wert von über einer Million DM verlief bereits das erste Projektjahr deutlich erfolgreicher als erwartet. Kostenreduktionen von 1.030.000 DM konnten anhand von Verbrauchsdatenanalysen des apothekeneigenen Warenwirtschaftssystems dokumentiert werden. Einsparungen von weiteren 90.000 DM sind durch schriftlich festgehaltene Einzelaktivitäten bei Visiten, Stationsbegehungen, Bearbeitung von Sonderanforderungen etc. nachvollziehbar.

Bei dem besonders intensiv bearbeiteten Antibiotika konnten die Kosten von über 4 Million DM auf 3,3 Million DM vermindert werden. Mit einem Anteil von 15,5Prozent am Arzneimittelbudget nimmt damit die Indikationsgruppe 10 die niedrigsten Verbrauchswerte seit Einführung des EDV-gestützten Warenwirtschaftssystems im Jahr 1991 an. Bemerkenswert ist, daß dieses Ergebnis bei steigenden Leistungszahlen des Klinikums und einer vermehrten Einweisung schwieriger Fälle erzielt wurde. Obwohl die durch das Projekt freigesetzten finanziellen Ressourcen im onkologischen Bereich Steigerungsraten von bis zu 40 Prozent auffangen mußten, sank das Arzneimittelbudget auf ein Niveau unter dem des Jahres 1992.

Neben einer direkten Verminderung der Arzneimittelkosten auf den pharmakoökonomisch bearbeiteten Gebieten brachte die Beratungstätigkeit weitere positive Effekte wie Arbeitszeitersparnis für Pflegepersonal und Ärzte, verminderte Kosten für Einmalartikel, Erhöhung der Arzneimittelsicherheit und der Therapiequalität sowie Abfallverminderung. Um den Aufwand für Dokumentation und Auswertung jedoch in vernünftiger Relation zum Gesamtergebnis des Projekts zu halten, beschränkten wir uns auf eine Quantifizierung der Arzneimittelkosten.

Zur Zeit bindet die ständige Adaption der Projekte an die sich verändernde Marktsituation und das Halten des auf den bearbeiteten Feldern erreichten Niveaus einen großen Teil der zur Verfügung stehenden personellen Kapazität. Infolge des für ein Universitätsklinikum typischen, häufigen Wechsels von Ärzten und Pflegekräften muß die pharmakoökonomische Beratungstätigkeit auf den Stationen wie eine Sisyphusarbeit immer wieder von vorne beginnen. Deshalb werden in der verbleibenden Zeit zunächst die begonnenen Projekte konsequent fortgeführt, um deren ökonomisches Potential vollständig auszuschöpfen. Weitere Projekte stehen auf Warteliste.

Aufgrund der insgesamt erfreulichen Entwicklung des Modellprojekts befindet sich die Abteilung Arzneimittelinformation/pharmakoökonomische Beratung als feste Einrichtung im Aufbau und ist bereits heute aus dem Dienstleistungsangebot der Krankenhausapotheke nicht mehr wegzudenken.

Als weiteres Betätigungsfeld mit Zukunft entwickeln sich pharmakoökonomische Untersuchungen unter Mitwirkung oder Federführung von Apothekern. Therapeutische Innovationen, werden die pharmazeutischen Unternehmen nur dann noch am Markt durchsetzen können, wenn die Mehrkosten durch eine äquivalente und belegtee Therapieverbesserung zu rechtfertigen sind. Dies wird in pharmakoökonomischen Studien erarbeitet, für deren ökonomisch kompetente und naturwissenschaftlich fundierte Betreuung sich der Apotheker am besten eignet. In den Kliniken hat der pharmakoökonomisch bereits tätige Pharmazeut darüber hinaus den strategischen Vorteil, als Berater und Partner der Ärzte auf diesem Gebiet anerkannt und täglich vor Ort zu sein. Zusätzliche Arbeitsplätze für Apotheker, die das gesamte Spektrum der Methoden gesundheitsökonomischer Untersuchungen beherrschen, sind denkbar. Die Aufnahme des Faches Pharmakoökonomie in die Apothekerausbildung würde daher Perspektiven für den pharmazeutischen Nachwuchs eröffnen.

Wir bedanken uns bei allen Kooperationspartnern ganz herzlich für die fruchtbare Zusammenarbeit, besonders aber für die mikrobiologische Betreuung von Professor Dr. N. Lehn (Institut für Mikrobiologie und Hygiene, Universität Regensburg) und Dr. K. Kamereck (Institut für Mikrobiologie und Hygiene der TU-München).

PZ-Titelbeitrag von Angela Ihbe-Heffinger und Rudolf Bernard, München

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