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Auf den Spuren des Namensgebers

01.04.2002
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GOVI-VERLAG

Auf den Spuren des Namensgebers

von Ernst-Dietrich Ahlgrimm, Hans Günther Helling, Hamburg

Der Mitbegründer und Namensgeber des Govi-Verlags, Jo von Fisenne, wäre am 27. März 2002 100 Jahre alt geworden. Unmittelbar nach dem Zusammenbruch 1945 ging er als einer der Ersten mit Entschlossenheit, Tatkraft, Initiative und Visionen daran, das Apothekenwesen wieder aufzubauen.Dies ist für uns Anlass, sich mit seinem Leben zu beschäftigen und seine Leistungen für unser Land zu würdigen. Nach den grauen Nachkriegsjahren ebnete Fisenne von Hamburg aus den Weg in eine hellere Zukunft.

Jo von Fisenne kam in Aachen zur Welt. Er erhielt die Taufnamen Johann Joseph August Maria. Sein früh verstorbener Vater war Apotheker, und Jo - so wurde er sein Leben lang genannt - wollte diesen Beruf ebenfalls ergreifen. Als er 15 Jahre alt war, starb auch seine Mutter, aber nahe Verwandte in Aachen gaben ihm ein neues Zuhause. Nach dem Bestehen der Primareife wurde Jo schon mit 17 Jahren Apothekerpraktikant in einer Apotheke in Stollberg bei Aachen. Das spricht für seinen Wunsch, schnell voranzukommen.

Nach dreijähriger Lehrzeit und bestandenem Vorexamen ging er nach Berlin und studierte von 1923 bis 1927 Pharmazie. Sein Studium finanzierte er durch Vertretungen in Apotheken. Aber er arbeitete von 1926 bis 1927 auch in der Redaktion der Apotheker-Zeitung, dem offiziellen Organ des Deutschen Apothekervereins in Berlin. Das zeigt seine Neugierde und sein Bemühen um Vielseitigkeit. Zum ersten Mal begegneten sich so die beiden Persönlichkeiten, die ab 1945 in Hamburg und später in Frankfurt am Main so vieles auf den Weg brachten. Denn Chefredakteur war seit 1924 Dr. Hans Meyer.

1929 erhielt Jo von Fisenne die Approbation. Für ihn war dies jedoch kein Schlusspunkt des Lernens. Er setzte vielmehr seine Lehr- und Studienjahre fort, wie es in einem Wahlbrief der CDU 1949 an die Bürger seines Wahlkreises heißt. Dazu pachtete er zunächst 1932 die Adler-Apotheke im pommerschen Küstrin. Der Inhaber war Jude. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 nahm man es Fisenne übel, Pächter eines Juden zu sein und rief zum Boykott der Apotheke auf. So zog er fort. 1934 finden wir ihn wieder als Besitzer einer Landapotheke in der Altmark. Anscheinend fand er auch in dem kleinen Ort Beetzdorf nicht die Kulisse, die ihm vorschwebte. Schon 1936 verkaufte er die Adler-Apotheke und zog zurück nach Berlin. Soviel wir wissen, verdiente er sich dort seinen Lebensunterhalt durch Vertretungen in Apotheken. Vermutlich nutzte er die Zeit, um sich nach anderen Beschäftigungen außerhalb von Apotheken umzusehen. 

Jedenfalls führt seine Spur von Berlin über Frankfurt am Main nach Hamburg, wo er ab 1938 lebte. Hier schließt er seine Lehr- und Studienjahre ab. Er schreibt in dem bereits zitierten Wahlbrief: "Die Hansestadt ist meine eigentliche Heimat geworden". Fisenne arbeitete für die Chemiewerke Homburg, die ihn mit der Generalvertretung für Brasilien beauftragt hatte. Da die Nationalsozialisten damals ein Verbot aussprachen, konnte er allerdings nicht mehr nach Südamerika reisen. 1942 kam die Vertretung für die pharmazeutische und Radium-Abteilung der Chininfabrik Braunschweig ebenso hinzu wie die Vertretung für den Thüringer Apothekeneinrichter Heinze in Mellenbach.

Wir vermuten, dass Fisenne wegen eines Lungenleidens nicht zur Wehrmacht eingezogen wurde. So erlebte er die Zerstörung Hamburgs durch die Luftangriffe. Zu seinem Glück blieb sein Haus in der Parkallee 70, in dem der Govi-Verlag 1949 zunächst residierte, unversehrt.

Entstehung der AK Hamburg

Unmittelbar nach der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 erschien Jo von Fisenne plötzlich wie ein Deus ex Machina auf der offiziellen Szene: Bei den Hamburger Offizinapothekern weitgehend unbekannt, übernahm ein Auswärtiger aus dem Rheinland energisch das Kommando. Unzweifelhaft war das nur wegen hervorragender Kontakte zu der gerade installierten britischen Militärregierung möglich. Wir wissen darüber nichts. Vielleicht stammen die internationalen Kontakte aus der Zeit seiner Südamerika-Vertretung. Möglich wurde dies auch nur, weil Fisenne sich berufen fühlte, Verantwortung für den Wiederaufbau des Gesundheitswesen und speziell für die Arzneiversorgung zu übernehmen.

Als die Engländer in den ersten Maitagen 1945 in Hamburg einrückten, war ein großer Teil der Stadt zerstört. Die Versorgung der Bevölkerung mit dem Notwendigsten - dazu zählten die Arzneimittel - war zusammengebrochen und musste schnellstens reorganisiert werden. Viele Apotheken waren ausgebombt, andere konnten ihren Betrieb nur behelfsmäßig aufrecht erhalten. Grundstoffe für Rezeptur und Defektur fehlten ebenso wie die benötigten Arzneipräparate. Besonders Insulin war Mangelware. Schon am 24. Mai schlug Fisenne dem von den Briten eingesetzten Bürgermeister Rudolf Petersen vor, die Apothekerkammer Nordmark zunächst fortzuführen. Sie könne die Arzneimittelversorgung gewährleisten, die Neuregelung der Standesvertretung vorbereiten und die Aufgaben einer zukünftigen Kammer formulieren.

Bereits einige Tage später, am 31. Mai, informierte Fisenne den Bürgermeister, dass ein vorläufiger Ausschuss gebildet wurde und bat, als dessen Vorsitzender bestätigt zu werden. Mit ungewöhnlichem Tempo beauftragte ihn Petersen acht Tage später mit der "Neuregelung des Apothekenwesens". Durch eine Wahl im Dezember 1945 ließ Fisenne auch schnell seine Aktivitäten von der Hamburger Kollegenschaft billigen.

Geordnet konnten nun die knappen Vorräte an Arzneigrundstoffen und Arzneipräparaten an die Apotheken verteilt werden. Dazu gehörten unter anderem Zucker, Süßstoff, Spiritus, Lebertran und auch Heizmaterial. Die Apothekerkammer stellte dazu die Bezugsscheine zur Belieferung durch den Großhandel aus. Für Diabetiker wurde Insulin nur in der Apothekerkammer abgegeben. Sie war zunächst auch verantwortlich für die Überwachung der Betäubungsmittel.

Da fast noch nichts ausgeliefert wurde, holten die Apotheken ihre Zuteilungen bei den Firmen ab. Die Autoren dieses Berichtes erinnern sich noch an entsprechende Fahrten in überfüllten Straßenbahnen. Hatte man sich mit seinem Spirituskanister hineingedrängt, konnte dieser nicht abgestellt werden. Zwischen den zusammengepferchten Menschen blieb er "in der Schwebe". Fisenne und seine Mannschaft meisterten die Versorgungsprobleme mit bemerkenswertem Organisations- und Durchsetzungsvermögen und natürlich im Einklang mit der Hamburger Gesundheitsbehörde.

Ein großes Problem stellte die Arbeitslosigkeit dar. Es mussten Maßnahmen getroffen werden, um sowohl die aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrenden Kollegen als auch die aus dem Osten vertriebenen Apotheker einzugliedern. Zu berücksichtigen waren dabei die vielen weiblichen Vorexaminierten, die im Krieg häufig den Apothekenbetrieb aufrecht erhalten hatten. Auch mussten für nachdrängende Berufsbewerber Lehrapotheken gefunden werden. Uns beiden riet Präsident von Fisenne dringend, nicht den Apothekerberuf zu ergreifen. Das würde nur in die Arbeitslosigkeit führen.

Um den Stau der Berufsanfänger abzubauen, sicherlich aber aus prinzipiellen Erwägungen, setzte sich Fisenne intensiv für eine Wiedereinführung des Pharmaziestudiums in Hamburg ein, das seit 1936 an der Universität nicht mehr aufgenommen werden konnte. Zusammen mit staatlichen Stellen konnten auf seine Initiative hin mit materieller Unterstützung der Apothekerkammer und der pharmazeutischen Industrie die notwendigen Voraussetzungen geschaffen werden: 1946 wurde der universitäre Ausbildungsbetrieb wieder aufgenommen. Im Lehrkörper wurde Fisenne 1948 als Dozent für Gesetzeskunde genannt. Er übernahm 1949 auch das Fach Geschichte der Pharmazie.

Nach dem Vorbild der untergegangenen Reichsapothekerkammer führte Fisenne in Hamburg sowohl eine Fürsorgekasse als auch eine Gehaltsausgleichskasse ein. Die Fürsorgeeinrichtung wurde durch Beiträge der Apothekenleiter und ihrer Mitarbeiter, die Gehaltsausgleichskasse durch die Apothekenleiter allein finanziert. So konnte bereits 1946 in Not geratenen Apothekern oder deren Witwen geholfen werden. Diese gab es nach Kriegsende vor allem unter den Vertriebenen. Die sozialen Einrichtungen - Solidargemeinschaften der Kollegenschaft - funktionierten, obgleich die gesetzlichen Grundlagen erst 1949 geschaffen wurden. Das Ansehen und die Autorität des Präsidenten Jo von Fisenne und seines Kammervorstands reichten aus, um sie in der Praxis umzusetzen.

Überhaupt vermochte es Fisenne, Dinge unkonventionell und ohne juristische Einwendungen anzustoßen und Richtungen aufzuzeigen. Selbstverständlich handelte er sich dabei gelegentlich Schwierigkeiten ein. Als Beispiel seines Handelns hier der Bericht aus einer Apothekerversammlung während der Zeit, als die vielen kleinen Großhändler wieder begannen, die Apotheken zu beliefern: Der Präsident stellte einen Karton auf das Podium und erklärte, dass diese Lieferung von der Großhandlung X irrtümlich in seiner Apotheke abgegeben wurde. Rechtmäßiger Empfänger war die Drogerie Y. Kommentarlos baute er dann vor seinen Kollegen den Inhalt auf. Es waren überwiegend apothekenpflichtige Medikamente. Die Reaktionen der Apotheken konnte die Großhandlung nicht verkraften.

Nachzutragen bleibt, dass sich Jo von Fisenne gleich nach dem Zusammenbruch 1945 als Hamburger Offizinapotheker installierte. Er kaufte im Juli 1945 die teilzerstörte Adler-Apotheke in St. Pauli, die von ihm im August 1946 wiedereröffnet wurde.

Entstehung der ABDA

Da über die Entstehung der ABDA bereits umfassend berichtet wurde, unter anderem im Jahr 2000 von Christoph Friedrich aus Anlass des 50-jährigen Bestehens, soll nur an die entscheidende Rolle erinnert werden, die Fisenne dabei spielte. Er war es, der am 15. Januar 1946 in Hamburg bei einem Treffen der Kammerpräsidenten der Nord-Rhein-Provinz, Schleswig-Holsteins, Westfalen-Lippes und Hamburgs den Vorschlag machte, eine geschäftsführende Kammer für die britische Besatzungszone einzurichten. Die Sitzungsteilnehmer akzeptierten das. Um aufkommende Schwierigkeiten zu überwinden, wiederholte Fisenne diesen Vorschlag später unter dem Etikett "Zonenrat der Apothekerkammern", der sich ab September 1947 "Gemeinschaft der Apothekerkammern" nannte. Die Geschäftsstelle wurde, wieder nach seinem Vorschlag, bei der Kammer Westfalen-Lippe angesiedelt. Diese Gemeinschaft war, wie Friedrich schreibt, "die Keimzelle der ABDA". Denn schon bald schlossen sich die Kammern der amerikanischen und später der französischen Zone an. Parallel dazu wuchs die Zahl der Gründungsväter. Zu nennen sind Dr. Hans Meyer, Eduard Kayser, Max Wolfgang Lesmüller und Hermann Oesterle.

Entstehung des Govi-Verlages

Der junge Jo von Fisenne hatte bereits 1926/27 als Pharmaziestudent unter Dr. Hans Meyer in der Redaktion der Apotheker-Zeitung in Berlin gearbeitet. Damit war fast vorgezeichnet, dass beide zusammen am 9. April 1949 den "Govi-Verlag" gründeten. Sie waren der festen Überzeugung, dass die entstehende zentrale Standesorganisation auch eine eigene Zeitung in einem eigenen Verlag benötige. Zunächst war der Verlag ein Privatunternehmen von Meyer und Fisenne mit Sitz in Hamburg.

Von der überaus erfolgreichen geschäftlichen Entwicklung des Govi-Verlags ist eingehend berichtet worden. Wir wollen deshalb nur auf den Namen Govi eingehen. Er führt uns zurück zu den Wurzeln der Familie de Fisenne. Sie wird bereits im 15. Jahrhundert in den Ardennen in Ostbelgien in einem kleinen Weiler mit Namen Fisenne nachgewiesen. Damals heiratete Paul de Fisenne eine Dame aus dem Nachbargut Govy. Um sich von anderen Verwandten zu unterscheiden, führte die Familie den Doppelnamen de Fisenne-de Govy und in nächster Generation de Fisenne-de Govi.

Jo von Fisenne muss diese Geschichte aus alten Zeiten gefallen haben, denn nicht nur der Verlag trägt den Namen Govi. Auch das Haus, in dem er in den siebziger Jahren am Lago Maggiore lebte, nannte er Casa de Govi. Anlässlich des 50. Firmenjubiläums des Govi-Verlags organisierte Geschäftsführer Peter J. Egenolf nach vielerlei Recherchen 1998 eine Reise in die "Spuren der Vergangenheit". Er fand und besuchte mit maßgeblichen Vertretern den Weiler Fisenne, den Stammsitz eines der Verlagsgründer, und bestimmte auf dem Weg zum nächsten Ort Oppagne in etwa den Standort des Weilers Govy. Ihn gibt es heute nämlich nicht mehr.

Wiedergründung der DPhG

Mit dem Kriegsende war auch die 1890 entstandene Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft (DPhG) untergegangen. Bereits am 9. Juni 1946 wurde sie in Hamburg wieder gegründet. Die Federführung lag bei Dr. Paul Runge, Dr. Eugen Unna und Jo von Fisenne. Wie vordem war die Pflege und Verbreitung pharmazeutisch-wissenschaftlicher Kenntnisse ihr Ziel.

Die DPhG konnte erst am 19. März 1947 mit Genehmigung der britischen Militärregierung in das Vereinsregister eingetragen werden. Denn zuvor musste jedes Vorstandsmitglied den Fragebogen über seine politische Integrität vorlegen. Die Genehmigung galt zunächst nur für die Bezirksgruppe Hamburg. Bei der Eröffnungsveranstaltung wurde nicht nur die Witwe des ursprünglichen Gründers Professor Hermann Thoms zum Ehrenmitglied ernannt, sondern auch der Senior British Pharmacist, F. B. Royal. Dies geschah in Gegenwart von Vertretern der britischen Militärregierung.

In den folgenden Monaten bildeten sich in Ost- und Westdeutschland Bezirksgruppen. Die westlichen Gruppen schlossen sich formell der in Hamburg genehmigten DPhG an. Beim Apothekertag in Hamburg 1949 wurde eine Kommission unter Leitung von Jo von Fisenne eingesetzt, die mit der Bildung einer Dachorganisation beauftragt wurde. Auf dem Niedersächsischen Apothekertag am 29. April 1950 war es soweit und am 12. Juni 1950 wurde Fisenne zum Präsidenten der neuen DPhG gewählt, der mit ihr weitergehende Ziele verfolgte.

Schon 1949 hatte er dafür geworben, die Aufgaben der Gesellschaft auszuweiten. Zusammen mit Runge besuchte er in London die Kollegen der Pharmaceutical Society of Great Britain, um zu erkunden, inwieweit die DPhG nach dem Vorbild der Society fortentwickelt werden könnte. Offensichtlich war er nach dem Besuch in London überzeugt, dass das britische Modell auf die DPhG übertragbar ist. Deshalb sprach er sich beim Apothekertag 1949 in Hamburg gegen ein damals diskutiertes Wiederaufleben der Apothekervereine aus. Gleichzeitig bezeichnete er es als eine der wichtigsten Aufgaben der DPhG, an einer Neuausgabe des DAB mitzuarbeiten. Trotz der "Gepflogenheit, alle zehn Jahre eine neue Ausgabe des Deutschen Arzneibuchs zu veranstalten", sei das DAB 6 schon 24 Jahre alt. Natürlich war Fisenne auch international tätig. Als die ABDA 1951 in die Fédération Internationale Pharmaceutique (FIP) aufgenommen wurde, trat die DPhG als assoziiertes Mitglied bei.

Der Deutsche Apothekertag 1949

Die Vorgängerorganisationen der ABDA luden vom 14. bis 19. Juni 1949 zum Deutschen Apothekertag nach Hamburg ein. Es war das erste Treffen nach dem Zusammenbruch. "Die Apothekerkammer Hamburg hat die Durchführung der Tagung übernommen". Hinter diesem Satz spürt man den Einfluss, den Fisenne seinerzeit besaß. Sein Ansehen bei den Kollegen und in der Hansestadt, sein Organisationstalent und sein Mut ermöglichten, dass sich die Apotheker eindrucksvoll wieder in der Öffentlichkeit zurückmelden konnten. Die Zahl der Teilnehmer war unerwartet groß. Leider kamen nur wenige Kollegen aus der damaligen Ostzone, weil ihnen keine Interzonenpässe ausgestellt worden waren.

Trotz der durch die Kriegsschäden bedingten Unzulänglichkeiten gab es ein volles Programm mit feierlicher Eröffnung, Delegiertenversammlung, Extratagungen der DPhG, der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie (DGGPh) und der Pharmazeutischen Hochschullehrer sowie einer gut besuchten pharmazeutischen Ausstellung.

Die repräsentative Eröffnung trug eindeutig die Handschrift Fisennes. Sie fand im ehrwürdigen Rathaus-Festsaal statt. Zu den illustren Gästen zählten der Bürgermeister, Senatoren, Generalkonsule der westlichen Besatzungsmächte und einiger benachbarter Länder, der Rektor sowie Hochschullehrer der Hamburger Universität und einiger anderer Universitäten. Für 1949 war die große Anzahl ausländischer Gäste mit Prominenz aus England, der Schweiz, den Niederlanden und aus Österreich besonders bemerkenswert. Das war aber für das Organisationstalent Fisenne typisch. Übrigens war der Andrang der Kollegen in Hamburg so groß, dass das Abschlussfest in zwei verschiedenen Hotels abgehalten werden musste.

Wir werfen noch einen kurzen Blick auf die Tagesordnung der Delegiertenversammlung, denn sie zeichnet ein deutliches Bild der damaligen Situation. Neben manchen heute noch aktuellen Problemen gab es viele zeitbedingte Fragen, Vorstellungen und Pläne. Hauptgegenstand der Beratungen war die Frage des Niederlassungsrechts. Die Delegierten sprachen sich sowohl gegen eine Verstaatlichung als auch gegen die freie Niederlassung aus, die in der amerikanischen Zone schon praktiziert wurde.

Bei den Diskussionen stoßen wir immer wieder auf den Namen Fisenne. In seinem Referat "Arzneimittelgesetz und pharmazeutische Industrie" sagte er, man könne ein "Arzneimittelgesetz" ohne Mitwirkung des Staats gemeinsam mit der pharmazeutischen Industrie vorbereiten. Außerdem könnte gemeinsam für seriöse Präparate eine "Gütemarke" entwickelt werden, die von der DPhG zu vergeben sei. Bezüglich der "Reklame" forderte Fisenne bereits damals die Kollegen auf, sich mit ihren Schaufensterdekorationen von der Industrie unabhängig zu machen. Ein Tagesordnungspunkt betraf die Arzneitaxe. Sie war seit 1936 nicht mehr geändert worden und völlig unzureichend. Eine Entschließung forderte die Anpassung an die aktuellen wirtschaftlichen Verhältnisse.

In der Diskussion über eine Ausbildungsordnung wurde eine Reduzierung der Lehrapotheken und eine eingeschränkte Beschäftigungsmöglichkeit der Vorexaminierten in Apotheken gefordert. Festgestellt wurde weiter, dass das Problem der Flüchtlingsapotheker im Wesentlichen überwunden ist. Das Prinzip "Apotheker helfen Apothekern" habe sich in den vergangenen Jahren bewährt.

Jo von Fisenne als Politiker

Beim Apothekertag rief Fisenne die Kollegen auf, sich politisch zu engagieren: "Sie können es sich nicht mehr leisten, ruhig in der Apotheke zu sitzen und abzuwarten, was die politischen Parteien in der Zukunft tun wollen ... Wenn Sie nicht aktiv werden, ... müssen Sie sich nicht wundern, wenn die Gesetze ... nicht Ihren Wünschen entsprechend ausgearbeitet werden!" Fisenne lebte diese Forderung vor.

Von 1950 bis 1961 war er als CDU-Mitglied im Hamburger Landesparlament, der Bürgerschaft. Er übernahm wichtige Funktionen als Mitglied der Gesundheits- und der Finanzdeputation, Gremien, die nach der Hamburger Verfassung das jeweilige Ministerium beraten. Außerdem war er stellvertretender Vorsitzender des Haushaltsausschusses. Über die Grenzen Hamburgs hinaus war er Vorstandsmitglied der Interparlamentarischen Arbeitsgemeinschaft. Dieser Zusammenschluss von Parlamentariern aus Bund und Ländern war seinerzeit ein wichtiges Gremium, das die Arbeit der Legislativen in Bund und Ländern koordinieren sollte.

1953 wurde Fisenne Vorsitzender in einem der Hamburger Kreisverbände der CDU. In den Jahren 1954 bis 1956 stieg er dann zum Landesvorsitzenden der CDU in Hamburg auf. Nachdem 1953 der so genannte Hamburg-Block die SPD als Regierungspartei abgelöst hatte, wurde Fisenne Senator (Minister) zunächst ohne Geschäftsbereich. 1955 wurde er zum Bausenator und 1956 zum Polizeisenator berufen. Allerdings trat er gleich wieder zurück, weil seine energischen Versuche, den Personalfilz an der Spitze der Polizeibehörde zu entwirren, politisch scheiterten.

Fisenne schrieb über seine politische Arbeit unter anderem, dass seine Interessengebiete das Gesundheitswesen, das Finanz- und das Hochschulwesen waren, an denen er in den Ausschüssen und im Plenum besonders intensiv beteiligt war.

Nachdem er bereits im Oktober 1951 als Apothekerkammer-Präsident zurückgetreten war, begann er sich allmählich ab 1956 aus dem politischen Leben zurückzuziehen. Zwar war er bis 1961 Mitglied der Bürgerschaft und arbeitete weiter in verschiedenen Gremien. Gesundheitliche Gründe veranlassten ihn aber, seine öffentlichen Ämter aufzugeben. Er gab auch die persönliche Leitung seiner Apotheke auf und verpachtete sie.

Der Privatier Jo von Fisenne

Damit vollzog sich erneut eine Wende im Leben Fisennes. Nach einer beruflichen aktiven, einfluss- und erfolgreichen Karriere im öffentlichen Leben, zunächst für den Berufsstand der Apotheker und daraus abgeleitet in der großen Politik, wird er zum Privatier und ist nur noch Ehemann und Familienvater. In dieser Zeit war der Endfünfziger nach heutiger Lesart "Frührentner". Er hätte noch keine Ruhe gegeben, wären da nicht die angeschlagene Gesundheit und die für ihn schmerzlichen Erfahrungen von Intrigen und Untiefen des politischen Geschäfts gewesen.

Wir möchten unseren Bericht mit ein paar persönlichen Anmerkungen beschließen. Jo von Fisenne war ein groß gewachsener, gutaussehender Herr von kosmopolitischem Zuschnitt - nach außen immer mit einem lässigen Touch. Ein Schmiss an seinem Kinn aus der aktiven Studentenzeit unterstrich sein Erscheinungsbild. Er liebte bei all seinen Visionen und Taten den "großen Wurf" mehr als die kleinliche Detailarbeit. In seinem häuslichen Umfeld aber blieb er der auf Ordnung und Genauigkeit getrimmte Apotheker.

Wie wir erfuhren, war er ein äußerst großzügiger Ehemann und ein liebevoller, freigiebiger Vater. Über alles liebten er und seine Frau Anneliese, geborene Brecko, Geselligkeit und Feste. Seine Verwandten schwärmen noch heute von den gemeinsamen Treffen in der Casa de Govi am Lago Maggiore. Das Ehepaar bewohnte das Haus von 1970 bis 1980. In einem tiefen kühlen Keller beherbergte Fisenne einen bemerkenswerten Weinvorrat.

Im Alter kam er nach Deutschland zurück und lebte mit seiner Frau zunächst in Sottrum bei Bremen. Schließlich begab er sich als Witwer in die Obhut und Fürsorge seiner Tochter in Hamburg. Hier besuchten ihn an seinem 85. Geburtstag die Autoren dieses Berichts als Vertreter der Apothekerkammer Hamburg und der ABDA sowie Vertreter der DPhG. Wir unterhielten uns mit ihm über vergangene Tage. Einer Einladung, noch einmal seine ehemalige Wirkstätte, das Apothekerhaus, zu besuchen, konnte er nicht mehr folgen. Im gleichen Jahr, am 31. Dezember 1987, ist er friedlich eingeschlafen.

Wir gedenken am 100. Geburtstag Jo von Fisennes, einer markanten Persönlichkeit, ohne deren Visionen und entschlossenem Handeln der Wiederaufbau unseres Berufsstandes nach 1945 mit seiner zentralen Organisation, der ABDA, nicht so schnell gelungen wäre. Wir danken ihm für alles und werden ihn nicht vergessen.

  

Danksagung

Wir danken besonders Jo von Fisennes Tochter, Corinna von Fisenne (Mansteinstraße 6, 20253 Hamburg), und seinem Neffen, Kurt von Fisenne (Havelring 43, 45136 Essen), für viele persönlichen Anregungen und Anmerkungen.

 

Literatur

  • Schmitz, R., 100 Jahre Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart 1990
  • Friedrich, Ch., Die Geschichte der ABDA von 1950 bis 2000, Govi-Verlag, Eschborn 2000
  • Funke, B., Die Akademisierung der Pharmazie in Hamburg bis zur Entstehung des Instituts für Pharmazie, Dissertation, Hamburg 2000
  • Stubbe-da Luz, H., Von der Arbeitsgemeinschaft zur Großstadtpartei - 40 Jahre Christlich Demokratische Union in Hamburg (1945 - 1985), Staatspolitische Gesellschaft Hamburg e. V., keine Jahresangabe
  • Runge, P., Die Apothekerkammer Hamburg 1945 -1947, Pharm. Ztg. 83 (1947) 135 f.
  • "Allgemeiner Deutscher Apothekertag in Hamburg vom 14. - 17. Juni 1949" und "Apothekerkammer Hamburg, Pharmazeutische Ausstellung", Pharm. Ztg. 85 (1949) 137
  • Urban, E., Zur Hamburger Apothekertagung, Pharm. Ztg. 85 (1949) 291 - 293
  • "Die Hamburger Apothekertagung", Pharm. Ztg. 85 (1949) 357 - 366
  • "Die Hamburger Apothekertagung, Ausführlicher Bericht", Pharm. Ztg. 85 (1949) 377 - 388, 390 - 394, 407 - 411, 419, 447 - 457
  • "Jo von Fisenne 60 Jahre", Pharm. Ztg. 107 (1962) 385
  • Swadzba, J.: "Jo von Fisenne, Hamburg, 65 Jahre", Pharm. Ztg. 112 (1967) 424
  • "Senator a. D. Jo von Fisenne 70 Jahre", Pharm. Ztg. 117 (1972) 480
  • Sprecher, E., Jo von Fisenne 85 Jahre alt, Pharm. Ztg. 132 (1987) 882
  • "Jo von Fisenne, Hamburg, †", in: Pharm. Ztg. 133 (1988) 137
  • Bellartz, Th., "In den besten Jahren", in: Pharm. Ztg. 144 (1999) 1136, 1137
  • Gray, Chr., How the Society got where it is today, The Pharmaceutical Jounal 268 (2002) 74, 75
  • Briefwechsel zwischen dem Geschäftsführer des Govi-Verlags, Peter J. Egenolf, und Kurt von Fisenne 1995-1998

 

Die Autoren

Professor Dr. Ernst-Dietrich Ahlgrimm war von 1947 bis 1949 Apothekerpraktikant in Hamburg. Beim 1. Apothekertag in Hamburg war er singendes Mitglied der zitierten Pharmstudiker. Seit 1962 in der Berufspolitik, war er 20 Jahre Präsident der Apothekerkammer Hamburg.
Dr. Hans Günther Helling war von 1947 bis 1949 Apothekerpraktikant in Hamburg. Ab 1959 war er 32 Jahre Geschäftsführer der Apothekerkammer Hamburg.

Anschrift der Verfasser:
Professor Dr. Ernst-Dietrich Ahlgrimm
Von-Kurtzrock-Ring 6a
22391 Hamburg
 
Dr. Hans Günther Helling
Joachim-Schilling-Weg 33
22549 Hamburg
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