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Tolterodin: Neu bei Inkontinenz

30.03.1998
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Tolterodin: Neu bei Inkontinenz

Ausgerechnet Nikotin, genauer Nikotin-Tartrat- oder Nikotin-Polycarbomer-Einläufe, könnten in Zukunft vielleicht die Remissionsrate und die Lebensqualität bei Colitis ulcerosa-Patienten verbessern. Der genaue Effekt bleibe aber noch abzuwarten, sagte Privatdozent Dr. Thilo Andus vom Klinikum der Universität Regensburg bei einer Pressekonferenz der Gastro-Liga am 11. März in Frankfurt am Main.

Die Hypothese, daß Rauchen auch positive Effekte haben kann, ist nicht ganz von der Hand zu weisen, zumindest nicht, was die chronisch entzündliche Erkrankung des Dickdarms, die Colitis ulcerosa, angeht. Raucher erkranken offenbar nur etwa halb so häufig an dieser mit blutigen Durchfällen, Bauchschmerzen, oft auch Anämie, Fieber und Gewichtsverlust einhergehenden chronischen Enddarmentzündung, die sich meist bereits zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr manifestiert.

Positive Effekte auf Colitis ulcerosa beschränkt


Darüber hinaus habe man beobachtet, daß Personen, die das Rauchen aufgeben, überdurchschnittlich häufig an Colitis ulcerosa erkranken, berichtete Andus. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen, müssen dem Nikotin fröhnende Colitis-Patienten offenbar auch seltener wegen akuter Krankheitsschübe stationär eingewiesen werden und haben weniger darmbezogene Beschwerden als ihre nichtrauchenden Leidensgenossen. Diese Beobachtungen gelten jedoch nicht für Morbus Crohn, die zweite häufige chronisch entzündliche Darmerkrankung. Sie kommt bei Rauchern sogar vermehrt vor.

Wie die positiven Auswirkungen des Nikotins bei Colitis ulcerosa zustande kommen, sei noch nicht geklärt, betonte der Mediziner. Man vermutet, daß es zu einer Hemmung entzündungsfördernder Leukotriene und zu einer Verstärkung der schützenden Schleimschicht im Darm kommt. Da der Rat zum Rauchen wegen der allseits bekannten Risiken für Herz, Kreislauf und Lunge und der drastisch reduzierten Lebenserwartung (leichtes Rauchen 3 Jahre, mäßig 5 Jahre, stark 8 Jahre) medizinisch nicht vertretbar ist, wurden andere Applikationsformen für Nikotin bei Colitis ulcerosa-Patienten untersucht.

Wirksamer als Placebo, aber unterlegen gegenüber Standardtherapie


Andus berichtete von einer placebokontrollierten, randomisierten Doppelblindstudie von 1994, in die Patienten mit leichter bis mäßig stark entzündlicher Colitis ulcerosa einbezogen waren. Bei denjenigen, die täglich etwa 15 mg Nikotin in Form von Nikotinpflastern zuführten, lag die Remissionsrate signifikant höher als in der Placebogruppe (49 Prozent Remissionen versus 24 Prozent); entsprechend höher lag jedoch auch die Nebenwirkungsrate, wobei Übelkeit, Kopfschmerzen und Schlafstörungen im Vordergrund standen (66 Prozent Nebenwirkungen unter Verum versus 30 Prozent unter Placebo).

Gegenüber einer Standardtherapie mit Prednisolon sei die Nikotinbehandlung weniger effizient und verursache mehr Nebenwirkungen, faßte der Mediziner die Ergebnisse einer weiteren Studie zusammen. Unter 15 bis 25 mg Nikotin transdermal täglich kam es bei weniger als einem Drittel der Patienten zur Remission, unter Prednisolon lag die Remissionsrate bei knapp 60 Prozent. Keine nennenswerten Effekte konnte Andus vom Nikotineinsatz zur Rezidivprophylaxe berichten. Die Wirkung der Nikotinpflaster lag hier in der Größenordnung von Placebo, die Nebenwirkungen des Verums überwogen deutlich.

Nikotin-Einläufe als neue Perspektive


Mögliche Therapiefortschritte erhoffen Fachleute und Patienten jetzt von einer neuen Applikationsform in Form von Nikotin-Tartrat- beziehungsweise Nikotin-Polycarbomer-Einläufen. Aus dieser Darreichungsform könne das Nikotin lokal an der Darmschleimhaut wirken, berichtete Andus von ersten Untersuchungen. Die systemische Bioverfügbarkeit sei aber durch Metabolisierung des Nikotins zu Cotinin bei der Leberpassage deutlich reduziert (auf 15 bis 25 Prozent).

In einer Pilotstudie an Patienten mit mäßig aktiver Colitis ulcerosa habe sich sich eine gute Wirksamkeit und Verträglichkeit der Einläufe gezeigt. Eine klinische Besserung konnte bei über 60 Prozent der Patienten erzielt werden, bei weniger als 20 Prozent ließ sich Nikotin im Blut nachweisen; die Nebenwirkungsrate lag allerdings dennoch bei über 40 Prozent. Um die Effekte der neuen Darreichungsform endgültig beurteilen zu können, seien weitere kontrollierte Studien abzuwarten, so Andus abschließend.

PZ-Artikel von Bettina Neuse-Schwarz, Frankfurt am Main
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