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Kinderheilkunde: Rat des Apothekers auch hier gefragt

30.03.1998
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Govi-Verlag

Kinderheilkunde: Rat des Apothekers
auch hier gefragt

Impfungen im Kindesalter, Tumorbehandlung und virale Therapie bei Kindern, Maßnahmen bei Notfällen in jungen Jahren und die Behandlung des hyperkinetischen Syndroms sind typische Themen für den Pädiater, so scheint es auf den ersten Blick. Daß dem nicht so ist, wurde am 21. und 22. März in Mainz bei einer zentralen Fortbildung der Landesapothekerkammer Rheinland-Pfalz deutlich.

Um das bislang erfolgreiche Konzept der Mainzer Fortbildungen fortzusetzen, forderte Kammerpräsident Hartmut Schmall die Teilnehmer auf, sich selbst an der Programmgestaltung zu beteiligen und Themenanregungen und Vorschläge für die kommenden Veranstaltungen einzureichen.

Virale Infekte im Kindesalter


"Viele Viruserkrankungen sind in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen, das gilt jedoch nicht für die Atemwegserkrankungen", sagte Professor Dr. Dietrich Hofmann vom Zentrum für Kinderheilkunde der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität. Das Problem bei viralen Infektionen sei, daß die größte Ansteckungsgefahr (Virusausscheidung) meist deutlich vor dem Auftreten der ersten Symptome und damit vor der Diagnose besteht. Umgekehrt gilt laut Hofmann: "Je stärker die Symptome, desto weniger ansteckend ist der Infekt".

Kleinkinder sind nach seinen Worten am häufigsten von Atemwegsinfekten betroffen. Der Cleveland-Studie zufolge leiden sie vier- bis fünfmal im Jahr unter einer Infektion, bei Schulkindern ist dies, ähnlich wie bei Erwachsenen, nur noch zwei- bis dreimal jährlich der Fall. Hofmann begründet diese Unterschiede mit der noch nicht ausgereiften körpereigenen Immunabwehr bei Kleinkindern. Die Konzentration an Immunglobulinen (IgG) betrage bei ihnen nur einen Bruchteil von der bei Erwachsenen. Erst ab einem Alter von drei bis vier Jahren sei in der Regel das Level der Erwachsenen erreicht.

Der Hypothese, Kinder erst mit vollständiger Entwicklung des Immunsystems in den Kindergarten zuschicken, hält Hofmann eine andere Theorie entgegen. Die nämlich, daß die seit den 70er Jahren zu beobachtende Verdopplung von kindlichem Asthma und Allergien Resultat der "typischen 1-Kind-Familie" sei. Durch das "Nicht-Durchmachen" von Infekten im Kleinkindalter könne es zur unvollständigen Ausreifung der Immunabwehr mit den genannten Folgen kommen.

Als häufigste Erreger von Atemwegserkrankungen bei Kindern nannte Hofmann RS-Viren (Respiratory Syncytial Virus), Rhinoviren sowie Parainfluenza- und Influenzaviren. Letztere würden nach der Art ihrer Oberflächenproteine Neuraminidase und Hämagglutinin (H) bezeichnet. Von Mensch zu Mensch übertragbar seien nur H1, -2, -3 sowie H7 und -8. Immunität gegen einen grippalen Virusinfekt werde nur durch spezifische Antikörper gegen den betreffenden Erreger erreicht, stellte Hofmann mit Blick auf die oft und gern empfohlenen Immunstimulantien klar. Diese stimulierten die unspezifische Abwehr und hätten bei Viruserkrankungen praktisch keine Wirkung.

Als "unsinnig" tat der Kinderarzt die auf den Arzneiverordnungsreport zurückgehende Empfehlung ab, Expektorantien wie Ambroxol durch hohe Flüssigkeitszufuhr zu ersetzen. "Beim nicht-dehydrierten Kind führen große Flüssigkeitsmengen zu nichts anderem als zu Diurese, vielleicht auch noch zu Erbrechen." Er selbst habe gute Erfahrungen mit dem Einsatz von Ambroxol bei Kindern gemacht und empfiehlt es vor allem bei obstruktiven Atemwegserkrankungen. N-Acetylcystein sei bei katarrhalischen Formen in den zentralen Atemwegen sinnvoll, wenn ausreichend Husten-Clearance vorhanden ist.

Als zusätzliche Maßnahme bei viralen Infekten ist aus seiner Sicht nichts gegen alte Hausmittel oder Phytotherapeutika (zum Beispiel Efeublätterextrakt) einzuwenden. "Sie helfen ein bißchen", so Hofmann. Eher skeptisch beurteilt er die zu erwartenden therapeutischen Effekte des Virustatikums Amantatin (Infex), das seit 1. April zur Prophylaxe und Behandlung der Influenza A bei uns auf dem Markt ist. Therapeutisch werde die Einführung keine zentrale Rolle spielen, wohl aber im Hinblick auf die Prophylaxe, mutmaßt er.

Notfälle im Kindesalter


"Wirkliche Notfälle, bei denen infolge akuter Erkrankungen, Verletzungen oder Vergiftungen vitale Funktionen gestört sind und akute Lebensgefahr besteht, kommen im Kindesalter eher selten vor", betonte Professor Dr. Herwig Stopfkuchen von der Kinderklinik der Mainzer Universität. Weitaus häufiger seien sogenannte Akutfälle oder Notsituationen, zu denen er Krupp, Asthma, Fieberkrämpfe oder Dehydratationen rechnet. Grundsätzlich sei in der Bundesrepublik ein sehr effizientes Notfallsystem vorhanden, einzige Lücke sei die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes.

Als eher seltene Notfälle nannte Stopfkuchen Intoxikationen oder Ingestionen. Nach Angaben der Berliner Giftinformationszentrale stehen hier Produkte wie Waschmittel oder Kosmetika mit 40 Prozent der Fälle ganz oben, gefolgt von Medikamenten mit 30 Prozent. Unter der Telefon-Nummer 030/19240 gehen bei der Berliner Zentrale jährlich rund 50.000 Anrufe ein. Bei über 85 Prozent der Anrufe von Laien lautet der Rat der Fachleute: "Keine Therapie erforderlich". Die Anamnese erhebt das Beraterteam in Berlin anhand gezielter Fragen: "Wer, was, wieviel, wann, wie?". Mit dabei ist auch immer der Hinweis an den Anrufer, die Originalpackung der möglicherweise giftigen verschluckten Substanz aufzuheben.

Die Beratung besorgter Eltern richtet sich nach Aussage von Stopfkuchen nach dem vermeintlichen Risikograd der Ingestion: In klar erkennbar harmlosen Fällen sei eine Beruhigung der Eltern ausreichend; als erkennbar harmlos stuft der Kinderarzt beispielsweise der Verzehr von wenigen Tabakkrümeln oder Ovulationshemmern ein. Beim Verschlucken sicher subtoxischer Dosen einer Substanz sollte dennoch immer zur genauen Abklärung bei einem Kinderarzt geraten werden; als Beispiel für diese Risikokategorie nannte er das Verschlucken einer Zigarettenkippe oder einer halben Zigarette. Bei allen Unklarheiten müsse sofort an die Kinderklinik verwiesen werden; ein solcher Fall sei beispielsweise beim Verschlucken eines Schilddrüsenhormon-Präparates durch ein Kleinkind gegeben.

Als Primärmaßnahme zur Giftentfernung bei leichten bis mittelschweren Vergiftungen habe die Aktivkohle eine Renaissance erlebt, so der Mainzer Pädiater. In der ersten Stunde nach Giftaufnahme werde zur Magenentleerung Ipecacuanha-Sirup empfohlen (nicht bei Kindern unter 9 Monate, bei 9 bis 12 Monate alten Kindern 15 bis 20 ml); 1 bis 2 Stunden nach der Ingestion wird Aktivkohle zu Absorption des Schadstoffs oder Ipecacuanha-Sirup empfohlen; 2 Stunden nach der Ingestion wird nur noch die Gabe von Aktivkohle empfohlen, die Dosierung liegt bei 0,5g/kg KG alle 4 Stunden.

Die Empfehlung zur Giftentfernung gilt laut Stopfkuchen nur für lange Wege bis in die Klinik, bei Wegen unter 15 Minuten sollte man dies dem Notarzt überlassen. Wegen des Risikos von Elektrolytstörungen dürfe in keinem Fall Kochsalzlösung verwendet werden, um Erbrechen zu forcieren, betonte der Kinderarzt. Absolut kontraindiziert sei jede Art der Erbrechensauslösung bei Vergiftungen mit ätzenden oder waschaktiven Substanzen, mit organischen Lösungsmitteln, Benzin oder Sedativa sowie bei Bewußtlosigkeit.

Als weiteres Beispiel für Akutfälle ging Stopfkuchen auf akute respiratorische Störungen ein. Häufig, aber selten schwerwiegend sei das Krupp-Syndrom, eine virale Entzündung des Kehlkopfes und der subglottischen Luftwege. Typische Symptome sind bellender Husten und Tachypnoe (Einziehen beim Atmen). Mittel der Wahl sei Adrenalin; aber auch Cortisolbehandlung, Sauerstoff oder Anfeuchten der Atemluft werden eingesetzt. In der Regel komme es über Nacht zu einer Besserung.

Deutlich seltener, aber gefährlicher als der Krupp ist nach Worten des Kinderarztes die Epiglottitis (Schleimhautentzündung des Kehldeckels), die im Unterschied zum Krupp meist mit Halsschmerzen beginnt. Als typische Symptome folgen dann Schluckbeschwerden, Sabbern und sitzende Haltung der Kinder, die meist älter sind als Krupp-Kinder. Bereits beim Verdacht auf Epiglottitis sei sofort eine Klinikeinweisung erforderlich, in schweren Fällen sei die Lebensrettung der Kinder nur durch Intubation möglich.

Zu den relativ verbreiteten pädiatrischen Akutfällen gehören laut Stopfkuchen die Dehydratationen. Der Verlust von Wasser und Elektrolyten wird oft durch Gastroenteritiden oder Dyspepsien verursacht, typische Symptome sind Durst, Hautblässe, trockene Schleimhäute, kalte Extremitäten, in schweren Fällen auch Tachykardien. Säuglinge sollten bereits bei leichter Dehydratation (Gewichtsverlust von rund 5 Prozent) in die Klinik eingewiesen werden, hob Stopfkuchen hervor; bei mittleren oder schweren Dehydratationen sollten Kinder unabhängig vom Lebensalter in die Klinik kommen. Zur oralen Therapie werde Glucose-Elektrolytlösung (beispielsweise Oralpädon 240, Eltrans et cetera) eingesetzt, so Stopfkuchen, die Behandlung schwerer Dehydratation erfolge intravenös mit Ringer-Lactat- und physiologischer Kochsalzlösung.

PZ-Artikel von Bettina Neuse-Schwarz, Mainz
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