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Auf das Verhältnis kommt es an

29.03.1999
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-PharmazieGovi-Verlag

ORALE KONTRAZEPTION

Auf das Verhältnis kommt es an

von Elke Wolf, Frankfurt am Main

Die vielfach propagierte Meinung, neuere Gestagene seien den älteren wegen einer geringeren Androgenität und höheren Spezifität überlegen, stimmt nicht. Dieser Auffassung ist zumindest Professor Dr. Alexander T. Teichmann, Chefarzt der Klinik Aschaffenburg. Allein der Begriff der Androgenität im Zusammenhang mit oralen Kontrazeptiva sei schon irreführend.

Zwar wiesen Forscher in Rezeptor-Bindungsstudien und Tierexperimenten Bindungen der Gestagen-Derivate am Androgenrezeptor nach, das habe sich aber in klinischen Studien am Menschen nicht reproduzieren lassen, informierte der Referent auf einer von Wyeth Pharma ausgerichteten Pressekonferenz. Betrachte man die belegte Wirkungsweise oraler Kontrazeptiva, finde man bei praktisch keinem heute im Handel befindlichen Präparat eine androgene Wirkung, sagte Teichmann. Es sei sinnvoller, die Gestagene nach ihrer antiestrogenen Wirkung zu klassifizieren.

Die Antiestrogenität sei auch ein in der Praxis brauchbares Maß. Die meisten unerwünschten Wirkungen der Pille wie die Aktivierung des Gerinnungssystems sind auf die Estrogenwirkung zurückzuführen. Verwendet man also ein Präparat, das neben der Estrogenkomponente ein Gestagen enthält, verringert das durch seine antiestrogene Wirkung die Gesamtestrogenität des oralen Kontrazeptivums.

Hormonbalance muß stimmen

Frauen erwarten von der Pille heute nicht nur einen sicheren Schutz vor einer ungewollten Schwangerschaft, sie möchten auch ein gut verträgliches Präparat, das so wenig wie möglich in ihr endokrines Gleichgewicht eingreift. Neben dem niedrigen Estrogenanteil ist dafür auch die Auswahl des Gestagens und das Verhältnis der beiden Komponenten zueinander entscheidend. Levonorgestrel ist das weltweit, aber auch in Deutschland am häufigsten verordnete Gestagen. Es liegt auch an der Spitze der Antiestrogenität-Hitliste. Das antiandrogen wirksame Cyproteronacetat (CPA) bildet den Antipoden.

"Die Wahl der geeigneten Pille richtet sich immer nach dem Estrogenstatus der Frau, und damit nach der erforderlichen Estrogen-Potenz des Präparates", riet Teichmann. Da böten sich Kontrazeptiva-Gruppen an, bestehend aus verschiedenen Präparaten, die zwar jeweils dasselbe Estrogen und Gestagen enthalten, aber in ihrer Dosierung proportioniert abgestuft sind. So empfiehlt sich bei jungen Mädchen eine Pille mit der geringstmöglichen Dosis. Kommt es aber beispielsweise zu Zwischenblutungen, kann auf das etwas höher dosierte Präparat mit dem gleichen Hormonverhältnis aus der gleichen Kontrazeptiva-Familie ausgewichen werden. "Das planlose Wechseln der Präparate entfällt", so Teichmann.

Levonorgestrel sogar antiandrogen

Professor Dr. Virginia Upton, Philadelphia, USA, sprach dem Levonorgestrel nicht nur einen antiestrogenen Effekt zu. Studien mit Levonorgestrel-haltigen Präparaten bewiesen sogar eine antiandrogene Wirksamkeit. Unter der Kontrazeption besserte sich laut Upton der Hautzustand von Aknepatientinnen innerhalb von drei bis sechs Monaten signifikant. Durch das Levonorgestrel-haltige Kontrazeptivum steige der Spiegel von Sexualhormon-bindendem Globulin (SHBG). Mit dem SHBG-Anstieg sinkt die Konzentration an freiem Testosteron, worauf die positiven Effekte auf die Akne zurückgeführt werden.

Upton berichtete von einer offenen Vergleichsstudie, in der ein Präparat mit 2 mg CPA und 50 mg Ethinylestradiol (wie Diane®) einem dreistufigen Präparat mit 50/75/125 mg Levonorgestrel und 30/40/30 mg Ethinylestradiol (wie Trigoa®) gegenüberstanden. Zwar senkten beide Kombinationen die Androgenkonzentration und die SHBG-Spiegel, das Ausmaß war aber beim CPA-haltigen Produkt stärker. Allerdings: Die Akne besserte sich bei beiden im selben Maße. Das veranlaßte Upton zu folgendem Schluß: "Die Ergebnisse der Studie belegen, daß die Levonorgestrel-haltige Pille das Mittel der Wahl ist, da es bei gleicher Wirksamkeit gegen Akne ohne die höhere Estrogenkomponente und ohne eine sehr ausgeprägte antiandrogene Substanz auskommt."

Mit alten Vorurteilen aufräumen Die Sorge, daß sich durch Einnahme der Pille bei jungen Mädchen die Epiphysenfuge vorzeitig schließt oder daß sich nach dem Absetzen der Pille eine Amenorrhoe einstellt, hat sich medizinisch als unbegründet erwiesen. Wenige Monate nach Absetzen des oralen Kontrazeptivums stellt sich der alte Zyklus wieder ein.

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