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Ciclosporin jetzt auch bei Polyarthritis

23.03.1998  00:00 Uhr

-Pharmazie

Govi-Verlag

Ciclosporin jetzt auch bei Polyarthritis

Seit Dezember letzten Jahres ist das Immunsuppressivum Ciclosporin in Deutschland auch als Basistherapeutikum zur Behandlung der schweren Rheumatoiden Arthritis (synonym chronische Polyarthritis) zugelassen. Vor dieser Indikationserweiterung konnte es bereits zur Prophylaxe von Tranplantatabstoßungen sowie unter anderem zur Behandlung therapieresistenter atopischer Dermatitis und Psoriasis eingesetzt werden.

Von der zusätzlichen Indikation erhoffen sich Experten deutliche Fortschritte in der Behandlung der Rheumatoiden Arthritis (RA). Unter der entzündlichen Autoimmunerkrankung des Bewegungsapparates leiden rund ein Prozent der Deutschen, ihre Lebenserwartung ist um bis zu 10 Jahre verkürzt. Die Erkrankung gehöre zu den häufigsten Gründen für Arbeitsunfähigkeit, Frühberentung und die Inanspruchnahme von Reha-Maßnahmen, verdeutlichte Professor Dr. Gerd R. Burmester, Direktor der Poliklinik für Rheumatologie und Klinische Immunologie der Berliner Humboldt-Universität am 18. März in Frankfurt. Mögliche Therapieverbesserungen durch Ciclosporin (Sandimmun Optoral) sehen die Fachleute unter anderem im Hinblick auf eine Verzögerung der progressiven Gelenkzerstörung bei der RA. Besonders erfolgreich scheine dabei die Kombination mit anderen Basistherapeutika wie Methotrexat.

Der Einsatz von Ciclosporin in der Rheumatologie werde bereits seit 1985 in Studien erprobt, sagte Privatdozent Dr. Klaus Krüger von der Rheuma-Einheit der Ludwig-Maximilians-Universität und des Rheuma-Zentrums München bei einer von der Herstellerfirma Novartis initiierten Pressekonferenz in Frankfurt. Bis Frühjahr letzten Jahres seien weltweit bereits über 40.000 schwere RA-Patienten damit behandelt worden. Im Vergleich zu Placebo zeige das Immunsuppressivum eine signifikant bessere Wirkung; gegenüber Standardtherapeutika wie Azathioprin oder parenteralem Gold seien sowohl Wirkeffekte als auch Nebenwirkungen vergleichbar, faßte er den derzeitigen Kenntnisstand zusammen.

Wirkprinzip genau bekannt


Als vorteilhaft wertet Krüger den definierten Wirkmechanismus des Ciclosporins. Das cyclische Polypeptid hemmt die Aktivierung der T-Lymphozyten und die Freisetzung von Entzündungsmediatoren wie Interleukin-2. Den T-Lymphozyten wird eine zentrale Rolle im Krankheitsgeschehen der RA zugeschrieben, auch wenn nach wie vor verschiedene Hypothesen über die Ätiologie der Autoimmunerkrankung existieren und die genauen Ursachen noch nicht geklärt sind.

Bei der kombinierten Anwendung von Ciclosporin bei der RA könne man auf rund vierjährige Erfahrungen zurückblicken, diese zeigten aber durchaus positive Tendenzen. Krüger zitierte ein Studie mit 148 Rheumapatienten. 48 Prozent zeigten unter kombinierter Anwendung von Ciclopsorin und Methotrexat eine deutliche klinische Verbesserung; unter Methotrexat-Monotherapie war dies nur bei 16 Prozent der Fall.

Die Wirkungsverstärkung unter Kombitherapie erklärt man sich durch synergistische Effekte der beiden Basistherapeutika. Sie greifen in unterschiedliche Mechanismen des Enzündungsgeschehens ein. So wirkt Methotrexat auf Makrophagen, Monozyten und die Freisetzung von Interleukin-1, Ciclosporin hemmt die Aktivierung von T-Lymphozyten und die Sekretion proinflammatorischer Zytokine wie Interleukin-2 und Interferon-gamma. Die Nebenwirkungsrate war laut Krüger bei kombinierter Anwendung vergleichbar den jeweiligen Monotherapien, die Dosierung der Einzelsubstanzen war in Kombination niedriger.

Nebenwirkungen und Dosierung


Unter der Behandlung mit Ciclosporin sei eine regelmäßige Kontrolle von Nierenfunktion und Blutdruck unerläßlich, betonte der Rheumatologe. Als wirkungsimmanente Nebenwirkung nannte er die Unterdrückung der körpereigenen Abwehr, was bei hohen Dosen zu einer verstärkten Infektanfälligkeit führen kann. Ein überdurchschnittlich hohes Auftreten von Krebsfällen sei unter der zur RA-Therapie empfohlenen Ciclosporindosierung bislang nicht beobachtet worden.

Das für die RA-Therapie zugelassene Dosierschema sieht zu Beginn der Behandlung eine Tagesdosis von 2,5mg Ciclosporin/kgKG vor, die je nach Ansprechen und Krankheitsverlauf auf 4mg (maximal 5mg)/kgKG erhöht werden kann. Die Tagesdosis ist auf zwei Einzelgaben zu verteilen, die im Abstand von etwa 12 Stunden genommen werden sollten.

Einig waren sich die Experten in Frankfurt, daß die Erstbehandlung und -einstellung des Patienten mit Ciclosporin in die Hand eines erfahrenen Rheumatologen gehört. Die weitere Behandlung müsse dann in interdisziplinärer Zusammenarbeit zwischen Hausarzt, Rheumatologen, Krankengymnasten und Orthopäden erfolgen. Unstrittig ist für die Fachleute, daß eine möglichst frühe Diagnose und Therapie der RA wichtig ist, um den progressiven Verlauf möglichst zu stoppen. Auch die Ergebnisse einer internationalen Konsensuskonferenz im letzten Jahr weisen in diese Richtung: Deren Empfehlungen zur Ciclosporintherapie tendieren laut Krüger bereits zum frühzeitigen Einsatz wenn dies aus medizinischen Gründen angebracht erscheint. Die Zulassung gilt bislang nur für schwere Fälle der rheumatoiden Arthritis.

Zum Schluß noch zwei praktische Tips: Burmester rät Patienten mit länger als vier Wochen andauernder Gelenkschwellung, einen internistischen Rheumatologen zu konsultieren. Darüber hinaus verweist er auf die Arbeit der Deutschen Rheumaliga, an die sich Patienten oder Angehörige mit offenen Fragen wenden können:

Deutsche Rheumaliga
Bundesverband e.V.
Rheinallee 69
53173 Bonn

PZ-Artikel von Bettina Neuse-Schwarz, Frankfurt am Main
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