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Elektronisches Rezept ist nur eine Frage der Zeit

16.03.1998
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-Politik

Govi-Verlag

Elektronisches Rezept ist nur
eine Frage der Zeit
Hessischer Apothekertag

In wenigen Jahren gehört das auf Papier gedruckte Rezept der Vergangenheit an. Spätestens ab dem Jahr 2002 werde eine Arzneimittelverordnung grundsätzlich auf einem elektronischen Datenträger in die Apotheke gelangen, erwartet Dr. Claus Brill von der ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände.

"Die Frage, ob das elektronische Rezept kommt, ist bereits entschieden." Fraglich sei nur noch, in welcher Form es eingeführt wird, sagte Brill auf dem Hessischen Apothekertag am 14. März in Gießen. Deshalb habe die ABDA ein Konzept für das elektronische Rezept entwickelt, in dem die Apotheker eine wichtige Rolle spielen.

Nach den Vorstellungen der ABDA speichert der Arzt seine Verordnung in Zukunft auf eine Smart-Card, das ist eine Plastikkarte mit Mikrochip ähnlich einer EC-Karte. Mit seinem elektronischen Rezept geht der Patient dann in die Apotheke, dort wird die Smart-Card in einen Leseterminal eingeführt, und das Rezept kann beliefert werden. Gleichzeitig wird das Rezept in der Apotheken-EDV gespeichert. Die Rezepte eines Tages werden gesammelt und nachts an die Apothekenrechenzentren überspielt, führte Brill aus. Die Alternative dazu sei eine Standleitung, über die jedes Rezept an das Apothekenrechenzentrum übermittelt wird, unmittelbar nachdem es die Apotheke beliefert hat. Diese Version lehnt Brill jedoch ab, da sie mit erheblichen Telefonkosten verbunden sei.

Mt dem elektronischen Rezept werde eine Informationskette aufgebaut, mit der Daten ausschließlich elektronisch übertragen werden können, sagte Brill. Einen Medienbruch, etwa die Umwandlung von Computerdaten in gedruckte Information, gebe es nicht. Heute gelange ein Rezept erst zwei Wochen, nachdem es ausgestellt wurde, zu den Rechenzentren. Ein zeitnahes Controlling des ärztlichen Verordnungsverhaltens sei deshalb nicht möglich.

Es sprechen jedoch nicht nur ökonomische Gründe für das elektronische Rezept. So arbeite ABDATA zur Zeit an der direkten formalen und pharmakologischen Überprüfung des Rezeptes mit Hilfe der ABDA-Datenbank ermöglicht, erläuterte Brill. Wenn Interaktionen zwischen den verordneten Medikamenten oder mit früher gekauften Präparaten zu erwarten seien, dann erzeuge die Software einen Warnhinweis. Dies geschehe auch, wenn das verordnete Präparat nicht zu den Personendaten passe. Etwa wenn einem Kind ein Medikament verordnet wurde, das für Kinder nicht geeignet sei. Nach Brills Angaben sollen diese Medizinischen Interventionsmodule (MIV-Module) im Sommer zur Verfügung stehen.

Die Gefahr, daß sich die Apotheker durch solche Interventionsmodule selbst überflüssig machen, sieht Brill nicht. Die Software liefere lediglich stereotype Warnhinweise, die der Bewertung durch einen Arzt oder Apotheker bedürften. Wahrscheinlich seien mehr als die Hälfte aller Warnhinweise im konkreten Fall irrelevant, erwartet Brill. Der Apotheker werde deshalb nach seiner Einschätzung nicht überflüssig, sondern im Gegenteil noch wichtiger als bislang.

Ob das elektronische Rezept so aussehen wird, wie es sich die ABDA wünscht, ist allerdings noch nicht endgültig entschieden. Denn es gibt ein Alternativkonzept, bei dem der Arzt das Rezept nicht auf einer Smart-Card, sondern auf einem zentralen Server speichert. Auf diesen Großrechner hätten alle Ärzte und Apotheker via Telefonleitung Zugriff. Wenn der Kunde in die Apotheke kommt, autorisiert er den Apotheker, dieses Rezept vom Server abzurufen und zu beliefern. Brill hält diese Lösung für wesentlich schlechter als den ABDA-Vorschlag. Hierbei fielen enorme Telefongebühren an, nach Schätzungen der ABDA bundesweit 140 Millionen DM pro Jahr. Außerdem sei die Serverlösung wesentlich störanfälliger als die Smart-Card.

Trotz der offensichtlichen Nachteile sei die Serverlösung aber noch nicht vom Tisch, denn ein großer zentraler Rechner, über den Verordnungen von jährlich 30 Milliarden DM liefen, wecke Begehrlichkeiten bei einigen Beteiligten. Die Kontrolle über die Daten auf einem solchen Rechner sei mehr als verlockend. Brill bezeichnete es deshalb als vordringliche Aufgabe der Apothekerschaft, sich auf allen Entscheidungsfindungsebenen für die Smart-Card-Lösung stark zu machen.

PZ-Artikel von Daniel Rücker, GießenTop

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