Pharmazeutische Zeitung online

Quo vadis pharmacia

15.03.1999
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-TitelGovi-Verlag

APOTHEKERAUSBILDUNG

Quo vadis pharmacia

von Fritz Krafft, Marburg

"Quo vadis?" ist der berühmte Titel eines dreibändigen Romans des polnischen zeitkritischen Schriftstellers Henryk Sienkiewicz aus der Mitte der 1890er Jahre über die Christenverfolgung in Rom zur Zeit Neros, der in alle europäischen Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt worden ist. ‘Quo vadis’, seit dem christlichen Mittelalter ein geflügeltes Wort aus der Apostelgeschichte des Heiligen Petrus, wurde so eine jedermann geläufige Redewendung, bezogen ursprünglich einerseits auf die pessimistische allgemeine Grundstimmung zur Jahrhundertwende und andererseits auf die diese zum Teil kompensierende optimistische Fortschrittsidee der Naturwissenschaften am Ende des rückschauend als Jahrhundert dieser Naturwissenschaften bezeichneten Zeitabschnittes – innerhalb dessen ja auch die Pharmazie sich nach und nach zumindest zu einem akademischen Lehrinhalt emanzipiert hat.

Auch diese mußte sich deshalb damals von den Wächtern der Wissenschaftlichkeit an der Universität, als die sich die Vertreter der im Sinne der humboldtschen Universitätsreform etablierten Wissenschaften aufgerufen fühlten, fragen lassen: Pharmacia, quo vadis? – nämlich: "an der Universität", und das bedeutet: Welche sind die Ziele der Pharmazie hinsichtlich ihrer Wissenschaftlichkeit und der Akademisierung der Ausbildung von Pharmazeuten? Heute muß sie sich erst recht und erneut fragen lassen: ‘Wohin gehst Du, Pharmazie?’, was sind Deine Ziele? Ein jeder weiß, daß diese Frage nach dem ‘wohin’ kaum gestellt, geschweige denn beantwortet werden kann ohne das Wissen um das ‘woher’; denn dieses bestimmt im selben Maße wie das ‘Ziel’ die Richtung des ‘wohin’. Hier kann zwar nicht das Herkommen aus einem sowohl kaufmännischen als auch handwerklichen Lehrberuf in aller Breite zurückverfolgt werden, aber dies soll wenigstens in einem für die folgenden Betrachtungen wichtigen Ausschnitt hinsichtlich der akademischen Ausbildung des Apothekers während des jetzt zu Ende gehenden Jahrhunderts in Deutschland geschehen.

Die Prüfungsordnung von 1875

Die Notwendigkeit einer Vereinheitlichung der Apothekerausbildung bestand in Deutschland erst seit der Reichsgründung von 1871. Die erste für das gesamte Reichsgebiet gültige Prüfungsordnung für Apotheker trat im Oktober 1875 in Kraft; sie fußte in wesentlichen Punkten aber auf dem diesbezüglichen Reglement von 1864 für Preußen. Als Vorbildung wurde darin die Reife zur Obersekunda eines Gymnasiums oder Realgymnasiums – die spätere Mittlere Reife – vorgeschrieben; die Ausbildung selbst begann mit einer dreijährige Lehrzeit in einer Apotheke, von der Abiturienten ein halbes (ab 1875 ein ganzes) Jahr erlassen werden konnte, wie es noch heute in Lehrberufen üblich ist. Auf die Gehilfenprüfung folgte eine dreijährige Servierzeit als Gehilfe (vormals Geselle), danach ein jetzt einheitlich dreisemestriges Universitätsstudium. Dieses auf eine sechsjährige praktische Ausbildung in der Apotheke aufgestockte wissenschaftlich orientierte Studium war sogar erst 1875 obligatorisch geworden, insofern zuvor jeweils ein Universitätssemester durch je ein weiteres, über die drei vorgeschriebenen hinausgehendes praktisches ‘Servierjahr’ in einer Apotheke hatte abgegolten werden können (1).

Im für die Ausbildungsregelung führenden Preußen war seit 1858, also nur vier Jahre nach der Abschaffung des ‘Apothekers II. Klasse’, und später auch im Norddeutschen Bund Apothekerlehrlingen und Gehilfen der Besuch von Universitätsveranstaltungen sogar ausdrücklich untersagt worden. Dieser war zuvor wenigstens den am Universitätsort tätigen Gehilfen (auch ohne Matrikel) erlaubt gewesen; und es war sogar ausdrücklich die Möglichkeit eingeräumt worden, umgekehrt bis zu zwei Servierjahre durch eine entsprechende Anzahl von Semestern an einer Universität oder durch den Besuch eines anerkannten Privatinstituts abzugelten. Die Ausbildungsrichtung war also wieder umgekehrt worden; und die maßgebliche Verfügung begründete dieses Verbot denn auch ausdrücklich damit, "daß die ganze Ausbildung der Pharmazeuten während der Lehr- und Servierjahre eine vorzugsweise praktische und propädeutische bleiben" müsse, außerdem zu befürchten sei, daß die "halbgebildeten" jungen Leute sich bei einem Universitätsbesuch "überhöben" (2).

Zwar forderte der Deutsche Apotheker-Verein schon 1876 die sofortige Einrichtung solcher Institute an allen Universitäten. Ein volles naturwissenschaftliches Studium hätte aber neben der Vollimmatrikulation des Pharmazie-Studenten mit Abitur als Voraussetzung auch die sofortige Einrichtung leistungs- und personalstarker Pharmazeutischer Institute an allen Universitäten des Reiches erfordert, was jedoch die zuständigen Gliedstaaten weit überfordert hätte – selbst im fortschrittlichen Bayern, wo bereits eine Verordnung aus dem Jahre 1808 vom Prüfungskandidaten der Pharmazie den Nachweis gefordert hatte, daß er "sich in einem pharmaceutischen Institute in den naturhistorischen, physikalischen, chemischen, pharmaceutischen Wissenschaften 2 Jahre hindurch befähigt", also ein viersemestriges Universitätsstudium in diesen Fächern absolviert habe (3). Aber die Pharmazie war an der Bayerischen Landesuniversität in Landshut nur nominell innerhalb der Professur für Pharmazie, Toxikologie, Arzneimittellehre und Formellehre mit untergebracht, die selbstverständlich damals noch in der Medizinischen Fakultät angesiedelt war; und die Schwierigkeiten der Abgrenzung und Ausstattung des pharmazeutischen (beziehungsweise pharmazeutisch-chemischen) Teils der Nominalfächer hatten seit der Übernahme der Professur durch Johann Andreas Buchner (1783 bis 1852) und besonders auch nach der Übersiedlung der Landesuniversität nach München (1826) verstärkt weiter bestanden, wie aus Buchners Eingaben an seinen königlichen Landesherrn hervorgeht. Als Schüler des Erfurter pharmazeutischen Privatinstituts Johann Bartholomäus Trommsdorffs (1770 bis 1837), dessen Besuch in Preußen einem Universitätsstudium gleichgesetzt worden war, vertrat er eine moderne, chemisch ausgerichtete experimentelle Pharmazie – und hatte sich dafür die Ausstattung weitestgehend privat erstellen müssen.

Akademisierung der pharmazeutischen Ausbildung

Durch die stärkere Nutzung bestehender Einrichtungen war mit der Regelung von 1875 der ab diesem Jahr obligatorische Unterricht für Pharmazeuten im Deutschen Reich zwar universitär und damit im Sinne der humboldtschen Universität auch wissenschaftlich, aber das galt noch nicht für die pharmazeutische Ausbildung selbst. Zum einen war sie nicht nur viel zu kurz, sondern auch in den seltensten Fällen (wie etwa in Marburg) spezifisch pharmazeutisch ausgerichtet, und zum anderen brachten die innerhalb des traditionellen Ausbildungssystems in der Apotheke pharmazeutisch Vorexaminierten ohne Hochschulreife nicht die Voraussetzungen für eine voll-akademische wissenschaftliche Ausbildung mit.

Es wurden deshalb seitens des Standes und der pharmazeutischen Professorenschaft, wenn auch nicht einhellig, schon früh Forderungen nach einer Verlängerung des Studiums, wenn nötig auf Kosten der voruniversitären, praktischen Ausbildung, erhoben. Der Stand sollte aufhören, "ein Refugium der Armen im Geiste zu sein", forderte 1895 eine Gruppe von Hamburger Apothekern und legte dazu einen Ausbildungsplan vor, der außer dem Abitur neben den Lehr- und Servierjahren ein sechs-semestriges Studium beanspruchte (4). Im Vorfeld der neuen Prüfungsordnung von 1904 wurde sogar eine Studiendauer von acht Semestern gefordert, und selbstverständlich auch das Abitur als regulärer Studienzugang. Letzteres wurde zwar erst zum 1. Januar 1921 verwirklicht, aber die Forderung führte immerhin in der Ordnung von 1904 schon einmal zur Verankerung der Primareife als notwendiger Vorbildung, also des erfolgreichen Abschlusses der vorletzten Klasse eines Humanistischen Gymnasiums oder Realgymnasiums oder einer Oberrealschule (dann allerdings mit zusätzlicher Lateinprüfung).

Die Verlängerung des Universitätsstudiums erfolgte aber vorerst einheitlich nur auf vier Semester. Darüber hinaus wurde in dieser Ordnung der Versuch unternommen, den theoretisch-wissenschaftlichen Teil der Ausbildung nicht mehr einfach auf den gesamten praktischen Teil aufzupfropfen, sondern nach dem Vorbild mancher Nachbarstaaten mit diesem zu verweben. Dazu wurde die dreijährige Gehilfenzeit in einer Apotheke auf ein Jahr vor und zwei Jahre nach dem Studium verteilt sowie auch im Universitätsunterricht nach dem Vorbild der Chemie der praktische Teil betont und erstmals geregelt. Er umfaßte "mindestens zwei Semester analytisch-chemische und pharmazeutisch-chemische Übungen, mindestens ein Semester Übungen in der mikroskopischen Untersuchung von Drogen und Pflanzenpulvern, sowie Übungen in den üblichen Sterilisationsverfahren" (5). Entsprechend wurden auch die Prüfungsinhalte von dem mehr Handwerklich-technischen der Galenik, die in der Apotheke zu erlernen war, zu mikroskopischen und chemisch-analytischen Prüfverfahren und zur Herstellung pharmazeutisch-chemischer Präparate verschoben.

Bei der Auswahl der theoretischen Fächer blieb der Pharmaziestudent noch völlig sich selbst überlassen; allerdings erließen die meisten Universitäten Studienpläne als Empfehlungen, um der endlich errungenen ‘akademischen Freiheit’ wenigstens die Richtung zu weisen. Der Gießener Studienplan etwa stammt aus dem Jahre 1904, als Frauen noch nicht zum Studium zugelassen waren, woraus sich der Wortlaut des einleitenden Textes erklärt: "Der Studienplan soll den Herren Studierenden der Pharmazie lediglich eine Anleitung geben, in welcher Weise der Besuch der Vorlesungen und Übungen zweckmäßig auf vier Semester verteilt werden kann. Es empfielt sich, an den grundlegenden Hauptvorlesungen und -Übungen möglichst in den ersten Semestern teilzunehmen, damit die besondere pharmazeutische Ausbildung in den letzten Semestern sich darauf aufbauen kann und reichlich Zeit dafür vorhanden ist. Nicht in den Plan aufgenommen sind Vorlesungen und Übungen, die nicht regelmäßig stattfinden und meist spezielle Zweige der betreffenden Wissenschaften behandeln; es wird den Herren Studierenden hierin Gelegenheit geboten, ihre Kenntnisse auch auf einzelnen besonderen Gebieten zu erweitern und zu vertiefen."

Aus den Prüfungsakten der Universität Gießen geht denn auch hervor, daß das vorgeschriebene Mindestprogramm in der Regel von den Prüfungsanwärtern deutlich überschritten wurde – aber unterschiedlich: Ein Großteil beschränkte sich auf die pharmazeutischen Grunddisziplinen, manche setzten deutliche Schwerpunkte in der Botanik, andere in der Chemie (6). Wie würden doch etliche der heutigen Studierenden solche Möglichkeiten einer eigenverantwortlichen inhaltlichen Gestaltung des völlig verschulten Studiums herbeisehnen!

Beim Eintritt in das akademische Leben war die pharmazeutische Universitätsausbildung also noch keineswegs standardisiert oder gar reglementiert, sondern setzte auf die Eigenverantwortung des Studierenden und ließ ihm Zeit, eigene fachliche Interessen zu verfolgen. Sie entsprach damit den akademischen Gepflogenheiten; und der Einleitungstext des Gießener Studienplans betont das auch, damit gar nicht erst der Eindruck hätte entstehen können, Pharmazeuten seien zu einem akademischen Studium nicht in der Lage. War doch im Vorfeld gegen die Einführung eines obligatorischen Universitätsstudiums angeführt worden, daß die Lehr- und Gehilfenzeit in der Apotheke mit ihrer handwerklichen, vor allem aber kaufmännischen Ausrichtung jeden angehenden Apotheker für ein Universitätsstudium untauglich machen müsse.

Zum 1. Januar 1921 war dann zwar wie in den anderen europäischen Ländern auch in Deutschland das Abitur (Matura) als Vorbildung vorgeschrieben worden, aber der allseits erhobenen Forderung nach einer Verlängerung des Anteils des wissenschaftlichen Studiums an der Ausbildung wurde nicht nachgegeben – obwohl schon damals sowohl in solchen Ländern, die die Ausbildung mit der Lehrzeit beginnen ließen (wie Frankreich und Schweden), als auch in denen, die sogleich nach der Vorbildung mit dem theoretischen Studium begannen und eine Praktikantenzeit meist in das Studium einbauten oder ihm folgen ließen (wie Österreich, Schweiz, Italien, Belgien und Holland), die Länge des Universitätsstudiums sechs bis teilweise zehn Semester betrug (7).

Ziele der sogenannten Wiedergeburt der Pharmazie

Eine Verlängerung der Universitätsausbildung auf die geringste Anzahl in den Nachbarländern von sechs Semestern erfolgte erst 1934, und zwar dann auf Kosten der einjährigen praktischen Assistentenzeit vor dem Studium – und mit der Konsequenz, daß die zuvor vor dem Studium in der Apotheke erworbenen Erfahrungen jetzt in die daraufhin immer mehr praktisch ausgerichtete Universitätsausbildung übernommen werden mußte, jedenfalls nach den Vorstellungen der damaligen Apothekerschaft, die sich damit durchzusetzen vermocht hatte.

Möglich war dies geworden durch die völlig andere politische Situation nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Im Gegensatz etwa zu den gleiche Ziele verfolgenden Vertretern anderer akademischer Berufe und Disziplinen wie der ‘Deutschen Physik’ oder der ‘Deutschen Chemie’, hatten die linientreuen Standesvertreter wegen der engen Verquickung von Wissenschaft und Praxis innerhalb der Gesamtpharmazie aufgrund des politisch vorgegebenen Strebens nach Gleichschaltung aller Standesvertretungen und Unterordnung unter das Führerprinzip jetzt nämlich auch entsprechende Machtbefugnisse erhalten, die sich in der Gestalt des Apothekers und Apothekenbesitzers Albert Schmierer konzentrierten (8).

Zu den von ihm durchgesetzten nationalsozialistischen Ideen gehörte neben der sogenannten Entjudung der deutschen Apothekerschaft auch das Programm der nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Deutscher Apotheker zur ‘Wiedergeburt der Phar-mazie’. Dieses war bereits vor der Machtergreifung im September 1932 verabschiedet worden, expressis verbis mit dem Ziel, "für Volk und Staat Höchstleistungen zu erbringen" und das daniederliegende Apothekenwesen von dem "jüdisch-liberalistischen Händlergeist, platten Materialismus und eine[r] klassenkämpferische[n], marxistische[n] Krankenkassenbürokratie" zu befreien (9).

Was zur Erreichung dieser Ziele über den Verordnungsweg geregelt werden konnte, ließ sich in dem totalitären System ziemlich rasch umsetzen, so auch die Verabschiedung einer diesen Zielen angepaßten Prüfungsordnung für Apotheker im Dezember 1934. Statt eines Numerus clausus, wie ihn die Studentenschaft damals gefordert hatte, um dem Überangebot an ausgebildeten Apothekern Herr zu werden (es gab etwa 2000 arbeitslose approbierte Apotheker), sollten mit der Prüfungsordnung durch eine um zwei auf insgesamt sechs Semester verlängerte und breitere Universitäts-Ausbildung die wissenschaftlichen Grundlagen geschaffen werden, um eine leistungsfähigere moderne Galenik in Rezeptur und Defektur in die Apothekenpraxis einzuführen.

Das hing mit dem eigentlichen, fundamentalen Ziel der Wiedergeburt der Pharmazie zusammen, dem Versuch der Wiederherstellung des Apothekenmonopols – nicht nur gegen das Drogistengewerbe und den Arzneimittelversand, son-dern vor allem auch gegen die inzwischen übermächtig gewordene Pharma-Industrie, die sich statt ihrer überteuerten Fertigpräparate und überflüssigen Spezialitäten auf die Produktion wertvoller Simplicia und Arzneistoffe beschränken sollte.

Wie die für die Zulassung zur Pharmazeutischen Prüfung nachzuweisenden Ausbildungsinhalte in der neuen Prüfungsordnung zeigen, waren zu den traditionellen Fächern diesen Zielen entsprechend nicht nur ‘Buchführung, Steuerkunde und Privatwirtschaftslehre’ sowie ein einjähriges Praktikum in einer nach politischen und pädagogischen Gesichtspunkten auserlesenen ‘Lehrapotheke’ hinzugekommen (deren es 1935 im gesamten Reichsgebiet 350 gab), sondern auch Homöopathie mit praktischen Übungen, die wissenschaftliche Pharmakognosie und die Betonung der Galenik, ebenfalls jeweils mit praktischen Übungen, die auch für fast alle anderen Veranstaltungen vorgeschrieben wurden.

Mit diesen an der Arzneimittelherstellung orientierten Ausbildungsinhalten sollte als politisches Ziel nicht nur die Rückeroberung des Apothekenmonopols ermöglicht werden; ein weiteres, mit lauter Propaganda unterstütztes Ziel der Wiedergeburt der Pharmazie war - in Vorwegnahme des ersten Vierjahresplans - die Autarkisierung des deutschen Arzneimittelwesens durch die Rückbesinnung auf heimische Heilpflanzen. Das erklärt einerseits den hohen Anteil an Veranstaltungen zur Pharmakognosie, die bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert weitgehend auf Pflanzen beschränkt worden und zu einer Art angewandter Botanik der Heilpflanzen geworden war, andererseits aber auch das große Gewicht, das selbst seitens der Notgemeinschaft Deutscher Wissenschaft (des Vorläufers der DFG) auf die Erforschung heimischer Heilpflanzen und ihrer Wirkstoffe an den Universitäten gelegt wurde.

Phytotherapie und Naturheilkunde fanden in diesem Umfeld ebenso einen vorzüglichen Nährboden wie die Homöopathie. Herausragenden Vertretern dieser alternativen Heilmethode war es gelungen, die ja von einem Deutschen geschaffene Homöopathie den nationalsozialistischen Machthabern als ganzheitliche, auf polaren Spannungen aufbauende deutschartige (und somit nationalsozialistischer Ideologie entsprechende) Alternative zur rational-westlichen Medizin und Pharmazie anzubiedern. Man erreichte auf diese Weise, daß das vom Firmeninhaber der 1866 in Leipzig gegründeten Homöopathischen Zentralofficin Dr. Willmar Schwabe verfaßte und für die firmeneigene Werbung gedachte Homöopathische Arzneibuch von 1901 in der zweiten Auflage von 1924 unter Weglassung des Verfassernamens zum 1. Oktober 1934 reichseinheitlich als erstes amtliches und verbindliches Homöopathisches Arzneibuch eingeführt wurde. Nicht nur, daß die heute auf diesem Gebiet tätigen Firmen, wenn schon nicht ihre Entstehung, so doch ihre wirtschaftliche Bedeutung dieser nationalsozialistischen ‘Wiedergeburt der Pharmazie’ verdanken, die ja eigentlich dem Apotheker hatte zugute kommen sollen, der aber nur deren Produkte abgibt – auch die Reserve gegenüber den (dann ja scheinbar nicht natürlichen) chemischen und biotechnischen Erzeugnissen der Pharma-Industrie wurde hier, ideologisch begründet, geschürt.

Aber die Chemische und die Pharmazeutische Industrie besaßen im Dritten Reich einen sehr viel größeren Einfluß als die Apotheker – trotz aller Demonstration der Linientreue; bei den nationalsozialistischen Machthabern überwog nämlich stets Pragmatismus gegenüber der Ideologie. Und so verblieb die Herstellung von Fertigpräparaten natürlich bei der Chemisch-Pharmazeutischen Industrie.

Man spürt regelrecht die Verzweiflung, die einen überzeugten Nationalsozialisten wie den vormaligen Oberapotheker (ab 1933) und (ab 1. Januar 1935 bis 1943) Direktor der Apotheke an dem größten Krankenhaus in Norddeutschland, dem Allgemeinen Krankenhaus St. Georg in Hamburg, Max Burger (1898 bis 1967), befallen mußte, wenn ihm die Industrie bei seinen Bestrebungen, die Ziele der Wiedergeburt der deutschen Pharmazie in die Praxis umzusetzen, die Unterstützung versagte (10). Seine Vorstellungen vom Fertigungsprogramm vor allem in der damals in Deutschland führenden Abteilung zur Herstellung steriler Lösungen in Ampullen als Fertigarzneimittel zielten auf "die Erhaltung des Charakters der Anstaltsapotheke als Arzneimittelbereitungsstätte" und deshalb auch darauf ab, von der pharmazeutischen Industrie Substanzen ihrer wichtigsten Produkte für Rezepturzwecke zu erhalten, um diese dann in der eigenen Apotheke verarbeiten zu können. Dazu war ihm zwar ein Teilerfolg bei der Firma Knoll beschieden, die ihm Veritol® lieferte; völlig mißlang ihm aber ähnliches etwa bei dem Pharma-Riesen Hoechst mit dem ihm viel wichtigeren Dolantin®. Sein Stoßseufzer: "Wenn der junge Arzt im Krankenhaus nicht die Arzneizubereitungen aus der Apotheke kennenlernt, wird er in der Praxis erst recht dem Fertigpräparat verfallen" (1942) war zwar aus der Sicht der nationalsozialistischen Apothekerschaft völlig berechtigt, nur war er letztlich anachronistisch, weil die Entwicklung lange andere Wege gegangen war und auch von den nationalsozialistischen Standesvertretern nicht rückgängig gemacht werden konnte.

Burger war immerhin schon vor der Machtergreifung Obmann der Fachschaft Apotheker im NS-Ärztebund gewesen und unter anderem ab 1931 Vorsitzender der Fachorganisation der angestellten Apotheker, der ‘Apothekergemeinschaft’, die dann unter Hans Reinhard Fieck in die ‘Arbeitsgemeinschaft Deutscher Apotheker’ (ADA) aufging, deren Untergruppe der Angestellten Burger unterstellt wurde, und hatte maßgeblich an der Formulierung und Propagierung des neuen Programms mitgearbeitet und sich dazu mit der schon Ende 1932 parteiamtlich gewordenen Zeitschrift Die Deutsche Apotheke auch ein Sprachrohr geschaffen (11). In Hamburg bekleidete er daneben ab 1933 das Amt des Rates für Apothekenwesen, der höchsten Beratungs- und Kontrollinstanz für den pharmazeutischen Bereich in der Gesundheitsbehörde der Stadt (12).

Nachwirkungen der Prüfungsordnung von 1934

Ab 1934 ist die Ausbildung der Apotheker aber gleichzeitig auf eine verbesserte und wissenschaftlich fundierte Galenik für die Rezeptur und Defektur in der Offizin ausgerichtet worden, und sie ist es daraufhin noch heute.

An dieser durch die nur teilweise erfolgte Verwirklichung eines ideologischen Zieles entstandenen Diskrepanz krankt letztlich noch heute das pharmazeutische universitäre Ausbildungswesen in Deutschland mit seiner schwergewichtigen Ausrichtung auf experimentelle Praktika – vor allem in der pharmazeutischen Chemie, die aber schon lange nicht mehr die einseitige Bedeutung für die Suche nach Arzneistoffen und die Herstellung von Arzneimitteln besitzt wie in den ersten anderthalb Jahrhunderten seit dem Entstehen einer wissenschaftlichen Pharmazie um 1800.

Zwar haben die universitären Veranstaltungen inzwischen unter ihren alten Titeln moderne Inhalte aufgenommen, was von den Kritikern außerhalb der Universität meist unberücksichtigt bleibt; aber ein gemeinsames ‘pharmazeutisches’ Ziel verfolgen sie damit noch nicht (13), zumal deutsches Hochschul- und Besoldungsrecht wirklich interdisziplinäre Veranstaltungen mit mehreren Dozenten unterschiedlicher (pharmazeutischer) Disziplinen kaum zuläßt. Man bedenke allein die gegenwärtigen Schwierigkeiten bei der Verwirklichung des 1989 als interdisziplinäre Veranstaltung eingeführten Seminars ‘Fertigarzneimittel’, auf das aber statt der zwei mühsam durchgezogenen Stunden eigentlich ein Großteil der Lehre für Offizinapotheker ausgerichtet sein sollte – denn diese sind heute sein tägliches Brot! Bei den gegenwärtigen Verhandlungen um eine Novellierung oder Neufassung der Approbationsordnung von 1989 ist aber eigenartigerweise von diesem Fertigarzneimittelseminar gar nicht mehr die Rede. Heute haben die Vertreter der Apothekerschaft andere, höhere Ziele, die sich aber durchaus damit hätten verbinden lassen.

Eine weitere Gefahr ist im Zusammenhang mit der Ordnung von 1934 mit ihren weitgehenden, vorwiegend von der Apothekerschaft erwirkten Änderungen sehr deutlich geworden. Die wegen des stark zurückgegangenen Bedarfs an Apothekern, vor allem aber wegen der erforderlichen, jedoch durch die vielen praktischen Übungen personalintensiven Neuordnung der Studieninhalte als unumgänglich deklarierte Gesamtplanung innerhalb des Deutschen Reiches hatte im Hinblick auf die neue Studienordnung schon von langer Hand die Schließung von insgesamt zehn Universitäts-Ausbildungsstätten für Pharmazeuten im Reichsgebiet vorbereitet. Diese wurde zum 1. Oktober 1938 durchgeführt, ohne daß allerdings die freiwerdenden Einrichtungen und Stellen an die verbliebenen pharmazeutischen Lehr- und Forschungsstätten an anderen Universitäten aufgeteilt worden wären. Die betroffenen Universitäten waren Bonn, Darmstadt, Gießen, Göttingen, Greifswald, Halle, Hamburg, Heidelberg, Rostock und Würzburg. Nur das Bundesland Hessen hat es übrigens bis heute dabei belassen; an allen anderen Hochschulen außer Gießen und Darmstadt ist die Pharmazie nach dem Kriege wieder eingerichtet worden – als eine Art Wiedergutmachung.

Heute scheint allein die föderale Kulturhoheit ein Garant dafür zu sein, daß Schließungen zumindest nicht in solcher Ballung und in länderübergreifender Koordinierung bevorstehen, obwohl es eigenartigerweise immer wieder einzelne Ausbildungsstätten der Pharmazie sind, die für eine Auflösung ins Gespräch gebracht werden – auch universitätsintern wie im Fall Heidelberg, was jetzt allerdings wohl abgewendet werden konnte. Jedoch ist Saarbrücken wieder umstritten, und die Infragestellung an der Humboldt-Universität ist noch keineswegs ausgestanden (14) – da stellt die Apothekerschaft wieder Forderungen nach sehr personalintensiven neuen Studieninhalten und einem fünften Prüfungsfach in der Neufassung der Approbationsordnung. Es droht eine ähnliche Situation wie nach 1934, die 1938 zu den genannten Konsequenzen geführt hat, wenn dem nicht von Anfang an gegengesteuert wird.

Nicht nur bestimmte Inhalte, auch das eindeutige Schwergewicht zugunsten praktischer Unterrichtsveranstaltungen waren mit der Prüfungsordnung von 1934 in Deutschland für die gesamte Folgezeit bis in die Gegenwart maßgeblich geworden. Während andere Länder wie die Schweiz sich zur selben Zeit 1935 zu einem unterbrochenen sieben- und später achtsemestrigen Studium durchrangen, blieb die deutsche Ausbildung sozusagen ein unterbrochenes Praktikum, wobei selbst das dieses Praktikum unterbrechende Studium stark praktisch orientiert war. Letzteres ist bis heute so geblieben. Kein europäisches Land weist eine solche Unterrepräsentanz theoretischer Lehrveranstaltungen gegenüber den Praktika auf wie die Bundesrepublik; zudem ist seit der Approbationsordnung von 1971 der Besuch von Vorlesungen nicht einmal mehr vorgeschrieben, sondern mehr oder weniger expressis verbis in das Belieben der Studierenden gestellt – fast wie zur Rettung eines kleinen Stückchens akademischer Freiheit.

Politische Ziele der Novellierung der Approbationsordnung von 1989

Deshalb ist auch die Angleichung an die Verhältnisse in den anderen EU-Staaten eines der politischen Ziele der anstehenden Novellierung. Das soll teilweise durch theoretische Veranstaltungen zu den insgesamt im Zeitumfang gekürzten Praktika (vor allem der Chemie) und die Einführung neuer, scheinpflichtiger ‘Seminare’ erreicht werden – letzteres, weil reine Vorlesungen ohne Klausur- oder Prüfungskontakt kaum besucht würden. Es scheint also noch nicht sehr weit gediehen zu sein mit der Universitätsreife der Studierenden der Pharmazie; hiermit wird vielmehr die über Jahrzehnte entstandene, seit der Approbationsordnung von 1971 auch sanktionierte, aber völlig universitätsfremde Einstellung des Pharmaziestudierenden fortgeschrieben, mit der Konsequenz, daß alles, worauf die Apothekerschaft gegenwärtig mit Recht für ihren Nachwuchs Wert legt, in Zukunft als Seminar oder Vorlesung mit Seminar betitelt werden wird.

Deren Durchführung kann aber nur mit einem großen Etikettenschwindel verwirklicht werden, weil dem Studierenden wegen der nicht vorgesehenen Verminderung der zeitlichen Belastung kaum die Möglichkeit verbleiben und geboten werden kann, sich den Stoff des Seminarthemas selber zu erarbeiten, um ihn vortragen und in kleinen Gruppen von bis zu 15 Teilnehmern mit diesen und dem Lehrenden diskutieren zu können. Dies eben macht aber ein ‘Seminar’ aus, das übrigens mit intensiver Betreuung verbunden wäre und eine völlige Umorientierung der pharmazeutischen Bibliotheken erforderte. Zudem müßte ein ‘Seminar’ je nach Anzahl der Studierenden im betroffenen Fachsemester vom Lehrenden (und das können dann kaum wie bei der Praktikumsbetreuung Promovierende sein) mehrfach parallel angeboten werden, was keine Kapazitäts- und Deputatsberechnung zuließe.

Der Weg zum vollakademischen, achtsemestrigen Studium

Die Approbationsordnung von 1934 war mit einigen kriegs- und nachkriegsbedingten Ausnahmeregelungen nach 1945 weiterhin und ab 1951 ausdrücklich wieder uneingeschränkt für die Bundesrepublik gültig. Dagegen regelte die DDR im selben Jahr 1951 bereits die Apothekerausbildung neu und führte dabei in bewußter Anpassung an andere naturwissenschaftliche Studiengänge erstmals in Deutschland ein achtsemestriges Universitätsstudium ein.

Eine gewisse Lösung – nicht vom praktischen Unterricht, aber von der Apothekenpraxis – stellte dann sowohl die DDR-Ordnung von 1969 als auch die Approbationsordnung der Bundesrepublik von 1971 dar, deren diesbezügliche Grundzüge allerdings in der Bundesapothekerordnung festgelegt waren, die schon am 27. März 1968 als Beendigung einer achtzehnjährigen Diskussion vom Bundestag verabschiedet worden war. Seitdem begann nämlich in beiden deutschen Staaten die Apothekerausbildung wie in allen anderen akademischen Fächern sogleich nach dem Abitur mit dem Universitätsstudium, das in der DDR nach 12 Jahren Schule acht Semester plus einem Semester für die Diplomarbeit umfaßte, in der Bundesrepublik nach 13 Jahren Schule sieben Semester; es folgte jeweils ein Jahr als Praktikant, von welchem aber nur ein halbes in einer Apotheke absolviert werden mußte.

Gleiches gilt dann für die Approbationsordnung von 1989, nur daß hierin aufgrund einer EG-Richtlinie aus dem Jahre 1985 gezwungenermaßen auch endlich für die Bundesrepublik der europäische Standard eines achtsemestrigen Studiums eingeführt wurde. Im benachbarten Österreich etwa war schon 1969 ein achtsemestriges Studium eingeführt worden, wobei die Praktikantenzeit nach dem Studium 1971 von zwei auf ein Jahr verkürzt, das Studium aber 1973 durch ein Semester für eine Diplomarbeit verlängert wurde. Auch in der Schweiz war das ‘unterbrochene’ Studium schon 1961 von sieben auf acht Semester verlängert worden.

Das Ziel vieler Pharmazeuten in Hochschule und Apotheke, ein vollakademisches (achtsemestriges) Pharmaziestudium, war also in der DDR bereits viel früher als in der Bundesrepublik erreicht worden, und dort sogar mit der für eine Naturwissenschaft eigentlich erforderlichen Möglichkeit einer abschließenden Diplomprüfung. Zwar ist dann im Zuge der erforderlichen Anpassung an die für die gesamte Bundesrepublik geltende Approbationsordnung so manche Einrichtung der DDR in den neuen Bundesländern vorschnell aufgegeben worden; doch die Möglichkeit, das Studium als Diplom-Pharmazeut neben und zusätzlich zu der Approbation abschließen zu können, scheint den politischen Wechsel überstanden zu haben – jedenfalls sind in den neuen Bundesländern entsprechend angepaßte Diplomprüfungsordnungen genehmigt worden.

Demgegenüber stehen in den alten Bundesländern neben rechtlichen Bedenken (ein und dasselbe Studium führe gleichzeitig zu zwei unterschiedlichen qualifizierenden Abschlüssen) noch Kapazitäts-Überlegungen seitens der Ministerien einer Wiederbelebung der Bemühungen um einen Diplom-Pharmazeuten aus den frühen 1970er Jahren entgegen. (Damals bot übrigens ab Mitte Juni 1971 Marburg als erste und einzige bundesdeutsche Hochschule einen Studiengang zum Diplom-Pharmazeuten an, der aber nur von einer Pharmazeutin 1978 absolviert wurde; durch die völlige Auslastung als Numerus-clausus-Fach konnten die zur Vertiefung erforderlichen Zusatzveranstaltungen auch nicht allgemein angeboten werden.) In den alten Bundesländern wie in Hessen achten die zuständigen Ministerien mehr darauf, daß jedem Studierenden beliebig viele Wiederholungsmöglichkeiten offenbleiben, als daß Möglichkeiten einer Höher-Qualifizierung, wie sie manche Universitäten insbesondere für Absolventen anstreben, die nicht in die öffentliche oder Krankenhausapotheke gehen wollen, überhaupt in Erwägung gezogen werden.

Jedenfalls ist bisher nur in Bonn ein fünfjähriger Probelauf für eine Diplomprüfungsordnung, die wie in den neuen Bun-desländern weitgehend auf der Zweiten Pharmazeutischen Prüfung basiert, genehmigt worden (16). Die bevorstehende Novellierung der Approbationsordnung von 1989 wird hierzu nichts beitragen oder bewirken können.

Einheitliche Ausbildung für alle pharmazeutischen Berufe

Noch wird die pharmazeutische Universitätsausbildung nicht differenziert, und es sind gerade die von der ABDA vornehmlich vertretenen Offizinapotheker, die davon profitieren, daß der zukünftige Herstellungsleiter und Pharma-Forscher und der Krankenhausapotheker dasselbe, auch ihm vorgeschriebene Hochschulstudium zu absolvieren haben. Für den Offizinapotheker wäre es deshalb höchst bedauerlich, wenn er durch eine zu frühzeitige Differenzierung des Studiums den zusätzlichen Gewinn verlöre, den er gegenwärtig aus der Lern- und Lehrsymbiose ziehen kann, die es nur an der Universität mit ihrer Solidargemeinschaft zwischen Studierenden, Promovierenden und Lehrenden gibt. Auf BAT IIa-Nachwuchsstellen Promovierende sind in diesem System sowohl Lernende als auch Lehrende, womit sie nicht zuletzt dazu beitragen, daß das Studium der Pharmazie trotz der hohen wissenschaftlichen Ansprüche bundesweit im Vergleich zu anderen Fachstudiengängen nicht nur nach den wenigsten Semestern, sondern auch von den meisten Studienanfängern, nämlich von weit mehr als zwei Dritteln, erfolgreich abgeschlossen wird.

Das wird allerdings mehr und mehr dadurch gefährdet, daß durch die Kürzungen auch der Personalmittel die Praktikumsbetreuung trotz des vielfachen Einsatzes von Drittmittel-Bediensteten eingeschränkt werden muß. Gleiches droht durch die geforderte größere Vielfalt der Studieninhalte, die zwar das gegenwärtige Maß nicht im Stundenumfang, aber an Intensität weit übertreffen soll. Bei den vielfältigen Aufgaben, die die Apothekerschaft ihrem Beruf in Zukunft auferlegen möchte, um ihm die Berechtigung einer akademischen Ausbildung zu erhalten und neue Betätigungsfelder bereits vom allgemeinen Studium her zu erschließen, geht die pharmazeutische Ausbildung und damit die Universitätspharmazie aber zwangsläufig einem Scheidepunkt entgegen: Pharmacia, quo vadis?

Die Legende berichtet nach dem Martyrium des Apostels Petrus von Pseudo-Linus, daß Petrus auf der Flucht vor der Christenverfolgung unter Nero in Rom vor dem Tor Christus begegnete. Er betete ihn an und fragte: "Domine, quo vadis?" Christus antwortete: "Ich gehe nach Rom, um ein zweites Mal gekreuzigt zu werden." Petrus kehrte daraufhin reumütig um und ging in die Stadt zurück.

Der Leser mag selber bestimmen, in welchem Sinne er die anfänglich gestellte Frage beantwortet wissen möchten. Die Antwort: Ich gehe nach Rom, um ein zweites Mal gekreuzigt zu werden, würde jedenfalls im übertragenen Sinne bedeuten, daß es sich lohnt und weitgehend existentiell ist, die vorgeschlagene neue Ausrichtung der Studieninhalte einzuführen, daß aber auch beide Seiten (Christus und Petrus) sich dieser Notwendigkeit zu stellen haben.

Literatur

  1. Beyerlein, B., Die Entwicklung der Pharmazie zur Hochschuldisziplin (1750–1875). Ein Beitrag zur Universitäts- und Sozialgeschichte. Mit einem Geleitwort von Rudolf Schmitz. Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie, Bd 59, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart1991, S. 165.
  2. Adlung, A., Urdang, G., Grundriß der Geschichte der deutschen Pharmazie. Julius Springer Berlin 1935, S. 142.
  3. Adlung/Urdang 1935, S. 136.
  4. Rankenburg, H., Die Apothekerausbildung im Spiegel der deutschen Prüfungs- und Approbationsordnungen von 1875 bis 1989. Mit einem Geleitwort von Peter Dilg. Pharmaziehistorische Forschungen, Bd 1), Peter Lang Frankfurt am Main 1996, S. 27.
  5. Billig, Chr., Pharmazie und Pharmaziestudium an der Universität Gießen. Mit einem Geleitwort von Fritz Krafft. Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie, Bd 67, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 1994, S. 77.
  6. Billig 1994, S. 240–242.
  7. Siehe Pharm. Ztg. 70 (1925) 960.
  8. Schröder, G., NS-Pharmazie. Gleichschaltung des deutschen Apothekenwesens im Dritten Reich. Ursachen, Voraussetzungen, Theorien und Entwicklungen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart1988, S. 213–251.
  9. Schröder, G., Die »Wiedergeburt« der Pharmazie – 1933 bis 1934. In: Mehrtens, H., Richter, S. (Hrsgg.), Naturwissenschaft, Technik und NS-Ideologie. Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte des Dritten Reichs. (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 303), Suhrkamp Frankfurt am Main 1980, S, 166–188; hier S. 171.
  10. Gleiche, G., Die Apotheke im Allgemeinen Krankenhaus Szt. Georg, Hamburg, 1823–1973. Eine Chronik vor dem Hintergrund des stadtgeschichtlichen, medizinalrecht-lichen, medizinischen und naturwissen-schaftlichen Geschehens. Mit einem Geleitwort herausgegeben von Fritz Krafft. Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie, Bd 75, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 1998, S. 279 f.
  11. Schröder 1988, S. 69–82.
  12. Gleiche 1998, S. 194.
  13. Kissel, Th., Quo vadis pharmacia? Dtsch. Apoth. Ztg. 132 (1992) 1822
  14. Dtsch. Apoth. Ztg. 138 (1998) 694 f.
  15. Krafft, F., Apothecarius: idiota sive academicus. Zur Apothekerausbildung. Teil II. Pharm. Ztg. 139, Nr. 33 (1994) 2598.
  16. Siehe Blasius, H., Ein Novum an der Uni Bonn: Diplompharmazie. Student und Praktikant (DAZ-Beilage) 16, Nr. 3 (1997) 17-20.
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