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Cortison, die Wunderdroge gegen Rheuma

05.03.2001
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ARZNEIMITTELGESCHICHTE

Cortison, die Wunderdroge gegen Rheuma

von Franz Kohl, Freiburg

Cortison und seine Derivate gehören zweifelsohne zu den ganz "großen" Medikamenten der Pharmakotherapie. Betrachtet man die Indikationspalette, das breite Einsatzgebiet und die Verordnungshäufigkeit dieser Substanzen, so rechnen sie eindeutig zu den bedeutsamsten Pharmaka der Arzneimittelgeschichte. Vor fünfzig Jahren entdeckte eine Forschergruppe an der Mayo-Klinik die klinischen Grundlagen dieser "Wunderdroge" des letzten Jahrhunderts. Die antirheumatische Wirkung des Cortisons wurde ab April des Jahres 1949 publik gemacht. Es kam zu einem regelrechten Triumphzug der neuen Substanz; die hauptsächlich beteiligten Forscher erhielten bereits 1951 den Nobelpreis für Medizin und Physiologie.

Am 13. April 1949 berichteten Forscher bei der wöchentlichen Konferenz an der Mayo-Klinik in Rochester/Minnesota vor einem größeren Ärztekreis über die antirheumatischen Wirkungen der neuen Substanz. In den vorangegangenen Wochen hatten berühmte Rheumatologen die Beobachtungen der Gruppe bestätigt. Danach begann eine geradezu triumphale Pressekampagne, die diese Forschungen ungewöhnlich rasch bekannt machte und in den Jahren 1950 und 1951 eine große Zahl weiterer Untersuchungen initiierte. Die ungewöhnlich rapide Entwicklung von der Beobachtung zum Breiteneinsatz als marktgängiges Medikament kennt in der Geschichte nur eine einzige Parallele: die Entdeckung der Insulinwirkung und die Anwendung des Hormons bei Diabetes mellitus in den Jahren 1921 bis 1923.

Die Erklärung für den rapiden Start ist eindeutig: An der genannten, vornehmlich wissenschaftlich ausgerichteten Konferenz in der Mayo-Klinik nahm ein bekannter amerikanischer Journalist teil: William L. Laurence. Dieser brachte acht Tage später, am 21. April 1949, einen populären Beitrag auf der Titelseite der New York Times mit der Überschrift "Ein neues Hormon verspricht Hilfe bei rheumatoider Arthritis". Laurence bezeichnete die Entdeckung als einen Meilenstein der Medizin und verglich sie bereits mit der Auffindung des Insulins in den Jahren 1921/22 oder derjenigen des Penicillins 1939/40. Die spätere Entwicklung zahlreicher Indikationen für das Cortison sollte ihm weitgehend Recht geben.

Zunächst aber war ein griffiger, allgemein akzeptabler Name für die Substanz zu finden. Chemisch handelte es sich um das 17-Hydroxy-11-dehydro-corticosteron, eine Abwandlung des natürlichen Nebennierenrindenhormons, das während der Forschungsarbeiten unter dem Namen "compound E" figuriert hatte - eine zu nüchterne Bezeichnung für ein potenziell so vielfältig wirksames Medikament. Außerdem hatte es bereits Verwechslungen mit "Vitamin E" gegeben, was Rheumakranke zu vermehrtem Kauf dieses Vitamins veranlasst hatte. Der Leiter des biochemischen Laboratoriums der Mayo-Klinik schlug zunächst die Bezeichnung "Corsone" vor, die wegen der Assoziation mit einem damals gängigen Herzmittel wenig Akzeptanz fand. Schließlich wurde nach einem Vortrag der Forschergruppe auf dem internationalen Kongress für Rheumakrankheiten der Begriff "Cortison" vorgeschlagen, der in der medizinischen Fachwelt bald weite Verbreitung fand.

Welche Funktion hat die Nebennierenrinde?

Mit dem Siegeszug des Cortisons endete eine Entwicklung, die sich von den Anfängen der Endokrinologie her nachzeichnen lässt. Diese Vorgeschichte dauerte nahezu ein Jahrhundert.

Die Nebennieren wurden im Verlauf der Medizingeschichte erst relativ spät beachtet. In den berühmten Anatomieatlanten des Andreas Vesalius (1514 bis 1564) sucht man zu Beginn der europäischen Neuzeit die Nebennieren vergeblich. Die Erstbeschreibung wird zumeist dem italienischen Renaissance-Anatomen Bartholomäus Eustachius (etwa 1520 bis 1574) zugeschrieben, da diese auf Kupfertafeln des Eustachius 1564 abgedruckt sind. Es dauerte aber noch eine Generation, ehe die Nebennieren größere Aufmerksamkeit fanden. Noch länger blieb ihre Funktion unklar.

Im Jahre 1806 veröffentlichte der seinerzeit bekannte Hallenser Anatom Johann Friedrich Meckel d.J. (1781 bis 1833) eine Arbeit unter dem Titel "Über die Schilddrüse, Nebenniere und einige ihnen verwandte Organe". Darin bemühte er sich, die Bedeutung dieser Organe in Exstirpationsversuchen weiter zu erklären. In den Jahren 1852 bis 1854 unterschied dann der Würzburger Anatom Albert von Koellicker (1817 bis 1905) zum ersten Mal die hellere Nebennierenrinde von dem dunkleren Mark. Koellicker nahm bereits an, dass die beiden Nebennierenanteile unterschiedliche Funktionen hätten.

1855 erschien mit der bald berühmten Monographie von Thomas Addison (1793 bis 1860) unter dem Titel "On the constitutionell local effect of disease of the supra-renal-capsules" eine klinisch-anatomische Arbeit, die sich vorwiegend mit den Nebennieren befasste. Addison konnte zwar das klinische Bild der später nach ihm benannten Erkrankung (eine primäre Nebennierenrinden-Insuffizienz) präzise beschreiben und auch die Verursachung durch einen Tumor oder eine Tuberkulose der Nebennierenrinde erklären; zur Funktion dieses Organs trug seine klinisch so wertvolle Studie jedoch zunächst nur wenig bei.

Die folgenden Jahre brachten weitere Einsichten, die die Anfänge der Endokrinologie - ohne dass diese Bezeichnung schon vorlag - bedeuteten. Der französische Physiologe Charles-Edouard Brown-Séquard (1817 bis 1894), der 1846 durch berühmte Arbeiten zum Rückenmark hervorgetreten war, nahm die von Meckel begründeten Exstirpationsversuche wieder auf. Er entdeckte in verschiedenen Tierstudien, dass bei Entfernung der gesamten Nebennieren der baldige Tod eintritt. Dies machte weitere Forscher auf die möglicherweise lebenswichtige Bedeutung der Nebennieren aufmerksam. Die Histologie und Biochemie der Nebennierenrinde konnten erst nach und nach weiter geklärt werden, etwa durch die Färbung mit chromsaurer Kalilösung, die Jakob Henle (1809 bis 1885) 1865 in Göttingen vornahm.

Seit den 1880er Jahren erprobten einige Forscher - allen voran wiederum Brown-Séquard - eine neue Therapieform, die zunächst "Organotherapie" genannt wurde. Dazu wurden neben Hoden- und Schilddrüsenextrakten zeitweilig auch Nebennierenextrakte verwendet - mit angeblich in Einzelfällen geradezu spektakulären Heilerfolgen. In den frühen 1890er Jahren war nicht nur die undifferenzierte "Organotherapie", sondern auch eine spezifische Behandlung mit verschiedenen Drüsenextrakten - insbesondere Schilddrüsenextrakten tierischer Herkunft bei Kretinismus und Myxödem - weit verbreitet.

Der große kanadische Kliniker William Osler (1849 bis 1919) fand eine Extraktionsmethode mit Glycerin, mit deren Hilfe aus frischen Nebennierenrinden von Schweinen potente Heilmittel hergestellt werden konnten. Da es sich wahrscheinlich um Mischpräparate handelte, ja handeln musste, die wesentlich den Wirkstoff Adrenalin enthielten, konnte zunächst keine Klarheit über die Bestandteile dieses Extraktes und dessen Wirkungen auf Addison-Kranke gewonnen werden. Als dann 1897 John Jakob Abel (1857 bis 1938) die chemische Struktur des Nebennierenmarkhormons aufdeckte und die Substanz als "Epinephrin" bezeichnete, lag die später als Fehlschluss erkannte Folgerung nahe, dass Adrenalin primär der beim Morbus Addison fehlende Botenstoff sei. Eine Zeitlang wurden Adrenalin-haltige Organextrakte oder das zunehmend rein hergestellte Adrenalin zur Behandlung verschiedener Erkrankungen eingesetzt, bis die Grenzen einer solchen Behandlung offenbar wurden.

Extrakte aus der Nebennierenrinde helfen Patienten mit Morbus Addison

Der nächste Schritt, der die schon von Koellicker vorgeschlagene Differenzierung des Nebennierenmarks von der Rinde fortsetzte, gelang Arthur Biedl (1869 bis 1933) in Wien. In einer Serie geschickter Tierexperimente belegte er zunächst, dass bei den Experimenten seiner Vorgänger - von Brown-Séquard bis Sharpey-Schäfer - nicht der operative Eingriff an sich die Todesursache war, sondern die Entfernung des Organs als solches. Er operierte seine Versuchstiere zweizeitig; entweder entfernte er die gesamte Nebenniere oder nur die Nebennierenrinde. Damit konnte er unzweifelhaft zunächst an Knorpelfischen belegen, dass allein die Nebennierenrinde lebensnotwendig ist und ihre spezifische Entfernung nach einigen Tagen zum Tod der Tiere führt. Auch zeigte er, dass Adrenalin nicht die lebensnotwendige Substanz ist, die bei Entfernung der Nebennierenrinden den Tod bewirkt. Das eigentlich lebenswichtige "Hormon" - ein Begriff, der im Jahre 1905 von Ernest Henry Starling (1866 bis 1927) geprägt wurde - musste also in der Rinde des Organs gesucht werden. Konsequenterweise setzte Biedl sich dafür ein, die Adrenalintherapie des Morbus Addison zu verlassen und Nebennierenrindenextrakte zu verwenden.

Auf diesem Forschungsstand setzte zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein gewisses Interesse der chemisch-pharmazeutischen Industrie an der sich neu konstituierenden Endokrinologie ein. Seit etwa 1920 fand die Hormon- und speziell die Nebennierenforschung nicht nur an Universitäten und wissenschaftlichen Instituten, sondern auch an spezialisierten Forschungslaboratorien der Industrie statt. Deren Ziel war nicht nur die weitere physiologische Aufklärung der Nebennierenrindenfunktion. Die Industrie suchte nach Medikamenten, die, medizinisch eingesetzt und industriell produziert, einen ökonomischen Gewinn versprachen.

Im Jahre 1927 legten verschiedene Labors deutlich verbesserte Nebennierenrindenextrakte vor, so etwa das "Interrenalin", das "S-Katin" und insbesondere das "Kortin". Letzteres wurde von der Arbeitsgruppe um Frank A. Hartmann (1883 bis 1971) an der Universität von Buffalo gewonnen und war weitgehend adrenalinfrei. Es wurde vom Pharmamarkt rasch akzeptiert und bildete bis in die 1940er Jahre den Inbegriff für die Wirksubstanz der Nebennierenrinde. An nebennierenlosen Tieren konnte zweifelsfrei gezeigt werden, dass die Injektion des Extraktes deren Leben wesentlich verlängert. Auch bei Behandlungsversuchen an Addison-Patienten - ab etwa 1930 an mehreren Kliniken, auch an der Mayo-Klinik - zeigten sich positive Resultate. Im weiteren beobachtete man auch Veränderungen im Natrium- und Kaliumhaushalt der Patienten, was erste Hinweise auf die physiologischen Effekte des nach wie vor unbekannten Nebennierenrindenhormons gab.

Dem Cortison auf der Spur

Nun galt es, das wirksame Prinzip der Nebennierenrinde zu isolieren und dessen Struktur aufzuklären. Wesentlicher Promotor dieser Phase war Edward C. Kendall (1886 bis 1972), der seit Begründung des biochemischen Labors an der Mayo-Klinik (1914) die entsprechende Abteilung leitete.

Ein Vorteil dieser Institution war sicher, dass sie auch in der Rezession der späten 1920er Jahre noch über erhebliche Forschungsetats verfügen konnte. Zudem bestand eine räumliche Nähe zu den großen Schlachthöfen von Chicago und anderen Städten, so dass die "substanziellen Voraussetzungen" zur Gewinnung von Nebennierenrindenextrakten nahezu mustergültig waren. Seit den frühen 1930er Jahren hatte sich die Arbeitsgruppe um Kendall das Ziel gesteckt, die eigentliche Wirksubstanz oder die Wirksubstanzen der Nebennierenrinde zu isolieren sowie "chemisch zu definieren und dann nach Möglichkeit nach der teilweisen oder sogar vollsynthetischen Herstellung zu suchen" (Kaiser, S. 24). Erleichtert wurde dies durch Kooperationsverträge mit großen Pharma-Firmen, besonders mit Parke Davis & Co.

Außer der Mayo-Klinik-Gruppe wandten sich noch mehrere Labors in den USA sowie auch der Chemiker Tadeusz Reichstein (1897 bis etwa 1996) von der Firma Ciba in Basel dem Problem der Extraktion und Reindarstellung von Nebennierenrindenhormonen zu. Die Arbeitsgruppe um Reichstein konnte 1936 wahrscheinlich machen, dass die gesuchten Hormone chemisch zur Stoffklasse der Steroide gehören. In rascher Folge extrahierten mehrere Arbeitsgruppen eine Anzahl chemisch ähnlich gebauter Substanzen. Insbesondere wurde die später so genannte Substanz "Cortison" gleich dreimal isoliert und unterschiedlich bezeichnet: als "compound F" von Wintersteiner, als "Substanz Fa" durch Reichstein und als "compound E" von der Arbeitsgruppe um Kendall (Kaiser, S. 26). Das spätere Cortisol oder Hydrocortison wurde 1937/38 von Reichstein hergestellt.

Zahlreiche weitere Substanzen wurden in Tierexperimenten gewonnen, verändert und teilweise halbsynthetisch hergestellt, so dass bis 1946 nicht weniger als 29 verschiedene Steroide aus Nebennierenrindenextrakten isoliert und chemisch definiert werden konnten. Das Hauptinteresse galt natürlich solchen Verbindungen, die in Tierversuchen und im klinischen Experiment die Erscheinungen der Nebenniereninsuffizienz mindern und beheben konnten. Dieses Kriterium wiesen immerhin sechs Stoffe mehr oder weniger ausgeprägt auf.

In zahlreichen Tierversuchen wurden Wirksamkeit und Nebenwirkungsspektrum der Präparate überprüft. Gefolgt wurde dies von Serien klinischer Studien, die auch unter methodengeschichtlichen und forschungsethischen Gesichtspunkten Neuland erschlossen und Standards für spätere Forschungskriterien stellten. Eine zentrale Frage war natürlich, ob die zahlreichen nachgewiesenen Komponenten des "Kortinhormons" selbständige und wirkungsmäßig differenziell charakterisierte Hormone darstellten oder nur Wirkkomponenten einer oder weniger Einzelsubstanzen waren, die sich durch chemische Trennungsmethoden nachweisen ließen. Einzelne Forscher vertraten die Hypothese eines einheitlichen Hormons, die Arbeitsgruppe um Kendall allerdings ging von der Existenz verschiedener differenzierbarer Substanzen aus, die unterschiedliche physiologische Wirkungen entwickeln sollten. Es wurde auch deutlich, dass insbesondere "compound E" den Blutzuckerspiegel erhöhte und - in größeren Mengen gegeben - sogar zu einer Glukosurie führte.

Es blieb dem Forscher Hans Selye (1907 bis 1982) vorbehalten, eine prägnante Unterteilung der Nebennierenrindenhormone in "Glucocorticosteroide" und "Mineralocorticosteroide" vorzunehmen, also in Hormone, die primär auf den Kohlenhydratstoffwechsel oder primär auf den Wasser- und Mineralhaushalt einwirken. Das mit Abstand therapeutisch verbreitetste Rindenhormon der 1940er Jahre war Desoxycorticosteron, das die Phase der inhaltlich schlecht definierten Extraktpräparate ablöste. Durch die breitere Anwendung dieser Mittel wurde auch deutlich, dass es unter Corticoidanwendung zur Hypokaliämie und zu entsprechenden Lähmungssymptomen kommen konnte.

Während in den USA das Desoxycorticosteron zumindest für dringliche Fälle ausreichend zur Verfügung stand und die Firma Ciba in der Schweiz ebenfalls ein Desoxycorticosteronacetat-Präparat auf den Markt brachte, waren die in Deutschland hergestellten Präparate vergleichsweise teuer, was ihren Einsatz in der Nachkriegszeit nicht gerade erleichterte. Insgesamt aber ist hervorzuheben, dass für die Ärzte der westlichen Welt die Nebennierenrinden- und Corticosteroidtherapie bereits "vor Cortison eine Gewohnheit" (Kaiser, S. 738) war.

Hans Selye entdeckt die übergeordnete Hormonsteuerung

Trotz der bereits Jahrzehnte lang betriebenen endokrinologischen Forschung war die Funktion der Nebennierenrinde im physiologischen Zusammenspiel noch weitgehend unbekannt. Hier lieferte ein Schüler von Arthur Biedl in Prag, Hans Selye, wesentliche Beiträge. Wie er in seiner Autobiographie ausführlich nachzeichnet, war er bei seinen Überlegungen von der Frage ausgegangen, was eigentlich die "Krankheit" ausmache und warum es bei ganz unterschiedlichen Ursachen zu letztlich sehr ähnlichen Körperreaktionen komme.

Selye prägte zunächst den Begriff "Stress" für ganz verschiedene, letztlich unspezifische Krankheitsursachen. So reagiere der Körper auf Stress unterschiedlicher Art recht stereotyp. Er versuche sich anzupassen ("Allgemeines Adaptationssyndrom"), und zwar in gesetzmäßigen Stadien: Zunächst kommt es unter dem Eindruck des Schocks zu einer Gegenreaktion (Widerstandsphase) des Körpers, in der zweiten Phase zu einer zunehmenden Widerstandsfähigkeit mit weitgehender Anpassung an die neue Lage und schließlich in der dritten Phase zur Erschöpfung mit Verlust der Anpassungsfähigkeit.

Dieses "allgemeine Adaptationssyndrom" ist nach Selye wesentlich über die Nebenniere - und zwar Mark und Rinde - vermittelt und einer komplizierten Regelung unterworfen. Er betrachtete die Nebennierenrinde als Teil der von ihm so genannten "Hypophysen-Nebennieren-Achse", die ihrerseits der zentralen Steuerung durch das Hypophysenhormon ACTH (Corticotropin) unterliege. Später kam das Wissen um die Bedeutung des Hypothalamus hinzu. Damit konnte Selye zeigen, dass die Nebennierenrindenhormone für das innere Gleichgewicht des Organismus verantwortlich und von einem zentralnervösen Organ - eben der Hirnanhangsdrüse - gesteuert werden. Jedoch stieß seine Konzeption einer allgemeinen Krankheit und von unspezifischen Krankheiten auch auf Skepsis und Widerspruch. Rezeptionsgeschichtlich wurden insbesondere die allgemeinen Begriffe wie "Stress", "Adaptationssyndrom" oder "Hypophysen-Nebennieren-Achse" zur Kenntnis genommen, ebenso Selyes griffige Unterscheidung zwischen Mineralo- und Glucocorticoiden. Sein Beitrag zur Erkenntnis der Zusammenhänge von Arthritis und Nebennierenrindenhormonen wurde hingegen nur wenig beachtet.

Spektakuläre Erfolge bei Rheuma-Patienten

Bereits in den 1930er Jahren hatte ein weiterer Mitarbeiter der Mayo-Klinik, Philipp Showalter Hench (1896 bis 1965), ab 1926 Leiter der Rheumatologischen Abteilung der Mayo-Klinik, interessante Beobachtungen gesammelt: Er konnte auf eine Anzahl von Fällen hinweisen, in denen sich rheumatische Beschwerden vorübergehend besserten, wenn eine zusätzliche Erkrankung wie Hepatitis oder ein chirurgischer Eingriff oder eine Estrogen- oder Testosterontherapie erfolgt waren. Gleiches wurde auch während einer Schwangerschaft beschrieben. Hench selbst setzte 1941/42 einen von Kendall bezogenen Rindenextrakt bei Rheumakranken ein, jedoch ohne Erfolg. Später unternahm er noch einmal den Versuch, Kendalls "compound E" bei rheumatischer Arthritis einzusetzen.

Eine signifikante und im Nachhinein berühmte Behandlungsepisode war diejenige der "Missis G.", die ab dem 21. September 1948 nach einwöchiger Behandlung mit "compound E" über eine merkliche Besserung ihrer Bewegungseinschränkung und der Schmerzen berichtete. In Zusammenarbeit mit der Firma Merck/USA wurde anschließend eine größere Zahl von Rheumapatienten damit behandelt. Ab Januar 1949 stand eine besser absorbierbare Acetatform des "compound E" zur Verfügung. In der Folge wurden klinische Besserungen, aber auch erstmals Überdosierungserscheinungen beobachtet, die an die Nebennierenrinden-Überfunktion (Cushing-Syndrom) erinnerten.

Auf diesem Entwicklungsstand trat die Mayo-Klinik am 13. April 1949 an die Öffentlichkeit, um nicht nur Fachkreise, sondern die Allgemeinbevölkerung von der sich abzeichnenden spektakulären Entdeckung zu unterrichten. 1949/50 gab es viele Pressekonferenzen an der Mayo-Klinik sowie Kongresse und Zeitschriftenartikel, die die Fachwelt und die Öffentlichkeit über die als sensationell empfundenen Wirkungen des Cortisons unterrichteten. Bald druckten die amerikanischen und internationalen Zeitschriften Sondernummern, und es begann die Suche nach weiteren Indikationen für die "Wunderdroge", die Linderung bei zahlreichen Krankheiten versprach.

Zeitweilig hegten einige Forscher und Kliniker die Hoffnung, Cortison auch in der Psychiatrie zur Behandlung von Psychosen, insbesondere von Depressionen und schizophrenen Reaktionen, einsetzen zu können. Erste Versuche wurden bald wieder aufgegeben, nachdem man erkannte, dass Cortison diese Störungen auch hervorrufen kann.

Prednison und Co. sind heute noch im Einsatz

Bald nach den revolutionären Entdeckungen der klinischen Effekte des Cortisons bemühten sich die Industrielaboratorien, die Substanz so abzuwandeln, dass die Wirkung erhalten blieb, die unerwünschten Nebenwirkungen aber gemindert wurden. Dabei sollten die mineralocorticoiden "Nebenwirkungen" von den erwünschten glucocorticoiden Effekten getrennt werden. Es war nämlich bei der Gabe von Cortison und Cortisol, die partielle mineralocorticoide Wirkungen aufweisen, zu Natrium- und Wasserretention mit klinischen Auswirkungen sowie Kaliumverlusten gekommen.

Alle Syntheseversuche in dieser Richtung misslangen zunächst weitgehend. Für die systemische Therapie entwickelte die Firma Schering/USA dann 1955 das Prednison und Prednisolon, das etwa viermal stärker antiphlogistisch wirksam war und eine deutlich geringere mineralocorticoide Wirkung aufwies. Die Firma Upjohn (USA) entwickelte das 6-Methylprednisolon und Merck Deutschland 1963 das 16-Methylenprednisolon (Prednyliden). Die weiteren Bemühungen galten dem Versuch, bei gleicher Substanzmenge eine größere Wirkkraft zu erreichen. Zahlreiche Firmen in den USA und Europa brachten seit den 1960er Jahren weitere Präparate auf den Markt, so etwa Triamcinolon, Dexamethason (Merck) oder Betamethason (Schering/USA).

Standardmittel der systemischen Therapie sind nach wie vor Prednison und Prednisolon. Andere Glucocorticoide haben ihren Haupteinsatz in der topischen dermatologischen Therapie.

Schon lange bevor sich diese rasante Entwicklung abzeichnete, wurden die wichtigsten Mitarbeiter am Cortison-Projekt international hoch geehrt. Bei der Vorstellung ihres "Cortisone" auf dem 7. Internationalen Kongress für Rheumakrankheiten erlebten Hench, Kendall, Slocumb und Polley eine überragende Anerkennung in der Fachwelt, die nach Berichten in Fachzeitschriften Ausmaße erreichte, wie man sie "selten auf medizinischen Treffen erlebt". Mit zunehmender Akzeptanz der Glucocorticoide häuften sich Ruhmesartikel und Editorials in den Fachzeitschriften, die die Forschergruppe in den höchsten Tönen lobten. Bereits im Dezember 1950 erhielten die wesentlichen Protagonisten - Philipp Hench, Edward Kendall und Tadeusz Reichstein - den Nobelpreis für Medizin und Physiologie. Kendall war so konsequent, seinen Anteil mit einigen Mitarbeitern - Dwight J. Ingle, Howard Polley und Charles Slocumb - zu teilen.

Was Cortison und Insulin gemeinsam haben

Betrachtet man die Erfolgsgeschichte des Cortisons, so ergeben sich zahlreiche Parallelen zum Insulin. Auch diese Substanz wurde in Nordamerika im Bereich der Oberen Seen entwickelt, folgte einem ähnlichen Paradigma und hing ab von den Lieferungen aus den Schlachthöfen der Region. Vor allem aber reagierte die medizinische Welt und die breite Öffentlichkeit ähnlich begeistert. Wie Frederick Grant Banting - der wohl wichtigste der vier Entdecker des Insulins - und Charles Herbert Best erhielten auch die Entdecker des Cortisons binnen kurzem den Nobelpreis. Beide Wirkstoffe ermöglichten erstmals die Therapie lebensbedrohender Erkrankungen und haben bis heute nichts von ihrer herausragenden Bedeutung eingebüßt.

 

 

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Der Autor

Franz Kohl studierte Medizin in Marburg und erhielt 1980 die Approbation als Arzt. Neben seiner Ausbildung in Neurologie und Psychiatrie beschäftigte er sich mit medizinhistorischen Fragestellungen. 1985 wurde er mit einer Arbeit zu einem medizinhistorischen Thema promoviert. Seit 1987 widmet sich Dr. Kohl, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie sowie Neurologie und Rehabilitationswesen, besonders der Geschichte der Neuro- und der Verhaltenswissenschaften sowie den Grundlagen der naturwissenschaftlichen Medizin.

 

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Franz Kohl
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