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Diabetiker wünschen sich besserens Service

08.03.1999  00:00 Uhr

-PharmazieGovi-Verlag

Diabetiker wünschen sich
besserens Service

von Sigrid Uhlig, Elske Jaskulla, Bernhard Schipp, Dresden

Diabetes mellitus zählt zu den Volkskrankheiten. Aktuellen Schätzungen zufolge wird sich die Anzahl der Diabetiker in Deutschland bis zur Jahrtausendwende auf 8 bis 10 Millionen erhöhen (1). Die besondere Brisanz dieser chronischen Erkrankung: Die Verordnungskosten von Diabetes-Patienten übersteigen die von Nicht-Diabetikern um das Dreifache (2). Neben der Arztpraxis als wichtigstem Bestandteil in der medizinischen Betreuung der Diabetiker stellt auch die Apotheke ein unverzichtbares Glied in der Versorgungskette dar.

Bei der medizinischen Betreuung der Diabetiker gibt es noch erheblichen Handlungsbedarf. Dies belegen Studien und Fachartikel (3). Aus diesem Grund gilt es für die Apotheken, die Bedürfnisse und Erwartungen der Diabetes-Patienten zu analysieren und daraus apothekenspezifische Strategien für eine Verbesserung der Versorgungsqualität abzuleiten. Gleichzeitig bieten sich der Apotheke Profilierungschancen, um durch eine kompetente und problemorientierte Beratung insbesondere diese Kundengruppe an sich zu binden (Diabetiker-Apotheke).

Die vorliegende Studie untersucht, durch welche Leistungen die Dienstleistungsqualität der Apotheken für Diabetiker verbessert werden kann. Besonderes Interesse gilt den zusätzlichen Serviceangeboten, die neben Grundleistungen, wie der Medikamentenvergabe, ein neues Leistungsprofil der Apotheken darstellen könnten. Schließlich weist diese Untersuchung auf generelle Informations- und Beratungsdefizite in der Diabetikerbetreuung hin.

Befragung in Klinik, Apotheke und Praxis

Zur Datenerhebung wurde ein Fragebogen entwickelt, der sowohl bei Interviews vom Interviewer als auch durch die Diabetiker selbst ausgefüllt wurde. Insgesamt wurden 159 Diabetiker befragt. Die Datenerhebung erfolgte im Zeitraum Mai bis August 1998. Der Fragebogen bestand aus 17 Fragen. Neben demographischen Aspekten sowie Angaben zum Diabetestyp konzentrierten sich die Fragen auf die Informationsquellen der Patienten zu Diabetes, die Zufriedenheit mit der Beratungsleistung des Arztes sowie mit der Apotheke, auf den Beratungsbedarf der Diabetiker in der Apotheke, auf das gewünschte Leistungsangebot in der Apotheke sowie auf die generelle Zahlungsbereitschaft für bestimmte Zusatzleistungen.

69,8 Prozent der Fragebögen füllten die Patienten während eines Arztbesuches im Wartezimmer, 20,1 Prozent in der Apotheke und 10,1 Prozent auf der Station für Innere Medizin am Universitätsklinikum der TU Dresden aus.

Der Arzt ist wichtigste Informationsquelle

Neben der ärztlichen Beratung stehen den Diabetikern eine Vielzahl anderer Informationsquellen offen. Die Beratung durch den Arzt ist die wichtigste Informationsquelle. Die Unterscheidung nach Hausarzt und Facharzt ist in dieser Umfrage nicht aussagekräftig, da teilweise der Diabetologe bei einigen der Befragten gleichzeitig als Hausarzt angesehen wurde und umgekehrt. Dem Diabetologen scheint jedoch die größere Bedeutung zuzukommen (Hausarzt 43,4 Prozent, Facharzt 69,2 Prozent). Darüber hinaus ist zu beachten, daß die Mehrzahl der Fragebögen (67,3 Prozent) bei Fachärzten für Innere Medizin beziehungsweise Diabetologen ausgefüllt wurden. Neben der Beratung durch den Arzt informieren sich 53,5 Prozent der Befragten zusätzlich durch Fachliteratur (Bücher und Zeitschriften für Diabetiker) zu Diabetes. Der Apotheke kommt mit 19,5 Prozent nur eine untergeordnete Rolle als Informationsquelle zu.

Auffallend: Nur wenige Betroffene nehmen Kontakt zum Diabetikerbund (11,3 Prozent) oder zu Selbsthilfegruppen (5 Prozent) auf. 9,4 Prozent tauschen sich mit Bekannten und Verwandten über die Erfahrungen mit ihrer Krankheit aus. Erwartungsgemäß suchen Typ-1-Diabetiker bedeutend häufiger Kontakt zum Diabetikerbund (29,2 Prozent) sowie zu Selbsthilfegruppen (16,7 Prozent) als Diabetiker vom Typ 2 (8,1 Prozent beziehungsweise 3 Prozent). Frauen nutzen die Beratung durch den Diabetikerbund viel häufiger als Männer. Dies gilt auch für den Austausch in Selbsthilfegruppen, mit Bekannten und Verwandten.

Diabetiker mit vergleichsweise geringer Diabetesdauer (bis 5 Jahre) informieren sich häufiger in der Apotheke, durch Bücher und Zeitschriften sowie über Bekannte und Verwandte als die Gruppen mit längerer Diabetesdauer. Demgegenüber gaben deutlich mehr Diabetiker mit einer Diabetesdauer von mehr als 20 Jahren Kontakt zum Diabetikerbund sowie zu Selbsthilfegruppen an. Dieser Trend wird auch durch die Ergebnisse der Diabetiker mit einer Diabetesdauer von 11 bis 20 Jahren bestätigt.

Hinsichtlich der unterschiedlichen Altersklassen ist auffallend, daß Bücher und Zeitschriften, der Diabetikerbund sowie Bekannte und Verwandte für die Altersgruppe bis 39 Jahre als Informationsquelle von größerer Bedeutung sind als für die anderen Altersgruppen. Die mittlere Altersgruppe (40 bis 59 Jahre) informiert sich weniger durch Fachliteratur. Dafür nimmt die Beratung in der Apotheke einen höheren Stellenwert ein.

Beratung auch in der Apotheke

Von den Befragten gaben 86,2 Prozent an, regelmäßig die gleiche Apotheke zu nutzen. Auch wenn über 90 Prozent der Diabetiker mit der Beratung ihres Arztes zufrieden waren, gaben 47,8 Prozent der Befragten an, sich auch in der Apotheke zu Diabetes beraten zu lassen. Dabei zeigten sich keine Unterschiede zwischen den Diabetestypen. Die Mehrzahl der Diabetiker (67 Prozent) ist mit den Leistungen zufrieden. Jedoch würden 26,4 Prozent der Befragten ein zusätzliches Leistungsangebot begrüßen, vor allem Diabetiker vom Typ 1 (58,3 Prozent).

44 Prozent der befragten Diabetiker wünschen sich die Einführung von Diabetes-Apotheken. Besonders begrüßt wird dies auch von Diabetikern des Typs 1 (62,5 Prozent).

Welche zusätzlichen Leistungen wünschen sich Diabetiker in der Apotheke? Neben der typischen Grundleistung – Beratung zur richtigen Einnahme neu verordneter Medikamente – bot der Fragebogen acht zusätzliche Leistungen zur Auswahl. Darüber hinaus bestand die Möglichkeit, eigene Vorschläge zu unterbreiten, was jedoch nur von einer Person genutzt wurde.

Dreißig Personen (18,9 Prozent) kreuzten keine der zur Auswahl stehenden Leistungen an. Das mit Abstand größte Interesse besteht an dem Angebot von Zeitschriften und Broschüren speziell für Diabetiker sowie an der Vorstellung neuer Hilfsmittel. Darauf folgen zusätzliche Leistungen (Blutzuckerbestimmung oder Blutdruckmessung zwischen den Arztbesuchen), die Beratung zur richtigen Einnahme neu verordneter Medikamente, sowie die Beratung zur diabetesgerechten Fußpflege und Ernährung.

Weniger interessant sind offenbar Mitteilungen über Schulungsprogramme oder spezielle Veranstaltungen für Diabetiker, Durchführung von Informationsveranstaltungen durch die Apotheke selbst sowie der Lieferservice für Medikamente. Je nach Art des Diabetestyps wurden diese Leistungen unterschiedlich bewertet. 

Weitere Unterteilungen nach Altersklassen zeigen: Ein hoher Bedarf an zusätzlichen Leistungen in der Apotheke besteht vor allem bei jüngeren Diabetikern. Für die Gruppe bis zu 39 Jahren ergibt sich: 30 Prozent Bedarf für alle Leistungen und bis zu 66 Prozent für die Vorstellung neuer Hilfsmittel. Von besonders großem Interesse sind die Beratung zur diabetesgerechten Ernährung und Fußpflege, das Angebot von Zeitschriften und Broschüren, zusätzlicher Service sowie die Mitteilung über Schulungsprogramme zu Diabetes. Die Angaben zu den übrigen Leistungen liegen nur wenig darunter. Mit zunehmendem Alter ist bei den meisten Leistungen ein abnehmendes Interesse zu verzeichnen. Das Angebot von Zeitschriften zu Diabetes sowie die Vorstellung neuer Hilfsmittel werden von allen Altersgruppen gleichermaßen hoch bewertet.

Die Analyse des Leistungsbedarfs unter Berücksichtigung der Diabetesdauer brachte folgendes Ergebnis: Die Gruppe mit der geringsten Diabetesdauer (bis 5 Jahre) wünscht sich verstärkt Service und Beratung zur diabetesgerechten Ernährung. Die Gruppe mit der längsten Diabetesdauer (über 20 Jahre) äußerte besonderes Interesse an der Vorstellung neuer Hilfsmittel, dem Lieferservice für Medikamente, dem Angebot von Zeitungen und Zeitschriften sowie an Schulungsprogrammen.

Differenziert man nach verschiedenen Diabetestherapien, so besteht der höchste Bedarf an Service und Beratung zur diabetesgerechten Ernährung bei diätetisch behandelten Diabetikern. Dagegen wünschen sich insulinpflichtige Personen besonders die Vorstellung neuer Hilfsmittel; besonders gefragt sind auch Zeitschriften und Broschüren (54,7 Prozent). Dies gilt weniger für Diabetiker, die sich ausschließlich diätetisch behandelten (30,8 Prozent).

Wenig Zahlungsbereitschaft

Im Anschluß an die Ermittlung des gewünschten Leistungsangebots wurde gefragt, inwieweit die Befragten bereit sind, für verschiedene Leistungen der Apotheke ein Entgelt zu entrichten. Insgesamt bejahten lediglich 28 Personen (17,6 Prozent) diese Frage, wobei insgesamt 16 Personen (10,7 Prozent) keine Angaben zu dieser Frage machten. Eine detaillierte Analyse zeigt, daß die diätetisch behandelten Diabetiker mit 38,5 Prozent eine deutlich höhere Zahlungsbereitschaft bekundeten.

Auffallende Unterschiede ergaben sich hinsichtlich des Geschlechts (Frauen 14,9 Prozent, Männer 19,8 Prozent) sowie des Alters (Altersgruppe ab 60 Jahre: 20,2 Prozent) und der Diabetesdauer (bis 5 Jahre: 23,1 Prozent). In diesen Gruppen wurde eine leicht höhere Zahlungsbereitschaft ermittelt als in den anderen Gruppen der jeweiligen Kategorie.

Bei der Frage nach der Höhe der Zahlungsbereitschaft wurde unterschieden zwischen Service und Informationsveranstaltungen. Da jedoch nur 28 Personen eine Zahlungsbereitschaft signalisierten sowie einen konkreten Geldbetrag häufig nur einer der beiden Kategorien zuordneten, ging in der weiteren Auswertung jeweils der größere der beiden Werte ein. Der Mittelwert der geäußerten Zahlungsbeträge lag bei 16,14 DM (median 10 DM) mit einer Spannweite von 1 DM bis 50 DM. Die Standardabweichung betrug 14,28 DM. In der Gruppe der Typ-2-Diabetiker, der diätetisch behandelten Diabetiker sowie der Diabetiker mit einer relativ kurzen Diabetesdauer wurden vergleichsweise höhere Beträge angegeben. Zu beachten sind jedoch die geringen Fallzahlen.

Besseres Angebot erwünscht

Diese Untersuchung zeigt: Eine Erweiterung des Leistungsspektrums der Apotheken kann zu einer deutlich verbesserten Versorgung von Diabetikern beitragen. Ein Beratungsbedarf wurde in dieser Umfrage bei fast 50 Prozent der Befragten ermittelt; vor allem bei Diabetikern vom Typ 1 sowie jüngeren Diabetikern oder Patienten, bei denen die Krankheit erst kürzlich diagnostiziert wurde. Die Umfrageergebnisse deuten darauf hin: Ein erweitertes Angebot von zusätzlichen Leistungen würde von mehr als der Hälfte der Befragten angenommen. Je nach Diabetestyp und der Therapieart ergeben sich unterscheidliche Interessenschwerpunkte.

Von besonderem Interesse ist das Angebot von Zeitschriften und Broschüren zu Diabetes sowie die Vorstellung neuer Hilfsmittel, wie Blutzuckermeßgeräte oder Injektionspens. Aber auch zur richtigen Einnahme neu verordneter Medikamente sowie zur Ernährung und zur diabetesgerechten Fußpflege werden Beratungsleistungen gewünscht.

Vor allem bei Insulin-pflichtigen Diabetikern besteht ein erhöhter Bedarf an Schulungs- und Informationsveranstaltungen, wobei der Apotheker als Partner mit anderen Gruppen (zum Beispiel Diabetikerbund) gesehen wird. Das zusätzliche Leistungsangebot sollte nach Ansicht der Mehrzahl der Kunden jedoch kostenlos bleiben.

Literatur

(1) Schiffner, T., Dunkelziffer mittels Screening durchleuchten. Apotheken Praxis 7 (1998) S. 14.
(2) Richter, M., Die Diabetiker-Apotheke. Apotheken Praxis, Sonderdruck zum 3. Fachkongreß Diabetiker Apotheke, März/98.
(3) Siehe (1) und (2) sowie Standl, E., Willms, B., Versorgungslage nicht ausreichend. Diabetes und Stoffwechsel 4 (1995) S. 289f; Hauner, H, Ferber, L, Qualität der Versorgung von Diabetikern. Diabetes und Stoffwechsel 5 (1996) S. 27 - 30; Berger, M., Mühlhauser, I., Jörgens, V., Versorgungsqualität bei Typ-1-Diabetes-mellitus. Dt. Ärzteblatt 95 (1998) 2770 - 2774; Stockinger, G., Hundsmäßig eingestellt. Spiegel 33 (1997) S. 138-144.

Für die Verfasser: Professor Dr. B. Schipp Technische Universität Dresden Fakultät der Wirtschaftswissenschaften 01062 Dresden. Top

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