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Harninkontinenz: Es gibt keinen Grund, still zu leiden

02.03.1998  00:00 Uhr

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Govi-Verlag

Harninkontinenz: Es gibt keinen Grund,
still zu leiden


Auf den ersten Blick scheint das Thema Harninkontinenz für die Apotheke wenig attraktiv. Sperrige Frachten nehmen wertvollen Platz in der Apotheke weg, der Markt ist alles andere als überschaubar, die Gebinde sind ungewohnt, die Marktpraktiken fremd, Verhandlungen mit Krankenkassen und Reklamationen von Ärzten oder Patienten bei Versorgungsengpässen oder Fehlanwendungen bleiben nicht aus. Zudem verlangt der Patient nach besonderer Zuwendung und Einfühlungsvermögen. Auf den zweiten Blick läßt sich aber nicht leugnen, daß der hier noch ruhende Markt immens ist.

Inkontinenz ist eine Erkrankung, die durch die zunehmende Lebenserwartung der Bevölkerung eine neue Dimension annimmt. In der Altersstufe der 65- bis 79jährigen leiden elf Prozent und von den über 80jährigen dreißig Prozent der Senioren an Blasenschwäche, gibt eine Broschüre der Gesellschaft für Inkontinenzhilfe (GIH) Auskunft. Schätzungsweise werden in Deutschland über vier Millionen Patienten wegen Harn- und/oder Stuhlinkontinenz betreut; die Dunkelziffer ist wahrscheinlich noch mal so groß. Bereits heute belastet die ambulante Versorgung Inkontinenter die Gesetzliche Krankenversicherung mit mehr als zwei Milliarden DM, für die Versorgung in Pflegeheimen fällt noch einmal der gleiche Betrag an. Jede zweite Aufnahme in ein Pflegeheim erfolgt wegen Inkontinenz.

Der Apotheker ist oft der erste, der von der Blasenschwäche erfährt. Diese Möglichkeit sollte er nutzen. Er sollte dafür sorgen, daß der Betroffene sein intimes Problem mit einem Arzt bespricht. Den meisten ist nämlich erschreckenderweise nicht bekannt, daß Blasenschwäche eine Krankheit ist, die man behandeln kann. Der Laie stuft sein Problem oft als altersbedingt ein; wegen des Irrglaubens "da kann man nichts machen" frißt er Scham und Angst still in sich hinein, damit bloß keiner etwas bemerkt. Dabei kann der Urologe abklären, um welche Art von Harninkontinenz es sich handelt. Nach der Diagnose richtet sich die Therapie. Viele Betroffene können erfolgreich therapiert werden, so daß ihr Leiden geheilt oder doch zumindest erheblich gebessert wird und sie am gesellschaftlichen Leben wieder teilnehmen können (soziale Kontinenz). Je früher eine Therapie eingeleitet wird, umso besser sind die Heilungschancen.

Ein Symptom, viele Ursachen

Hinter dem Symptom, Urin nicht halten zu können, verbirgt sich eine ganze Reihe von Ursachen. Zum einen kann das Kontinenzorgan selbst geschädigt sein, oder der Urinverlust ist die Folge einer geschwächten Beckenbodenmuskulatur. Bei einer Beckenbodeninsuffizienz ist die Blase selbst völlig intakt, aber der Widerstand des Verschlußsystems ist herabgesetzt. Eine Beckenbodeninsuffizienz ist eine Ermüdungserscheinung, wie sie nach vielen Geburten (hinsichtlich der Gefahr einer Harninkontinenz ist ein Kaiserschnitt vorteilhaft, da der Geburtskanal nicht belastet wird), durch schwere körperliche Arbeit oder Adipositas, verstärkt durch einen Estrogenmangel in der Postmenopause, auftreten kann. Beckenbodeninsuffizienz ist die häufigste Form von Harninkontinenz. Zum anderen intervenieren neurologische Störungen die Blasenentleerung.

Das ABC der medikamentösen Möglichkeiten

Harninkontinenz kann nicht einfach durch eine Tabletteneinnahme behoben werden. Eine alleinige medikamentöse Therapie ist zwar in manchen Fällen erfolgreich, zumeist kommen Medikamente, wenn überhaupt, aber nur in Ergänzung zu physikalischen Maßnahmen wie Toilettentraining, Beckenbodengymnastik oder im Vorfeld einer Operation zum Einsatz. Generell gilt, daß die Urologika zu unspezifisch wirken, als daß eine selektive pharmakologische Intervention erreicht werden könnte. Abgesehen von den Nebenwirkungen der meisten Urologika kommt es gerade bei einer Multimedikation bei älteren Menschen häufig zu Interaktionen.

Die Hauptindikation für die Pharmakotherapie stellt die Dranginkontinenz dar (Anticholinergika, muskulotrope Spasmolytika, trizyklische Antidepressiva). Ferner sind Arzneimittel bei leichten Formen der Streßinkontinenz (Estrogene, a-Sympathomimetika) oder bei Patientinnen mit eingeschränkter Operationsfähigkeit indiziert. Bei allen anderen Inkontinenzformen stehen operative Eingriffe, physikalische Maßnahmen und die Linderung der Symptome durch Hilfsmittel im Vordergrund.

Die Möglichkeiten in der Selbstmedikation sind begrenzt. Der Apotheker kann Phytotherapeutika nur in ganz leichten Fällen einer irritierten Blase, der Reizblase der Frau, empfehlen, damit sich der Detrusor entspannt. Aber auch hier sollte der Verweis auf den Arzt im Beratungsgespräch nicht fehlen. In Frage kommen Parasympatholytika, die aus Solanaceen (Gesamtalkaloide aus Radix Belladonna und Scopoliacarniolica) gewonnen werden. Desweiteren sind Kürbiskernextrakte ein beliebter Selbstmedikationstip, um die Blase zu stärken.

Die Wirkung ist zwar aus der Erfahrungsheilkunde und der Volksmedizin sowie aus verschiedenen spärlich dokumentierten Anwendungsbeobachtungen bekannt, so daß man Kürbissamenextrakt als traditionell anzuwendendes Arzneimittel gemäß § 109a AMG einstufen kann. Saubere klinische Studien mit dem Zielparameter "Stärkung der Blasenfunktion" fehlen jedoch. Die Inhaltsstoffe des Kürbissamens machen eine Stärkung der Blasenfunktion plausibel, so der relativ hohe Gehalt an ß- und y-Tocopherol (30 bis 45 mg/100g) sowie 46 bis 50 Prozent fettes Öl mit über 54 Prozent Linolsäure. Beide Naturstoffklassen können die Funktion der Blasenmuskulatur verbessern. Der Haken: Für Kürbissamen ist das bisher wissenschaftlich noch nicht nachgewiesen. Andere relevante Inhaltsstoffe, wie die d-7-Sterole in freier und glykosidischer Form, die 25 verschiedenen Aminosäuren und Selen in Mengen zwischen 0,08 und 0,4 µg/g dürften eher die prostatrope Wirksamkeit des medizinischen Kürbisssamens hervorrufen.

Die Kontinenz trainieren - physikalische Behandlung

Blasentraining, Toilettentraining, Beckenbodentraining: Das sind keine Synonyme, sondern drei verschiedene Übungsprogramme, die zum Komplex Kontinenztraining zählen. Ständige Trainingseinheiten helfen, die Blasenfunktion zu rehabilitieren und die willentliche Kontrolle wiederzuerlangen. Der Vorteil der Übungsprogramme: Der Patient wirkt aktiv an der Überwindung seiner Inkontinenz mit. Manchen Betroffenen gelingt es jedoch nicht, ihre Beckenbodenmuskulatur zu fühlen. Da leisten Konen, elektrische Reize oder Elektroden, die ein optisches oder akustisches Signal (Biofeedback) übermitteln, gute Dienste. Alle drei Maßnahmen beruhen auf dem gleichen Prinzip: Der Betroffene erhält eine Kontrolle, ob er wirklich die richtige Muskelgruppe trainiert.

Nur das richtige Hilfsmittel hilft, den Leidensdruck zu senken

Die meisten Betroffenen wissen nicht, wie viele moderne Hilfsmittel es heute für ihr Leiden gibt. Nehmen Sie sich viel Zeit, um mit Sensibilität, Einfühlungsvermögen, Geduld und Verständnis das geeignete Hilfsmittel in der richtigen Größe herauszufinden. Geben Sie Hilfsmittel zum ausprobieren mit. Bei Ihrem Rat sollten Sie berücksichtigen, daß die Selbständigkeit und Mobilität des Betroffenen erhalten bleibt. Sie sollten auch den körperlichen und geistigen Zustand des Betroffenen beachten. So ist ein alter Mensch, der schlecht sieht, mit einem Kondomurinal wahrscheinlich überfordert, während er eine Windelhose selbst wechseln könnte. Man unterteilt die Hilfsmittel in drei große Gruppen auf:
  • aufsaugende Hilfsmittel
  • ableitende Hilfsmittel
  • mechanische oder instrumentelle Hilfsmittel

PZ -Titelbeitrag von Elke Wolf, Oberursel

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