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Marktchancen in der Servicewüste

02.03.1998  00:00 Uhr

-Politik

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Marktchancen in der Servicewüste

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Sind Produktqualität und Tradition ausreichende Erfolgsgaranten für die Zukunft der Apotheke?, fragte Professor Dr. Peter Oberender, Institut für angewandte Gesundheitsökonomie an der Universität Bayreuth. Er meint nein. Die Unzufriedenheit der Kunden wachse unaufhörlich und habe sich in der deutschen Servicewüste zu einem Frust über Handel, Handwerker und freie Berufe entwickelt. Die Gesellschaft habe Angst vor einem sozialen Absturz, was letztlich nicht als Marktversagen gedeutet werden dürfe, sondern als Zeiterscheinung, der die in Mißkredit geratenen Branchen begegnen müssen.

Die Leitthemen der Zukunft werden deshalb beherrscht von der Beseitigung der Arbeitslosigkeit, dem Erhalt des Lebensstandards, der Sicherung der Renten sowie der Preisstabilität. Durch den gesellschaftlichen Wandel vergreist die Bevölkerung immer mehr, wodurch die Politik in eine Demokratiefalle gerät: Parteien müssen im Wettbewerb um den Wähler immer stärker Sozialleistungen als politische Güter einsetzen. Gesundheit werde mehr denn je ein Konsumgut und damit ein Wachstumsmarkt. Darauf müßten sich die Apotheker einstellen. Ihnen böten sich vielfache Marktchancen. Sie dürften das Feld nicht den Konkurrenten überlassen.

In der Arbeitswelt werde sich zunehmend eine Symbiose von Leistung und Lebensgenuß vollziehen. Es findet nach Oberenders Einschätzung eine Entwicklung von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft und von der Arbeits- zur Freizeitgesellschaft statt.

Das Gesundheitsbewußtsein der Bevölkerung wird zunehmen, so daß die Menschen, indem sie mehr Eigenverantwortung übernehmen auch mehr Beratung brauchen. Hier sieht Oberender eine Chance für Apotheker. Wie die übrigen Konsummärkte werde sich auch der Gesundheitskonsum in den Versorgungs- und Erlebniskonsum teilen. Der reine Versorgungskonsum könnte sich nach Vorstellung des Referenten in wenigen kleinen Sektoren des Arzneimittelmarktes etablieren. Wesentlich stärkere Bedeutung als heute werde aber der Erlebniskonsum in den Apotheken erhalten. Mit anderen Worten: Kunde und Patient suchen nach dem Erlebnis, für sich etwas Gutes zu tun, sich etwas zu leisten und das in einem positiv erlebten Umfeld. Folglich werde sich die Maxime ausbreiten, daß Zeit Leben und nicht mehr nur Geld ist. Die Bereitschaft, für Gesundheit mehr Geld auszugeben, könne auch aus dem veränderten Sparverhalten der Bevölkerung abgelesen werden. Während die Sparquote 1975 noch bei 15,6 Prozent lag, sei sie 1997 auf 11,9 Prozent gesunken.

Viele Apotheker müßten endlich begreifen, daß ihr eigentlicher Arbeitgeber der Kunde ist. Insofern müßte es zum Beispiel möglich werden, daß Apotheker mobil werden und zu ihren Kunden gehen und ihre Dienstleistungen über das bisherige Maß hinaus entwickeln. Der Berufsstand müsse neben der Beratung noch stärker in Pharmaceutical Care, Konzepte für chronisch Kranke, prä- und poststationäre Versorgung in Abstimmung mit Krankenhäusern, Ärzten und Pflegediensten oder im Bereich der Labordiagnosen für eine gesunde Umwelt und gesundes Wohnen einsteigen.

Was Oberender aus den Reihen der Apothekerschaft vermißt, sind langfristige Strategiekonzepte, die über die Tagespolitik hinausgehen. Neue Herausforderungen erforderten neue Konzepte. Einen Bestandsschutz gebe es nicht. Auch wenn die Ökonomie immer mehr an Bedeutung gewinne, sollten sie nicht in einen Preiswettbewerb treten. Sie sollten vielmehr ihre Stärken in Beratung und Qualität herausstreichen und sich dem Kunden widmen. Aber nicht nach dem Motto: "Alle Kunden sind gleich - mir jedenfalls". Bis zur Bundestagswahl im September dieses Jahres seien politisch keine schwerwiegenden Entscheidungen mehr zu erwarten. Diese Zeit müsse für die Erarbeitung zukunftsorientierter Konzepte genutzt werden.

PZ-Artikel von Gisela Stieve, Frankfurt
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