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Impotenz: etablierte und neue Therapieansätz

02.03.1998  00:00 Uhr

-Pharmazie

Govi-Verlag

Impotenz: etablierte und neue Therapieansätze

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Rund 11 Prozent der 260 Millionen erwachsenen Männer in Europa leiden unter Impotenz: Nach der Baltimore Longitudinal Study, die durchaus auf deutsche Verhältnisse übertragbar ist, klagen 8 Prozent der 55jährigen über Erektionsstörungen; bei den 65jährigen sind es schon 25 Prozent und bei den 75jährigen 55 Prozent. Hinter diesen Zahlen steht ein Alltagsleiden, das häufiger und manchmal belastender ist, als klassische Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes.

Inzwischen beginnt auch die pharmazeutische Industrie, diesen Markt zu erschließen. Die Altersstruktur unserer Gesellschaft und das Bedürfnis nach beständiger Leistungsbereitschaft verheißen bis zur Jahrtausendwende in Europa Jahresumsätze von mehreren 100 Millionen Mark.

Manchmal haben Zigarettenmißbrauch, Übergewicht und Bluthochdruck oder eine unbehandelte Zuckerkrankheit das Gefäßsystem geschädigt; arteriosklerotische Ablagerungen verengen die Penisarterien, sie können sich nicht mehr erweitern, um genug Blut für eine Erektion heranzuschaffen. Auch Medikamente kommen als Ursachen in Frage, beispielsweise Benzodiazepine, Neuroleptika, Antidepressiva oder ß-Blocker.

Nächtliche Spontanerektionen sind ein gutes Zeichen für die Betroffenen, ein körperlicher Schaden ist in diesen Fällen unwahrscheinlich. Fast 70 Prozent der Erektionsstörungen haben jedoch eine organische Ursache. Meist hapert es an der arteriellen Blutzufuhr oder die Schwellkörper haben ein Leck, die venöse Abflußblockade ist defekt.

Spritze als Erektionshilfe


Seit den achtziger Jahren sind Erektionsstörungen medikamentös behandelbar, beispielsweise mit der Schwellkörper-Autoinjektionstherapie (SKAT). Unter den Augen eines erfahrenen Urologen lernt der Patient den Umgang mit der Spritze sowie die richtige Dosierung des Medikaments und verabreicht sich dann bei Bedarf selbst Injektionen, direkt in die Schwellkörper des Penis. Eingesetzt werden Wirkstoffe, die die Penisarterien stark erweitern wie beispielsweise Papaverin oder Phentolamin; als Goldstandard gilt derzeit das Gewebshormon Prostaglandin E1 (Alprostadil) mit einer Erfolgsquote von etwa 90 Prozent. Es steht für mehr als die Hälfte aller Verordnungen bei Impotenz. Seit August 1997 ist Alprostadil auch im deutschen Arzneimittelmarkt verfügbar.

Risiken und alternative Anwendungen


Es ist dennoch nicht jedermanns Sache, vor dem Geschlechtsakt zur Spritze greifen zu müssen, denn die Spontanität bleibt auf der Strecke. Auch Nebenwirkungen, wie Schmerzen im Penis oder mehrstündige Dauererektion (Priapismus) veranlassen viele Patienten, die Therapie wieder abzusetzen.

Das Anwendungssystem MUSE, seit Januar 1997 auf dem amerikanischen Markt, bietet da anscheinend einen handfesten Vorteil- Alprostadil in einer besonderen Darreichungsform wird mit Hilfe eines Applikators in die Harnröhre eingebracht und wandert von dort in die Schwellkörper. Nach Angaben des Fachblatts "The New England Journal of Medicine" verspricht diese Therapie eine Besserung ober Beseitigung von Erektionsstörungen bei etwa 65 Prozent der Betroffenen. Die Einschätzung anderer Experten ist weniger euphorisch; die Erfolgsquote wird hier mit höchstens 48 Prozent beziffert.

Der Hersteller plant, MUSE noch 1998 auf den deutschen Markt zu bringen, denn in Amerika ist das Produkt ein Erfolg - bisher jedenfalls. Allerdings flaut die Euphorie allmählich ab; Urlogen bemängeln die Erektionsqualität, und manche Anwender kehren enttäuscht zur Injektionstherapie zurück.

Perorale Therapie in Prüfung

Optimal wäre ein Präparat zum Einnehmen. Tatsächlich gibt es eine peroral wirksame Substanz: Sildenafil, urspränglich zur Erweiterung der Koronargefäße gedacht, wird derzeit weltweit in klinischen Studien erprobt. 50 bis 100 mg, so die Erfahrungen, sorgen bei etwa zwei Drittel der Behandelten für eine ausreichende Erektion von mindestens 10 Minuten Dauer. Auch Patienten, die wegen einer Rückenmarksverletzung impotent geworden sind, profitieren von der Substanz. Das zeigen Untersuchungen wie die aus dem Zentrum für Wirbelsäulen- und Rückenmarksverletzungen in Murnau.

Der amerikanische Hersteller hat im September 1997 bei der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA und bei der europäischen EMEA Zulassungsanträge für Sildenafil gestellt und hofft, den Wirkstoff spätestens 1999 vermarkten zu können. Deutsche Krankenkassen sehen diese Entwicklung allerdings mit Argwohn. Sie fürchten den Mißbrauch: Sildenafil, von Hausärzten allzu bereitwillig verordnet, könnte weitere Löcher in die ohnehin defizitären Budgets reißen.

Impotenz und Venturelkapital

Bei den verlockenden Marktaussichten wundert es nicht, daß die pharmazeutische Industrie, aber auch namhafte Hochschulen nach weiteren, noch besseren Therapiemöglichkeiten suchen. Vor allem junge Biotechnologieunternehmen wie Zonagen oder Senetek haben sich des einstmals tabuisierten Gebiets angenommen. Zonagen setzt ebenfalls auf die Tablette gegen Impotenz und hat ein Phentolaminpräparat zum Einnehmen entwickelt. Zwei klinische Studien sind jetzt abgeschlossen. 40 beziehungsweise 34 Prozent der Behandelten profitierten von der Therapie.

Senetek baut dagegen auf SKAT, die etablierte Injektionstherapie mit einem Kombinationspräparat aus vasoaktivem intestinalem Polypeptid (VIP) und Phentolamin. Zulassungsanträge in Großbritannien, Dänemark und Irland lassen hoffen, daß das Präparat bereits 1998 in der EU verfügbar sein wird, zumal das Unternehmen auf eine große Phase-III-Studie an etwa 700 Patienten und eine Responderrate von 81 Prozent verweisen kann. Auch ein innovativer Autoinjektor, der bereits die gebrauchsfertige Lösung enthält und eine schmerzfreie Injektion ermöglichen soll, dürfte Pluspunkte bei den Anwendern bringen.

Transdermale Ansätze noch nicht greifbar

Ein weiterer Ansatz in der Behandlung von Erektionsstörungen ist die transdermale Therapie, etwa in Form von Salben, die in den Penis einmassiert werden. Nitroglycerin käme in Frage oder Minoxidil, natürlich auch Prostaglandine. Ideen gibt es viele, doch marktreife Produkte liegen noch in weiter Ferne. Immerhin, eine erste klinische Studie mit einem Alprostadil-Gel ist kürzlich abgeschlossen worden. 48 Patienten waren beteiligt und das Herstellerunternehmen reklamiert eine Erfolgsquote von 75 Prozent.

PZ-Artikel von Win Chit Oo und Martin Baumgärtner, Erlangen<Top>

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