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Christus als Apotheker

26.02.2001
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Christus als Apotheker

von Johannes Seidemann, Potsdam

In einer bisher einmaligen Tagesausstellung am ersten Adventssonntag 2000 wurden die beiden fast identischen Altar-Gemälde "Christus als Apotheker" erstmals nebeneinander gezeigt. Ansonsten befinden sich die Bilder in der Heilig-Geist-Kirche in Werder /Havel und in der Dorfkirche Plötzin. Eingeladen hatte die Stadt Werder und die evangelische Kirchgemeinde in den Sitzungssaal des alten Rathauses in Werder.

Der heimische Apotheker und Heimatforscher, Pharmazierat Dr. Klaus Schmidt, führte die Besucher in die kleine Kunstgalerie und machte sie mit dem Inhalt anhand der Angaben von Theodor Fontane (3) vertraut. Fontane kannte im 19. Jahrhundert nur das Christusbild in der Werderaner Inselkirche. Er entdeckte dort ein verstaubtes und bislang unbeachtetes Ölgemälde unter dem "historischen Gerümpel" eines Nebenraumes ("Rumpelkammer") und schreibt in seinen "Märkischen Wanderungen": "Es ist so abnorm, so einzig in seiner Art, dass eine kurze Beschreibung desselben gestattet sein möge. Christus im roten Gewande, wenn wir nicht irren, steht an einem Dispensiertisch, eine Apothekerwaage in der Hand. Vor ihm, wohlgeordnet, stehen acht Büchsen, die auf ihren Schildern folgende Inschriften tragen: Gnade, Hilfe, Liebe, Geduld, Friede, Beständigkeit, Hoffnung, Glauben. Die Büchse mit dem Glauben ist die weitaus größte; in jeder einzelnen steckt ein Löffel. In Front der Büchsen, als die eigentliche Hauptsache, liegt ein geöffneter Sack mit der Kreuzwurz*. Aus ihm hat Christus soeben eine Handvoll genommen, um die Waage, in deren einer Schale die Schuld liegt, wieder in Balance zu bringen. Ein zu Häupten des Heilands angebrachtes Spruchband aber führt die Worte: 'Die Starken bedürfen der Worte nicht, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Frommen (Matthäi 9, V. 12)'."

Jedoch wurde das Christusbild in der Kirche in Werder bereits durch den örtlichen Geschichtsschreiber Ferdinand Ludwig Schönemann fast ein Jahrhundert früher, 1784, in seiner "Diplomatischen und Topographischen Geschichtbeschreibung der Churmärkischen Mediat. Stadt Werder" beschrieben (1). Das schien dem Referenten unbekannt zu sein. Bei Ferchl (2) ist zu lesen, dass das Bild in die pharmaziegeschichtliche Literatur durch E. Kremer 1899 in dem von ihm herausgegebenen "Pharmaceutical Review" und abermals 1910 in dem Magazin "The Open Court" beschrieben wird. Weitere Angaben finden sich in der Pharmaceutischen Post 1905 und in der Revue de l' artchrétien von 1907 (2).

Erstaunlich ist, dass sich erst nach diesen Veröffentlichungen Kunsthistoriker mit dem Bild beschäftigten. Hier ist besonders Professor Stuhlfauth aus Berlin zu erwähnen. Er entdeckte auch das Bild in der Plötziner Dorfkirche. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Gemälden ist bestechend; mit Ausnahme der Rahmen. Im Gegensatz zu dem Werderanischen Christusbild ist der breite, profilierte schwarze Rahmen mit einer außen stärkeren, innen schmaleren Goldleiste versehen. Die vier Ecken und die beiden Mitten links und rechts sind mit goldfarbenen stilisierten aufgemalten Blumenranken versehen. Im oberen Rahmenteil befindet sich die Inschrift "Christus Coelestis Medicus" (Christus als Himmelsarzt). Bei beiden Bildern steht Christus in Halbfigur sichtbar vor einem helleren Hintergrund in Vorderansicht etwas nach rechts gewendet hinter einem dunkel, fast schwarz grünen. Tisch, um Arzneien zu dispergieren. Beim Plötziner Bild ist der Hintergrund gelblich, nach oben ins Hellblaue übergehend, während er im Werderischen Bild die Farben heller und von einem rötlichen Schimmer überzogen sind. Christus ist mit einem weiten, malerisch umgelegten purpurroten Mantelüberwurf über dem graugrünblauen beziehungsweise graurötlichblauen Ärmelrock, der von der Brust zwei breite röhrenförmige Falten bildet, dargestellt. Der Hals ist frei, das Gesicht und die Hände sind fleischfarben, die Haare und der Bart sind dunkel- beziehungsweise schwarzbraun. Das Antlitz von Christus hat einen gütigen, verklärten Ausdruck. Von dem leicht nach vorn geneigten Kopf gehen ringsherum feine Strahlen aus. Der Heiligenschein besteht aus konzentrischen Kreisen. Er ist in Werder innen weiß mit schmaler bläulicher Umrahmung, in Plötzin gelb, allmählich in Rot übergehend. Die Inschriften der sieben Gefäße sind gleich, während die Bibelsprüche Abweichungen in der Schreib-, Lautform und auch im Umfang aufweisen. In drei der dargestellten Apothekengefäße befindet sich jeweils ein gleich hoher silberner Löffel. In dem großen, rechts am Rand sichtbaren Gefäß mit der Aufschrift Gnade, befindet sich nur auf dem Bild von Werder ein Löffel.

Bereits bei oberflächlicher Betrachtung fällt auf, dass das Bild aus der Plötziner Kirche einschließlich des Rahmens ursprünglicher bei guter Erhaltung wesentlich schöner erscheint. Das Werderische Bild ist heller und mit einem schwach rötlichen Farbton überzogen. Der Heiligenschein ist auch nicht vollständig und das Kreuz auf dem Ständer mit den Bibelsprüchen fehlt. Sind bei letzterem Bild nur hellere Farben verwendet oder ist es vielleicht restauriert worden? Hier dürfte, wie auch die nachstehende Diskussion über das Alter der Bilder, nur eine chemische Analyse genaue Hinweise geben.

Der Ursprung der Altarbilder - eines der beiden Gemälde ist vermutlich die Kopie des anderen - liegt im Dunkeln. Über den künstlerischen Wert streiten sich Heimatforscher und Kunsthistoriker bis heute. Für Theodor Fontane war das Bildmotiv "Christus als Apotheker" eine Geschmacklosigkeit aus dem frühen 18. Jahrhundert, "wo es Mode wurde einen Gedanken, ein Bild in unerbittlich-konsequenter Durchführung zu Tode zu hetzen". Der Werderische Geschichtsschreiber Schönemann wollte das Bild auf die katholische Epoche der Stadt zurückführen. Hingegen legten Stuhlfauth und seine Schule die Entstehung der Bilder in die Zeit um 1620, der sich auch Ferchl (2) anschließt. Er lehnt jedoch die Meinung, es sei eine Stiftung einer Apothekergilde, ab. Was zutreffend ist, da es zu dieser Zeit in Werder noch keine Apotheke gab. Auch das frühe Datum von 1620 ist anzuzweifeln. Eher kann man sich, wie auch der Apotheker Dr. Schmidt, mit der Mutmaßung von Fontane über die Entstehung des Gemäldes in der Heilig-Geist-Kirche in Werder einverstanden erklären, der die Herkunft auf die protestantische schlesische Dichterschule der Lohensteins und Hoffmannswaldaus zurückführt. Dies trifft auch auf das Bild aus Plötzin zu. Im Jahre 1734, in dem auch die alte Zisternerkirche renoviert wurde, erhielt der königliche Untertan Nieder von Friedrich Willhelm I. die Erlaubnis, in Werder die erste Apotheke zu eröffnen. Es ist wahrscheinlich, dass sich der Apotheker ob dieses Privilegs als edler Spender zeigte, für die Kirche das Bild anfertigen ließ und es ihr schenkte. Es wird angenommen, dass sich ein bisher unbekannter, durchreisender, malerisch begabter Handwerksgeselle oder Maler verewigt haben könnte. Als Grundlage soll ein Nürnberger Christusmotiv Anfang des 16. Jahrhunderts gedient haben. Somit dürfte dann als Entstehungszeit die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts anzusehen sein. Der Plötziner Pfarrer Reinhard Damm sieht die beiden Gemälde zuerst als Sinnbild christlicher Nächstenliebe. Dies sei auch die eigentliche Botschaft. In Europa sind über 130 Darstellungen "Christus als Apotheker" bekannt (4, 5).

* Unter Kreuzwurz werden Herba Polygalae, Radix Gentianae, Radix Ononidis und Rhizoma Graminis aufgeführt. Allgemein wird angenommen, dass es Herba Polygala ist. Da der Maler vermutlich aus Bayern stammt, könnte es sich gegebenenfalls auch um Radix Gentianae handeln.

 

Literatur

  1. Ahrends, J.: Volkstümliche Namen der Arzneimittel, Drogen, Heilkräuter und Chemikalien. Springer-Verlag Berlin.- Göttingen - Heidelberg, 14. Aufl. 1958, S. 218.
  2. Ferchl, F.: Christus als Apotheker. Doppelgänger und Bildgruppen. Süddtsch. Apotheker-Ztg. 89 (1949), 209-210, 213.
  3. Fontane, Th.: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. 3. Teil. Havelland. Die Landschaft um Spandau, Potsdam, Babelsberg. Aufbau-Verlag Berlin, 2. Aufl. 1982, S. 484 - 487.
  4. Gaude, W.: Die alte Apotheke. Eine tausendjährige Kulturgeschichte. Verlag Koehler & Amelang Leipzig, 2. Aufl. 1981, S. 84 - 85.
  5. Heine, W.-D.: Christus als Apotheker. Bemerkungen zur Ionographie dieses Motivs. Zur Geschichte der Pharmazie 18 (1966), 1-8, Beilage zur Dtsch. Apotheker-Ztg.

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