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Politik ist der schwierigste Patient

01.03.1999  00:00 Uhr

-PolitikGovi-Verlag

SCHMERZTHERAPIE

Politik ist der schwierigste Patient

von Ulrich Brunner, Frankfurt am Main

Bessere Therapiekonzepte bei Schmerzpatienten scheitern nach Meinung von Experten an einer kontraproduktiven Gesundheitspolitik. Nur 3,6 Prozent aller Patienten, die starke Opioide brauchen, erhalten die erforderliche Behandlung, beklagte der Präsident des Deutschen Schmerztages, Dr. Gerhard Müller-Schwefe, zum Auftakt des 10. Deutschen Schmerztages am 24. Februar in Frankfurt.

Zwar habe der Morphinverbrauch in Deutschland von 1996 bis 1998 um 30 Prozent zugenommen. Die Bundesrepublik sei aber noch lange nicht auf dem Niveau anderer europäischer Staaten angelangt. "Nur jeder dreißigste, der die Substanz braucht, bekommt sie auch", sagte Müller-Schwefe. Trotzdem sehe die Regierung keinen Handlungsbedarf.

"Die Versorgung chronisch schmerzkranker Menschen wird bei uns nicht nur behindert, sondern vielfach verhindert", kritisierte auch der Hamburger Schmerztherapeut Dr. Dietrich Jungck. Bei den Berechnungen der Arzneimittelbudgets blieben teure aber unverzichtbare Medikamente oft unberücksichtigt. Jungck: "Ich verlange, daß sich die Gesundheitspolitiker endlich auch um die Kranken, und nicht nur um die gesunden Beitragszahler kümmern."

Die Ärzte wollten ihre Patienten nach dem aktuellen Stand der Medizin behandeln, seien aber nicht bereit, das aus eigener Tasche zu finanzieren. Die Probleme der Schmerzpatienten würden von der neuen Regierung noch mehr vernachlässigt als von der alten, so Jungck, der die Politik in diesem Zusammenhang als schwierigsten Patienten bezeichnete.

Die Sozialkasse wird nach Meinung von Müller-Schwefe auch durch die teure Betreuung austherapierter Patienten belastet. Würden Schmerzpatienten von Beginn an besser versorgt, könnten enorme Folgekosten vermieden werden.

Die Schmerzspezialisten forderten in Frankfurt deshalb, die Verordnungskosten für chronisch Schmerzkranke aus dem Budget auszuklammern und den Mehrwertsteuersatz für Arzneimittel zu senken. Müller-Schwefe: "Gerade bei der Mehrwertsteuer langt der Staat kräftig zu und entzieht so den Krankenkassen jährlich mehr als sieben Milliarden Mark."Top

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