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Das erste pharmakologische Labor an einerdeutschsprachigen Universität

23.02.1998
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Govi-Verlag

Das erste pharmakologische Labor an einer deutschsprachigen Universität


Die Pharmakologie hat wissenschaftshistorisch mehrere Quellen: Zum einen bestehen disziplingenetische Bezüge zur traditionellen Apotheker- und Scheidekunst sowie zur analytischen Chemie, aber auch zur alten Materia medica und zur experimentellen Physiologie, die im Rahmen der medizinischen Fakultäten gelehrt wurden. Für die Etablierung der Pharmakologie als eigenständiges akademisches Fach war dabei die Begründung eines wissenschaftlichen, einer Universität angeschlossenen Labors von besonderer Bedeutung. Das erste pharmakologische Labor in diesem Sinne wurde 1847 in Dorpat, einer deutschsprachigen Universität im Baltikum, gegründet.

Die maßgebliche Persönlichkeit dabei war Rudolf Buchheim (1820-1879). Er tat den entscheidenden Schritt zur Etablierung der experimentell ausgerichteten Pharmakologie an Hochschulen. Zwar blieb sein Institut in Dorpat bis Mitte der 1860er Jahre das einzige im deutschen Sprachraum, dann aber zogen die übrigen Universitäten nach und gründeten ähnliche Laboratorien oder Institute.

Rudolf Buchheim wurde am 1. März 1820 in Bautzen geboren und wurde noch vor Erreichen seiner Matura (1838) Vollwaise. Nach Studien an der Medicochirurgischen Akademie in Dresden und der Universität Leipzig wurde er 1845 zum Doktor der Medizin promoviert. Schon während seiner Studienzeit hatte er als Hilfsassistent am Anatomisch-Physiologischen Institut in Leipzig unter Leitung des bedeutenden Physiologen Ernst Heinrich Weber (1795-1878), einem der Mitbegründer der physikalisch orientierten Physiologie, gearbeitet. Anschließend wirkte er einige Jahre als praktischer Arzt und Geburtshelfer und trat nebenbei als medizinischer und pharmazeutischer Redakteur und Übersetzer hervor. Wegweisend für seinen weiteren Lebensweg war die Übersetzung des Lehrbuchs von Jonathan Pereira (1804-1853), das 1843 in zweiter Auflage unter dem Titel "The Elements of Materia Medica and Therapeutica" in London erschienen war.

Ende 1846 erhielt Buchheim die Berufung nach Dorpat, wobei wohl die Empfehlung des Dekans der dortigen Universität, Friedrich von Bidder (1810-1894), ausschlaggebend war. Im Sommer 1847 errichtete Buchheim zunächst im Keller seines Privathauses weitgehend aus eigenen Mitteln ein Laboratorium für experimentelle pharmakologische Untersuchungen. Das zunächst recht kleine Privatlabor war das erste an einer Universität kooptierte pharmakologische Institut im deutschen Sprachraum, wahrscheinlich sogar weltweit. Bereits 1849 wurde Buchheim von der Fakultät zum Ordinarius vorgeschlagen, unter ausdrücklichem Hinweis auf seine Verdienste um die Pharmakologie und die erheblichen persönlichen Mittel, die er zu deren Förderung eingesetzt hatte. Die Errichtung eines universitätseigenen Laboratoriums in den Räumen des ehemaligen Theatrum anatomicum konnte aber erst 1860 realisiert werden. In den Jahren 1847-1867 forcierte Buchheim mit erheblicher Tatkraft die Etablierung der experimentellen Pharmakologie an der Dorpater Universität. Obwohl er selbst keine überragende Einzelentdeckung erzielte, war sein neues wissenschaftstheoretisches und forschungs-praktisches Konzept wegweisend, und sein Unterricht sowie sein Forschungslaboratorium zogen zahlreiche begabte junge Studenten nach Dorpat. Die Dorpater Periode war für den Lebensweg Buchheims die entscheidende. Hier legte er die Grundlagen einer wissenschaftlichen Verselbständigung der Pharmakologie auf naturwissenschaftlicher experimenteller Basis. Ergänzend verfaßte er zahlreiche universitätspolitische Schriften, in denen er sich für die akademische Etablierung der Pharmakologie einsetzte, und trug maßgeblich zur Konstitution der Pharmakologie als einer neuen (medizinischen!) Disziplin bei. Unter seinen Schülern waren mehrere, die später in herausragende Positionen gelangten, so etwa Ernst von Bergmann (1836-1907), der spätere Chirurgie-Ordinarius in Würzburg und Berlin, sowie insbesondere Oswald Schmiedeberg (1838-1921), der zunächst Buchheims Nachfolger in Dorpat werden sollte (1867) und dann ab 1873 in Straßburg eine weitreichende akademische Tätigkeit entfaltete.

In seinem letzten Lebensjahrzehnt (1867-1879) wirkte Rudolf Buchheim als Professor für Pharmakologie in Gießen, wo sich allerdings seine beruflichen Hoffnungen nicht erfüllten. So verlegte er seine Aktivitäten wieder verstärkt auf redaktionelle Arbeiten und die Weiterführung seines "Lehrbuchs der Arzneimittellehre", das bereits 1854-1856 in erster Auflage erschienen war und 1878 nach gründlicher Überarbeitung und Erweiterung seine 3. Auflage erfuhr. Bei Buchheims Tod am 25. Dezember 1879 in Gießen hatten ihn sein Schüler Oswald Schmiedeberg und auch der ab 1869 in Bonn lehrende Pharmakologe Karl Binz (1832-1913) an fachlicher Bedeutung und persönlicher Ausstrahlung bereits erkennbar übertroffen. Unbeschadet dessen steht sein experimental-pharmakologisches Labor in Dorpat am Beginn einer weltweit erfolgreichen Entwicklung zur eigenständigen akademischen Disziplin.

PZ-Titelbeitrag von Dr. Franz Kohl
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