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Strategien gegen den schleichenden Verfall

21.02.2005
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.Demenzen

Strategien gegen den schleichenden Verfall

von Gudrun Heyn, Berlin

Kaum eine Erkrankung verändert das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen so dramatisch wie eine Demenz. Aber nicht jede Demenz ist unheilbar. Umso wichtiger ist es, frühzeitig eine exakte Diagnose zu stellen und therapeutisch einzugreifen.

Demenzen sind zerstörerische Veränderungen im Gehirn, die über Jahre hinweg fortschreiten. Dabei verlieren die Betroffenen ihre geistigen Fähigkeiten. Es wird ihnen zunehmend unmöglich, abstrakt zu denken, zu planen, sich zu orientieren, Personen zu erkennen oder Sachverhalte zu beurteilen. Leitsymptom ist die Störung des Gedächtnisses. Neue Inhalte können nicht mehr in das Langzeitgedächtnis aufgenommen werden und auch das Abrufen früher erlernter Sachverhalte wird zur Qual. Zumindest in den Anfangsstadien sind sich die Patienten voll ihrer Lage bewusst.

Das schleichende Vergessen wird begleitet von Verhaltensstörungen, psychotischen Symptomen und körperlichen Fehlfunktionen. Es verändert Beziehungen, soziale Bindungen, Gewohnheiten und Tagesabläufe, sowohl des Patienten als auch der betreuenden Personen.

Nach den ICD-10 Kriterien der WHO müssen mehrere Symptome seit mindestens sechs Monaten bestehen, um die Diagnose Demenz stellen zu können (Tabelle 1). Besonders im Frühstadium ist es schwierig, eine Demenz von rein altersbedingten Veränderungen abzugrenzen. Verwechslungsgefahr besteht außerdem mit anderen Erkrankungen wie der Depression oder dem Delir. Aber auch die Demenz selber bezeichnet nur ein Syndrom, hinter dem sich verschiedene Ursachen verbergen.

 

Tabelle 1: Definition der Demenz nach ICD-10; aus (16)

ParameterCharakteristik Symptome Beeinträchtigung höherer kortikaler Funktionen einschließlich Kurz- und Langzeitgedächtnis, Denken, Orientierung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache, Urteilsvermögen Ausprägungsgrad Beeinträchtigung der persönlichen Aktivitäten des täglichen Lebens Dauer der Symptomatik mindestens 6 Monate Ausschlusskriterien Bewusstseinsstörungen Verlauf chronisch progredient

 

Aktuell gibt es in Deutschland etwa eine Million Patienten, die an einer mittleren oder schweren Demenz erkrankt sind. In 15 Jahren werden es doppelt so viele sein. Das Risiko steigt mit dem Alter. Etwa sieben Prozent der 75- bis 79-Jährigen leiden heute an einem demenziellen Syndrom und jeder dritte 90-Jährige hat auf Grund dessen Schwierigkeiten im Alltag. Da Frauen länger leben, sind sie häufiger betroffen als Männer. Weibliches Geschlecht scheint ein Risikofaktor zu sein (2) und auch die Stärke der Erkrankung negativ zu beeinflussen (8). Allerdings konnte in der großen Rotterdam-Studie mit über 7500 Teilnehmern kein Unterschied in der Prävalenz bei den unter 80-jährigen Männern und Frauen festgestellt werden (9). Nur wenige Formen der Demenz sind erblich.

Alzheimer-Demenz am häufigsten

In Deutschland leiden mehr als 60 Prozent der Demenzkranken unter einer Demenz vom Alzheimer-Typ (AD) (1). Inzwischen ist es medizinisches Allgemeinwissen, dass die Erkrankung in jedem Erwachsenenalter auftreten kann und die häufigste Demenzursache bei älteren Menschen darstellt (2).

Krankhafte Eiweiße wie Beta-Amyloid und Tau-Protein hemmen Nervenzellen des Gehirns in ihrer Funktion. Außerdem ist die AD durch einen Mangel des Botenstoffs Acetylcholin und anderer Neurotransmitter, teils auch durch deren Überangebot charakterisiert. Typisch für primäre Demenzen, zu denen die AD zählt, sind ein schleichender Beginn und eine allmähliche Verschlechterung des Zustands der Patienten.

Vaskuläre Demenz

Bei einer vaskulären Demenz (VD) nimmt dagegen die kognitive Leistung häufig abrupt ab. Diese Form tritt in engem zeitlichen Zusammenhang mit einem Hirnschaden durch eine zerebrovaskuläre Erkrankung auf (3). Die Durchblutungsstörungen im Gehirn können Folge verschiedener organischer Erkrankungen sein, etwa von Herzrhythmusstörungen, Arteriosklerose oder Bluthochdruck. Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie unterscheidet allein acht verschiedene Formen, darunter die Multi-Infarkt-Demenz und die Binswangersche Erkrankung (subkortikale arteriosklerotische Enzephalopathie).

„Etwa 15 Prozent der Demenzpatienten in Deutschland leiden unter einer Demenz vaskulärer Genese“, berichtete der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, Professor Dr. Gerald Kolb, kürzlich in Berlin (17). Eine Mischform aus VD und AD ist bei etwa 10 Prozent zu finden. Wenn jemand eine vaskuläre Hirnschädigung hat, seien nur noch wenige neurodegenerative Veränderungen zur Manifestation einer AD nötig, stellte Professor Dr. Hans Förstl von der TU München in Berlin fest (18).

Lewy-Körperchen-Demenz

Weitere 10 Prozent der Demenzkranken leiden unter einer Lewy-Körperchen-Demenz, einem Syndrom mit wiederkehrenden Verwirrtheitszuständen und ständig wechselndem Verhalten. Visuelle Halluzinationen und motorische Parkinsonsymptome sind typisch, können aber durchaus diskret sein.

Charakteristisch ist jedoch, dass die Erkrankten aggressiv werden. Lewy-Body-Patienten leiden besonders ausgeprägt unter einem cholinergen Defizit, was auch die Ursache der Halluzinationen und Verwirrtheitszustände ist.

Pick-Komplex differenzieren

Relativ häufig ist außerdem der Pick-Komplex (frontotemporale Lobärdegeneration), der auf einer Atrophie (Rückbildung) im Bereich des Frontalhirns und der vorderen Anteile des Temporallappens beruht. Bei dieser Form ist die Suchfunktion für Gelerntes gestört. Teils können extrapyramidale Symptome wie beim Parkinson-Syndrom auftreten. Die Definition des Pick-Komplexes schließt die frontotemporale Demenz, die primär progrediente Aphasie (Störung der Sprachfunktion) und die semantische Demenz (SD) mit ein (4). Wie Kinder im ersten Schuljahr schreiben SD-Patienten nach Gehör. So wird aus Stern „Schtern“ und aus Chor „Kohr“.

Persönlichkeitsveränderungen und Störungen der sozialen Beziehungen stehen bei der frontotemporalen Demenz im Vordergrund. Die Patienten zeigen sich taktlos, enthemmt und können sogar kriminelles Verhalten entwickeln. Oft fehlt ihnen die Einsicht in ihre Krankheit. Klinisch ist die Pick-Krankheit schwer von einer AD zu unterscheiden (2).

Seltene Demenzursachen

Deutlich seltener sind andere Ursachen einer Demenz wie Schilddrüsenerkrankungen, Vitaminmangelzustände, Hirntumore, Drogen- und Medikamentenintoxikation sowie chronische Infektionen und schwere Depression. So können etwa Benzodiazepine metabolische Störungen hervorrufen und damit eine Demenz auslösen. Aids, Meningitis und die Creutzfeld-Jakob-Erkrankung sind typische Beispiele für Infektionskrankheiten, die zur Demenz führen.

Kein Grund zur Ignoranz

Die Indikation zur Behandlung einer Demenz sollte immer von einem erfahrenen Facharzt gestellt werden. Leicht können Demenzen miteinander verwechselt oder bei Mischformen übersehen werden. Teils schwierig ist die Differenzialdiagnose zu anderen Erkrankungen. Insbesondere gilt es, ursächlich behandelbare Störungen zu identifizieren. „Wenn wir Demenzen heilen, wird die Diagnose in Zukunft ernster genommen“, sagte Kolb.

Häufig sind Erkrankungen, zum Beispiel Stoffwechselstörungen durch Vitamin-B12-Mangel oder chronische Vergiftungen, gut therapierbar, so dass sich auch die geistigen Fähigkeiten des Patienten wieder normalisieren. Man spricht daher von sekundären Demenzen. Bei einer primären Demenz ist dagegen die Hirnfunktion unumkehrbar verloren. Rechtzeitig erkannt, sind aber auch eine limbische Enzephalitis oder eine Herpes-Enzephalitis teilweise behandelbar. Solche Erkrankungen sollten daher so früh wie möglich als Ursache ausgeschlossen werden.

Bei einer VD sind einmal verlorene geistige Fähigkeiten meist unwiederbringlich verschwunden (2). Wenn jedoch die auslösende Ursache behandelt wird, ist es in der Regel möglich, den fortschreitenden Verlauf zu stoppen.

Da eine vaskuläre und eine Alzheimer-Demenz häufig gemeinsam auftreten, sollte genau diagnostiziert und gegebenenfalls beides behandelt werden, sagte Förstl. Lautet die Diagnose nur VD, dürfen Ärzte keine Antidementiva auf Kosten der gesetzlichen Krankenkassen verordnen, obwohl inzwischen eine Reihe von Studien einen positiven Einfluss auch bei einer vaskulären Genese belegt (5, 6).

Die zur Alzheimer-Behandlung zugelassenen Antidementiva bringen keine Heilung. Sie dienen vielmehr dazu, Angehörige zu entlasten und das Verhalten des Patienten positiv zu beeinflussen, stellte Professor Dr. Isabella Heuser von der Charité in Berlin klar (19). Mehr als 20 Monate könne ein Heimaufenthalt mit Hilfe der Medikamente hinausgezögert werden.

Bei leichter bis mittelschwerer AD sind die Acetylcholinesterase-Inhibitoren Donepezil, Rivastigmin und Galantamin Mittel der Wahl. Auch Ginkgo-Präparate und einige Nootropika sind hierfür zugelassen (20), werden aber von Experten kritisch bewertet. Bei einer mittelschweren bis schweren AD wird der NMDA-Rezeptorantagonist Memantine eingesetzt. Nach Hochrechnungen in Baden-Württemberg erhalten nur etwa 8 Prozent der erkrankten über 65-jährigen GKV-Versicherten ein Antidementivum (7). Unbegründet sind Befürchtungen, die Medikamente könnten die Beschwerden der Demenz nur weiter „nach hinten“ schieben. Sie verlängern nicht das Leben und damit das Leiden der Patienten.

Vorsicht vor Nebenwirkungen

„Die Therapie einer Lewy-Körperchen-Demenz hat im Vergleich zur AD größere Erfolgsaussichten“, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie, Dr. Hans Gutzmann, in Berlin (17). Bei den Patienten eignen sich insbesondere Acetylcholinesterase-Hemmer, um kognitive Funktionen, Verhalten und Halluzinationen zu bessern. Auf Grund des cholinergen Defizits dürfen dagegen vor allem Dopaminantagonisten wie Haloperidol nicht gegeben werden. Konventionelle Neuroleptika könnten sogar zum Tod des Patienten führen, warnte Förstl.

Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie warnt außerdem vor der Gabe atypischer Neuroleptika, da extrapyramidale Krisen auftreten können (1). Selbst Risperidon, das derzeit als einziges atypisches Neuroleptikum zur Therapie schwerer Aggressionen und Wahnvorstellungen bei Demenzkranken zugelassen ist, kann bei Lewy-Body-Patienten ein malignes neuroleptisches Syndrom hervorrufen. Aber auch Standarddosen von Benzodiazepinen können heftige unerwünschte Begleiterscheinungen hervorrufen (2).

Besonders schwierig ist es, eine Demenz mit Lewy-Körperchen von einer AD abzugrenzen, da auch Alzheimer-Patienten extrapyramidale Störungen aufweisen können (1). Doch sie können durchaus mit niedrig dosierten Neuroleptika gegen innere Unruhe, Aggressivität und psychotische Symptome behandelt werden. Vorsicht ist generell bei Durchblutungsstörungen geboten, da Studien mit Risperidon eine höhere Inzidenz für zerebrovaskuläre Ereignisse ergaben. Die exakte Diagnose ist daher auch hier essenziell für die medikamentöse Therapie.

Meistens dramatisch verlaufen die Pick-Krankheiten. Da kein cholinerges Defizit besteht, haben Medikamente wie die Cholinesterasehemmer, die bei der AD wirksam sind, beim Pick-Komplex keinen Effekt.

Hirnschäden addieren sich

Zu den medizinischen Risikofaktoren gehören Bluthochdruck, zu hohe Cholesterolwerte, Diabetes mellitus, Alkoholismus, Rauchen und die langfristige Einnahme von Schlaftabletten (Benzodiazepine). Beispielsweise haben Diabetikerinnen ein deutlich höheres Risiko als Nichtdiabetikerinnen. Im Rahmen der US-amerikanischen Nurses-Health-Study wurden 19.000 Frauen im Alter zwischen 70 und 81 Jahren alle zwei Jahre untersucht. Besonders schlecht schnitten Typ-2-Diabetikerinnen in den kognitiven Tests ab, wenn ihre Erkrankung länger als 15 Jahre bestand und sie keine antidiabetische Therapie erhielten (10).

Ein dreifaches Risiko für eine AD haben Menschen, die in einem späten Lebensabschnitt eine Depression entwickeln. Leiden diese Menschen, gleichzeitig unter kognitiven Störungen, haben sie ein nahezu 100-prozentiges Risiko, an Alzheimer-Demenz zu erkranken, sagte Professor Dr. Gabriela Stoppe von der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel in Berlin (19).

Alles, was ein Mensch im Lauf seines Lebens an Hirn schädigenden Faktoren erlebt, zum Beispiel Verkehrsunfälle und Gehirnentzündungen, kann zu einer Demenz beitragen. Außerdem soll sich das Risiko erhöhen, wenn Bildungschancen nicht konsequent wahrgenommen wurden. So wurde in der Rotterdam-Studie die höchste Alzheimer-Rate bei Menschen mit besonders niedriger Bildung festgestellt (9). Auch das Risiko einer VD war bei dieser Gruppe erhöht. Dagegen zeigte sich bei anderen Demenzen kein Zusammenhang zwischen Bildung und Erkrankungsrisiko.

„Manche Studien berichten außerdem, dass eine hohe Intelligenz vor der Erkrankung schützt“, sagte Förstl. Da Bildungsstand und Intellekt auch die Fähigkeit beeinflussen, wie kognitive Tests bewältigt werden können (2), zweifeln manche Experten an der Aussagekraft dieser Studien. Umstritten ist auch der protektive Effekt von sportlicher und geistiger Aktivität im Alter.

Sprachverlust als Frühzeichen

Bei einer Demenz ist die Fähigkeit, Alltagssituationen selbstständig zu bewältigen, deutlich eingeschränkt. Dagegen ist es ganz normal, wenn man einmal einen Schlüssel verlegt oder vergisst, warum man gerade etwas sagen wollte. Auf jeden Fall solle der Arzt Klagen über kognitive Störungen ernst nehmen, empfahl Förstl. Angaben, die Patienten oder Angehörige in der Frühphase machen können, sind häufig zuverlässiger als die Symptome. Manche Patienten merken sogar Monate vor den klinischen Symptomen, dass „etwas nicht stimmt“.

Typische Anzeichen einer beginnenden AD sind Konzentrationsstörungen, Überforderungsgefühl, rasche Erschöpfbarkeit, Depressivität, Antriebsarmut, Interesselosigkeit und diffuse Ängste (Tabelle 2). In nahezu allen Studien gäben 53 Prozent der Patienten eine Kommunikationsstörung als Frühsymptom an, sagte Dr. Markus Gress-Heister, Neuropsychologe und Logopädieschulleiter aus Kaiserslautern (17). „Sprache ist so nah am Gehirn, dass selbst kleinste Störungen auf die Produktion und Planung von Sprache durchschlagen.“

 

Tabelle 2: Erstsymptome demenzieller Syndrome; aus (16)

Symptom Häufigkeit (in Prozent) Probleme bei der Arbeit 62 Kommunikationsstörungen 53 Persönlichkeitsveränderungen 47 Orientierungsstörungen 36 Leistungsknick 20 Probleme beim Autofahren 15 Probleme mit Geld 12 Gedächtnisprobleme 12

 

Alzheimer-Patienten reden langsamer, verlieren im Gespräch oft den roten Faden, vergessen das Dialogthema und wiederholen Satzphrasen. Sehr typisch ist, dass sie mehrfach nachfragen oder Dinge falsch benennen. Wie Schizophrene missverstehen AD-Betroffene im wörtlichen Sinn, denn der übertragene Sinn eines Textes wird ihnen nicht mehr deutlich. Wenn beispielsweise jemand den Raum betritt und sagt „es zieht“, wird kein dementer Mensch dies als Aufforderung verstehen, das Fenster zu schließen.

Außerdem werden nur noch aktiv formulierte Sätze begriffen, Sätze im Passiv nicht. Aus dem Satz „der Mann wird vom Hund gebissen“ wird nach dem Muster Subjekt-Prädikat-Objekt „Mann beißt Hund“. Angehörige und pflegende Personen, die dies nicht wissen, glauben häufig, die Betroffenen würden absichtlich falsch reagieren. Missverständnisse und Wut sind dadurch programmiert. Schließlich reihen die Patienten nur noch Hauptsätze aneinander und verwenden kaum mehr persönliche Fürwörter. Weil Demente keine Fehler machen, sondern Sprache reduzieren, helfen klassische Sprachtests wie der Aachener Aphasietest bei der Diagnose nicht, erklärte Gress-Heister (17).

Diagnose in Memory Clinics

Trotz diagnostischer Leitlinien wird in der hausärztlichen Praxis bisher nur ein Bruchteil der Demenzpatienten erkannt (11). „Immer noch herrscht therapeutischer Nihilismus und entsprechend wenig Aufwand wird betrieben“, kritisierte die ärztliche Leiterin des Evangelischen Geriatriezentrums Berlin (EGZB), Professor Dr. Elisabeth Steinhagen-Thiessen (18). Dagegen sind Memory Clinics und Gedächtnissprechstunden auf die Demenzdiagnose spezialisiert und haben teils auch Kompetenz in der Therapie. Aktuell gebe es in Deutschland, Österreich und der Schweiz 99 solcher Einrichtungen, so Kolb. Im Durchschnitt müssen Betroffene sieben Wochen auf einen Termin warten. Die Abklärung erfolgt ambulant und dauert in der Regel acht Tage.

Zumeist sind Gedächtnissprechstunden der Geriatrie, Neurologie oder Psychiatrie einer großen Klinik angegliedert. In Zukunft sollten jedoch alle drei Disziplinen vernetzt sein, um den unterschiedlichen Anforderungen der Patienten besser gerecht zu werden, war die einhellige Meinung der Experten auf dem DGG-Kongress. So wird ein dementer Diabetiker mehr von einem Geriater, ein verhaltensgestörter Demenzpatient mehr von einem Gerontopsychiater profitieren. Klare Qualitätsstandards zur Diagnose und Therapie werden derzeit für die Memory Clinics mit den Kostenträgern erarbeitet.

„Es ist heute nicht mehr vertretbar, dass man eine eventuell behandelbare Demenzursache übersieht“, sagte Förstl. Eine Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) sind auf jeden Fall erforderlich. Damit kann man etwa einen langsam wachsenden, gutartigen Gehirntumor, eine Hirnblutung oder eine gut behandelbare Gerinnungsstörung ausschließen.

In Mitteleuropa sind neben CT oder MRT die körperliche Untersuchung, Laborwerte und eine testpsychologische Untersuchung feste Bestandteile einer Diagnose. Daneben ist immer auch die Fremdanamnese wichtig. Außerdem ist ein EEG sinnvoll, wenn es Hinweise auf ein Delir gibt, wenn Medikamenten-induzierte metabolische Störungen oder eine Creutzfeld-Jakob-Erkrankung vermutet werden oder die Patienten zu erhöhter Krampfbereitschaft neigen. Mit einer Liquordiagnostik können neoplastische oder entzündliche Ursachen abgeklärt werden.

Screeningtests richtig einsetzen

Zur Untersuchung gehören unbedingt auch mentale Leistungstests. Weltweit verbreitet ist der Mini-Mental-Status-Test (MMST, MMSE), mit dem der Schweregrad einer kognitiven Beeinträchtigung auf einer Punkteskala eingeschätzt werden kann. Aber auch der DemTect, der Uhren-Zeichnen-Test, der CERAD (Consortium to Establish a Registry for Alzheimer´s Disease Battery) oder der TFDD (Test zur Früherkennung von Demenzen mit Depressionsabgrenzung) messen die geistige Leistungsfähigkeit.

Die Testverfahren zielen auf unterschiedliche kognitive Fähigkeiten ab. Geprüft werden Erinnerungsvermögen, zeitliche Orientierung, räumliche Leistungen, geistige Flexibilität und Sprache sowie problemlösendes Denken.

„Doch es ist gar nicht so bedeutend, welcher Test zur Demenzdiagnose verwendet wird. Viel wichtiger ist es zu wissen, worauf es bei den Tests ankommt“, sagte Professor Dr. Alexander Kurz vom Alzheimer-Zentrum der TU München (17). So hat ein Mensch nicht unbedingt ein gutes Erinnerungsvermögen, wenn er begreift, dass er einfache Lernworte wiederholen soll. Es gilt vielmehr zu prüfen, ob er in der Lage ist, neue Informationen im Langzeitgedächtnis zu speichern und anschließend auf die neu gebildete Synapsen-Architektur zuzugreifen. Nachdem einige Merkwörter genannt wurden, wird der Betroffene daher abgelenkt. Im MMST geschieht dies durch Rechenaufgaben. Erst danach ist es sinnvoll, das Gelernte wieder abzufragen.

In jedem Test sollten außerdem schriftliche oder zeichnerische Aufgaben gelöst werden. Wird nur mündlich getestet, kommt es häufig vor, dass ein Mensch mit einer Amnesie nach einem Schlaganfall für dement gehalten wird. Fehldiagnosen sind ebenfalls an der Tagesordnung, wenn ein Patient depressiv, gehemmt, genervt, ängstlich oder wenig gebildet ist.

Zeit gewinnen durch die Therapie

Je früher die Diagnose gestellt und mit einer modernen Therapie begonnen wird, desto länger bleiben die Patienten selbstständig. Eventuell ist sogar eine Heilung möglich. Obwohl die Vorlaufzeit erheblich sein kann – bis zu 30 Jahre bei der AD –, bleiben nach der Diagnose im Durchschnitt nur sechs Jahre bis zum Tod.

Im Anfangsstadium vergessen die Patienten zwar häufig schon etwas oder bringen das Datum durcheinander, aber dies stellt für die Betroffenen und ihre Angehörigen noch keine so große Belastung dar. Erst wenn die Patienten ihre Hygiene vernachlässigen, nicht mehr vom Supermarkt nach Hause finden, Freunde als Fremde behandeln oder im Haushalt Katastrophen passieren, wird professionelle Hilfe gesucht. Dann bleibt meist nicht mehr viel Zeit, sich mit der Erkrankung auseinander zu setzen und auf die Veränderungen vorzubereiten.

Der Alltag ist geprägt von Aggressivität, Unruhe, krankhaftem Misstrauen und Schlaflosigkeit des Patienten. Bei etwa 90 Prozent der Demenzpatienten beobachtet man solche Symptome (12). Die Betroffenen verstehen nicht mehr, was um sie herum geschieht und was ihr Gegenüber von ihnen will. Außerdem begreifen sie nicht, warum ihr Gesprächspartner wütend reagiert, wenn er seinerseits nicht mehr verstanden wird.

Die Pflegenden müssen sich mit der Vergesslichkeit, Verwirrtheit und auch der Gefahr auseinander setzen, wenn etwa Herdplatten nicht mehr abgeschaltet oder Wasserhähne nicht mehr zugedreht werden. Die Dementen können nicht mehr ohne Aufsicht sein und brauchen Hilfe beim Ankleiden und anderen alltäglichen Verrichtungen. Kranke mit einer vaskulären Demenz werden häufig schon früh harninkontinent (3). Bei der AD ist dies meist erst im Spätstadium zu beobachten. Durch die nun notwendige 24-Stunden-Betreuung verlieren die Betroffenen immer mehr Eigenständigkeit. Teils werden sie über-, teils unterfordert. Auch dies macht sie ängstlich und aggressiv.

Scheinbar unbegründete Verhaltensänderungen gibt es zudem, wenn die Kranken unter Schmerzen leiden, darüber aber – da das abstrakte Denkvermögen verloren geht – nicht mehr klagen können. Es gilt daher, genau zu beobachten. Aggressivität und Angst lassen sich dann mit Schmerzmitteln lindern.

Im Spätstadium vergessen die Patienten gar, dass man etwa Broccoli essen kann und weigern sich, das fremde Etwas in den Mund zu stecken. Außerdem verlernen viele, wie man schluckt. Eine Lungenentzündung durch Speisereste (Aspirationspneumonie) kann die Folge sein.

Angehörige sind wichtig

In Deutschland werden rund zwei Drittel der Demenzkranken von ihren Angehörigen versorgt. Dabei geht es nicht nur um die Pflege. Angehörige leisten vielmehr einen sehr wichtigen Beitrag zur Therapie.

Wenn das Umfeld des Patienten nicht seine spezifischen Erfordernisse beachtet und – soweit möglich – aktiv in das Therapiekonzept eingebunden wird, werden therapeutische Maßnahmen wenig fruchten, so die Experten des Konsensustreffens am 16. Juli 2004 in Bonn (14). Ein sicheres Zeichen für eine gute Klinik oder Gedächtnissprechstunde ist für Professor Dr. Isabella Heuser von der Charité daher auch, dass Angehörigengruppen angeboten werden. So können etwa die pflegenden Personen in einer Verhaltenstherapie lernen, wie man mit aggressivem Verhalten umgeht (14).

Ziel einer psychoedukativen Gruppenarbeit ist es, das Verhalten des dementen Familienmitglieds verstehen zu lernen. Nur wer die Hintergründe kennt, kann Fehleinschätzungen vermeiden und gezielt und hilfreich reagieren.

Kleine Hilfen im Alltag

Eine erfolgreiche Demenztherapie ist ohne individuelles multimodales Vorgehen nicht denkbar. Pharmako- und Bewegungstherapie, kommunikatives Training sowie die Anpassung der Lebensumwelt gehören zu den Bausteinen. Oft helfen auch simple Maßnahmen. So ist bei nächtlicher Unruhe ein abendlicher Spaziergang manchmal wirkungsvoller als eine medikamentöse Sedierung. Bei der Nachkriegsgeneration wirkt auch der Duft von 4711. Er beruhigt und erzeugt eine gute Stimmung.

Vor allem emotionale Reaktionen haben hohe therapeutische Relevanz (14). Ein vertrauensvolles, angstfreies und wertschätzendes Milieu sollte daher gefördert werden. Dies kann mit einem abgestimmten Therapieplan geschehen, der die individuellen Neigungen des Patienten berücksichtigt. So wird man einen Musikliebhaber mit einer Musikauswahl nach seinem Geschmack eher fördern können als einen unmusikalischen Patienten.

Während die therapeutische Wirkung von Musik- und Kunsttherapie umstritten ist, wird die Validationstherapie nach Feil in Fachkreisen immer mehr akzeptiert. Dies bedeutet, die Realität des Dementen anzunehmen, seine aktuellen Gefühle und Verhaltensweisen für gültig zu erklären und wertzuschätzen (15). „Vieles, was heute wirr scheint, hat einmal eine Bedeutung im Leben des Betroffenen gehabt“, erklärt Heuser. Die Validation muss jedoch erlernt werden.

Wer wissen will, ob seine mentale Leistungsfähigkeit noch im Normbereich liegt, kann dies im Internet überprüfen. In dem Demenz-Screening-Test www.Kopfsache-Interaktiv.de wird die kognitive Leistungsfähigkeit spielerisch auf die Probe gestellt und ausgewertet. Wer jedoch berechtigte Zweifel hat, sollte sich in die professionellen Hände eines Facharztes begeben. Je schneller eine Demenz erkannt und behandelt wird, umso größer sind gegebenenfalls die Heilungschancen, aber auf jeden Fall die Lebensqualität.

 

Literatur und Anmerkungen

  1. Wallesch, C. W., et al., Alzheimer-Demenz (AD) und Demenz mit Lewy-Körperchen (DLB). Sonderdruck aus Diener, H. C. (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. 2. Aufl., Thieme Verlag 2003, S. 96-99.
  2. Bird, T., Alzheimerkrankheit und andere primäre Demenzerkrankungen. Sonderdruck aus Dietel, M., et al. (Hrsg.), Harrisons Innere Medizin 2. 15. Aufl., ABW Wissenschaftsverlag GmbH 2002, S. 8.
  3. Hamann, F., et al., Vaskuläre Demenz. Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. 2002. www.uni-duesseldorf.de/WWW/AMF/11/030-038.htm.
  4. Sliwka, U., et al., Pick-Komplex (frontotemporale Lobärdegeneration). Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. 2002. www.uni-duesseldorf.de/WWW/AMF/11/030-066.htm.
  5. Blaeser-Kiel, G., Therapeutischen Zeitrahmen voll ausschöpfen. Nervenheilkunde 1, Sonderdruck Forum Demenz (2004) 4.
  6. Knöpfl, S., Kornhuber, J. (Hrsg.), Blickpunkt Memantine. 4. Aufl., Aesopus Verlag 2003, S. 80.
  7. Kassow, K.-D., Demenzversorgung – Chancen und Risiken durch die Gesundheitsreform 2004. Zukunftsforum Demenz, Newsletter 11. Workshop in Schmitten 2004, S. 4.
  8. Spalletta, G., et al., Cognition and behaviour are independent and heterogeneous dimensions in Alzheimer`s disease. J. Neurol. 251 (2004) 688-695.
  9. Ott, A., et al., Prevalence of Alzheimer`s disease and vascular dementia: association with education. The Rotterdam Study. Brit. Med. J. 210 (1995) 970-973.
  10. Lagroscino, G., et al., Prospective study of Type 2 diabetes and cognitive decline in women aged 70 – 81 years. Brit. Med. J. 328 (2004) 548.
  11. Calabrese, P., Diagnostik der Alzheimer-Demenz in der Praxis. PharmaFokus ZNS 1 (2004) 40.
  12. Kurz, H., et al., Therapie demenzassoziierter Verhaltensstörungen mit Risperidon bei ambulanten gerontopsychiatrischen Patienten. MMW-Fortschritte der Medizin. Originalien III (2003) 89-95.
  13. Füsgen, I., Hardt, R., Der demente Schmerzpatient. Geriatrie J. 4 (2004) 19-22.
  14. Hirsch, R. D., Neuroleptikatherapie bei demenzbedingten Verhaltensstörungen: Eine Neubewertung. Geriatrie J. 5 (2004) 43-47.
  15. Füsgen, I., Umgang mit dem Demenzkranken. Sonderdruck aus Füsgen, I., Demenz. Praktischer Umgang mit Hirnleistungsstörungen. 4. Aufl., Urban & Vogel 2001, S. 28.
  16. Gress-Heister, M., Sprech- und Schluckstörungen - Problemfeld in der Demenztherapie. In: Füsgen, I. (Hrsg.), Zukunftsforum Demenz. Dokumentationsreihe Bd. 5, 2003, S. 19-29.
  17. Vorträge und Presseerklärungen auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, 28. bis 30. Okt. 2004, Berlin.
  18. Vorträge auf dem Demenz-Symposium 2004 des Evangelischen Geriatriezentrums (EGZB), 24. Sept. 2004, Berlin.
  19. Vorträge und Presseerklärungen auf dem DGPPN-Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, 24. bis 27. Nov. 2004, Berlin.
  20. Morck, H., Demenzen. PZ-Prisma 12, Nr. 1 (2005) 33-37.
  21. Informationsbroschüre: Demenz – das schleichende Vergessen. www.zukunftsforum-demenz.de

 

Die Autorin

Gudrun Heyn war im Anschluss an ihr Geologiestudium als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität Berlin tätig und untersuchte toxische Einflüsse aus Grundwässern. Nach der Promotion arbeitete sie in verschiedenen Forschungseinrichtungen, darunter am Kernforschungszentrum Karlsruhe und beim Niedersächsischen Landesamt für Bodenforschung. Sie hatte Lehraufträge an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Freien Universität Berlin. In Fachpublikationen veröffentlichte sie Ergebnisse eigener Forschungen. Seit ihrer Ausbildung als Journalistin ist Dr. Heyn als freie Wissenschaftsjournalistin in Berlin tätig und schreibt für Fachzeitschriften über aktuelle Themen aus Medizin und Pharmazie.

 

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Gudrun Heyn
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