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Friede an der Tariffront ist Zukunftssicherung

22.02.1999
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-PolitikGovi-Verlag

PZ-INTERVIEW

Friede an der Tariffront ist Zukunftssicherung

von Gisela Stieve, Hamburg

Die Tarifverhandlungen für die Angestellten in Apotheken sind festgefahren. Der Bundesverband der Angestellten in Apotheken (BVA) hatte den zuletzt gültigen Gehaltstarifvertrag zum 31. Dezember 1997 gekündigt. Die Gehaltsbedingungen sind seitdem in der Schwebe. Bestehende Verträge gelten meist fort, neue Arbeitsverhältnisse stehen nicht mehr unter tarifvertraglicher Bindung. Im Klartext: Angestellte haben keinen Anspruch auf ein Mindestgehalt. Die PZ sprach mit der BVA-Vorsitzenden Magdalene Linz am Rande der Interpharm in Hamburg. Der BVA vertritt als Gewerkschaft rund 100.000 Angestellte in Apotheken in tarif- und berufspolitischen Fragen.

PZ: Der BVA als gewerkschaftliche Vertretung der Angestellten in Apotheken drängt auf den Abschluß eines neuen Tarifvertrages. Die Arbeitgeber wollten aber bisher nicht mehr als eine Nullrunde anbieten. Wie sehen die BVA-Forderungen aus?

Linz: Durch den langen Zeitraum ohne Tariferhöhungen fordert der BVA jetzt, die Gehälter linear um sechs Prozent zu erhöhen und die Gehälter der Pharmazie-Ingenieure im Osten an das Westgehalt anzugleichen. Die wirtschaftliche Lage der Apotheken in den neuen Bundesländern ist im Durchschnitt besser, die Personalkosten sind prozentual deutlich niedriger als in den alten Bundesländern. Das haben auch schon die Krankenkassen erkannt und fordern sogar eine Erhöhung des Kassenabschlags ab einer Umsatzgröße von drei Millionen DM.

Insgesamt könnte sich der BVA durchaus eine prozentuale Erhöhung mit Einmalzahlung vorstellen analog dem Abschluß in der Metallindustrie, um den Verlust im letzten Jahr auszugleichen. Es hat 1998 nach den uns vorliegenden Zahlen erhebliche Umsatzzuwächse in den Apotheken gegeben. Die PZ hat 6,1 Prozent gemeldet. Wir sind der Meinung, daß dieses gute Ergebnis durchaus eine spürbare Erhöhung der Angestelltengehälter möglich macht.

PZ:Der BVA beklagt die starre Haltung der Arbeitgebervertretung. Zu welchen Zugeständnissen wäre der BVA bereit?

Linz: Im Bereich der Arbeitszeitgestaltung wären wir dazu bereit, als zusätzliche Möglichkeit eine Vereinbarung über eine Jahresarbeitszeit in den Bundesrahmentarifvertrag einzubauen. Der BVA hat auch schon mehrfach die komplette Neugestaltung des Gehaltstarifvertrages vorgeschlagen, die eine einheitliche Abstufung zwischen den Berufsjahresgruppen vorsieht. Im Moment gibt es teilweise völlig unmotivierte, große Sprünge zwischen einigen Berufsjahresgruppen. Hier müßte man etwas korrigieren, wobei allerdings denjenigen, die nach dem alten Tarifvertrag bezahlt werden, ein Bestandsschutz zugesichert werden müßte. Denkbar wären, für eine gewisse Zeit zwei Tarifverträge nebeneinander herlaufen zu lassen: einen für Berufseinsteiger und einen für die, die schon im Beruf sind.

Wir sind auch dafür, daß eine Arbeitsgruppe aus Arbeitgebervertretern und BVA noch in diesem Jahr Vorschläge zu einer Neugestaltung erarbeitet. Das bieten wir schon seit Jahren an, aber leider hat die Arbeitgeberseite das Angebot nie aufgegriffen. Wir hatten auch vorgeschlagen, qualifikationsabhängige Zuschläge zum Beispiel für Spezialisierungen, Fortbildung und Weiterbildung in den Tarifvertrag einzuführen.

Die finanzielle Lage der Angestellten ist wirklich nicht rosig. Heute kann zum Beispiel eine allein lebende Frau von dem Tarifgehalt einer PTA oder PKA - vor allen Dingen in einer Großstadt – kaum leben. Die Einstiegsgehälter bewegen sich zwischen 2300 und 2700 DM brutto. Darüber hinaus ist es schwierig, überhaupt Bewerber für eine mit noch nicht einmal 2000 DM netto dotierte Stelle zu finden. Aber auch die Gehälter der angestellten Apotheker sind im Vergleich zu anderen Akademikergehältern sehr niedrig.

PZ: Werden denn PKA und PTA nach wie vor gebraucht?

Linz: Absolut. Gerade die PKA kann das pharmazeutische Personal von nicht-pharmazeutischen Tätigkeiten entlasten, damit die Pharmazeuten Zeit für die Aufgaben haben, die die ABDA völlig zu Recht als Zukunftsaufgaben erkannt hat - zum Beispiel Pharmazeutische Betreuung und intensivere Kundenbetreuung durch zusätzliche Dienstleistung. Die PKA haben also durchaus vernünftige Berufsaussichten, aber nur, wenn sie auch angemessen bezahlt werden.

PZ:Warum überzeugen diese Argumente nicht?

Linz: Diese Frage sollten Sie besser den Apothekenleitern stellen. Ich kann das nicht beantworten und auch nicht verstehen. Schließlich sollte derjenige, der Qualität als Hauptargument in den Vordergrund stellt, diese auch angemessen honorieren. Der Apothekerstand erwartet von den Krankenkassen, daß sie die Qualität der Apotheker bezahlen. Also muß diese Qualität wohl auch in den Apotheken selbst honoriert werden. Sonst paßt das nicht zusammen. Ich befürchte, daß die innere Kündigung, die die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" kürzlich einmal auf 40 Prozent beziffert hat, in den Apotheken möglicherweise sogar schon höher liegt. Das ist eine ganz große Gefahr für die Zukunft des Berufsstandes.

Manchmal frage ich mich, wie einige katastrophalen Umfrageergebnisse bei Beratungen und Testkäufen zustande kommen. Ich befürchte, daß solche Mitarbeiter, die nicht ausreichend beraten haben, möglicherweise an ihrem Beruf kein Interesse mehr haben und nicht mehr ausreichend motiviert sind. Das muß sich dringend ändern, wenn der Berufsstand überleben will. Zur Motivation gehören nun mal auch die Gehälter.

PZ: Also lassen Sie das Argument, "es gibt nichts zu verteilen", nicht gelten?

Linz: Das stimmt ja nicht mehr. Die Frage ist doch immer: Wieviel will man der jeweiligen Gruppe zugestehen? Daß sich das in einem moderaten Rahmen bewegen muß, ist dem BVA durchaus bewußt. Aber die Apothekenmitarbeiter wurden zu lange hingehalten. Sie lesen in den Tageszeitungen, daß andere Branchen im vergangenen Jahr Durchschnittsabschlüssen von 2,4 Prozent hatten.

Sehen Sie: Seit 1993 haben wir eine Gehaltserhöhung von insgesamt 6,4 Prozent gehabt. In der gleichen Zeit ist die Inflationsrate um 12 Prozent gestiegen, also haben wir da schon ein Minus von 5,6 Prozent gemacht. Die Arbeitnehmer haben in den letzten sechs Jahren eine Steigerung von 14,4 Prozent erfahren, das heißt, daß wir im Vergleich zu allen anderen Arbeitnehmer noch acht Prozent verloren haben. Hier muß man klar erkennen, daß die Apothekenmitarbeiter ganz am Ende der Skala stehen. Der BVA hat diese Zahlen zusammen mit unseren Tarifverträgen einigen Politikern und Journalisten gezeigt. Sie waren erschüttert, weil sie immer dachten, daß es in der vermeintlichen Goldgrube Apotheke auch den Angestellten gut geht. Das ist aber nicht der Fall.

PZ: Es wird ja noch komplizierter. Der Arbeitgeberverband Deutscher Apotheken (ADA) hat zum 31. Dezember 1998 den Bundesrahmentarifvertrag (BRTV) gekündigt, der unter anderem Urlaubszeiten, Sonderentgelte und Kündigungsfristen gesetzlich regelt. Was tut sich hier?

Linz: Der Arbeitgeberverband hat hier Gesamtverschlechterungen von 22 Prozent gefordert. Das ist eine Zumutung gegenüber den Mitarbeitern. Ich glaube, daß es für die Apothekenleiter nicht besonders glücklich ist, daß Politiker verschiedener Parteien auf diese Situation aufmerksam geworden sind. Der BVA hat deswegen schon etliche Anfragen in seiner Hauptgeschäftsstelle gehabt. Vor dem Hintergrund einer Verschlechterung der Anerkennung von Erziehungsjahren wird durchaus auch die Frage nach der sozialen Kompetenz von Apothekern gestellt – und das ist fatal. Das stellt eine echte Gefahr für die Position der Apotheker in den Verhandlungen über die Gesundheitsreform 2000 dar, wenn die Apotheker als unsozialer Beruf gegenüber ihren eigenen Angestellten erkannt und dargestellt werden.

PZ: Der ADA hat sich natürlich nicht unter Druck setzen lassen. Wie wollen Sie jetzt weiter verfahren?

Linz: Nun, für das letzte Jahr mag das stimmen. Das entspricht aber nicht mehr dem gegenwärtigen Stand. Der BVA hat eine ganze Reihe von Aktionen gestartet: Wir haben einen Brief an alle Apothekenleiter verfaßt, es gab zahlreiche Leserbriefe nicht nur von BVA-Mitgliedern in den Fachzeitungen und wir haben eine Faxaktion ins Leben gerufen, bei der Mitarbeiter ihre Arbeitgeberorganisationen in den Ländern anfaxen und ihren Unmut über die Situation deutlich machen sollten. Das hat Wirkung gezeigt, weil jetzt offenbar Anfang März ein gemeinsamer Gesprächstermin zwischen den Vertragsparteien angesetzt werden soll. Die Geschäftsführungen stimmen dies zur Zeit ab.

PZ: In dem Brief vom Dezember 1998 haben Sie, Frau Linz, behauptet, daß viele Apothekenleiter die Politik des ADA möglicherweise nicht mehr mittragen wollen. Welche Indizien haben Sie dafür?

Linz: Unsere juristische Geschäftsführerin hat mir gerade gestern bestätigt, daß in der BVA-Geschäftsstelle zunehmend Arbeitgeber anrufen, um zu fragen, wieviel sie denn jetzt ihren Mitarbeitern mehr geben sollen, welche Prozentzahl wir empfehlen oder was vermutlich bei den Verhandlungen herauskommen wird. Also auch die Arbeitgeber wollen endlich Gewißheit haben.

Auch auf der Expopharm im vergangenen Oktober in München waren so viele Apothekenleiter wie nie zuvor an unserem Informationsstand und haben gefragt, wann es endlich die neuen Gehaltstabellen gibt. Die stockenden Verhandlungen haben viele veranlaßt darüber nachzudenken, aus dem Apothekerverband auszutreten. Außerdem hat die Tarifgemeinschaft Nordrhein einen Austrittsbeschluß aus dem ADA vorgelegt, wenn nicht wenn nicht endlich ein akzeptabler Tarifvertrag abgeschlossen werden sollte. Wir finden es positiv, daß endlich ein Verband Flagge zeigt.

PZ:Auf welcher Grundlagen werden denn Mitarbeiter jetzt neu eingestellt?

Linz: Häufig orientieren sich die Apothekenleiter an dem alten Tarifvertrag, schließen darüber hinaus aber individuelle Klauseln ab. Der Bundesrahmentarifvertrag wird weitestgehend eingehalten. Ich weiß aber aus vielen persönlichen Gesprächen auch mit Standespolitikern, daß sie ihre Mitarbeiter schon längst übertariflich bezahlen, weil sie den tariflosen Zustand für untragbar halten. Sie sehen, in die Arbeitgeberschaft ist Bewegung gekommen.

PZ: Noch einmal: Warum legt der ADA ihrer Meinung nach kein kompromißfähiges Angebot vor?

Linz: Wir bekommen hier natürlich nur Signale unter der Hand, so daß ich mich nur hypothetisch äußern kann. Offensichtlich will der Vorstand des Arbeitgeberverbandes für ein Verhandlungsangebot einen möglichst großen Konsens unter seinen Mitgliedern haben. Das ist vermutlich im vergangenen Jahr dadurch verhindert worden, daß einige wenige Landesorganisationen ihre Zustimmung zu den Angeboten versagt haben.

Jetzt scheint sich die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, daß Feuer unter dem eigenen Dach ausgebrochen ist. Zum einen muß die ABDA für die Diskussion um die Gesundheitsreform 2000 stark sein, zum anderen hat auch die Politik erkannt, daß der BVA ein ernst zu nehmender politischer Gesprächspartner ist. Für alle Beteiligten wäre also Friede an der Tariffront wichtig. Oder: Friede an der Tariffront ist Zukunftssicherung. Wir sollten deshalb zügig den Gehaltstarifvertrag verhandeln, um anschließend über den Bundesrahmentarifvertrag sprechen zu können.Top

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