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Augenmaß für Tarife

22.02.1999
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-EditorialGovi-Verlag

Augenmaß für Tarife

von Dr. Manfred Zindler,
Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes Deutscher Apotheken

Seit dem vergangenen Jahr sind die Tarifverhandlungen und somit die Gespräche zwischen den Tarifpartnern, dem Arbeitgeberverband Deutscher Apotheken (ADA) und dem Bundesverband der Angestellten in Apotheken (BVA) ins Stocken geraten. Man sprach nicht mehr am Verhandlungstisch miteinander, sondern bediente sich der Presse, um seinen Wünschen Ausdruck zu geben. Leserbriefe wurden verfaßt, Statements abgeben, Protestfaxe versandt und vieles mehr. Kritik hierüber und Fragen hierzu gab es reichlich. Warum kommt man nicht weiter und beendet den doppelt "tariflosen" Zustand?

Zunächst ist festzuhalten, daß es einen tariflosen Zustand nicht gibt. Nach dem Tarifgesetz wirken sowohl der Gehaltstarif als auch der Bundesrahmentarifvertrag für Apothekenmitarbeiter (BRTV) nach, gelten also so lange, bis sie durch neue Abschlüsse ersetzt werden. In den Verhandlung ist zu bedenken, daß das Jahr 1998 wie auch die Jahre zuvor wirtschaftlich schwierig waren. Zwar gab es leichte Umsatzzuwächse im Westen, diesen standen aber Umsatzrückgänge im Osten gegenüber. Auch der Blick auf 1999 bietet keine freundlichen Perspektiven. Allein durch das GKV-Solidaritätsstärkungsgesetz soll im Arzneimittelbereich eine Milliarde DM eingespart werden. Es wird also wieder einmal nicht mit dem Arzneimittel, sondern am Arzneimittel gespart. Darüber hinaus sind weitere Festbeträge für den 1. April 1999 vorgesehen. Die Selbstmedikation ist entgegen den Prognosen nicht gestiegen, sondern rückläufig, was sowohl auf die starke Konkurrenz der Drogeriemärkte und Discounter zurückzuführen ist, als auch auf ein verhaltenes Kaufverhalten der Bevölkerung.

Die Apotheken müssen der für das Jahr 2000 vorgesehenen Strukturreform mit Skepsis entgegensehen. Es drohen Globalbudgets, Krankenhäuser sollen nicht nur stationär, sondern auch ambulant behandeln können. Den Krankenkassen will der Gesetzgeber mehr Gestaltungsmöglichkeiten und Mitspracherechte einräumen. Diese geplanten Maßnahmen werden nicht spurlos an unseren Umsätzen und den wirtschaftlichen Ergebnissen unserer Apotheken vorbeigehen.

Neben der gesamtwirtschaftlichen Betrachtung muß der ADA auch die besonderen Situationen in den einzelnen Bundesländern berücksichtigen. Hier möchte ich gerade die Situation in den neuen Bundesländern, insbesondere in Mecklenburg-Vorpommern hervorheben. Dort sind starke wirtschaftliche Einbrüche zu verzeichnen. Gleichzeitig ist die Arbeitsmarktsituation für die Angestellten problematisch. Arbeitsplatzsicherung ist hier das Gebot der Stunde. Eine Aufgabe, der sich die verantwortungsvollen Berufsverbände zu stellen haben. Dies soll aber nicht bedeuten, daß der Gehaltstarif wieder in Ost und West getrennt werden soll. Dies wollen die Mitgliedsorganisationen des ADA unbedingt vermeiden, obwohl in nahezu allen anderen Tarifbereichen, wie den Banken und Versicherungen, noch unterschiedliche Gehaltstarife für West und Ost bestehen.

Die Form, in der die Diskussion in der Öffentlichkeit geführt worden ist, ist unbefriedigend und dem sozialen Frieden in den Apotheken nicht förderlich. Der ADA hat dem BVA nochmals Tarifverhandlungen angeboten, die nunmehr hoffentlich am 10. März 1999 stattfinden und nicht wieder vom BVA abgesagt werden. Daher appelliert der ADA an den BVA, an den Verhandlungstisch zu kommen, um sachliche und konstruktive Verhandlungen zu führen.

Die Mitgliederversammlung des ADA hat beschlossen, ebenso wie der BVA an einem Flächentarif festzuhalten. Dazu bedarf es aber äußerst moderater Abschlüsse. Hierbei sollte auch berücksichtigt werden, daß die Inflationsrate unter die Ein-Prozent-Marke gesunken ist. Abschlüsse, wie in der Metallindustrie, können für Apotheken nicht einmal im Ansatz diskutiert werden, denn diese würden die Arbeitsplätze in den Apotheken gefährden und viele Apothekenleiter zwingen, zum Mittel der Änderungskündigung zu greifen, um den Kostenblock "Personal" erträglich zu halten.

Die bevorstehenden Verhandlungen gehören zu den schwierigsten seit Jahren, die die Tarifpartner je geführt haben. Dennoch hofft der ADA auf Augenmaß beim BVA und geht mit Optimismus in die nun hoffentlich beginnende Verhandlungen. Top

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