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Impfungen: noch vieles offen

17.02.1997  00:00 Uhr

-Medizin

  Govi-Verlag

Impfungen: noch vieles offen

  Im Gegensatz zu gewöhnlichen Arzneimitteln helfen Impfstoffe nicht nur dem einzelnen. Da sie übertragbare Krankheiten abwehren, spielt bei ihrer Anwendung immer auch der Schutz der Gesellschaft eine Rolle. Logische Konsequenz ist ein starker staatlicher Einfluß in Form von Empfehlungen oder Vorschriften. Die dritte Konferenz der Vereinigung Europäischer Impfstoffhersteller in Berlin beschäftigte sich daher nicht nur mit wissenschaftlichen, sondern auch mit politischen Fragestellungen.

Eine Vereinheitlichung der Impfbestimmungen innerhalb der Europäischen Union wäre wünschenswert, so wurde auf der Konferenz betont. Die Gefährlichkeit einzelner Krankheiten wird zwar in den Mitgliedsstaaten ähnlich eingestuft, aber die Empfehlungen zu Zeitraum und Anzahl der Auffrischimpfungen variieren. Darüber hinaus gibt es in manchen Ländern nicht nur Impfempfehlungen, sondern eine gesetzlich vorgeschriebene Impfpflicht für bestimmte Krankheiten. Italien beispielsweise schreibt seit 1992 eine Hepatitis B-Impfung vor.

Impfaufklärung besser als Impfpflicht

Verena Butalikakis, Staatssekretärin für Gesundheit und Soziales im Berliner Senat, sprach sich gegen die Impfpflicht aus. Werbung und Aufklärung könnten ebenfalls sehr effektiv sein, solange es sich nicht um "hausbackene Zeigefingerkampagnen" handele. Dr. David Salisbury vom Department of Health in London stellte mehrere Fernseh-Werbespots vor, die in dramatischer Weise mit Protagonisten wie schluchzenden Müttern oder Puppen die Gefahren von Masern oder Hämophilus-Infektionen darstellen. Plakate mit Slogans wie "Grippe, Kater oder Meningitis? - Beobachte Deinen Freund." sollen auch bei Jugendlichen das Bewußtsein für eventuell gefährliche Symptome schärfen.

Noch wird der Impfstatus bei 80 Prozent aller Arztbesuche nicht automatisch überprüft. Diese Möglichkeit der Kontrolle sollte jedoch nach Ansicht von Butalikakis eingeführt werden. Umfragen zufolge genießt der Arzt außerdem in der Impfberatung das größte Vertrauen der Patienten. Ihm kommt also nicht nur aus logistischen Gründen eine Schlüsselrolle zu.

Meist sei ein Impfschutz schwächer als der natürliche Schutz nach durchgestandener Krankheit, erklärte Dr. Elisabeth Bouvet vom Hôpital Bichat in Paris. Die nötigen Auffrischimpfungen werden aber im späteren Lebensalter oft vernachlässigt. Die Häufigkeit von Windpocken beispielsweise ging zwar dank der Impfungen bei den 5- bis 14jährigen zurück, stieg jedoch gleichzeitig bei Heranwachsenden und Erwachsenen an. 18jährige haben zu 90 Prozent einen ausreichenden Impfschutz gegen Tetanus, unter den 80jährigen sind es nur noch 50 Prozent. Gegen Polio sei kaum noch einer der Senioren geschützt.

Masern, Mumps und Röteln sollten mindestens einmal aufgefrischt werden, Tetanus und Diphtherie nach wie vor alle zehn Jahre, empfahl Professor Dr. Max Just vom Kinderkrankenhaus in Basel. Die Bedeutung eines ausreichenden Diphtherie-Impfschutzes wurde durch den Ausbruch der Epidemie in Rußland erneut bestätigt. Erst seit die Weltgesundheitsorganisation 1995 mit einem konsequenten Impfprogramm intervenierte, ist die Krankheit zurückgegangen.

Natürliche Immunabwehr altert mit

Nicht nur der Impfschutz nimmt mit dem Alter ab, auch die natürliche Immunabwehr läßt nach: Professorin Dr. Beatrix Grubeck-Loebenstein von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck stellte fest, daß sich Bildung und Funktion der T-Zellen im Alter verändern. Die Reifung im Thymusgewebe ist gestört, die Reaktivität auf Stimuli nimmt ab, und apoptotische Vorgänge werden früher eingeleitet. Bestimmte T-Zell-Klone vermehren sich auf Kosten anderer, wodurch die Variabilität der Abwehr gegen verschiedene Virus-Stämme eingeschränkt wird. Indirekt ist auch die Funktion der B-Zellen betroffen.

Die Ergebnisse erklären, weshalb der Anteil älterer Patienten bei Erkrankungen wie Grippe, Herpes zoster oder Pneumokokken-Infektionen so hoch ist. Die Grippe-Impfung älterer Menschen gehört in der Bundesrepublik zu den Empfehlungen der ständigen Impfkommission. Länder wie England, Belgien oder Schweden führen auch vermehrt Pneumokokken-Impfungen durch.

Viele Todesfälle nicht nötig

Infektionskrankheiten sind weltweit immer noch die Todesursache Nummer eins. Allein neun Millionen Kinder sterben jährlich an Infektionen, vor allem Malaria und Durchfallerkrankungen. Ein Viertel der Kinder, betonte Professor Sir Gustav Nossal vom Walter and Eliza Hall Institute of Medical Research, Melbourne, stirbt jedoch immer noch an Masern, Keuchhusten oder Tetanus - Krankheiten also, gegen die es eigentlich Impfstoffe gibt.

PZ-Artikel von Stephanie Czajka, Berlin

       

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