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Milzbrand wird zum Spiel mit dem Tod

15.02.1999
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-MedizinGovi-Verlag

Milzbrand wird zum Spiel
mit dem Tod

PZ. Biologische Kriegführung mit lebenden Krankheitserregern hat eine lange Geschichte. Sie begann spätestens 1346, als ein Tartarenfürst seine an Pest gestorbenen Soldaten mit Wurfmaschinen in die Genueser-Siedlung Feodosia auf der Krim schleuderte und damit die größte Pestepidemie aller Zeiten auslöste.

Milzbrand als potentielle Waffe kultivierte man zunächst im Geheimen. So wurde erst viel später bekannt, daß englische Strategen 1942 die geplante Bombardierung deutscher Städte auf der Insel Gruinard vor der Westküste Schottlands erprobten. Der Ernstfall fand gottlob nicht statt. Menschen kamen dabei, soweit bekannt, nicht zu Schaden, wohl aber Tiere. Viable Sporen dieses äußerst widerstandsfähigen Erregers finden sich noch heute. Mit 280 Tonnen von 40prozentigem Formaldehyd, 2000 Tonnen Seewasser und einem 50 km langen Irrigationssystem gelang einem Spezialteam zwar eine Dekontamination - allerdings nur auf vier Hektar der Insel.

Die natürliche Übertragung des Milzbrands erfolgt percutan, in Entwicklungsländern auch gastro-intestinal. Ein Tierkontakt läßt sich in der Regel nachweisen. Beim Hautmilzbrand, mit 95 Prozent weltweit die häufigste Form, sind Todesfälle selten. Demgegenüber hat der Lungenmilzbrand durch aerogene Übertragung etwa bei Bearbeitung trockener Tierfelle ("woolsorters disease" oder "Hademkrankheit") ein hohes Risiko.

Seine Eignung als biologische Waffe basiert auf der perfiden Kalkulation, daß die Infektion nicht bemerkt wird und die nach wenigen Tagen auftretende Pneumonie eine Letalität von nahezu 100 Prozent hat. Der ebenfalls lange Zeit geheim gebliebene Unfall in Jekaterinburg, dem Swerdlowsk der damaligen UdSSR, wo 1979 aus einem Labor für biologische Kampfstoffe ein milzbrandhaltiges Aerosol entwich, verlief deshalb relativ günstig, weil durch rechtzeitige spezifische Behandlung von 77 Erkrankten "nur" 11 verstorben. In welchen Arsenalen welcher Staaten heute noch derartige Todeskeime lagern, wird wohl erst später offenbar werden.

Demgegenüber sind private Chaoten offener. Seit es sich herumgesprochen hat, daß man Bacillus anthracis in jeder Garküche anzüchten kann, hat der Keim entscheidend zur Prägung des Begriffs "Bioterrorismus" beigetragen. Mit einem spektakulären Prozeß in den USA gegen einen Wissenschaftler vor zwei Jahren fing es an: Er kam frei, weil ihm niemand unlautere Absichten mit seinen Milzbrandkulturen nachweisen konnte. Damit begann die unselige Zeit der Plagiatoren. Drohungen mit Anthrax-Anschlägen gab es im vorigen Jahr in mehreren amerikanischen Staaten, beispielsweise in Colorado, Kentucky oder Tennessee.

Spitzenreiter ist Kalifornien, wo allein zum letzten Weihnachtsfest nicht weniger als siebenmal Milzbrand-Alarm gegeben wurde. So mußten sich zum Beispiel am Heiligen Abend 200 Kunden und Angestellte eines Supermarkts in Palm Desert vorsorglich einer aufwendigen Dekontamination unterziehen. Drei Tage zuvor waren 1500 Menschen in einem Gerichtsgebäude von einer entsprechenden Drohung in Panik versetzt worden. Am 26. Dezember wurden 800 Besucher eines Clubs in Los Angeles vorübergehend quarantänisiert, nachdem ein Mann der Polizei mitteilte, er habe Milzbranderreger in die Klimaanlage eingebracht.

Bisher wurden die Drohungen nicht ausgeführt. Das FBI fand keine Milzbranderreger, aber auch keine Täter. Die Behörden mußten die Sache ernstnehmen. Würde die Diagnose erst nach Einsetzen der klinischen Erscheinungen gestellt, kommt eine wirksame Behandlung meist zu spät. In jedem Fall ist wird es zum Spiel mit dem Feuer - und damit auch immer ein Spiel mit dem Tod.

Quelle: Centrum für Reisemedizin 1999

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