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Multimediale Bildung in Medizin und Pharmazie

15.02.1999  00:00 Uhr

-ComputerpraxisGovi-VerlagLERNPROGRAMME

Multimediale Bildung in
Medizin und Pharmazie

von Axel Helmstädter, Eschborn

Software dient hauptsächlich dem Zweck, komplizierte oder stereotype Vorgänge zu automatisieren. Sie erleichtert auf diese Weise ihrem Besitzer die Arbeit. Zu den Tätigkeiten, die man sich gerne erleichtert, gehört zweifelsohne das Lernen, vor allem dann, wenn es nicht tätigkeitsbegleitend geschieht, sondern, etwa im Vorfeld einer wichtigen Prüfung, zur harten und tagesfüllenden Arbeit wird.

So liegt es nahe, auch für die Wissensvermittlung elektronische Produkte zu entwickeln, die den Lehrstoff so darbieten, daß er mit weniger Frust und geringerer Mühe bewältigt werden kann. Vor dem Hintergrund der Tatsache, daß wir nur 10 Prozent dessen behalten, was wir lesen, aber 50 Prozent dessen, was wie sehen und hören und gar 90 Prozent von dem, was wir selbst ausführen, wird klar, daß moderne Software mit ihrer Interaktivität und Multimedialität ein geeignetes Werkzeug zur Wissensvermittlung sein kann. Lernsoftware ist folglich auch eines der wenigen Wachstumssegmente in einem stagnierenden CD-ROM-Markt.

Universitäre Entwicklungen

Nach einer Einteilung der Arbeitsgruppe computergestützte Ausbildung in der Medizin am Klinikum der Universität Heidelberg (http://www.hyg.uni-heidelberg.de/stack) lassen sich beim Computer-based-training (CBT) folgende Typen unterscheiden: Präsentations- und Browsingsysteme, in denen Informationseinheiten in einem semantischen Netz verbunden und multimedial präsentiert werden können; tutorielle Systeme, die auf Aktionen des Lernenden helfend und beurteilend reagieren und einen dem Lernfortschritt angepaßten Unterricht anstreben sowie Simulationssysteme, in denen Patientenprobleme oder Fälle dargestellt werden können, ohne gleich Patienten traktieren zu müssen.

In der Medizin gibt es inzwischen eine große Anzahl multimedialer Lernsoftware-Produkte mit den Schwerpunkten Anatomie, Patientenuntersuchungen und Tierversuche. Eine online abfragbare Datenbank der Heidelberger Arbeitsgruppe gibt eine Marktübersicht, die allerdings nicht sehr aktuell zu sein scheint. Dort sind Produkte zu nahezu allen medizinischen Disziplinen aufgeführt; zwölf Lernprogramme beschäftigen sich mit pharmakologischen Themen.

Das für die Pflege der Datenbank zuständige und dem Heidelberger Hygieneinstitut angeschlossene "Labor für computergestützte Ausbildung in der Medizin" betreibt einen öffentlich zugänglichen "CBT-Showroom", in dem Studenten mit nahezu 100 multimedialen Lehrmedien arbeiten können. Eine ähnliche Einrichtung ist die Mediothek am Klinikum Innenstadt der Universität München (http://www.med.uni-muenchen.de/chirurgische.inn/Lehre/Mediothek/
mediothekH.html
). An dieser Klinik wurde bereits 1993 ein Arbeitskreis zur Entwicklung und Erforschung elektronischer Ausbildungsmedien in der Medizin gebildet, der sich INSTRUCT nennt (http://link.medinn.med.uni-muenchen.de/
instruct).

Nicht zuletzt aus Kostengründen finden wesentliche Entwicklungen im Bereich des CBT an der Hochschule statt; die dort gesammelten Erfahrungen werden, etwa in der Arbeitsgruppe um den Münchner Chirurgen Professor Florian Eitel, systematisch ausgewertet, um Erkenntnisse für die Produktoptimierung zu erhalten. Aus diesen Erkenntnissen sind auch anerkannte Qualitätskriterien hervorgegangen. Eine staatlich geförderte und vom Springer-Verlag vertriebene Entwicklung der Hamburger Universität ist die Anatomie-Demonstration "Voxelman" mit der ein menschlicher Kopf in allen Ebenen virtuell seziert und aus allen erdenklichen Blickwinkeln betrachtet werden kann. Einige interessante Beispiele finden sich auf der Website des Hamburger "Department of Computer Science in Medicine" (http://www.uke.uni-hamburg.de/institute/imdm/idv/index.en.html).

Infolge der für Multimedia-Anwendungen zu geringen Übertragungsgeschwindigkeit des Internet sind graphisch anspruchsvolle Lernprogramme bislang noch überwiegend auf CD zu finden. Technische Fortschritte sind jedoch auch hier zu sehen. So wurde der letztjährige Software-Preis der Mediziner-Fachmesse Medica an eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe verliehen, die authentische Fallbeispiele zu Übungszwecken mit Internet-Technologie aufbereitet hat (http://www.uni-duesseldorf.de/WWW/ProMediWeb). Zu weiteren Beispielen führt die Homepage von INSTRUCT. Wer sich nicht gleich an den Menschen heranwagen möchte, kann zur Einstimmung mittels des "Virtual Frog Dissection Kit" online einen Frosch sezieren (http://www-itg.lbl.gov/Frog/).

Interaktive Prüfungsvorbereitung

Große multimediale CBT-Systeme sind indes so aufwendig, daß sie fast nur im Rahmen universitärer Forschungsprojekte entwickelt und zur Verfügung gestellt werden können. Für den einzelnen Studenten steht aber inzwischen auch eine ganze Anzahl brauchbarer und zu erschwinglichen Preisen erhältlicher Software zur Verfügung, die ihm bei der Vorbereitung auf Prüfungen hilft. Im Grenzbereich zwischen Medizin und Pharmazie sind dies zum Beispiel die im Verlag Chapman und Hall erschienenen "interaktiven Karteikästen" zu pharmakologischen und mikrobiologischen Themen ("MediCheck") oder die, allerdings englischsprachige, Reihe „Interactive Pharmacology" von Blackwell Science.

Speziell auf die Bedürfnisse von Pharmaziestudenten und -praktikanten augerichtet sind die inzwischen sechs Produkte der Reihe "GOVI-Trainer" zu den Themen Pharmazeutische Terminologie, Systematik der Arzneipflanzen, Chemische Nomenklatur und Apothekenalltag, Pharmazeutisches Recht und Kommunikation in der Apotheke (http://www.govi.de/rubriken/buchart/software/software.htm). Die Programme bieten alle typische Klausur- und Examensfragen und beinhalten einen lexikalischen Teil sowie ein didaktisch abgestimmtes Computerspiel. In der Pharmazeutischen Biologie sind auch die Prüfungsfragen des Ersten Pharmazeutischen Staatsexamens zum Selbststudium erhältlich.

Das "Pharmacy Consortium for Computer Aided Learning"

Im Jahre 1992 wurde von den 16 britischen Universitäten, die Pharmazeuten ausbilden, ein Consortium gegründet, das CBT-Software für Pharmazeuten entwickeln sollte. Unter Federführung des Institutes für Pharmazie und Pharmakologie der Universität Bath entwickelte das Pharmacy Consortium for Computer Aided Learning (PCCAL) seither über 80 Module zu allen Themen des pharmazeutischen Curriculums, die weltweit an etwa 300 Universitäten eingesetzt werden.

Das Sortiment, das Analytik, Technologie, Pharmakologie, Mathematik/Statistik, Chemie Pharmakokinetik, Immunologie und vieles mehr umfaßt, wird von der Gesellschaft Commercial and Academic Services Ltd. zu Preisen zwischen 140 und 350 Britischen Pfund vertrieben (http://www.coacs.com/PCCAL/). Zu den didaktischen Höhepunkten zählen die Bildschirmanimationen zu Arzneistoff-Rezeptor-Wechselwirkungen, die Simulation von Blutspiegelverläufen in der Pharmakokinetik und Möglichkeiten, beispielhafte Tabletten- und Kapselrezepturen zu entwickeln.

Das Consortium gibt eine vieteljährlich erscheinende Zeitschrift zu "Computer Aided Learning for Pharmaceutical and Life Sciences", das „PCCAL International Bulletin" heraus.

An manchen amerikanischen Universitäten stehen PCCAL-Programme den Studenten im Intranet zur Verfügung; mit entsprechender Browser-Ausstattung (Shockwave-Plug-in) ist ein Beispiel unter http://barbital.phar.wsu.edu/hedaya/module01/ zugänglich. Im allgemeinen sind jedoch internetbasierte Lernmodule aus technischen Gründen graphisch noch weniger anspruchsvoll und gehen selten über eine buchähnliche Darstellung hinaus. Ein Beispiel ist der Online-Pharmakokinetik-Kurs der Universität von Oklahoma (http://gaps.cpb.uokhsc.edu/).

In Deutschland steckt die Wissensvermittlung übers Internet noch in den Kinderschuhen; einen Eindruck, welche Möglichkeiten bestehen, geben die vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Universität Düsseldorf entwickelten dreidimensionalen Strukturformeln für Arzneistoffe (http://www.pharmazeutische-zeitung.de/arznei1.htm).

Online in die Prüfung

Bekanntlich ist für Apothekerinnen und Apotheker in den USA ein Nachweis regelmäßiger Fortbildung erforderlich. Hierzu wird eine bestimmte Anzahl von Punkten (credits), etwa durch Besuch von Veranstaltungen oder das Beantworten von Fragebögen nach dem Lesen von Fachartikeln gesammelt. An der Universität von Arizona kann man entsprechende Zertifikate nun auch online erwerben. Die entsprechenden Artikel zu bislang acht Themen lassen sich online anzeigen oder auch ausdrucken; nach Lektüre beantwortet man 20 Multiple-Choice-Fragen am Bildschirm. Das Ergebnis wird in wenigen Sekunden elektronisch ermittelt; bei mindestens 70 Prozent richtigen Antworten erscheint am Bildschirm das für die Credits erforderliche Zertifikat zum Ausdrucken (http://www.inetce.org).

Was bringts ?

Inzwischen gibt es zahlreiche Untersuchungen zum Einsatz elektronischer Lehrmittel in allen Altersstufen. Es jedoch schwierig, einfach die Prüfungsergebnisse zweier Gruppen mit und ohne CBT-Hilfsmitteln zu vergleichen; die Gruppen müßten hinsichtlich ihrer Vorkenntnisse und Motivation absolut identisch sein, was nur schwer vorstellbar ist. Mit der Evaluation von Lernsoftware beschäftigt sich das vierteljählich erscheinende "Journal of Computer Assisted Learning".

Amerikanische Studien, beispielsweise von Professor Harold Lynn von der Universität Dartmouth wollen einen linearen Zusammenhang zwischen Häufigkeit der Computernutzung und Klausurergebnissen festgestellt haben. Doch auch weniger optimistische Einschätzungen gehen davon aus, daß multimedial und interaktiv aufbereiteter Lehrstoff mit geringerer Abneigung und in kürzerer Zeit aufgenommen wird als auf konventionellem Wege. Und das ist sicher eine willkommene Erleichterung - zumindest bis zur Erfindung des "Nürnberger Trichters". Top

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