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Managed Care ist aus Europa nicht mehr wegzudenken

09.02.1998  00:00 Uhr

-Politik

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Managed Care ist aus Europa nicht
mehr wegzudenken

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Das sakrosankte Gesetz "ein Apotheker in einer Apotheke" wird immer weiter unterminiert. Mit diesen Worten beschrieb Peter Kielgast, Vorsitzender des Ausschusses für praktische Pharmazie in der FIP, die Situation der Apotheken in Europa. Für Dieter Steinbach, Präsident der Fédération Internationale Pharmaceutique (FIP) ist diese Entwicklung schwer nachvollziehbar, weil in den USA die Mängel gerade eines so veränderten System immer offenkundiger werden. Die Gesundheitsausgaben betragen in den Vereinigten Staaten rund 16 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt, während sie in Deutschland bei acht Prozent liegen. Über 140 Teilnehmer aus allen europäischen Mitgliedsstaaten waren sich in Amsterdam auf dem 2. FIP-Kongreß Managing Care darin einig, daß das Instrument "Managed Care" aus Europa nicht mehr wegzudenken sei.

Peter Kielgast, Dänemark, hofft, daß die Entwicklung auf dem Apothekenmarkt in Europa nicht so dramatisch verlaufen wird wie seinerzeit in den USA. Dort wurden die Ketten immer größer und damit die Grenzen für den einzelnen Apotheker immer enger.

Die Apotheker wollen bei den Veränderungen der Gesundheitssysteme eine aktive Rolle spielen. Die Chancen stehen gut, weil in Studien nachgewiesen worden sei, daß der Apotheker die ideale Figur in dem System ist, um Kosten zu sparen. Kielgast warnt jedoch vor zuviel Idealismus. Obwohl die negativen Auswirkungen von Managed Care in den USA sichtbar geworden seien, werde diese Form des Kostenmanagements erst einmal in Europa verbleiben. Richtig angewendet sei Managed Care ein geeignetes Instrument für eine kostenbewußte Therapie und Patientenversorgung. Deshalb müsse Pharmaceutical Care unbedingt in Curriculum und Ausbildungspläne der Pharmazeuten aufgenommen werden. Die einzige Quelle des Verdienstes sei heute die Arzneimitteldistribution. Auf Dauer müßten die Apotheker aber mehr Verantwortung im Therapiegeschehen bekommen und übernehmen. So zum Beispiel bei Diabetikern, Asthmatikern, Patienten mit Hauterkrankungen.

Nur spezialisierte Apotheker werden künftig gefragt sein

Managed Care ist für die Apotheker und ihre heutige Berufspraxis sowohl eine Herausforderung als auch eine Bedrohung, erklärte Albert Wertheimer, Direktor bei Merck in West Point, USA. Auf die öffentliche Apotheke sieht er zahlreiche Möglichkeiten, aber auch Gefahren zukommen. Für ihn ist Managed Care nicht etwa "ein Disease Management unter Einbeziehung des Apothekers", sondern in größerem Zusammenhang gesehen "Systemmanagement mit weniger Apothekern". Es sei denkbar, daß das Gesundheitssystem mit dem Ziel der Kostenreduktion per Computer verwaltet werde. Die Einsparungen würden dann nicht nur die OTC-Nachfrage steigern, sondern auch einige Apotheker entbehrlich machen. Kein Paradox: Gleichzeitig seien spezialisierte Apotheker aber auch wieder besonders gefragt, weil bei der streng ergebnisorientierten Betrachtung des Therapiegeschehens Pharmazeuten einen entscheidenden Beitrag zum Kostenbewußtsein leisten können.

Schätzungen zufolge werde es in den USA im Jahr 2005 gut 20 Prozent weniger Apotheken geben als heute. 40 Apotheken für die Versorgung von 100.000 Einwohnern sei eine vernünftige Größe. Wertheimer rät: "Wir müssen nicht nur bessere Apotheker werden, sondern auch bessere Kaufleute".

Apotheker müssen viele Funktionen ausüben

Ein Apotheker muß viele Funktionen in sich vereinen, bestätigte Lowell Sterler, Vizepräsident der Firma Clinical and Services für PCS Health Systems, Scottsdale, USA. Er forderte die Berufsangehörigen in Europa dazu auf, auch selbst den Willen zur Neuorientierung und somit zur Betreuung der Patienten zu zeigen. Es genüge nicht mehr, sich ausschließlich mit den Produkten zu beschäftigen. Vielmehr müßten sie ihre Stärken - sie sind ubiquitär, gut strukturiert und organisiert - ausbauen. Allerdings seien Apotheker nicht sehr kreativ und im Marketing meist unerfahren.

Dennoch: Der Apotheker müsse seine Stärke als "Arzneimittelfachmann mit wissenschaftlichem Hintergrund" herausstellen, um dann im Interesse des Patienten und zu seinem Wohl in einem Team mitzuarbeiten. Wie das abläuft? Sterler: "Quantifizieren und dokumentieren Sie die Verbesserungen und machen Sie klar, daß der Patient nicht für 100 Tabletten bei Ihnen bezahlt, sondern für eine gute Beratung. Und nutzen Sie bei all dem die neueste Technologie. Das ist der Paradigmenwechsel, den Sie brauchen".

Alle nationalen Organisationen müssen mitziehen

In Europa sind erhebliche Unterschiede bei der Umsetzung von Pharmaceutical Care zu verzeichnen. Dies liegt nach den Erfahrungen von Professor Dick Tromp, Niederlande, auch an dem gänzlich unterschiedlichen Verständnis von pharmazeutischer Betreuung. Im europäischen Raum scheint aber Übereinstimmung zu bestehen, welche Ziele Pharmaceutical Care hat. Über das EuroPharm Forum werde zum Beispiel ein Asthma-Projekt vorangetrieben, an dem 9 Länder teilnehmen. Tromp, Manager dieses Projekts, erklärte, daß in einem halben Jahr die Hälfte aller Asthma-Patienten angesprochen werden sollen, um Daten auf Patienten-, Apotheken- und nationaler Ebene zu erheben und sie auf Europaebene zu vernetzen.

Wichtig ist nach Tromp, daß alle nationalen Organisationen mitziehen, damit nicht nur totes Papier erzeugt wird. Mut sollte die Erfahrung machen, daß im Laufe der Betreuung die Dauer der Patientenkontake immer geringer werden. Die ersten Gespräche dauerten im Durchschnitt etwa 30 Minuten. Die folgenden Gespräche können dann kürzer sein, weil man auf den vorangegangenen Gesprächen aufbauen kann. "Versuchen Sie dabei, für den Patienten ständig erreichbar zu sein. Das senkt die Schwellenangst", so Tromp. Das Ergebnis solcher Betreuung sei: die Lebensqualität steigt, die Kosten sinken, die Zahl der Medikamente und die Krankentage seien rückläufig und das Wissen der Patienten über ihre Krankheit steigt und führt zu verantwortlichem Verhalten.

Das Asthma-Programm sei ein gutes Beispiel für gute Zusammenarbeit in Europa. Bisher herrsche offenbar immer noch die Meinung vor, die Apotheker sollten die Bevölkerung vor Arzneimittelmißbrauch schützen. Wichtiger ist es nach Tromp aber dafür zu sorgen, daß die richtigen Medikamente richtig eingenommen werden.

Managed Care - eine große europäische Bewegung

Managed Care wird uns nicht mehr verlassen. Das war die einhellige Meinung der sieben Podiumsteilnehmer in der Abschlußdiskussion. Allerdings zeichnen sich Unterschiede in den einzelnen Ländern ab. ABDA-Präsident Hans-Günter Friese forderte dazu auf, nicht nur vom Fortschritt der Medizin zu sprechen, sondern einen Fortschritt der Pharmazie herbeizuführen. Er ist davon überzeugt, daß der Berufsstand ohne zusätzliche Qualifikationen keine Zukunft hat. Die Gesellschaft habe Erwartungen an die Apotheker, die da heißen Beratung und Dienstleistungen. Das bringe dem Patienten zusätzlichen Nutzen im Sinne verbesserter Lebensqualität. Nur der qualifizierte Apotheker könne diese Leistungen erbringen und nicht irgendein Postbote oder ein Computer. Der Patient und sein Wohl hätten immer die erste Priorität. Als zweites käme dann das Kostenbewußtsein ins Spiel. Friese: "Alles, was wir tun, muß den Patienten, Ärzten, Politikern und Medien zeigen: Nur durch den Apotheker wird das Arzneimittel zum Heilmittel".

In der Vision des Schweizers Pierre André Jud wird sich der Apotheker zu einem Kommunikationsberuf entwickeln. Managed Care sei ein gutes Instrumentarium für eine Neuordnung des Apothekenwesens, wobei sich die existierende Zahl der Apotheken - egal ob in der Schweiz oder in Deutschland - auf längere Sicht verringern werde. Jud regte an, ein europäisches Managed Care Zentrum zu gründen. Dieser Vorschlag wurde in Amsterdam zunächst nicht weiter verfolgt.

FIP-Präsident Dieter Steinbach zeigte sich mit dem Kongreß zufrieden. Der erste Managed Care Kongreß der FIP, der im November 1995 in München stattgefunden hatte, hat einen weitläufigen europäischen Prozeß der Bewußtseinsbildung eingeleitet. Damals sei das Thema in Europa angestoßen worden, heute sei es nicht mehr wegzudenken. Die Unterschiede in den einzelnen europäischen Staaten würden erkannt. Die Apothekerorganisationen müßten nun diese zukunftsträchtige Idee noch nachdrücklicher in ihren Heimatländern bekannt machen, damit Managed und Pharmaceutical Care, "die Lösung für die Probleme der Zukunft", auch an der Basis umgesetzt werden. Leider sei die Basis aber noch weit davon entfernt. Steinbach nachdrücklich: "Pharmaceutical Care ist ohne Zweifel der Weg in die Zukunft".

PZ-Artikel von Gisela Stieve, AmsterdamTop>

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