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Restless-Legs-Syndrom: wie behandeln?

09.02.1998  00:00 Uhr

-Pharmazie

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Restless-Legs-Syndrom: wie behandeln?

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Kommt ein Patient in die Apotheke und sagt, er könne nicht stillsitzen, liegt der Gedanke an das Restless-Legs-Syndrom (RLS) nahe. Kommt er aber und sagt, er könne nicht schlafen oder er fühle sich tagsüber immer so müde, dann ist der Gedanke an RLS eher ungewöhnlich. Da sich die Therapie des RLS von der Therapie der primären Schlaflosigkeit unterscheidet, lohnt es sich, hier nachzuhaken.

Klassische Symptome eines Restless-Legs-Syndroms sind Mißempfindungen in den Extremitäten (Kribbeln, Reißen oder Zucken) und der charakteristische Bewegungsdrang. Aber auch unwillkürliche Bewegungen gehören in achtzig Prozent aller Fälle zum Krankheitsbild, erklärte Professor Dr. Peter Clarenbach, Neurologe aus Bielefeld, auf einer von Lilly unterstützten Pressekonferenz in Potsdam.

Werden schlafende Patienten per Videokamera überwacht, lassen sich teils unregelmäßige, teils periodisch auftretende Bewegungen feststellen: Auf- und Abwippen der Füße, Zuckungen der Beine oder manchmal auch der Arme, Abwinkeln des Kniegelenkes. Diese Bewegungen können sich bis zu achtzig mal pro Minute wiederholen. Der Patient wacht dadurch entweder bewußt oder unbewußt auf. In Schlaflabors wurden teilweise sehr kurze Wachzeiten registriert, die der Betroffene zwar nicht wahrnimmt, die aber die Oualität des Schlafes erheblich beeinträchtigen. Clarenbach: "Die Patienten registrieren nicht die fragmentierte Nacht, sondern nur den schläfrigen Tag."

Es lohnt sich also nachzufragen, ob vielleicht dem Ehepartner die nächtliche Unruhe aufgefallen ist oder ob der Kunde schon einmal bewußt wahrgenommen hat, daß er nur schwer für längere Zeit die Beine ruhig halten kann.

Nicht jede Mißempfindung in den Extremitäten ist allerdings ein RLS. Charakteristisch ist vor allem, daß sich die Beschwerden durch Bewegung bessern und in Ruhe und bei Nacht zunehmen. Maximale Bewegungsstörungen wurden zwischen Mitternacht und zwei Uhr beobachtet. Der Ruheschmerz wird also durch den circadianen Rhythmus noch verstärkt.

Dr. Claudia Trenkwalder vom Max-Planck-Institut in München empfiehlt daher den Betroffenen, möglichst spät ins Bett zu gehen und bis in den Vormittag hinein zu schlafen. Sie erwähnte auch, daß betonte körperliche Anstrengung, wie eine große Bergtour, die Beschwerden nicht lindere. Die Erschöpfung führe im Gegenteil eher zu einer Verstärkung der Symptome.

Therapie mit Dopa-Agonisten


Ist der Patient aufgrund der nächtlichen Beschwerden tagsüber zu müde, um seiner Arbeit zufriedenstellend nachzugehen, ist eine medikamentöse Therapie indiziert. Clarenbach betonte, daß diese Patienten in jedem Fall zum Neurologen geschickt werden sollen. Werden keine Ursachen wie Eisenmangelanämien, Polyneuropathien oder Intoxikationen diagnostiziert, spricht man von idiopathischem RLS. Möglicherweise wird die Krankheit durch ein Ungleichgewicht verschiedener Neurotransmitter hervorgerufen. Studien zeigten Veränderungen am Dopaminrezeptor.

Mittel der Wahl beim idiopathischen RLS ist daher L-Dopa: Es wirkt noch in derselben Nacht und zeigt dem Arzt bei Ansprechen, daß seine Diagnose mit großer Wahrscheinlichkeit richtig ist. Bei sporadischen oder leichten Beschwerden mit Einschlafstörungen können nach Bedarf 100 bis 200 mg eines kurzwirksamen L-Dopa-Präparates vor dem Schlafengehen eingenommen werden. In schwereren Fällen und bei Durchschlafstörungen ist ein Depotpräparat indiziert. Mittel zweiter Wahl bei RLS-bedingten Schlafstörungen seien Pergolid oder Opiate (beispielsweise Tilidin 50 mg vor dem Einschlafen).

Können die Patienten keine Sitzung oder keinen Theaterbesuch durchhalten, stehen also Symptome tagsüber im Vordergrund, seien Dopamin-Agonisten wie Pergolid (einschleichend bis 0,5 mg täglich) zu empfehlen. Gleichzeitig sollte der Arzt ein Antiemetikum verschreiben.

Nachteil der L-Dopa-Therapie ist, daß die Beschwerden bei einer Langzeittherapie immer weiteren den Nachmittag hineinreichen. Bei Pergolid trat dieses Phänomen bisher nicht auf. Clarenbach bemerkte jedoch am Rande der Pressekonferenz, daß Langzeitbeobachtungen über mehrere Jahre mit Pergolid gerade erst beginnen. Er empfahl auch die Kombination von Opiaten mit L-Dopa, da so die L-Dopa-Dosis gesenkt werden könne. Die genannten Medikamente wirken alle rein symptomatisch. Sobald sie abgesetzt werden, treten auch die Beschwerden wieder auf. Offiziell zugelassen für die Therapie des RLS ist noch keine der Substanzen.

PZ-Artikel von Stephanie Czajka, Berlin
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