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Wann welches OTC-Analgetikum empfehlen?

09.02.1998  00:00 Uhr

-Pharmazie

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Wann welches OTC-Analgetikum empfehlen?

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Acetylsalicylsäure (ASS), Paracetamol oder Ibuprofen, welches Analgetikum empfiehlt man einem Menschen, der Kopfschmerzen hat? Die Antwort ist nicht einfach und in Fach-, Laien- und erst Recht in Herstellerkreisen heftig umstritten. Der eine Kunde schwört auf "seine Aspirin", die er "schon immer nimmt, wenn er Kopfweh hat". Der andere schwört aus ähnlich subjektiven Gründen auf Ibuprofen, Paracetamol oder ein Coffein-haltiges Kombi-Analgetikum. Die Pharma-Industrie schwört natürlich auf jeweils das Präparat, das sie selbst herstellt. - Und der Apotheker?

ASS, Paracetamol und Ibuprofen gehören zur Gruppe der schwach bis mittelstark wirkenden Analgetika. Bei vergleichbarem Wirkmechanismus - Hemmung der Prostaglandinsynthese durch Cyclooxygenase-Inhibition - ist auch das Nebenwirkungsprofil weitgehend identisch: Im Vordergrund steht dabei unter anderem die Magen-Darmverträglichkeit der Wirkstoffe.

"Über kurze Zeit in der empfohlenen Dosierung angewandt, sind alle drei Monosubstanzen relativ gut verträglich", betonte Dr. Hugo Baar, niedergelassener Schmerztherapeut aus Hamburg und Ehrenvorsitzender der Deutschen Schmerzhilfe, bei einem von Woelm Pharma unterstützten Symposium in Düsseldorf. Baar verwies jedoch auf die marginalen Unterschiede, die sich sowohl im Wirk- als auch im Nebenwirkungsprofil der drei Substanzen feststellen lassen.

"Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft empfiehlt schon seit Jahren schnellösliche Formen", sagte er. Ziel sei es, möglichst rasch einen Wirkungseintritt zu erreichen. Unter diesem Gesichtspunkt seien Brausetabletten die geeignetste Darreichungsform, als Wirkstoff scheine hier Ibuprofen-Lysinat gut abzuschneiden. Im Vergleich zur Ibuprofensäure flute der Wirkstoff aus dem Salz deutlich schneller an.

Die Zeit bis zum Erreichen der maximalen Plasmakonzentration (cmax) ist nach Gabe des Lysinats signifikant kürzer und cmax höher als nach Ibuprofensäure-Einnahme, bestätigte Professor Dr. Hermann J. Roth aus Tübingen. Auch im Vergleich zu ASS werde mit Ibuprofen-Lysinat der maximale Plasmaspiegel signifikant schneller erreicht. Die relative Wirkstärke des Ibuprofen-Salzes erwies sich dabei laut Baar im klinischen Versuch als stärker gegenüber ASS.

Preiswerte Variante reicht aus


Ibuprofen hemmt beide Cyclooxygenasen (I und II) der Arachidonsäurekaskade etwa gleich stark. Während in vitro das R-Enantiomer keine, das S-Enantiomer eine starke Enzymhemmung zeigt, lassen sich in vivo keine Wirkunterschiede zwischen reinem S-Ibuprofen und dem Racemat feststellen, erklärte Roth. Warum? Die wirksame S-Form wird nach Applikation im menschlichen Körper nicht racemisiert, die zunächst unwirksame R-Form wird jedoch in die wirksame S-Form invertiert. Für die Selbstmedikation sei es daher unerheblich, ob das reine (und teurere) S-Enantiomer oder das Ibuprofen-Racemat eingenommen werden, faßte Roth zusammen.

Baar zitierte im Hinblick auf die Magen-Darm-Verträglichkeit eine Vergleichsstudie zwischen ASS und Ibuprofen-Lysinat. Bei gesunden Probanden hatte man nach dreitägiger Anwendung von ASS beziehungsweise Ibuprofen-Lysinat eine Magenspiegelung durchgeführt. Nur bei den ASS-Patienten hätten sich Läsionen in der Magenschleimhaut feststellen lassen, berichtete er; Hämorrhagien seien dagegen sowohl unter Placebo als auch unter beiden Verummedikationen aufgetreten - allerdings in unterschiedlichem Ausmaß. So waren unter ASS bei 86 Prozent der Patienten Hämorrhagien in der Magenschleimhaut zu beobachten, in der Duodenalschleimhaut bei 64 Prozent. Die Ibuprofen-Gruppe schnitt etwas günstiger ab: Hier zeigten sich Hämorrhagien in der Magenschleimhaut bei 63 Prozent der Patienten und Hämorrhagien in der Duodenalschleimhaut bei 6 Prozent der Patienten. Unter Placebo lagen die entsprechenden Zahlen bei 7 beziehungsweise 0 Prozent.

Darreichungsform bei ASS unerheblich?


Dr. Judith P. Kelly von der Boston Medical School, Massachusetts, USA, berichtete in Düsseldorf von einer im Lancet (Vol. 348 (1996) 1413-1416) veröffentlichten klinischen Studie an 550 Patienten mit Blutungen im oberen Gastrointestinaltrakt (GI) und 1202 Kontrollpersonen. Kelly und ihre Mitarbeiter hatten darin das relative Risiko für Blutungen im oberen GI nach Gabe von normalen, nicht-modifizierten ASS-Tabletten, von magensaftresistent überzogenen und von gepufferten ASS-Tabletten verglichen. Dabei hatte sich gezeigt, daß bis zu einer maximalen Tagesdosis von 325 mg ASS das relative Risiko für GI-Blutungen bei allen drei Darreichungsformen um rund das Dreifache erhöht war. Kelly: "Die lange gehegte Vermutung, daß die beiden modifizierten Formen besser magenverträglich sind, muß wahrscheinlich revidiert werden."

Ein etwas anderes Bild ergab sich bei Dosen über 325 mg ASS täglich: Das Blutungsrisiko im oberen GI-Trakt stieg hier sowohl bei der nicht-modifizierten ASS als auch bei der gepufferten Form auf rund das Sechs- bis Siebenfache. Diese Risikozunahme konnte laut Kelly bei der magensaftresistenten Form nicht beobachtet werden. Allerdings müsse dies durch weitere Studien bestätigt werden.

Zum Vergleich mit anderen OTC-Analgetika führte Kelly folgendes Beispiel an: Bei Ibuprofen-Lysinat sei bei Tagesdosen unter 1200 mg mit keiner oder einer nur geringfügigen Risikoerhöhung (1 bis 1,8) für GI-Blutungen auszugehen; bei höheren Dosen rechne man mit einem Risikoanstieg um rund das Dreifache.

PZ-Artikel von Bettina Neuse-Schwarz, Düsseldorf
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