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Verschwendung

28.01.2002
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Verschwendung

Gleich zweimal wurde auf dem Davoser Pharmacon 2002 der Politik ein schlechtes Zeugnis bezüglich des Krisenmanagements möglicher Erkrankungen ausgestellt. Professor Dr. Sucharit Bhakdi vom Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene in Mainz warf den Politikern Hysterie bei der Bewältigung der BSE-Krise und den vermeintlichen Milzbrand-Anschlägen vor. Es werde Angst vor "unverschuldetem Sterben" geschürt und unnötig Kosten verursacht. So habe die BSE-Hysterie in Deutschland mehr als zwei Milliarden Mark gekostet.

Dieser Kritik kann ich mich nur anschließen. Angesichts unterernährter Kinder in den Entwicklungsländern ist es unverantwortlich und unmoralisch, eine ganze Rinderherde zu keulen, weil ein einzelnes Tier an BSE erkrankt ist. Zumal die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung sehr gering ist. In Großbritannien gab es übrigens laut Statistik mehr Selbstmorde unter den von staatlichen Maßnahmen betroffenen Bauern als neue Creutzfeldt-Jakob-Erkrankungen.

Auch beim Umgang mit den vermeintlichen Milzbrand-Attacken warf der Mainzer Wissenschaftler der Politik mangelnde Professionalität und Verschwendung öffentlicher Mittel vor. Die 4000 initiierten Untersuchungen seien unsinnig gewesen und hätten mehr Kosten verursacht, als er für seine klinischen Untersuchungen zur Verfügung habe. Insbesondere vor dem Hintergrund von 40. 000 Patienten, die in deutschen Krankhäusern an Infektionen mit hospitalisierten Keimen sterben und pro Jahr Kosten in Höhe einer halben Milliarde Euro verursachten, sei diese Geldverschwendung unverständlich. Anträge auf Forschungsmittel, um dieser Situation an den Kliniken zu begegnen, finden dagegen kein Gehör.

In  dasselbe Horn stieß auch der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO), Professor Dr. Heinz-Josef Schmitt aus Mainz. Er warf der Politik fehlende Unterstützung bei der Impfprophylaxe vor. Bei konsequenter Befolgung der Impfempfehlungen könnte nach Meinung des Experten genug Geld gespart werden, um das Gesundheitswesen in sich zu sanieren. Stattdessen würde in der Öffentlichkeit mehr über die Risiken des Impfens gesprochen als über die Nutzen.

Erkenntnisse, die eigentlich jedem zugänglich sind, aber trotzdem in der Gesellschaft kein Gehör finden. Warum? Bhakdi gab selbst die Antwort: Er habe als Wissenschaftler nicht die Zeit, um öffentlichkeitswirksam seine Meinung zu verbreiten. Daraus muss zwangsläufig abgeleitet werden, dass nach wie vor, die Forschung in Deutschland zurückgezogen in ihrem Elfenbeinturm sitzt und vor sich hin forscht, ohne in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen, geschweige denn verstanden zu werden.

Dies ist meiner Meinung nach auch der Grund für die mangelnde Förderung von Bildung und Forschung in Deutschland. Will man daran etwas ändern, müssen mehr Fachleute als Moderatoren aktiv werden, die den Stellenwert der Forschung und die Anwendung der Forschungsergebnisse in der Öffentlichkeit verständlich transportieren, sowie die Verhältnismäßigkeit mancher Maßnahme kritisch begleiten.

Davos hat aus meiner Sicht gezeigt, dass die Apothekerinnen und Apotheker durchaus diese Moderatorenrolle und damit das Bindeglied zwischen Forschung und Politik beziehungsweise der Gesellschaft spielen können. Denn die pharmazeutische Ausbildung befähigt den Apotheker, Tatsachen naturwissenschaftlich exakt zu analysieren und wissenschaftliche Erkenntnisse anzuwenden. Vielleicht kann durch eine breitere Aufklärung der Bevölkerung - immerhin haben die deutschen Apotheken täglich mit über zwei Millionen Menschen Kontakt - Druck auf die politisch Verantwortlichen ausgeübt werden, vernünftiger als bisher mit den finanziellen Ressourcen umzugehen.

Dr. Hartmut Morck
Chefredakteur
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