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Pharmazie

01.02.1999  00:00 Uhr

-PharmazieGovi-Verlag

Arzneimittel-Kurzprofile
Januar 1999

Durchschnittlich drei bis vier neue Wirkstoffe kommen in Deutschland pro Monat auf den Arzneimittelmarkt. Damit Sie in der Offizin immer auf dem Laufenden sind, stellen wir Ihnen künftig monatlich diese Neuheiten kurz vor. Im Januar 1999 wurden drei neue und ein bekannter Arzneistoff mit neuer Indikation eingeführt.

Amisulpirid

Ab sofort steht ein neuer hochselektiver Dopamin-Rezeptor-Antagonist zur Behandlung akuter und chronischer schizophrener Störungen sowohl mit Minus- als auch mit Plussymptomatik zur Verfügung. Der D2/D3-Antagonist Amisulpirid (Solian®) habe in klinischen Studien eine hohe antipsychotische Wirkung bei schizophrenen Patienten gezeigt und sei gut verträglich, so der Hersteller Synthelabo.

Amisulpirid hat in klinischen Studien seine Wirksamkeit in der Behandlung der primären Negativsymptomatik bewiesen, die maßgeblich für die schlechte Langzeitprognose von Schizophrenie-Patienten verantwortlich ist. In Dosen von 100 mg täglich hemmt Amisulpirid die präsynaptischen Auto-Rezeptoren und führt so über eine gesteigerte Dopaminfreisetzung zur Besserung der Negativsymptomatik. In hoher Dosierung (400 bis 800 mg täglich) blockiert der Wirkstoff die postsynaptischen D2- und D3-Rezeptoren und lindert die Positivsymptomatik. Damit unterscheidet sich der Wirkstoff von Clozapin und Risperidon, deren Wirksamkeit auf die Minussymptomatik eine Hemmung der 5HT2A-Rezeptoren bewirkt. Amisulpirid wurde am 15. Januar in den Markt eingeführt.

Finasterid

Neue Indikation für einen bekannten Wirkstoff: Der alpha-Reduktasehemmer Finasterid erhielt Ende 1998 auch die Zulassung zur Behandlung des männlichen Haarausfalls. Ursprünglich wurde das Medikament zur unterstützenden Behandlung der benignen Prostatahyperplasie (Proscar® von MSD) entwickelt. In klinischen Studien mit 1215 Männern habe Finasterid den Haarausfall bei sechs von sieben Probanden gestoppt, meldet der Hersteller MSD.

Der Wirkstoff hilft jedoch nur Männern, deren Haarwurzeln sich noch nicht vollständig zurückgebildet haben. Erste Erfolge zeigten sich nach drei bis sechs Monaten. Täglich muß eine Tablette à 1 mg geschluckt werden. Sobald die Einnahme beendet wird, fallen die Haare allerdings wieder aus. Finasterid blockiert die alpha-Reduktase und verhindert damit die Bildung von Dihydrotestosteron, das für das Schrumpfen der Haarwurzel verantwortlich gemacht wird. 1,8 Prozent der Studienteilnehmer litten während der Therapie unter Libidoverlust. Das verschreibungspflichtige Propecia® wurde am 18. Januar in den deutschen Markt eingeführt. Die Therapiekosten pro Monat liegen bei circa 114 DM.

Telmisartan

Zum Ende des Jahres 1998 hat die Europäische Zulassungsbehörde EMEA das Bluthochdruckmittel Telmisartan der Boehringer Ingelheim Pharma KG, Ingelheim, zugelassen. Das Präparat mit dem Handelsnamen Micardis® ist der neuste Verteter der Klasse der Angiotensin-II-Typ-1-Rezeptorantagonisten. In klinischen Studien zeigten einmal täglich 80 mg Telmisartan bei 65 Prozent der Probanden eine gute Blutdruckkontrolle.

Die Wirkung sei mit dem Calciumkanalblocker Amlodipin, dem ACE-Hemmer Enalapril und dem AT-II-Antagonisten Losartan vergleichbar. Zunächst sollten die Patienten mit einer Initialdosis von 40 mg täglich beginnen. Diese kann dann auf 80 mg gesteigert werden. Das neue Antihypertonikum ist in Deutschland seit Anfang Januar auf dem Markt und soll schrittweise in allen europäischen Ländern eingeführt werden. Boehringer Ingelheim und Glaxo Wellcome vereinbarten für zahlreiche Länder ein Co-Marketing, ausgenommen Nordamerika und Japan.

Sibutramin

Seit 1. Februar ist das Antiadipositas-Medikament Sibutramin in Deutschland eingeführt (Reductil® 10 mg von Knoll Deutschland GmbH). Es ist indiziert zur unterstützenden Therapie bei Patienten mit ernährungsbedingtem Übergewicht und einem Körpermassenindex (BMI) von 30 kg/m² und höher. Bei Patienten mit Risikofaktoren wie Diabetes mellitus oder Dyslipidämie kann Sibutramin ab einem BMI von 27 kg/m² verordnet werden. Wichtig: Dies gilt für Patienten, die mit anderen Maßnahmen weniger als 5 kg Gewicht in drei Monaten abgenommen haben.

Anders als Appetitzügler oder das im letzten Jahr zugelassene Orlistat beeinflußt Sibutramin, das ursprünglich ein Antidepressivum werden sollte, weder die Freisetzung von Neurotransmittern noch die Lipasen in Magen und Darm. Es hemmt die Wiederaufnahme von Monoaminen, vor allem Serotonin und Noradrenalin, aus dem synaptischen Spalt.

Als Folge wird das Sättigungsgefühl gestärkt und der Stoffwechsel (Thermogenese) aktiviert. Die Anfangsdosis von 10 mg morgens kann bei ungenügendem Ansprechen - weniger als 2 kg Gewichtsverlust in vier Wochen - auf 15 mg erhöht werden. In Studien über 24 Wochen nahmen Patienten unter Sibutramin etwa 3 bis 5 kg mehr ab als unter Placebo. Die erzielbare Abnahme liegt zwischen 5 und 10 Prozent des Körpergewichts, und ist vergleichbar mit Dexfenfluramin. Etwa jeder zehnte Patient spricht nicht auf das Medikament an.

Aufgrund der langen Halbwertszeit der pharmakologisch aktiven Metaboliten (14 und 16 Stunden) genügt die einmal tägliche Gabe. Während der Therapie müssen Blutdruck und Puls engmaschig kontrolliert werden. Da Sibutramin vorwiegend über CYP3A4 verstoffwechselt wird, sind Wechselwirkungen mit anderen Stoffen, die dieses Isoenzym beeinflussen, möglich. Frauen wird eine Empfängnisverhütung empfohlen. Im Gegensatz zu Orlistat kann Sibutramin auch bei Bulimie (Freßsucht) eingesetzt werden und wird bei dieser Indikation auch von den gesetzlichen Krankenversicherungen bezahlt. Bei der reinen Indikation "Gewichtsreduktion" zahlt die Kasse Sibutramin jedoch wie Orlistat nicht.

Sibutramin soll mit anderen Behandlungsansätzen kombiniert und nicht länger als ein Jahr eingenommen werden, empfiehlt Knoll. Das Unternehmen bietet Ärzten, Apothekern und anderen Heilberuflern daher das individuell anpaßbare Programm ReducTeam an, das Anregungen zu Ernährungs- und Verhaltensumstellung sowie Bewegungstherapie enthält. Top

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