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Die Apotheker haben das Sagen bei Sanacorp

26.01.1998
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-Wirtschaft & Handel

Govi-Verlag

Die Apotheker haben das Sagen bei Sanacorp

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Es ist Bewegung in die Landschaft des europäischen Pharmazeutischen Großhandels gekommen. Durch den Kauf der Alliance Santé durch das britische Unternehmen UniChem sind aber Spekulationen auch durch die Fachpresse geäußert worden, der genossenschaftliche Großhandel könnte sich an der Bildung von Apothekenketten europaweit beteiligen. Wir sprachen mit dem Vorsitzenden des Sanacorp-Vorstandes, Dr. Jürgen Brink.

PZ:
Herr Dr. Brink, der Sanacorp wird nachgesagt, daß sie indirekt an dem UniChem-Deal beteiligt sei. Nachdem ein Konkurrent der Sanacorp bereits öffentlich diese Fusion begrüßt hat, meine erste Frage an Sie: Wie beurteilen Sie diese Konzentration des Großhandels auf europäischer Ebene und welche Rolle spielt und kann die Sanacorp in Europa spielen?

Brink:
Ich möchte etwas ausholen, da dies eine ganz zentrale Frage ist. In der Europäischen Union vollzieht sich das, was sich auch auf dem deutschen Binnenmarkt in den letzten 25 Jahren vollzogen hat, nämlich eine starke Konzentration des Pharmagroßhandels. In den 60er Jahren gab es noch über 160 Großhandelsunternehmen in Deutschland, heute sind es noch 17, wovon die vier größten 80 Prozent des Marktes repräsentieren. Eine Parallelentwicklung sehen wir jetzt in Europa. Das kann man bedauern oder nicht. Es ist aber eine Tatsache. Das sehr ausgeprägte Oligopol überträgt sich auch auf den europäischen Markt und wird immer enger. Der Marktführer ist Gehe mit großer Marktmacht, gefolgt von Phoenix, die sich ebenfalls zu einem europäischen Großhandelsunternehmen entwickelt hat. Meine feste Überzeugung ist, daß auch die apothekereigenen und apothekernahen Unternehmen in Europa das gestalten müssen, was sie national gemacht haben. Sie müssen eine Gegenmacht formieren. National hat das sehr lange gedauert. Nach dem Kriege fingen sieben Apothekergenossenschaften als Newcomer an. Es hat fast 50 Jahre gedauert, bis die Genossenschaften wie Sanacorp und Noweda zusammen mit der Anzag ein Drittel des deutschen Marktes hatten.

Das ist auch zwingend notwendig für die Positionierung in Europa. Denn nur mit Marktmacht werden es die Apotheker schaffen, Marktbedindungen in ihrem Sinne zu beeinflussen. Man muß allerdings einräumen, daß für die apothekereigenen und apothekernahen Unternehmen der Weg beschwerlicher ist. Wir müssen den Weg der Kooperation gehen und können nicht einfach andere Unternehmen übernehmen, was wesentlich einfacher wäre. Wir müssen überzeugen. Das ist ein mühsamer Weg, ein dickes Brett, das mit Ausdauer gebohrt werden muß. Es gab in der Vergangenheit und es gibt sicherlich heute noch fundamentale Auffassungsunterschiede der Manager zur Größenentwicklung. Mit guten Gründen kann man sicherlich einer Größenentwicklung in der Region das Wort reden. Die Noweda beweist das auch.

Das Konzept der Sanacorp ist ein anderes: Wir glauben, daß der Zwang zur Größe angesichts der Entwicklung im Umfeld unausweichlich ist. Small is beautiful, das werden uns die Wettbewerber nicht erlauben. Es gibt ganz gute Potentiale für uns auch in Europa. Mit gutem Willen könnten die Sanacorp, die Anzag, die holländische Apothekergenossenschaft OPG, die Apothekerunternehmen Herba in Österreich und Galenica in der Schweiz einen Nukleus bilden für ein apothekereigenes beziehungsweise apothekernahes europäisches Großhandelsunternehmen. Dieser Nukleus könnte eine Anziehungskraft entwickeln. Ich hoffe auch in Richtung Noweda, in Richtung der französischen Apothekergenossenschaft und in Richtung der italienischen Apothekergenossenschaften. Daran arbeiten wir.

Zur Zeit versuchen wir die eben genannte Gruppierung zu formieren. Wir sind schon sehr weit mit der Herba und mit der OPG, haben allerdings einige schwierige kartellrechtliche Probleme zu lösen, was die Integration der Anzag anbelangt. Die große Aufgabe für 1998 muß sein, mit den Kollegen der Noweda Konsens über eine Verbundstrategie herzustellen.

Vor diesem Hintergrund ist zunächst wichtig festzustellen, daß Alliance Santé und UniChem nicht zu den apothekereigenen Unternehmen gehören. Wir kooperieren mit beiden in der IPSO auf der Ebene der Herstellerlogistik. Es gilt dort, unsere Logistik den Pharmaherstellern europaweit anzubieten. Ansonsten verbindet uns geschäftspolitisch nichts.

PZ:
Das heißt also, an der Entscheidung zu der Fusion Alliance-UniChem war die Sanacorp nicht beteiligt, ist auch nicht gefragt worden ?

Brink:
Wie alle anderen Marktbeteiligten sind wir über die Post und die Medien über diese Fusion unterrichtet worden.

PZ:
Die Gerüchte, die gestreut wurden, spiegeln die Angst der Kollegen wider, daß über UniChem als Besitzer einer Apothekenkette nach dem Kauf von Alliance Santé dieser Gedanke auch in die Genossenschaften getragen würde. Die Sanacorp hat sich sehr klar gegen Fremd- und Mehrbesitz ausgesprochen, deshalb erübrigt sich die Frage nach Ihrer Einstellung. Die Frage, die sich allerdings immer wieder stellt und die ich Ihnen weitergeben möchte, ist: Glauben Sie, daß die deutsche Haltung gegen Fremd- und Mehrbesitz, die ja auch auf dem Apothekertag 1997 in Düsseldorf durch die Politiker verstärkt wurde, noch lange aufrecht erhalten werden kann, zumal auch die eben genannte OPG in eine andere Richtung marschiert?

Fremd-, Mehrbesitz und Versandhandel nicht in Sicht

Brink:
Ich bin überzeugt davon, daß es auf absehbare Zeit, das sind für mich zehn Jahre, in Deutschland keinen Fremd- und Mehrbesitz geben wird. Die Bundesregierung hat sich eindeutig festgelegt, die politischen Parteien ebenso, so daß es überhaupt keine Anhaltspunkte für die Aufhebung dieses Verbotes gibt. Es ist auch kein Verfahren anhängig. Im übrigen gilt in der Europäischen Union das Subsidiaritätsprinzip. Ich warne allerdings davor zu sagen, am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Unsere Nachbarn haben andere Wertordnungen, und ich scheue mich immer, unsere Sicht den Nachbarn überzustülpen.

Deshalb zur OPG: Sie ist eine Apothekergenossenschaft. Sie hat in der Frage Mehr- und Fremdbesitz - basierend auf den gesetzlichen Gegebenheiten in den Niederlanden- eine andere Auffassung als wir, aber in Übereinstimmung mit der holländischen Standesvertretung. Deshalb können wir der OPG nicht sagen, macht das nicht bei euch, weil ihr mit uns auf europäischer Ebene eine gemeinsame Zukunft anstrebt. Wir würden damit das Subsidiaritätsprinzip verletzen.

PZ:
Ein andere Frage, die europäische Dimensionen hat, ist der Versandhandel. Als Logistikunternehmen müßte es eigentlich jedem Pharmagroßhändler in den Fingern kitzeln, in dieses Geschäft einzusteigen. Wie sehen Sie die Gefahren durch den Versandhandel ? Müssen sich Apotheken und Großhändler mit diesem Thema über kurz oder lang noch intensiver auseinandersetzen, insbesondere bezogen auf den grenzüberschreitenden Versandhandel ?

Brink:
Die Sanacorp tritt vehement gegen den Versandhandel auf. Dies habe ich auf dem 2. Handelsblatt-Gesundheitskongress im November 1997 argumentativ untermauert. Auch hier glaube ich nicht, daß es auf absehbare Zeit in Deutschland einen Versandhandel geben wird. Ich bin davon überzeugt, daß die gebetsmühlenartig vorgetragene Forderung nach dem Versandhandel ein taktisches Verhalten der Betriebskrankenkassen ist, um andere Ziele zu erreichen. Denn auch die Vertreter der Betriebskrankenkassen, wie zum Beispiel Herr Schulte aus Bayern, sind so clever zu wissen: Es rechnet sich nicht.

Börsengang hat sich für Sanacorp gelohnt

PZ:
Lassen Sie mich mit der nächsten Frage auf Ihr Unternehmen eingehen. Vor rund einem Jahr haben Sie den Börsengang der Sanacorp AG vorbereitet und auch vollzogen. Ein Jahr danach stellt sich natürlich die Frage: Hat sich dieser Weg wirtschaftlich für die Sanacorp gelohnt?

Brink:
Ja, ganz eindeutig. Es sind 70 Millionen Mark in die Kasse gekommen. Wir hätten viele Jahre thesaurieren müssen, um diesen Betrag in die Rücklagen einstellen zu können. Wir haben damit das Unternehmen sehr krisensicher gemacht. Wir sind heute mit einer Eigenkapitaldeckung von rund 38 Prozent der Bilanzsumme in der Spitzengruppe der deutschen Handelsunternehmen. Es war also ein erfolgreicher Schritt für unsere Genossenschaftsmitglieder, die direkt und indirekt mit mehr als 80 Prozent am Eigenkapital der Sanacorp AG beteiligt sind. Anderseits sind wir aus der geschützten Welt der Genossenschaft heraus, weil uns jetzt auch Nicht-Apotheker ihr Geld anvertraut haben. Deshalb müssen wir auch Nicht-Apothekern Rechenschaft ablegen, die uns aus einem völlig anderen Blickwinkel heraus beurteilen.

PZ:
Viele haben den Weg der Sanacorp an die Börse kritisch begleitet und vor Fremdeinflüssen gewarnt und den Verlust des Einflusses der Apotheker auf ihre Sanacorp als Horrorszenario an die Wand gemalt. Deshalb meine Frage: Haben Die Apotheker nach dem Börsengang in der Sanacorp noch das Sagen?

Brink:
Zu 100 Prozent und uneingeschränkt. Die Willensbildung in den Gremien unterliegt allein aufgrund der Rechtsform dem apothekerlichen Einfluß. Ganz wichtig ist, daß viele Mitglieder der Apothekergenossenschaft Aktionäre der AG sind. Das bedeutet, daß die Verzinsung des eingesetzten Kapitals in eG und AG einem skrupulösen Analyseprozeß unterliegt, ob wir das denn auch richtig machen.

PZ:
Wenn wir schon bei der Entwicklung Ihres Hauses sind und wir auch die europäische Entwicklung diskutiert haben, würde mich natürlich Ihre Meinung über die weitere nationale Entwicklung auf dem Großhandelssektor interessieren. Sehen Sie den nationalen Konzentrationsprozeß als abgeschlossen an?

Brink:
Ich glaube, der Konzentrationsprozeß in Deutschland auf dem Großhandelssektor ist abgeschlossen. Der Markt ist verteilt. Die verbliebenen Familienunternehmen sind, soweit ich es überblicken kann, alle gut geführt, so daß sich zur Zeit keine Übernahmen abzeichnen.

KV-Bezirke bestimmten Marktentwicklung

PZ:
Eine Frage zu der wirtschaftlichen Entwicklung der Sanacorp. 1997 war ein recht wechselhaftes Jahr, was die Umsatzentwicklung in den einzelnen Monaten anbelangt. Spiegelt sich diese Wechselwirkung auch in Ihrer Jahresbilanz wider?

Brink:
Wir haben die Marktentwicklung in der Tendenz mitgemacht. Ausnahme war der Juni mit den Vorzieheffekten aufgrund der Zuzahlungsregelung zum 1. Juli 1997. Schlecht waren der August und der September. Der Markt hat sich im Oktober leicht erholt. Wir sind also dem Markt gefolgt, allerdings sind wir etwas unter dem Markt gewachsen. Die Gründe dafür sind die sehr unterschiedlichen Marktentwicklungen in den einzelnen KV-Bezirken. Sie war relativ am besten in Nordrhein-Westfalen, wo wir nicht aktiv sind. In den KV-Bezirken unseres Absatzgebietes sind große Umsatzrückgänge im Arzneimittelbereich zu verzeichnen. Das ist ein Grund, warum wir uns unter dem Markt entwickelt haben.

Der zweite Grund war eine geschäftspolitische Entscheidung zur Frage der Einrichtungsaufträge im Osten. Im Gegensatz zur Konkurrenz haben wir uns im letzten Jahr bei Einrichtungsaufträgen zurückgehalten, erstens aufgrund unserer Identität als apothekereigenes Unternehmen und zweitens, weil diese Aufträge zu Konditionen abgewickelt wurden, die völlig irreal waren. Mit dem daraus resultierenden Verlust von Marktanteilen haben wir gerechnet. Trotzdem hat die Sanacorp ein gutes Ergebnis für 1997 erzielt, das beste unserer Firmengeschichte.

PZ:
Gehen wir einmal in die Gesundheitspolitik. 1998 ist Wahljahr, sicher wird sich deshalb nicht viel bewegen. Welche Erwartungen haben Sie bezüglich der Politik nach den Bundestagswahlen?

Brink:
Keine guten! Geht man von den gegenwärtigen Prognosen aus, wird es zu einem Regierungswechsel und damit also zu Änderungen der Rahmenbedingungen kommen. Wenn ich das 100 Punkte-Papier der SPD lese mit Positivliste et cetera, dann wird es zu mehr staatlichen Einflüssen und Interventionen kommen und die selbstregulierenden Kräfte beziehungsweise das freie Spiel der Kräfte wird blockiert. Was wir bekommen, ist eine Interventionsspirale mit immer neuen Windungen. Trotzdem bin ich der Meinung, daß der Gesundheitsmarkt der Wachstumsmarkt der Zukunft, der nächste Kondratieff-Zyklus, sein wird. Problematisch wird natürlich die Finanzierung des Wachstums sein, aber dauerhaft wird man das Wachstum nicht stoppen können.

Sanacorps Rat für die Apotheker?

PZ:
Was würden Sie aus Ihrer Sicht den Apotheken raten, wie sie sich auf die Zukunft einstellen sollen?

Brink:
Die Apotheker müssen zwei Dinge tun, obwohl sie Heilberufler sind. Sie müssen ein ganz rigides Kostenmanagement in ihren Betrieben durchführen. Sie müssen jeden Prozeß mit jedem Unterprozeß auf seine Kosten hin analysieren. Und sie müssen angebotsorientiert agieren. Das heißt nicht: schleudern. Angebotsorientiert heißt, es findet etwas im Kopf statt. Die Apotheker müssen ihre Beratungskompetenz einbringen ohne das Merchandising, wie Schaufenstergestaltung et cetera, zu vernachlässigen. Das hat nichts mit Drugstore zu tun. Die Sanacorp hat seit langem Konzepte entwickelt und umgesetzt, um dem Apotheker dabei zu helfen. Das fängt an bei unseren Infomonitoren, die nicht nur bei unseren Kunden für Furore gesorgt haben. Dazu kommen Projekte, die ihren Schwerpunkt auf zusätzlichen Umsatz für unsere Apothekerkunden legen, wie zum Beispiel das P-Projekt. Mit dem Leanstore-Konzept als Teil des Sanacorp-Plus-Konzepts können wir die Apotheke in einzelne Prozesse zerlegen und dem Apotheker die Potentiale seiner Apotheke mit verblüffenden Ergebnissen aufzeigen.

Betriebswirtschaftliche Kompetenz der Apotheker bedeutet für uns aber auch, bereits während der Ausbildung Unterstützung anzubieten. Seit Mitte der 70er Jahren sind wir intensiv an der Universitätsausbildung der Pharmaziestudenten - unter anderem an den Hochschulen in Regensburg und München -im dritten Prüfungsabschnitt beteiligt. Unsere Mitarbeiter vermitteln mit hohem Engagement den angehenden Apothekerinnen und Apothekern die betriebswirtschaftlichen Zusammenhänge einer Apotheke.

Euro führt zu Preisverfall

PZ:
Eine letzte Frage: Wir stehen ein Jahr vor der Einführung des Euros. Welche Einflüsse wird die Währungsumstellung nach ihrer Meinung auf den deutschen Arzneimittelmarkt haben?

Brink:
Ich erwarte durch die Währungsumstellung große Probleme, weil damit europaweit Preistransparenz geschaffen wird. Durch diese Preistransparenz wird ein enormer Anpassungsdruck auf die Harmonisierung des europäischen Arzneimittelmarktes geschaffen, der zwangsläufig zu einem Preisverfall in Deutschland führen wird.

Da Interview führte Hartmut Morck, Planegg
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