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Multiple Sklerose: neue und etablierteTherapiekonzepte

26.01.1998
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Multiple Sklerose: neue und etablierte Therapiekonzepte

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Von einem "Krankheitsbild, das sich in einer Tabuzone befindet", sprach Professor Dr. Rudolf W.C. Janzen von der Neurologischen Klinik des Frankfurter Nordwest-Krankenhauses beim Fortbildungskongreß in Davos. Die Rede ist von der Multiplen Sklerose, einer auf das zentrale Nervensystem begrenzte entzündliche, demyelinisierende Erkrankung, die meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr beginnt und Frauen zwei- bis dreimal häufiger trifft als Männer. Mit Dauer der Erkrankung kommt es allmählich zu fortschreitender Invalidität, etwa ein Drittel der Betroffenen sitzt irgendwann im Rollstuhl.

Unterschieden werden schubförmig remittierende Verlaufsformen (meist im Frühstadium), chronische progrediente und benigne Formen. Nach etwa 15 Jahren kommt die aktive Krankheitsprogression in der Regel weitgehend zum Stillstand. Zu den Initialsymptomen gehören unter anderem Müdigkeit, Schwindel, Augenmotilitäts- und Feinmotorikstörungen, intellektuelle und Stimmungsstörungen sowie Spastizität und Paresen. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Patienten beträgt nach Ausbruch der Erkrankung noch mindestens 35 Jahre.

Als Auslöser kommen laut Janzen viele Faktoren zusammen. Einig sei man sich inzwischen, daß es sich bei der MS um eine Autoimmunerkrankung handelt, bei der es in Gegenwart von Myelin-Autoantikörpern und autoreaktiven T-Zellen zu selektiven Myelinzerstörungen kommt. Zusätzlich zu einer genetischen Disposition werden exogene Triggerfaktoren wie virale Infektionen vermutet. Eine bislang noch nicht belegte Hypothese gehe von zwei parallel verlaufenden Pathogenitätsmechanismen im ZNS aus, erklärte der Referent: der schubförmigen Zerstörung der Myelinscheiden und der chronischen Zerstörung von Axonen im Gehirn.

"Es gibt keinen einzelnen Untersuchungsbefund, der beweist, daß eine MS-Erkrankung vorliegt", betonte Janzen. Für eine gesicherte Diagnose müssen in der klinischen Untersuchung mindestens zwei Schübe festgestellt werden, es muß außerdem eine Liquordiagnostik und eine Kernspintomographie durchgeführt werden. Charakteristisch für den Liquorbefund bei einem MS-Patienten seien im Bereich der Immunglobuline (IgG) oligoklonale Banden, die im Serum nicht nachweisbar sind, erklärte der Neurologe. Im Kernspintomogramm lassen sich veränderte Markscheiden (Herde) feststellen, die nach durchschnittlich sechs Wochen von selbst wieder verschwinden. Zu Fehldiagnosen können unter anderem bestimmte Autoimmunerkrankungen (zum Beispiel systemischer Lupus erythematodes) oder Infektionen (zum Beispiel Aids, Syphilis) führen.

Ebenso wie die Diagnose muß auch die Behandlung der MS an mehreren Punkten ansetzen. Janzen: "Eine monokausale Therapie ist nicht möglich." Ziel sei es, die autoimmunuologische Aktivität im Zentralnervensystem zu beeinflussen und zu modulieren. Zur Behandlung akuter Schübe werden hochdosiert Steroide wie Methylprednisolon gegeben, zur Dämpfung der Schubhäufigkeit Immunmodulatoren wie Beta-Interferon 1b, 1a oder Copolymer-1 (COP-1); zum gleichen Zweck sind auch 7s-Immunglobuline in klinischer Prüfung. Um die Krankheitsprogression zu verlangsamen, kommen unter anderem Substanzen wie Azathioprin oder Methotrexat zum Einsatz. Als mögliche Kombinationstherapien nannte Janzen COP-1 plus Azathioprin oder plus Beta-Interferon. Auch der sequentielle Einsatz von COP-1 und Beta-Interferonen werde geprüft.

Kritisch bewertete der Referent Empfehlungen, wonach Beta-Interferon zur Behandlung der schubförmigen MS nur bis zu einem Lebensalter von 50 Jahren und bei erhaltener Gehfähigkeit eingesetzt werden sollte. Nach seiner Überzeugung müssen hier in Einzelfällen auch abweichende Entscheidungen überlegt werden, ebenso wie bei dem für Beta-Interferone derzeit vorgegebenen Mindestalter von 18 Jahren. Zu kritisieren ist nach seiner Überzeugung außerdem, daß die meisten klinischen Studien auf wenige, bestimmte Verlaufsformen beschränkt sind (Beispiel: Beta-Interferon bei schubförmiger MS). Man könne daraus keine Rückschlüsse auf die anderen Formen ziehen, und die Frage, ob sich die Indikationsstellung an das Studiendesign anpassen muß oder ob individuelle Abweichungen zulässig sind, sei nach wie vor offen.

PZ-Artikel von Bettina-Neuse Schwarz, Davos
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