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Die Licht- und Schatten bei Strahlungstherapie

25.01.1999  00:00 Uhr

Nachgefragt. beim Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Dr. Rainer Disch, der leitender Arzt an der Alexanderhausklinik ist.

PZ: Ziel Ihres Behandlungskonzeptes ist es, möglichst auf eine Corticosteroidgabe, systemisch oder topisch, zu verzichten. Ebenso kommen Sie ohne Chemotherapeutika wie Methotrexat oder Ciclosporin A und ohne systemische oder lokale PUVA-Therapie aus. Wie ist das möglich?

Disch: Unser Behandlungskonzept sieht eine spezielle fachdermatologische Behandlung der Psoriasis unter den idealen Bedingungen des Hochgebirgsreizklimas von Davos vor. Nach einer initialen Therapie zur Abschuppung der Psoriasisherde mit Salzbädern und Salicylvaseline steht die Heliotherapie im Vordergrund der Behandlung. Da Davos seit 1971 Sitz des Weltstrahlungszentrums ist, liegen hier exakte Angaben über die Zusammensetzung des Sonnenlichts vor, vor allem über die Verteilung zwischen UV-A und UV-B. Deren besonders günstiges Verhältnis, verbunden mit einer nahezu ganzjährig möglichen natürlichen Bestrahlung und einer konsequenten dermatologischen Therapie, führt zu den bei uns nachgewiesenen Therapieerfolgen. In aller Regel können wir daher auf Corticosteroide, Methotrexat und Ciclosporin A verzichten. Andersherum formuliert postulieren wir, vor Beginn einer Chemotherapie oder einer systemischen PUVA-Therapie falls möglich immer einen Heilversuch in einem dafür geeigneten Klimat also in unseren Breitengraden die Nordseeinseln oder das Hochgebirgsklima von Davos, zu unternehmen.

PZ: Vergleicht man die Rezidivrate in Langzeitstudien, schneidet die Klimatherapie in Davos mit am besten ab. Besonders im Vergleich zur Klimatherapie am Toten Meer sind die Unterschiede bei den Langzeiteffekten enorm. Wie erklären Sie sich das?

Disch: Das führen wir auf diese konsequente Therapie unter den besonders günstigen Klimabedingungen zurück. Jüngste Verlaufsuntersuchungen, die den Schweregrad der Psoriasis (PASI-Score), den Verbrauch von Corticosteroiden sowie die Arbeitsunfähigkeitszeiten vor und nach stationärer Hochgebirgsklimatherapie berücksichtigen, zeigen deutlich die sehr guten Therapieergebnisse. Während im Jahr vor der Klimatherapie 15 Prozent der Patienten arbeits-unfähig waren, trifft dies nach dem Aufenthalt auf nur noch knapp 5 Prozent zu. Über 90 Prozent der Patienten zeigen Besserungen des Befunds bis hin zur Erscheinungsfreiheit gemessen am PASI-Score. 80 Prozent brauchten keine oder weniger Corticosteroide als zuvor. Leider sind durch die Verkürzungen der Aufenthaltsdauer auf teilweise drei Wochen die weitaus besseren Therapieergebnisse, die in den Jahren vor diesen Maßnahmen erzielt worden sind, nicht mehr zu erreichen. Die vom Gesetzgeber gewünschte Einsparung im Rehabilitationsbereich wird daher durch Ausgaben an anderer Stelle im Akutbereich oder der Lohnfortzahlung wieder zunichte gemacht.

PZ: Was empfehlen Sie Ihren Patienten, die nach einem Klinikaufenthalt wieder nach Hause kommen, damit sie ihr erscheinungsfreies Hautbild möglichst lange erhalten?

Disch: Wir empfehlen, die hier erlernte dermatologische Therapie fortzuführen, zum Beispiel die Anwendung von teerhaltigen Salben, falls nötig unter einem Okklusionsverband. Der Patient sollte Urlaub in den Regionen machen, die seinem Krankheitsbild förderlich sind, also Hochgebirge, Nordsee oder Mittelmeer. An Risikofaktoren wie Übergewicht oder erhöhtem Alkoholkonsum sollte der Patient arbeiten. Je nach Schwere des Krankheitsbildes sind auch wiederholte Klimatherapien zu empfehlen, um eine längerfristige Beschwerdefreiheit erzielen zu können.

Übrigens

. . . Psoriatiker-Haut ist ein lebenslanger Pflegefall. Hautpflege ist auch im erscheinungsfreien Intervall nötig. Die Wasserbindungsfähigkeit der psoriatrischen Schuppen ist herabgesetzt, Austrocknung und Rezidivneigung sind damit vorprogrammiert. Das ist vielen Patienten nicht klar, und sie vernachlässigen deshalb Körperreinigung und -pflege. Dabei hilft das tägliche Baden, Cremen und Salben, sich in seiner Haut wohler zu fühlen und selbstbewußter mit der Dermatose umzugehen. Gerade die Bestrahlungs-therapien können die Haut kontinuierlich und irreversibel austrocknen. Rückfettende Ölbäder, auch in Kombination mit Teer, sind ratsam. Zusätzlich muß sie regelmäßig mit fett-feuchten Pflegeprodukten, am besten mit Harnstoff- oder Glycerin-Zusätzen, verwöhnt werden. Die alleinige Anwendung von Fett oder Öl nach Bad oder Dusche ist nicht sinnvoll, da dabei zu wenig Feuchtigkeit in die Haut kommt

. . . . Eine Reihe von Studien stellt positive Auswirkungen von v-3-Fettsäuren auf Hautrötung, Hautdicke, Schuppung und Juckreiz von Psoriatikern fest. Weiterführende Untersuchungen stehen noch aus. Die verordneten Dosierungen liegen bei bis zu fünfzig Gramm Fischöl pro Tag über mehrere Monate. Dieses ist besonders reich an diesen Fettsäuren. Interessant ist der Aspekt, Fischöl begleitend zur Retinoid- oder Ciclosporin-A-Behandlung einzusetzen, da dadurch anscheinend die zum Teil erheblichen Nebenwirkungen der Arzneistoffe gemildert werden können

. . . . Impfstoff in Sicht? Die Hautlymphozyten im Psoriasisherd stehen in einer klonalen Beziehung miteinander, das heißt, sie sind miteinander verwandt. Das kommt daher, daß offenbar bestimmte Antigene (Viren, Bakterien?) zu deren Aktivierung spezifisch beitragen. Die klonal verwandten T-Lymphozyten, die ursächlich an der Pathogenese der Psoriasis beteiligt sind, haben ähnliche Rezeptorstrukturen für solche Fremdstoffe. Ein neuer therapeutischer Ansatz besteht darin, Teile dieser Rezeptoren zu synthetisieren und den Patienten als Impfstoff zu verabreichen. Problem bisher: Die Spezifität der T-Lymphozyten in den Psoriasisplaques ist von Patient zu Patient unterschiedlich. Jeder Patient bräuchte also einen eigenen Impfstoff. Ein weiterer gegenwärtig erprobter therapeutischer Ansatz ist die Injektion von Interleukinen, den Botenstoffen der T-Lymphozyten. Besonders das antientzündlich wirkende Interleukin 10 zeigt in ersten Studien hoffnungsvolle Resultate. Top

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