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Starthilfe für Kooperation mit Selbsthilfegruppen

25.01.1999  00:00 Uhr

-PolitikGovi-Verlag

INITIATIVE IN BAYERN

Starthilfe für Kooperation mit Selbsthilfegruppen

von Christine Kleemann, München

Von A wie Alkoholabhängigkeit oder Alzheimer über B wie Borreliose, C wie Cystische Fibrose und E wie Eßstörungen bis Z wie Zöliakie reicht das Spektrum der Themen, zu denen sich Betroffene in Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen haben. Sie treffen sich, um Erfahrungen auszutauschen, Probleme und Ängste anzusprechen und um sich gegenseitig zu helfen. Zwei Drittel der rund 65.000 Selbsthilfegruppen in Deutschland beschäftigen sich mit gesundheitlichen Fragen. Ihre Mitglieder, zumeist chronisch Kranke, sind Apothekenkunden - ein wichtiger Grund, weshalb sich Apotheken mit der Selbsthilfebewegung befassen sollten.

Der BAV Bayerischer Apothekerverband und die Bayerische Landesapothekerkammer haben gemeinsam einen Modellversuch initiiert mit dem Ziel, die Zusammenarbeit zwischen Apotheken und Selbsthilfegruppen zu fördern. Es hat sich gezeigt, daß auf beiden Seiten zunächst Vorurteile und Bedenken überwunden werden müssen. Einige Tips und Anregungen können dabei helfen.

Wer an einer engeren Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen interessiert ist, sollte als erstes die Frage beantworten, ob und für welche Erkrankungen es Selbsthilfegruppen am Ort oder in der näheren Umgebung gibt. Kontaktstellen der Selbsthilfen, die in vielen Städten und Landkreisen eingerichtet wurden, geben dazu Auskunft. In Regionen, die über keine Kontaktstelle verfügen, kann man sich an die zuständigen Gesundheitsämter oder Krankenkassen wenden. Wenn die Informationen auf diese Weise nicht zu erhalten sind, lohnt sich der Blick in die Tageszeitung. Manche Zeitungen haben eine ständige Rubrik "Selbsthilfegruppen" oder kündigen Treffen im Veranstaltungskalender an.

Ist das Selbsthilfeangebot bekannt, so stellt sich als nächstes die Frage, mit welcher Selbsthilfegruppe eine Zusammenarbeit sinnvoll ist. Stammkunden, die Mitglied einer Selbsthilfegruppe sind, viele Kunden mit der gleichen Erkrankung oder persönliches Interesse können als Auswahlkriterien herangezogen werden.

Eine entscheidende Rolle spielen auch die fachliche Qualität und die soziale Kompetenz einer Selbsthilfegruppe. Deshalb sollte man sich sowohl über die Dachorganisation als auch über die einzelne Ortsgruppe informieren. Satzungen, Broschüren und Mitgliedszeitschriften liefern Anhaltspunkte für die Beurteilung der Organisationen und können (eventuell gegen einen geringen Unkostenbeitrag) angefordert werden. Die lokale Selbsthilfegruppe lernt man am besten bei deren Veranstaltungen und Treffen kennen.

Bei Mitgliedern von Selbsthilfegruppen handelt es sich oft um kritische, anspruchsvolle und über ihre Erkrankung sehr gut informierte Patienten - ein Grund, weshalb viele Ärzte den Selbsthilfegruppen ablehnend gegenüberstehen. Für die Kooperation mit den Gruppen bedeutet dies, daß man sich als Apotheker zunächst profundes Fachwissen über das entsprechende Krankheitsbild aneignen muß, bevor man mit einer Gruppe Kontakt aufnimmt. Gleichzeitig sollte man akzeptieren, daß Patienten über Erfahrungswissen verfügen, das man als Nichtbetroffener nie erlangen wird, von dem man aber auch als Fachmann profitieren kann.

Gemeinsam mit den Verantwortlichen der Selbsthilfegruppen können schließlich Ideen für eine Zusammenarbeit gesammelt werden. Für den Einstieg bieten sich organisatorische Unterstützung und Hilfe bei der Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit an:

  • Information der Kunden über die Selbsthilfegruppe und deren Veranstaltungen und Treffen (zum Beispiel Schwarzes Brett, in der Kundenzeitung, Plakate)
  • Schaufensterdekoration, die über die Erkrankung und die Gruppe informieren
  • Aktionstage: Zusammenarbeit mit der Selbsthilfegruppe, anderen Apotheken, dem Gesundheitsamt, den Krankenkassen und anderen Institutionen
  • Sammeln von Informationen für die Gruppe, zum Beispiel aktuelle Forschungsergebnisse, neue Arzneimittel und Behandlungsmethoden.
  • Vorträge oder Kontaktvermittlung zu anderen Referenten (Ärzte, Pharmazeutische Industrie)
  • Computer, Kopiergerät, Fax oder Telefon für organisatorische Arbeiten zur Verfügung stellen
  • spezielle Produkte anbieten (unter Berücksichtigung von §25 ApBetrO)

Nun kann die Zusammenarbeit beginnen. Daß es sich um Arbeit handelt, daß Engagement und Zeitaufwand nötig sind, darüber muß man sich im Klaren sein. Davon sollte sich aber niemand abschrecken lassen.

Sechs Schritte zur Zusammenarbeit von
Apotheken und Selbsthilfegruppen

1. Informieren Sie sich, welche Selbsthilfegruppen in Ihrer Stadt existieren.

2. Überlegen Sie, welche Selbsthilfegruppe(n) für eine Zusammenarbeit in Frage kommt.

3. Sammeln Sie Informationen über die Selbsthilfegruppe beziehungsweise deren Dachorganisation.

4. Informieren Sie sich über die Ortsgruppe.

5. Eignen Sie sich Fachwissen über die Erkrankung an.

6. Laden Sie die Gruppenleiterin oder den Gruppenleiter zu einem Gespräch ein und entwickeln Sie gemeinsame Projekte.

Adressen:

Nationalen Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS), Albrecht-Achilles-Straße 65, 10709 Berlin. Telefon 030/ 891 40 19, Fax 030/ 893 40 14 Internet: http://www.nakos.de

Bayerische Landesapothekerkammer, BAV Bayerischer Apothekerverband, Apothekerin Christine Kleemann (Landesbeauftragte für Selbsthilfegruppen in Bayern), Maria-Theresia-Straße 28, 81675 München. Telefon 089/ 92 62-65, Fax 089/ 92 62-22.Top

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