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Die vermeidbare Hamburger Katastrophe von 1892

25.01.1999  00:00 Uhr

-MedizinGovi-VerlagCHOLERA

Die vermeidbare Hamburger Katastrophe von 1892

Peter Körner, Hamburg

Kommen bei einer Entscheidung nur zwei annähernd gleich schlechte Alternativen in Frage, besteht einer bekannten Redensart zufolge nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Beide Krankheiten haben sich im allgemeinen Bewußtsein als todbringende Übel verwurzelt. Die Pest verbreitete primär im Mittelalter Angst und Schrecken, die Cholera erwarb ihren Ruf als schicksalhafte Geißel im Europa des neunzehnten Jahrhundert.

Ausgehend von Indien zog die Seuche seither in mehreren Pandemien um die Welt. In Deutschland traf es vor allem die Hansestadt Hamburg. 1892 fielen dort einer Epidemie mehr als 8.600 Menschen zum Opfer. Neben schlechten Lebensverhältnissen waren für diese Katastrophe vor allem menschliches Versagen und politische Schlamperei verantwortlich.

Der Erreger der Cholera ist das 1883 von Robert Koch in Ägypten identifizierte Bakterium "Vibrio cholerae". Es verbreitet sich durch verunreinigtes Wasser, infizierte Nahrung und Kontakt Gesunder mit den Ausscheidungen Erkrankter. Nach einer Inkubationszeit von Stunden bis zu fünf Tagen kommt es durch die beim Zerfall der Erreger frei werdenden Enterotoxine zu heftigen Leibschmerzen und zu bis zu 30 reißwasserartigen Durchfällen pro Tag. Die führen zu großem Flüssigkeits- und Elektrolytverlust, Austrocknungserscheinungen, Untertemperatur, rapidem Kräfteverfall, Kreislauf- und Nierenversagen.

Trotz ihres Ansteckungspotentials blieb die Cholera lange Zeit auf den indischen Subkontinent und Südostasien begrenzt, bevor im Industriezeitalter Dampfschiffahrt und Eisenbahn ihre globale Ausbreitung ermöglichten. Bereits der erste Seuchenzug in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts raffte unter anderem in Montreal 7,4 Prozent, in Stockholm 4,3, in St. Petersburg 4,0, in Dublin 3,0 und in Paris 2,1 Prozent der Gesamtbevölkerung dahin. 1848, 1854, 1865, 1870-73, 1880 und 1892 waren weitere bedeutende Cholera-Jahre.

El Tor und Bengal

Nachdem die Krankheit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder auf ihre Herkunftsgebiete in Asien und Ägypten zurückgedrängt werden konnte, zog seit 1961 von der indonesischen Insel Sulawesi aus die "El-Tor"-Pandemie um die Welt. Sie erreichte 1970 Afrika und 1991 über Peru Lateinamerika. 1992 folgte aus Indien und Bangladesch der neue Erregertyp "Bengal". Selbst die abgelegene, dünn besiedelte Mongolei wurde 1996 von der Cholera befallen.

Am härtesten betroffen ist seit drei Jahrzehnten der afrikanische Kontinent. Dort tragen Armut, Not, Krieg und Flüchtlingselend zur Ausbreitung der Seuche bei, die durch tropische Hitze, unzureichende Hygiene, unsauberes Wasser und ungenügende Abwasserentsorgung ideale Existenzbedingungen hat. In einer 1988 in Bordeaux erschienenen Untersuchung stellten Gérard Rémy und Hervé Déjours eine regelrechte "Afrikanisierung der Cholera" fest. In einer deutschen Publikation spricht Peter Fischer 1992 treffend von einer "Krankheit der Armen".

Cholera lebte in jüngerer Zeit häufig in Staaten auf, die vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank sogenannte Strukturanpassungskredite erhielten. Die an die Kreditvergabe geknüpften wirtschaftlichen Auflagen beeinträchtigen vor allem die Lebensverhältnisse der städtischen Unterschichten und begünstigen so die Cholera.

In den Industriestaaten hat diese Krankheit weitgehend ihren Schrecken verloren, weil nach der Entdeckung des Erregers effektive Prophylaxe- und Therapiemethoden entwickelt wurden. Die Versorgung mit sauberem Trinkwasser, professionelle Abwasserbeseitigung und verbesserte Hygiene entzogen ihr den Nährboden. Die Therapie mit Tetrazyklinen oder Cotrimoxazol nebst Substitution des Wasser- und Elektrolytverlustes senkte die Letalität auf ein Prozent.

Mit Unterstützung der WHO, die ein Melderegister führt und als eine Art internationale Seuchenpolizei agiert, gelingt die Eindämmung von Cholera-Epidemien auch in afrikanischen Staaten und anderen armen Ländern. Zwar kann bei Ausbrüchen der Krankheit in der Dritten Welt auch heute noch die Zahl der Todesopfer in die Hunderte gehen, verhindert wird jedoch meist ein Massensterben wie 1892 in Hamburg.

500 Tote am Tag

In der Hafenmetropole, bereits damals mit etwa 640.000 Einwohnern nach Berlin die zweitgrößte Stadt Deutschlands, erfolgte die erste Diagnose einer Cholera-Erkrankung am 15. August 1892. Bis zum Ende der Epidemie nach drei Monaten gab es knapp 17.000 offiziell erfaßte Krankheitsfälle, 8.605 davon verliefen tödlich. Zwischen dem 25. August und dem 9. September löschte die Seuche an jedem Tag mindestens 200, zweimal sogar mehr als 500 Menschenleben aus.

Daß es sich bei der Katastrophe nicht um ein unausweichliches Schicksal, sondern um Menschenwerk handelte, verdeutlicht vor allem der Kontrast zur direkt an Hamburg grenzenden (1937 eingemeindeten) Stadt Altona, wo die Cholera trotz der Nähe kein vergleichbares Unheil anzurichten vermochte. In der 1990 veröffentlichten Studie "Tod in Hamburg" zeichnet der britische Historiker Richard J. Evans Hintergründe, Verlauf und Folgen der Cholera-Katastrophe nach. Seiner Analyse zufolge trafen mehrere Faktoren zusammen: Armut, schlechte hygienische Verhältnisse, politische Versäumnisse, unzureichende Seuchenprophylaxe und -bekämpfung.

Von der Epidemie besonders betroffen waren die Menschen aus den Unterschichten, vor allem in dem später beseitigten sogenannten "Gängeviertel", einem von Armut und Not geprägten Stadtteil mit engen Gassen, schlechter Luft und Dreck. Viele Bewohner waren durch unausgewogene und unzureichende Ernährung und ungesunde Lebensverhältnisse geschwächt. Zu Alltagsbegleitern gewordene Krankheiten wie Tuberkulose und Diphtherie hatten vielen von ihnen jegliche Widerstandskraft genommen, als im Spätsommer angeblich osteuropäische Amerika-Auswanderer die Cholera einschleppten.

Nichtstun der Politik brachte tausendfachen Tod

Möglich wurde der Todeszug der Seuche vor allem deshalb, weil die Stadtregierung alle Grundsätze der Prophylaxe mißachtete und auch nach Ausbruch der Krankheit zunächst kaum reagierte. Gemeinsam mit der Hamburger Wirtschaft waren die politisch Verantwortlichen darauf konzentriert, Industrialisierung, Hafenausbau und Handel voranzutreiben. Angesichts dieser Prioritäten wurden vorbeugende Schritte gegen ansteckende Krankheiten, insbesondere die Schaffung einer hygienischen Wasser- und Abwasserwirtschaft, sträflich vernachlässigt.

Anders als in Altona und vielen größeren Städten Deutschlands und Westeuropas wurde die Wasserversorgung in Hamburg noch nicht über Sandfilteranlagen geregelt. Sofern überhaupt Leitungssysteme vorhanden waren, floß das Wasser ungereinigt in die Wohnungen. Aus den Wasserhähnen tropften Dreck und sogar kleine Tiere, darunter Muscheln und Fische. Das Wasser wurde vorwiegend der Elbe und den Alsterfleeten entnommen, wohin gleichzeitig die ungeklärten Abwässer zurückströmten. Anwohner der Hafengegend und der Fleete versorgten sich vielfach direkt aus den Wasserläufen, denen sie zugleich Urin, Exkremente und Müll überließen.

Seit dem letzten größeren Cholera-Ausbruch im Jahre 1873 ahnten die politisch Verantwortlichen Hamburgs, daß der Kreislauf von verunreinigtem Wasser und Abwasser das Eintrittstor für Seuchen bildete. Während jedoch in den Ausbau des Wirtschaftsstandorts riesige Summen investiert wurden, schleppte sich die Diskussion über die Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung Jahr um Jahr dahin. Erst nach 17 Jahren, immerhin noch zwei Jahre vor der verheerenden Cholera-Epidemie, wurde der Bau einer Sandfilteranlage beschlossen. Umgesetzt wurde die Planung jedoch zu spät - nachdem das Nichtstun der politischen Entscheidungsträger tausendfachen Tod über die Stadt gebracht hatte.

Noch zu Beginn der Epidemie weigerten sich die politisch Verantwortlichen und Ärzte tagelang, mit den von Robert Koch empfohlenen Verhaltensmaßregeln auf die Seuche zu reagieren. Während in anderen Teilen Deutschlands, speziell in Preußen, mit allen damals verfügbaren Möglichkeiten gegen die Cholera vorgebeugt und angekämpft wurde, unterließ die Hamburger Stadtregierung zunächst die notwendigen Schritte von Quarantäne und Desinfektion. Sie verhinderte nicht einmal die Ausreise von infizierten Auswanderern über den Atlantik; die USA, die 1870 bis 1873 eigene Erfahrung mit der Seuche gemacht hatte, verweigerte allerdings deren Einreise und schickte Ankömmlinge postwendend nach Deutschland zurück.

Tor zur Welt als Tor zum Tod

Speziell eine Quarantäne widersprach Hamburgs Image als "Tor zur Welt". Um ihre Freihandelsideologie zu bewahren, vertrauten die politischen Entscheidungsträger jenen Hamburger Ärzten, die die Lehren von Robert Koch anzweifelten und stattdessen Ansichten vertraten, welche den Seuchencharakter der Cholera abstritten oder sogar individuelle Charakterschwäche der Patienten für die Krankheitsentstehung verantwortlich machten.

Erst nach einem Besuch Robert Kochs ("...ich vergesse, daß ich in Europa bin") und unter dem Eindruck massiver Kritik aus dem In- und Ausland begann die Umsteuerung. Schulen und andere öffentliche Einrichtungen wurden geschlossen, öffentliche Veranstaltungen abgesagt und - dank Unterstützung durch die damalige Oppositionspartei SPD, die von den Machthabenden bis dahin wie ein Feind behandelt wurde, jetzt aber als Helfer in der Not willkommen war - Flugblätter mit Verhaltensmaßregeln zur Seuchenbekämpfung verteilt. Auch zogen Desinfektionskolonnen los, die indes Chlor, Karbol, Kreolin und Lysol so "großzügig" anwendeten, daß der Bevölkerung bald neue Gefahr durch Vergiftung drohte.

Da 1892 eine wirksame Therapie mit Sulfonamiden und Breitbandantibiotika noch nicht zur Verfügung stand, waren die Möglichkeiten zur Behandlung der Cholera begrenzt. Als nützlich erwies sich die Gabe von Kochsalz- und Gerbsäurelösung, die dem rapiden Flüssigkeitsverlust der Kranken entgegenwirkte, aber oft zu gering dosiert wurde. Mit Aroma-Tees, Kamillenaufgüssen, aromatischen Pflastern in der Magengegend, warmen Bädern und Dampfbädern, Massagen und Öleinreibungen wurde zudem versucht, die zu niedrige Körpertemperatur anzuheben und den Kreislauf zu stabilisieren. Durch Opium und Morphin wurde darüber hinaus die Darmmotilität herabgesetzt und die Qual durch Schmerzen und Muskelkrämpfe gelindert.

Insgesamt fand ein breites Repertoire von Substanzen Verwendung. Ihr Einsatz erfolgte indes nicht systematisch und wissenschaftlich begründet, sondern entsprechend ihrer Verfügbarkeit, einer fälschlich vermuteten Positivwirkung und nicht selten trotz ihrer Toxizität. Therapiert wurde unter anderem mit Arsen, Chlorwasser, Kalomel, Milchsäure, Salol, Salzsäure, Schwefelsäure, Strychnin und Wismut. Verheerend wirkten Brech- und Abführmittel, die nach der Vorstellung der verordnenden Mediziner den Krankheitserreger ausschwemmen sollten, vor allem aber den Flüssigkeitsverlust der Kranken lebensbedrohlich erhöhten.

Manche vielen auch der Therapie zum Opfer

Auch der als vermeintliches "Allheilmittel" angewendete Aderlaß verschaffte keine Linderung, er beschleunigte den Kollaps von Kranken. Alle Therapieversuche hatten letzten Endes keinen Einfluß auf die Zahl der Toten. 1892 starben in Hamburg etwa 51 Prozent der Erkrankten - die Letalität entsprach der Größenordnung, die auch ohne jede Behandlung zu erwarten gewesen wäre. Einige Patienten, die vielleicht gestorben wären, profitierten sicherlich von sinnvollen Therapieelementen, andere, die möglicherweise ohne Behandlung überlebt hätten, fielen den starken Giften, dem Einsatz von Abführmitteln oder dem Aderlaß zum Opfer.

Nachdem die Epidemie überwunden war, legte sich Hamburg ein modernes Wasser- und Abwassernetz zu. Dadurch und durch die wirksamen Methoden der Seuchenprophylaxe und -bekämpfung wurde eine Wiederholung der Katastrophe von 1892 verhindert.

Literatur:

  1. Richard J. Evans, Tod in Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830-1910, Reinbek 1996 (Erstveröffentlichung 1990).
  2. Peter Fischer (Bearb.), Cholera: Krankheit der Armen, Berlin 1992.
  3. Rémy, G., Déjours, H., L’Africanisation du Cholera. In: Les Cahiers d’Outre-mer, Bordeaux (1988) April-Juni, 105-138.

Anschrift des Verfassers:
Dr. Peter Körner,
Frans-Hals-Ring 26,
22846 Norderstedt

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