Pharmazeutische Zeitung Online
AMK

Vorerst Ruhe in den Praxen

29.12.2003
Datenschutz bei der PZ
Praxisgebühr

Vorerst Ruhe in den Praxen

von Daniel Rücker, Eschborn

Das vor allem von Ärzten befürchtete Chaos in den Praxen ist ausgeblieben. Die neue Praxisgebühr wird von den meisten Patienten klaglos hingenommen. Sie zahlen die geforderten 10 Euro anstandslos. Auch in den Apotheken ist der große Knall bislang ausgeblieben. Allerdings waren die Patientenzahlen in Praxen und Apotheken zu Jahresbeginn auch extrem gering.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) meldete am Montag keine besonderen Vorkommnisse in den Arztpraxen. Es ging jedoch laut KBV lediglich etwas hektischer zu als sonst. Die Kassenärztlichen Vereinigungen der meisten Bundesländer bestätigten diesen Trend. Allein in Brandenburgs Arztpraxen soll es Schwierigkeiten gegeben haben. «Es kommen noch viele Anrufe aus den Praxen wie in bestimmten Fällen zu verfahren ist», sagte eine Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB) am Montag in Potsdam.

Die Kassenärzte beschweren sich allerdings massiv über das bürokratische Procedere. Fast jeder zehnte Euro der Praxisgebühr, falle dem höheren Verwaltungsaufwand zum Opfer, sagte KBV-Sprecher Roland Stahl «Der Verwaltungsaufwand ist damit ziemlich hoch. Wenn Patienten ihre Praxisgebühr nicht sofort bezahlen und Arztpraxen schriftliche Mahnungen verschicken, wird es sogar noch teurer.» Dann liege der Verwaltungsaufwand pro Fall bei 1,80 Euro.

Resignation statt Akzeptanz

Patientenvertreter sehen die relative Ruhe nicht als Zeichen der Akzeptanz. «Die meisten Leute haben resigniert und nehmen das einfach als Willen der Obrigkeit hin, anstatt gegen die Missstände im Gesundheitswesen zu mobilisieren. Leider werden weder die Patienten noch die Ärzte rebellisch und klopfen den Politikern auf die Finger», sagte der Präsident des Allgemeinen Patienten-Verbandes, Christian Zimmermann.

Als gefährlich bezeichnete Ekkehard Bahlo von der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten (DGVP) im südhessischen Heppenheim die Praxisgebühr. «Kranke Menschen, die auf ihr Geld achten müssen, könnten dadurch abgehalten werden, zum Arzt zu gehen», sagte Bahlo am Montag der dpa. Dadurch könnten sich Krankheiten verschlimmern.

Heftige Kritik an der Praxisgebühr übte auch FDP-Chef Guido Westerwelle. Der „Bild“-Zeitung sagte er, Ministerin Schmidt habe «mit ihrer bürokratischen Praxisgebühr ein solches Chaos angerichtet, dass sie aus dem Amt gehen sollte». Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums sagte: «Herr Westerwelle sollte zur Kenntnis nehmen, dass die Vertreter seiner Partei während der Verhandlungen über die Gesundheitsreform keine Einwände gegen eine Praxisgebühr erhoben haben.» Im übrigen sei es politischer Wille der FDP gewesen, das gesamte Gesundheitssystem auf Kostenerstattung umzustellen, «das heißt die Versicherten hätten alle Leistungen vorfinanzieren müssen».

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) ficht die Kritik erwartungsgemäß nicht an. Die Erfahrungen in allen europäischen Ländern und weltweit zeigten, dass Praxisgebühren kranke Menschen nicht vom Arztbesuch abhielten, sagte Schmidt am Montag im ZDF-«Morgenmagazin».

Tatsächlich seien die Dinge weitaus unkomplizierter als in der Öffentlichkeit dargestellt, so Schmidt Die Patienten müssten sich umstellen. «Die meisten wissen aber, dass wir auch etwas tun müssen, um unser Gesundheitswesen finanzierbar zu halten.

Auch in Apotheken kein Chaos

Nach Recherchen der PZ ist die Situation in den Apotheken mit der in den Arztpraxen vergleichbar. Chaos ist bislang nicht ausgebrochen. Die meisten Patienten zahlen die höheren Zuzahlungen widerspruchslos. Nur in wenigen Fällen berichten Apothekerinnen und Apotheker von heftigen Unmutsäußerungen ihrer Patienten. Allgemein wird allerdings ein höherer Erklärungsbedarf festgestellt. Dass dieser noch nicht zu größeren Wartezeiten geführt hat, liegt wohl vor allem an der allgemein geringen Kundenfrequenz. Welche Auswirkungen Praxisgebühr und Zuzahlungserhöhung haben werden, wird man wohl erst in den kommenden Wochen tatsächlich beurteilen können. Top

© 2004 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa