Pharmazeutische Zeitung online

Suche nach Wirkstoffen im High-Tech-Verfahren

04.01.1999  00:00 Uhr

-Wirtschaft & HandelGovi-Verlag

GLAXO WELLCOME

Suche nach Wirkstoffen im High-Tech-Verfahren

Europas führender Arzneimittelhersteller Glaxo Wellcome setzt bei seiner Forschung und Entwicklung zunehmend auf moderne Hightech-Methoden wie zum Beispiel kombinatorische Chemie, computergesteuertes Drugdesign und Bioinformatik. Das britische Unternehmen stellte kürzlich auf Einladung der deutschen Tochter Fachjournalisten die Forschungsanlagen im englischen Stevenage vor, die zu den modernsten der Welt gehören.

Glaxo Wellcome produziert und vermarktet überwiegend Arzneimittel, die im eigenen Haus entwickelt worden sind. Entsprechend groß ist die Bedeutung von Forschung und Entwicklung (F+E). Jeder sechste Mitarbeiter des Unternehmens ist im Forschungsbereich tätig. Pro Tag werden mehr als neun Millionen DM in die Suche nach neuen Wirkstoffen und deren Weiterentwicklung zu marktfähigen Medikamenten investiert. Glaxo Wellcome unterhält Forschungsanlagen in Frankreich, Italien, Kanada, Spanien, der Schweiz, Japan, Australien, Amerika und dem Mutterland England. Die geballte Forschungskraft des Multis verleitete die ansonsten britisch-reservierte Zeitung Financial Times zu der Feststellung, Glaxo Wellcome sei der "Weltmeister der Forschungs- und Entwicklungsinvestition".

Die Forschungsanlagen in Stevenage (eine Autostunde nördlich von London) spiegeln das wider. Beschäftigt werden rund 1500 Mitarbeiter, der Bau (1991 bis 1995) kostete rund 700 Millionen Pfund. Bei der Suche nach neuen Wirkstoffen setzt Glaxo Wellcome zunehmend auf moderne und bislang nur wenig bekannte Hightech-Verfahren.

"1997 gelang es uns, insgesamt 18 neue aktive Substanzen in die Entwicklungsphase einzubringen", so Forschungsdirektor Dr. Allan Baxter. "Das zeigt, daß wir mit unseren Forschungsansätzen richtig liegen." Zum Vergleich: 1994 erreichten laut Baxter lediglich sechs neue aktive Substanzen (New Chemical Entities, NCEs) die Entwicklungsphase.

Nach Aussage von Dr. David Brown, dem medizinisch-wissenschaftlichen Forschungsdirektor, wird bei der Suche nach vielversprechenden neuen Wirkstoffen zunehmend auf innovative Hightech-Verfahren gesetzt. Das britische Unternehmen spricht in diesem Zusammenhang gerne von "Forschung und Entwicklung der dritten Generation". So sind bei gentechnischen Verfahren jene Gene im menschlichen Genom aufzuspüren, die für einige der häufigsten Krankheiten verantwortlich sind. Für die meisten dieser Krankheiten gibt es bis heute entweder gar keine oder nur sehr begrenzte Therapiemöglichkeiten. Glaxo Wellcome geht es bei seinen genetischen Forschungsansätzen nicht darum, jedes der rund 100.000 Gene des Humangenoms zu lokalisieren und zu identifizieren. Vielmehr konzentriert man sich auf die Suche nach den rund 20 bis 30 Genen, die für die häufigsten Krankheiten mitverantwortlich sein sollen.

Suche nach Susceptibility-Genen

Als Beispiel wurde das an der Entstehung von Morbus Alzheimer beteiligte Gen APOE genannt. Auch wird vermutet, daß viele andere Krankheiten, wie etwa Asthma, Herzkrankheiten und Diabetes, eine starke genetische Komponente haben. Glaxo Wellcome ist in Stevenage auf der Suche nach sogenannten Susceptibility Genen (übersetzt: Anfälligkeits-Genen), die gleichzeitig den Schlüssel zur Therapie enthalten sollen. In einer im Aufbau befindlichen Klinischen Gen-Datenbank werden unter anderem DNA-Sequenzen von auffälligen Patienten gespeichert. Die Einrichtung einer Datenbank für genetische Polymorphie steht in Aussicht. Kombiniert mit modernster Gen-Sequenz-Technologie soll es möglich sein, die genetischen Variationen eines Patienten in einem Barcode festzuhalten. Das wiederum dürfte neue Forschungsansätze ermöglichen.

Nur eine von rund 10.000 im englischen Forschungslabor von Glaxo Wellcome getesteten neuen Substanzen verspricht im Durchschnitt Aussicht auf Erfolg. Mit "Drug Design" am Bildschirm, Synthetisieren und Screening mittels Computer sowie Roboter soll die Identifizierung pharmazeutisch interessanter Substanzen schneller und effizienter werden.

Betrachtet man den Umsatz Glaxo Wellcomes nach Therapiegebieten, so zeigen sich deutliche Forschungsschwerpunkte. Arzneimittel zur Behandlung von Atemwegserkrankungen waren im Finanzjahr 1997 abermals der wichtigste Indikationsbereich: 23 Prozent des weltweiten Umsatzes von umgerechnet rund 22 Milliarden DM entfielen auf Atemwegsmedikamente. Es folgen: Virale Infektionen (18 Prozent Umsatzanteil), Magen und Darm (17), Zentrales Nervensystem (12), Bakterielle Infektionen (11) und Krebs (6).

45 Prozent des erzielten Umsatzes werden in Nordamerika getätigt. Europa ist mit 32 Prozent der zweitwichtigste Markt für die Briten. Deutschland steuerte im Finanzjahr 1997 rund drei Prozent zum Weltumsatz bei, Osteuropa ein Prozent.

Weltweit gibt das Unternehmen jährlich rund 3,4 Milliarden DM für Forschung und Entwicklung aus. Die Forscher kalkulieren, daß es rund 100 häufig auftretende polygenetische Krankheiten gibt. Um diese Krankheiten besser therapieren zu können, sollen zwischen 2500 und 5000 Enzyme, Rezeptoren und Ionenkanäle ausfindig gemacht und als potentielle Angriffsziele für neue Arzneimittel etabliert werden.

Aufgaben der deutschen Tochter

Die deutsche Glaxo Wellcome entstand 1995 aus der Fusion der deutschen Töchter Glaxo (gegründet 1964) und Wellcome (gegründet 1966). Firmensitz und Produktionsstandort ist Bad Oldesloe, Teile der Verwaltung befinden sich in Hamburg. Ihre Hauptaufgaben sind die Vermarktung innovativer und Therapiefortschritt bringender Präparate aus eigener Forschung, die Herstellung der Präparate für den deutschen Markt und die Belieferung ausländischer Schwestergesellschaften.

Ein weiterer wichtiger Bereich in Deutschland ist die klinische Forschung, deren Ergebnisse nicht nur hierzulande, sondern weltweit in die Zulassungsdossiers einfließen. Zur Zeit befinden sich nach Unternehmensangaben rund 30 neue Substanzen in der klinischen Erprobung. 4000 Patienten in Deutschland nahmen 1997 an der Klinischen Erprobung neuer Arzneimittel aus dem Hause Glaxo Wellcome teil.

Zur deutschen Tochter gehören unter anderem Seftonpharm, Cascan, Cascapharm Arzneimittel Handelsgesellschaft, die Gesellschaft für Schmerzpraxenberatung (GSB) sowie EuMcCom - Medizin Information Fortbildung.

PZ-Artikel von Arndt Striegler, StevenageTop

© 1997 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa