Pharmazeutische Zeitung online

Mit dem und nicht am Arzneimittel sparen

04.01.1999  00:00 Uhr

-Wirtschaft & HandelGovi-Verlag

PZ-INTERVIEW

Mit dem und nicht
am Arzneimittel sparen

Noch keine 100 Tage ist die rot-grüne Koalition in Bonn an der Regierung. Sie hat in der Gesundheitspolitik ein enormes Tempo vorgelegt. Das noch im Dezember vom Bundesrat verabschiedete Vorschaltgesetz berührt nicht nur die direkten Leistungserbringer wie Ärzte und Apotheker, sondern auch den pharmazeutischen Großhandel. Die Pharmazeutische Zeitung sprach mit dem Vorsitzenden des Bundesverbandes des Pharmazeutischen Großhandels (Phagro), Dr. Bernd Scheifele.

PZ:Herr Dr. Scheifele, die neue Bundesregierung hat ein hohes Tempo vorgelegt und mit dem Vorschaltgesetz Unruhe und Verunsicherung bei den Leistungserbringern ausgelöst. Wie beurteilt der Phagro die neue gesundheitspolitische Landschaft?

Scheifele: Jede Regierung sollte aus Fairneßgründen eine Frist von 100 Tagen eingeräumt bekommen. Diese Frist ist noch nicht vorbei. Trotzdem kann man sagen, daß die ersten Tage der neuen Regierung sehr hektisch waren, was die Gesundheitspolitik anbelangt, für einen Außenstehenden auch nicht immer koordiniert. Ich glaube aber, das ist fast normal in einem so schwierigen und komplexen Sachgebiet wie der Gesundheitspolitik. Daß es da anfänglich einmal knirscht und kracht, war für mich zumindest nicht unerwartet.

Positiv ist sicherlich, daß die neue Gesundheitsministerin offensichtlich auch den Dialog mit den Marktpartnern sucht und nicht versucht, Dinge einfach durchzupeitschen. So sind im Arzneimittelbereich gegenüber dem ersten Entwurf des Solidaritätsstärkungsgesetzes Änderungen erfolgt, weil man offensichtlich bei der Berechnung des sektoralen Budgets für Arzneimittel Rechenfehler erkannt hatte. Die eigenen Fehler einzugestehen, bewerte ich als politisch mutig.

Negativ ist sicherlich der erneute Versuch durch die neue Gesundheitsministerin, im Solidaritätsstärkungsgesetz den einfachen aber volkswirtschaftlich falschen Weg zu gehen, im Arzneimittelbereich zu sparen, obwohl die Problemfelder im Gesundheitswesen ganz woanders liegen. 1999 wird es deshalb darauf ankommen, in der politischen Diskussion deutlich zu machen, daß eine Reform mit einer langanhaltenden Stabilisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) nur möglich ist, wenn auch die echten Problemfelder angegangen und gelöst werden.

PZ:Der Einbezug des Arzneimittelbereiches in das Sparkonzept wird natürlich Auswirkungen auf die Umsätze der Apotheken und des Pharmazeutischen Großhandels haben. Wie kann und will der Großhandel auf Umsatzeinbußen noch reagieren?

Scheifele: Wir müssen nach den Beschlüssen des Bundestages und des Bundesrates davon ausgehen, daß der Arzneimittelmarkt zu Apothekenverkaufspreisen 1999 bei minus 1,7 bis 1,8 Prozent liegen wird. Das heißt, wir werden 1999 voraussichtlich ein Verordnungsvolumen von 37 Milliarden DM erreichen. Auf Großhandelspreisbasis umgerechnet wird das ein Umsatzrückgang von ungefähr zwei Prozent sein. Wir gehen nicht davon aus, diesen Rückgang im Selbstmedikations- oder Nichtarzneimittelbereich ausgleichen zu können. Die Mitgliedsfirmen werden deshalb ihre Bemühungen zur Rationalisierung ihrer Geschäftsabläufe verstärken, zum Beispiel durch mehr Automatisierung, um ihre Kosten, vor allem im Personalbereich, zu reduzieren. Ich gehe davon aus, daß die Unternehmen 1999 Arbeitsplätze abbauen werden.

PZ:Wird es zu weiteren Fusionen kommen, beziehungsweise Übernahmen, was den Konzentrationsprozeß im Großhandel weiter vorantreiben wird?

Scheifele: Das ist für mich schwierig zu beurteilen. Ich persönlich meine aber, es wird zu weiteren Verkäufen kommen.

PZ:Wäre es bei der augenblicklichen politischen Situation nicht besser, wenn die Interessenverbände im Gesundheitswesen, wie Apotheker, Großhandel und Industrie, näher zusammenrücken würden?

Scheifele: Der Phagro versteht sich traditionell als die Drehscheibe im Arzneimittelbereich zwischen Apothekern und Industrie. Er ist sicherlich der kleinste Verband von allen Beteiligten, hat aber eine wichtige Mittlerfunktion, die wir in der Diskussion zum Vorschaltgesetz auch wahrgenommen haben. Wir standen im engen Kontakt mit den Apotheker- und Industrieverbänden.

Ich glaube, man sollte die Sache in Bezug auf das Zusammenrücken ganz nüchtern betrachten. Wir Deutsche neigen dazu, in schwierigen Zeiten zusammenzurücken und Bündnisse zu knüpfen. Ich glaube nicht, daß wir in allen Fragen des Gesundheitsmarktes letztendlich eine einheitliche Linie bei den Marktpartnern erreichen werden. Die Interessensgegensätze sind da. Jeder Verband nimmt zunächst originär die Interessen seiner Mitglieder wahr. Diese Interessen können bei einigen Positionen unterschiedlich sein, da ohnehin die Mitglieder der jeweiligen Verbände von einzelnen Punkten unterschiedlich betroffen sein können. Wir sollten trotzdem versuchen, 1999 gemeinsam und eng, aber offen, die Fragen der Strukturreform 2000 zu diskutieren. Es wäre illusionär zu glauben, in allen Punkten Übereinstimmung erzielen zu können. Als Beispiel möchte ich die Frage der Substitution anführen. Die Position der Apothekerschaft zu diesem Thema ist sicherlich nicht mit der Auffassung der Industrie kompatibel. Auch einer Positivliste werden die Apotheker graduell anders gegenübertreten als der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie oder der Phagro.

PZ:Das sektorale Budget und die neue Festbetragsregelung im Vorschaltgesetz haben die Abhängigkeit der Apotheke und des Großhandels vom Preis des Arzneimittels überdeutlich werden lassen. Gibt es im Phagro Überlegungen, aus dieser Abhängigkeit Konsequenzen zu ziehen?

Scheifele: Die neue Festbetragsregelung ist ja abgeschwächt worden von einem Muß zu einem Kann. Wir gehen deshalb davon aus, daß die Auswirkungen nicht so dramatisch werden. Wir müssen allerdings eine enorme Segmentierung des Arzneimittelmarktes in Hochpreisige und Niedrigpreisige feststellen. In der Mitte bleibt praktisch nichts mehr übrig. Das führt dazu, daß der Gedanke der Mischkalkulation, der der Arzneimittelpreisverordnung zugrunde liegt, immer problematischer wird. Der Phagro wird trotzdem 1999 die Position des Erhalts der Arzneimittelpreisverordnung massiv vertreten, weil wir glauben, daß dieses System einen fairen Kompromiß beinhaltet.

Wir werden auch deutlich machen, daß der Arzneimittelmarkt weiter wachsen muß. Er darf nicht zurückgehen, auch im Interesse der Ökonomie des Gesamtsystems nicht. Wir müssen, wie der ABDA-Präsident Friese auf dem Apothekertag in München betont hat, nicht am Arzneimittel, sondern mit dem Arzneimittel sparen. Es wird eine der Aufgaben sein, der Politik das deutlich zu machen.

Das ist übrigens auch das Kernproblem: Wir alle, Apotheker, Großhandel und Industrie, stellen die positiven Seiten des Arzneimittels viel zu defensiv in der Öffentlichkeit dar.

PZ:Sind Sie übrigens der Ansicht, daß aufgrund des Vorschaltgesetzes die Existenz vieler Apotheken gefährdet ist?

Scheifele: Diese Diskussion hatten wir bisher bei jedem Spargesetz. Ich bin erst vier Jahre in der Branche tätig und habe noch nie das große Apothekensterben gesehen. Auch 1997 ist die Gesamtzahl der Apotheken wieder gestiegen. Dieser Trend wird sich mit einer gewissen Verlangsamung auch 1998 und 1999 fortsetzen. Ich sehe also die Schließungswelle aufgrund einer strukturellen Bereinigung nicht.

PZ:Das Vorschaltgesetz war nur die Ouvertüre. Die große Reform ist für 2000 angekündigt. Welche Vorstellungen haben Sie und welche bringt der Phagro in die Diskussion mit ein?

Scheifele: Die innerverbandliche Diskussion zu diesem Thema hat noch nicht richtig begonnen, was aufgrund der Kürze der Zeit auch nicht möglich war. Wir werden im Januar mit der Diskussion beginnen, wie der Großhandel sich positionieren wird. Dies werden wir in Abstimmung mit den Marktpartnern tun. Wir werden uns auf jeden Fall für den Erhalt der derzeitigen Vertriebsstrukturen und der Arzneimittelpreisverordnung einsetzen. Wir sind der Meinung, der entscheidende Beitrag in der Strukturreform muß vom Krankenhaussektor kommen. Dieser Sektor muß reformiert und dort müssen die Kosten deutlich reduziert werden. Der OECD-Bericht über den Gesundheitsbereich macht für Deutschland im internationalen Vergleich deutlich, daß in allen wichtigen Kennzahlen, die den Krankenhausbereich betreffen, Deutschland im europäischen und im Vergleich mit den USA deutlich schlechtere Werte ausweist. Unsere Bettenzahl ist überhöht, die Einweisungsquote ist zu hoch, die Verweildauer ist trotz rückläufiger Tendenz im internationalen Vergleich zu lang. Diese drei Punkte machen deutlich, daß wir im Krankenhausbereich deutliche Ineffizienzen haben. Diese sind sehr teuer: Deshalb ist das Krankenhaus der Bereich, der vorrangig reformiert werden muß. Wenn die Regierung die Probleme im Gesundheitsbereich in den Griff bekommen will, kommt sie an einer Lösung der Krankenhausfrage nicht vorbei. Alles andere wäre nur Augenwischerei.

Der zweite Schwerpunkt ist die Frage der Einnahmenseite. Sie muß reformiert werden, weil sie nicht mit der Ausgabenseite korreliert. Die Ausgabenseite wird durch Wachstumsdeterminanten bestimmt, nämlich durch die Innovationen zum Beispiel im Arzneimittelbereich und die Bevölkerungsstrukturkomponente beziehungsweise Überalterung der Bevölkerung. Diese beiden Faktoren führen zu einem erheblichen Nachfrageüberhang für Arzneimittel. Das heißt, der Markt muß wachsen. Die Einnahmenseite hängt dagegen von volkswirtschaftlichen Faktoren ab, die mit der Nachfrageseite nichts zu tun haben. Sie hängt in erster Linie von der Arbeitslosenquote und von der Lohnentwicklung ab. Es muß auf der Einnahmenseite ein Korrektiv erfolgen. Seehofer hat die Selbstbeteiligung als Ansatz gewählt. Eine Neuordnung ist dringend erforderlich.

PZ:Sie sprachen davon, die positiven Seiten des Arzneimittels sollten deutlicher kommuniziert werden. Könnten Sie da noch etwas konkreter werden?

Scheifele: Es wird immer sehr gerne der Vergleich mit Amerika gesucht. Ein Stichwort ist immer Managed Care. Ein Vergleich der Arzneimittelausgaben der HMOs mit denen der Nationalen Gesundheitseinrichtungen zeigt, daß die Arzneimittelkosten bei den HMOs deutlich höher sind, als bei den Nationalen Gesundheitseinrichtungen. Die HMOs, also zum Teil Profitunternehmen, leben davon, ihre Gesamtkosten zu minimieren. Sie haben als Folge davon einen überproportionalen Anstieg an Arzneimittelausgaben bei gleichzeitiger Reduktion der Gesamtkosten. Bei den HMOs liegen die Arzneimittelausgaben im Schnitt doppelt so hoch wie bei den Nicht-HMO-Einrichtungen. Das belegt, daß das Arzneimittel als kostengünstigere Alternative zu anderen Therapiemöglichkeiten eingesetzt wird. Dadurch wird die Verweildauer im Krankenhaus verringert, Krankenhauseinweisungen werden dramatisch gesenkt.

Das ist aus meiner Sicht ein ganz wichtiges Argument in der politischen Diskussion. Die Amerikaner haben aus meiner Sicht erkannt, daß mit einem Mehr an Arzneimitteln Gesamtkrankenkosten gespart werden können. Ein Argument, von dem wir in der Diskussion in Deutschland noch weit entfernt sind. Wir sollten es aber mit der Politik erörtern, denn damit wird die Aussage Frieses bestätigt: Mit dem Arzneimittel und nicht am Arzneimittel sparen.

PZ-Artikel von Hartmut Morck, MannheimTop

© 1997 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa