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Den Mythos an der Wurzel packen

04.01.1999  00:00 Uhr

-PharmazieGovi-Verlag

GINSENG-KONGRESS

Den Mythos an der Wurzel packen

Viele Mythen und Legenden ranken sich um die menschenähnliche Wurzel des Ginseng. Wissenschaftlich gesehen herrscht bei der 2000 Jah-re alten Heilpflanze aber eher Flaute, sagte Professor Dr. Hans Christian Weber, Leiter des Ersten Euro-päischen Ginseng-Kongresses in Marburg. Um Forschung und Bekanntheitsgrad voranzu-treiben, trafen sich im Dezember mehr als 100 Biologen, Pharmakologen, Mediziner und Pflanzenzüchter aus der ganzen Welt in der Universitätsstadt.

Deutschland war in Sachen Ginseng nicht immer ein „Entwicklungsland", schilderte Dr. Wolfgang Caesar, Stuttgart. 150 Jahre lang galt das ostasiati-sche Heilmittel geradezu als Wunderdroge, die etwa die Vitalität des "Sonnenkönigs" Ludwig XIV. wiederherstellen sollte. Etwa ab 1650 er-regte die Wurzel Aufsehen in der europäischen Fachwelt. Mit der Einfüh-rung der Sitte des Teetrinkens wurde auch der erste Ginsengboom in Eu-ropa ausgelöst, der sich angesichts der hohen Preise allerdings auf Wohl-habende beschränkte.

Unter den Ideen der Aufklärung wurde die Heilpflanze indes wieder aus den Fachbüchern gestrichen. Insbesondere wurde die mangelnde Quali-tätskontrolle bemängelt. Erst 1986 wurde sie wieder in das Deutsche Arzneibuch aufgenommen. Seitdem hat Ginseng einen zwar geringen, aber langsam steigenden Marktanteil.

Obgleich der Wurzel mit der Aufnahme in das Deutsche Arzneibuch eine pharmakologische Wirkung bestätigt wurde, wird das ostasiatische Heilmittel von der Schulmedizin stiefmütterlich behandelt. Ginseng heile keine bestimmte Krankheit, erklärte Professor Dr. Josef Hölzl, Marburg. Die Droge gelte vielmehr als Allheilmittel, das unter anderem das Immunsystem stärken, den Blutdruck senken, die Herzleistung steigern, die Gedächtnisleistungen fördern und hemmend auf das Krebszellenwachs-tum wirken soll.

Im Deutschen Arzneibuch wird die Pflanze als Stär-kungs- und Konzentrationsmittel sowie als Immunstimulans beschrie-ben. Allerdings nützt die Wurzel nur, wenn täglich mindestens ein Gramm der Droge oder 400 Milligramm alkoholischer oder wässeriger Extrakt über einen Zeitraum von mindestens drei Mona-ten eingenommen werden, erläuterte Hölzl. Wer bereits einen Schnupfen habe, dem helfe der Ginseng nicht.

Ginseng hat nur eine Langzeitwirkung, ein weiterer Grund, warum die Wirksamkeit nur schwer nachzuweisen ist. Positive Er-gebnisse wurden jedoch mehrfach in Tierversuchen erzielt. Der spanische Physiologe Julio G. Prieto beschrieb Ginseng-Extrakt als effektives Anti-oxidans bei Prellungen und Entzündungen. Bei einem dreimonatigen Versuch an Ratten habe das Extrakt die Muskel vor schädlichen Stoffwechselprodukten schützen können.

Der kanadische Biochemiker David C.Y. Kwan fand in Unter-suchungen mit nordamerikanischer Ginseng eine blutdrucksenkende Wirkung bei Ratten. Einen streßlindernden und antikarzinoge-nen Effekt beobachtete der Mediziner Osamu Tanaka von der Universität Hiroshima bei Versuchen an Mäusen.

Eine umfassende Untersuchung zum Thema Krebsvorbeugung und Gin-seng legte der koreanische Mediziner Taik-Koo Yun vor. Er analysierte so-wohl bei Mäusen als auch bei Menschen, wie Ginseng Krebs beeinflußt. In einer fünfjährigen Studie wurden 4634 Personen in der Region Kangwha-eup untersucht und zu Krankheitsgeschichten, Rauch- und Trinkgewohnheiten sowie Ginseng-konsum befragt. Mehr als 70 Prozent von ihnen nahmen die Droge in ver-schiedenen Formen zu sich. Der Forscher stellte bei regelmäßigen Gin-sengkonsumenten ein vermindertes Risiko für Lippen-, Mund-, Rachen-, Speiseröhren-, Magen-, Darm-, Leber, Bauchspeicheldrüsen-, Lungen- und Eierstockkrebs fest. Keinen Zusammenhang beobachtete Yun bei Brust-, Gebärmutterhals-, Harnblasen- und Schilddrüsenkrebs.

Seine Beobachtungen gelten allerdings nur für bestimmte Ginsengsorten. Statistisch signifikante Effekte wurden bei Pulvern und Extrakten von sechs Jahre altem getrocknetem Ginseng, fünf und sechs Jahre altem weißen Ginseng sowie vier, fünf und sechs Jahre altem roten Gin-seng festgestellt. Weißer Ginseng wird mit einem Schnellverfahren in wenigen Tagen getrocknet. Roter Ginseng entsteht durch die langwierige Trocknung an der Sonne. Ginseng in Saft, Tee oder als Stückchen verminderte das Krebsrisiko in Yuns Untersuchung nicht.

In eine ähnliche Richtung geht der Hinweis der deutschen Ginsengfarme-rin Gesine Wischmann. Sie kritisierte, daß die Droge in vielen Präparaten "hemmungslos unterdosiert" werde. Wischmann betreibt in einem Familienunternehmen Deutschlands größte und älteste Ginsengfarm. Am Rande der Lüneburger Heide begann ihr Vater schon 1982 mit den ersten Versu-chen. Inzwischen wurde daraus eine fünf Hektar große Plantage.

Der in Korea und China heimische Ginseng ist in Deutschland außerordentlich schwer zu ziehen. Die nur im Schatten gedeihende Staude erfordert viel Handarbeit, ist krankheitsanfällig und reagiert sehr empfindlich auf Nässe, Frost und Sonne. Zudem dauert zwischen drei und sechs Jahre, bis erste Erträge zu erwarten sind. Allein die Samen keimen frühestens nach 16 Monate. Geerntet wird nach drei Jah-ren.

Möglicherweise wird der Anbau in Zukunft leichter. Der Botaniker und Mykologe Hans Christian Weber und seine Arbeitsgruppe fanden heraus, daß Ginseng nur mit Hilfe bestimmter Pilze überleben kann. Werden diese Pilze zugeben, braucht man weniger Dünger und Herbizide. Daher empfiehlt Weber, geeignete Ammenpflanzen zusätzlich zu kultivieren. Gute Erfolge hat der Botaniker mit Weidenröschen erzielt.

Welche breite Palette von Ginseng-Produkten in der Welt zu finden ist, zeigte die kleine Ausstellung am Rande des Kongresses: Die Droge ist nicht nur in Pulvern, Pillen und Tees zu finden, sondern auch in Kaffee, Likör, Energie-Drinks, Schokolade, Kaugummi und Bonbons. Nur der Ginseng als Aphrodisiakum war auf dem Marburger Kongreß kein Thema. Erfolge als Potenzmittel schätzen die Forscher eher als Begleiterscheinung durch eine generelle Steigerung der Vitalität ein.

PZ-Artikel von Gesa Coordes, Marburg Top

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