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Gehe: In Deutschland keine Apothekenkette

29.12.1997  00:00 Uhr

-Wirtschaft & Handel

Govi-Verlag

Gehe: In Deutschland keine Apothekenkette

PZ-Interview

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Nach wie vor denkt man in Deutschland über neue Strukturen im Gesundheitswesen nach. Der traditionelle Distributionsweg "Hersteller, Großhändler, Apotheke" wird in Frage gestellt, und darüber hinaus sucht man Alternativen zur Apotheke. Diese Diskussion berührt nicht nur die Interessen der Apotheken, sondern auch die des Großhandels. Die Gegenstrategien der Großhändler scheinen zur Zeit in europaweiten Fusionen zu liegen. Es lag deshalb nahe, den in Europa umsatzstärksten Großhändler, die Gehe AG, zu fragen. Jürgen Ossenberg, Mitglied des Gehe-Vorstandes, stellte sich den Fragen der Pharmazeutischen Zeitung.

PZ:
Herr Ossenberg, zur Zeit wird sehr intensiv das Engagement des Discounters Aldi in Apothekerkreisen diskutiert und über die Auswirkungen auf die Apothekenumsätze spekuliert. Wie sieht der Großhandel diese Aktivitäten, denn indirekt sind auch seine Umsätze tangiert. Wie kann er reagieren, oder kann er überhaupt reagieren?

Ossenberg: Der Großhandel kann darauf reagieren, indem er dem Apotheker ein Angebot unterbreitet, das ihn in diesem Bereich wettbewerbsfähig werden läßt. Die Gehe macht es. Sie bietet den Apotheken zum Beispiel ein preisgünstiges Spezialsortiment im Vitaminbereich an. Nur glaube ich, daß der Apotheker nicht den Wettbewerb auf der Preisschiene mit Aldi suchen sollte, sondern daß er seine ganze Kompetenz im Bereich Beratung und bei apothekenexklusiven Produkten einsetzen sollte. Das heißt, auf der einen Seite ein preisgünstiges Angebot, um den Verbraucher nicht notgedrungen in die Arme von Aldi zu treiben, auf der anderen Seite muß die gesamte Kompetenz mit den entsprechenden Angeboten des Apothekers übereinstimmen.

Das, was hier letztendlich passiert, ist ein Verdrängungswettbewerb zwischen Vertriebsformen außerhalb der Apotheken. Aldi war, auch in der Vergangenheit, der größte Anbieter von Multivitaminpräparaten und tritt jetzt gegen andere Supermärkte beziehungsweise Drogeriemärkte an, um seinen Umsatz in diesem Bereich zu steigern. Der Umsatz dieser Produkte, also nichtapothekenpflichtiger Arzneimittel, liegt in den Apotheken bei 1,5 Prozent. Ich sehe deshalb nicht die große Gefahr einer Abwanderung von Umsätzen aus der Apotheke durch das Aldi-Engagement. Ich befürchte vielmehr, daß undifferenziert über den Begriff Arzneimittel in der Öffentlichkeit diskutiert wird, ohne zu wissen, um welche Produktgruppen es sich dabei handelt. Beim Verbraucher könnte so der Eindruck entstehen, demnächst auch Aspirin oder andere apothekenexklusive Produkte beim Discounter kaufen zu können. Dieser Diskussion muß Einhalt geboten werden.

PZ: Ein ganz anderer Bereich ist das Preisbildungssystem bei Arzneimitteln. Der Großhandel und auch Sie als Gehe haben sich entschieden gegen die festbetragsspezifischen Festzuschläge und gegen die Drehung der Arzneimittelpreisverordnung ausgesprochen, wie sie von der ABDA vorgeschlagen wurde. Die jetzt zwischen Krankenkassen, Großhändler und Apothekerschaft gefundene "kleine Lösung" sieht eine Kappung vor mit einer Kompensation bei Rezepturpreisen und der Nachttaxe. Können Sie mit dieser Lösung leben, obwohl auch die Aufschläge des Großhandels im hochpreisigen Bereich gekappt wurden, allerdings ohne Kompensation? Wird die "neue" Arzneimittelpreisverordnung damit nicht zwangsläufig Auswirkungen auf die Vertragsgestaltung zwischen Großhandel und Apotheke haben?

Ossenberg: Ich glaube, daß der jetzt gefundene Kompromiß das kleinste Übel aller möglichen Lösungen ist. Der Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels - Phagro, dessen Vorsitzender ich damals war, war ein Gegner des festbetragsspezifischen Festaufschlages und der Drehung der Arzneimittelpreisverordnung, nicht weil wir gemeint haben, das sei nicht sinnvoll, nein wir hatten aufgrund vieler Hinweise aus der Politik und der Industrie die Befürchtung, ein Anfassen der Arzneimittelpreisverordnung könnte bei anderen Beteiligten Gelüste wecken, etwas völlig anderes aus der Preisverordnung zu machen. Deshalb wollten wir nicht daran rühren. Ich glaube heute, daß wir mit der Einstellung recht hatten, denn die Forderungen aus Industrie und Krankenkassen gingen weit über das hinaus, was die Apotheker vorgeschlagen hatten. Mein Vorschlag für alle Beteiligten ist, sich in der Zukunft rechtzeitiger abzustimmen und nicht isoliert eigene Konzepte auf den Tisch der politischen Diskussion zu legen. Mit der kleinen Lösung haben wir es aus meiner Sicht "5 vor 12" gerade noch geschafft, schlimmeres zu verhindern. Es gibt, das ist richtig, keine Kompensation für den Großhandel. Der Phagro hat ausgerechnet, daß das bis 12 Millionen DM weniger Ertrag für den Großhandel bedeutet. Dies allein ist und darf für den Großhandel allerdings kein Argument sein, bundesweit in große und flächendeckende Rabattkürzungen einzusteigen.

PZ: Auch die Diskussion über die Aufhebung des Fremd- und Mehrbesitzverbotes von Apotheken in Deutschland geht weiter und wird als eine der Lösungen aus der Finanzkrise der gesetzlichen Krankenkassen angesehen. Gehe besitzt in Großbritannien eine Apothekenkette. Bereiten Sie sich damit auf Deutschland vor oder sind die britischen Erkenntnisse eher Motivation, die Kette in Deutschland zu verhindern?

Ossenberg: Aus gutem Grund sind in Deutschland der Fremd- und Mehrbesitz verboten. Daran wollen und werden wir nicht rütteln. In England gibt es andere rechtliche Voraussetzungen, dort ist die Kette seit langem am Markt üblich und wie Sie wissen, ist die Gehe eingestiegen, als Lloyds zum Verkauf anstand. Im Vordergrund stand die Absicherung unseres Kerngeschäfts, des Pharmahandels. Glücklicherweise konnten wir uns gegen den Mitbieter Unichem durchsetzen. Was wir von Lloyds nach Deutschland übertragen wollen, sind Dinge, die es dem Apotheker ermöglichen, seine Apotheke selbständig und in eigener Regie betriebswirtschaftlich besser und sinnvoller führen zu können. Wir möchten ihm die entsprechenden Hilfeleistungen anbieten, damit er jederzeit als eigener freier Unternehmer wettbewerbsfähig reagieren kann. Ich bin davon überzeugt, daß die Vorstellung einiger Krankenkassenvertreter, über Apothekenketten die Arzneimittelversorgung regeln zu können, schlichtweg falsch sind. Wir wissen natürlich aus England genau, welcher Aufwand entsteht durch Anmietungen der Apotheken und durch die Anstellung von Mitarbeitern. In Deutschland ist der selbständige Apotheker in der Regel ein Selbstausbeuter, indem er die Eigenmiete, die Eigenkapitalverzinsung, den Unternehmerlohn sowie seine Altersversorgung nicht in die Kalkulation mit einbezieht. Ein Vergleich der Apothekenspannen in Deutschland mit anderen Einzelhandelssparten zeigt deutlich, daß diese erheblich höhere Spannen haben als die Apothekerschaft. Hier sollte man die Politik einmal fragen, ob sie das Versorgungssystem mit Arzneimitteln in Deutschland verkommen lassen und ein Apothekensterben in Kauf nehmen will. Das hat ja auch etwas mit der Versorgungsqualität der Bevölkerung mit Arzneimitteln zu tun.

PZ: Verstehe ich das richtig? Ihr Fazit aus England bedeutet, daß Sie in Deutschland kein Kettensystem haben wollen?

Ossenberg: So ist es. Schon aus ganz egoistischen Gründen wollen wir in Deutschland keine Kettenapotheken. Ich verhandle lieber mit 22 000 Individualapotheken als mit irgendwelchen Kettenfürsten, die nur eines kennen, die Konditionen für uns nach unten zu verhandeln.

PZ: Ein weiterer Punkt, der den Apothekern Sorge und Existenzängste einjagt, ist der Versandhandel. Er etabliert sich in der Schweiz und in den Niederlanden. Haben Sie Hoffnung, daß sich diese "Krankheit" nicht auf Deutschland ausbreitet? Was unternimmt der Großhandel gegen diesen auch für ihn ernst zu nehmenden Konkurrenten? Hat der Großhandel überhaupt Chancen dagegen zu halten oder wird er selbst in das Versandgeschäft einsteigen?

Ossenberg: Die Frage, die hier gestellt werden muß, ist: Ist Versandhandel unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten überhaupt durchführbar? Gibt die Großhandels- und die Apothekenspanne überhaupt soviel her, um den Versandhandel betreiben zu können und noch Geld einzusparen für die Krankenkassen? Hier sollten aus meiner Sicht einige Krankenkassenfunktionäre einmal ihre Hausaufgaben machen und anfangen zu rechnen und nicht amerikanischen ManagedCare-Systemen das Wort reden oder die Schweiz als Vergleich bringen. Soweit ich weiß, nehmen dort die Versicherungsgesellschaften gezielt Verluste in Kauf, um das System des Arzneimittelvertriebes zu verändern. Auf der anderen Seite sollte man bedenken, wenn Rosinenpickerei stattfindet - nichts anderes kann Versandhandel sein -, inwieweit eine flächendeckende Versorgung mit Arzneimitteln auf dem heutigen Niveau überhaupt noch möglich sein wird. Das wird sicher nicht mehr funktionieren. Das heißt, die Krankenkassen müssen noch mehr Geld in das System geben. Unter dem Strich macht das volkswirtschaftlich gesehen also keinen Sinn. Wäre das betriebswirtschaftlich heute schon sinnvoll, dann wären sicher die Versandhandelsunternehmen entlang der belgischen, holländischen und französischen Grenzen längst da und würden fleißig nach Deutschland liefern. Mir muß wirklich einer einmal vorrechnen, ob das mit den Spannen des Großhandels und der Apotheke überhaupt rentabel machbar ist. Die Gehe hat ja einen Versandhandel für Lager- und Büroeinrichtungen. Aus diesen Erfahrungen heraus kann ich nur feststellen, die Spannen reichen nicht aus.

Das Interview führte Hartmut Morck, Eschborn
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