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Ökonomische Aspekte der Selbstmedikation

29.12.1997  00:00 Uhr

-Politik

Govi-Verlag

Ökonomische Aspekte der Selbstmedikation

Serie Selbstmedikation X

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In einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung des Instituts für Gesundheitssystemforschung Kiel stimmten fast 84 Prozent aller Versicherten in der gesetzlichen Krankenversicherung der Aussage zu, "daß trotz eines zunehmenden Anteils älterer Menschen mit einer vergleichsweise kostenintensiven medizinischen Versorgung und des medizinischen Fortschritts die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung nicht steigen dürfen".

Dieses demoskopische Ergebnis verdeutlicht das Dilemma der Gesundheitspolitik. Auf der einen Seite sind die Bedürfnisse nach neuen und teuren Gesundheitsleistungen praktisch unbegrenzt. Auf der anderen Seite stößt aber die Zahlungsbereitschaft dafür zunehmend an ihre Grenzen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welchen Beitrag die Selbstmedikation hier leisten kann.

Der Markt der vom Patienten selbst gekauften rezeptfreien Arzneimittel wies 1996 ein Umsatzvolumen von 8,6 Milliarden DM auf. Die 675 Millionen verkauften Selbstmedikationspackungen entsprachen einem Anteil von knapp 40 Prozent aller 1996 in Deutschland abgesetzten Arzneimittelpackungen. Aufgrund der vergleichsweise niedrigen Durchschnittspreise dieses Marktsegments lag der Umsatzanteil mit 18 Prozent deutlich unter diesem Wert. Die Analysen zurückliegender Entwicklungen haben gezeigt, daß der Marktanteil selbst gekaufter Arzneimittel in erster Linie durch die staatliche Gesundheitspolitik beeinflußt wird.

Für Patienten, die unter Befindlichkeitsstörungen oder leichten Gesundheitsstörungen leiden, steht grundsätzlich die Möglichkeit einer eigenverantwortlichen Selbstbehandlung oder die Inanspruchnahme einer Arztbehandlung offen. Bevölkerungsbefragungen des BAH zeigen, daß in der Praxis neben der nichtmedikamentösen Selbstbehandlung die Selbstbehandlung mit rezeptfreien Arzneimitteln (SM) oder die ärztliche Verordnung solcher Präparate (OTX) von Bedeutung sind.

Kosteneinflußfaktoren und Interdependenzen

Die Entscheidung der Patienten für eine Arztbehandlung oder die Selbstmedikation verursacht unterschiedliche medizinische und volkswirtschaftliche Kosten. Die wichtigsten Kosteneinflußfaktoren, die im Hinblick auf die Frage, ob rezeptfreie Arzneimittel ärztlich verordnet oder selbst gekauft werden, von Relevanz sind, finden sich in der folgenden Aufstellung:
  • Direkte Kosten (medizinische Kosten): Diagnostik (Selbstdiagnose, Arztdiagnose), Arzneimitteltherapie, nicht medikamentöse Therapie, ärztliche Leistungen, Laienbehandlung, Präventionsverhalten, Folgen der Fehlanwendung, unerwünschte Arzneimittelwirkungen.
  • Indirekte Kosten (volkswirtschaftliche Kosten): Arbeitsausfall durch Arztbesuch, Arbeitsunfähigkeit (Krankschreibung), Beeinflussung der individuellen Arbeitsleistung (Produktivität), Beeinflussung der volkswirtschaftlichen Arbeitsleistung, Transaktionskosten (Transport-, Zeit- und Wegekosten), Beitragssatzentlastung für die GKV, Rezeptgebühren. Zuzahlung, Verwaltungsleistungen der Krankenkassen (Arztabrechnung, Rezeptabrechnung), Verwaltungs- und Abrechnungsleistungen der Apotheke (Rezepttaxierung und Abrechnung beziehungsweise Kosten für Arzneimittelrechenzentren), Krankenkassenrabatt nach § 130 SGB V, Allokation knapper Ressourcen im Gesundheitswesen, beschäftigungspolitische, konjunkturelle und marktstrukturelle Einflüsse.
  • Intangible Kosten (ohne objektivierbaren Geldwert): Beschwerdezeit, Behandlungsdauer, Ausprägung der Symptome. Eigenverantung/Selbstbestimmung, Beratungsqualität, Angst/psychologische Hemmnisse, entgangene Freizeit.

Berechnungen zu direkten und indirekten Kosten

Es ist realistisch anzunehmen, daß schon durch verhältnismäßig leichte Änderungen der Rahmenbedingungen ein "Steuerungsvolumen" von 10 Prozent aller rezeptfreien Arzneimittelpackungen realisiert werden kann.

Dazu einige Berechnungen, die sich beispielhaft auf den Fall beziehen, daß ein Zehntel aller rezeptfreien Arzneimittel aus dem Verordnungsmarkt in den Selbstmedikationsbereich oder umgekehrt wandern: Ein Vergleich direkter und indirekter Kosten zeigt, daß die Arzneimittelausgaben der GKV durch die Einsparung von 100 Million Verordnungen um etwa 1,2 Milliarden DM sinken. Die eingesparten Ausgaben für die ärztliche Behandlung, die mit der Verordnung von 100 Millionen Arzneimittelpackungen einhergehen, belaufen sich auf 3,1 Milliarden DM. Insgesamt verringern sich damit die GKV-Ausgaben um 4,3 Milliarden DM. Die Patienten werden zunächst durch den Selbstkauf der entsprechenden Arzneimittel mit Ausgaben von 1,6 Milliarden DM belastet. Diese Ausgaben führen allerdings nur vordergründig zu einer Mehrbelastung der privaten Haushalte.

Auf seiten der indirekten Kosten sind die Arbeitsausfälle durch Arztbesuche zu beachten, die sich auf etwa 26 Millionen Stunden pro Jahr mit einem Produktionsausfall im Wert von 1,3 Milliarden DM belaufen. Nicht zu vernachlässigen sind auch die Zeitaufwendungen auf seiten der Ärzte und Patienten, die durch die zusätzlichen Arztbesuche zur Erlangung von 100 Millionen Verordnungen entstehen. Während die Ärzte hierfür zusätzliche 16 Millionen Stunden pro Jahr aufwenden müssen, dies entspricht pro Hausarzt etwa einem zusätzlichen Arbeitsaufwand von einer Stunde pro Tag, haben die Patienten inklusive der Wege- und Wartezeiten etwa 78 Millionen Stunden pro Jahr aufzuwenden.

Wenn pro Kopf und Jahr Arzneimittel im Wert von 110 DM durch Selbstmedikation substituiert werden, führt das zu GKV-Einsparungen von rund 22 Milliarden DM, zu einer Beitragssatzentlastung von etwa 1,5 Prozentpunkten und damit zu einer Verringerung des Arbeitnehmerbeitrages von rund 450 DM. Im Endeffekt führt in diesem Beispiel die Mehrbelastung durch die Selbstmedikationsausgaben zu einem Nettoeinspareffekt von etwa 340 DM pro Jahr für den Versicherten.

Vor diesem Hintergrund leistet die Selbstmedikation einen wesentlichen Beitrag zur finanziellen Entlastung der Versichertengemeinschaft und trägt so mittelfristig dazu bei, die ungewollte Rationierung lebensnotwendiger Leistungen in Deutschland zu vermeiden. Gesundheitspolitisch ist die Selbstmedikation bei geringfügigen und vorübergehenden Gesundheitsstörungen ebenfalls unbedenklich und wird daher von der Bundesregierung befürwortet (Bundestagsdrucksache 10/1987, Handbuch zur Selbstmedikation). Damit zeichnen sich für die Selbstmedikation auch in Zukunft erhebliche Wachstumschancen ab.

PZ-Artikel von Uwe May, Bonn

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