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Gentechnik für die Deutschenkein Teufelswerk

29.12.1997  00:00 Uhr

-Politik

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Gentechnik für die Deutschen
kein Teufelswerk

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Die Diskussion um die Gentechnik hat sich verändert. Sie wird heute wesentlich differenzierter geführt als noch vor wenigen Jahren. Als Teufelswerk wird sie heute nur noch von wenigen Menschen verdammt. Am deutlichsten ist der Sinneswandel bei gentechnisch hergestellten Arzneimitteln, die heute von der überwiegenden Mehrheit grundsätzlich akzeptiert werden. Gleichzeitig haben aber auch viele Menschen Angst vor Eingriffen in die Keimbahn.

In der öffentlichen Meinung spiegelt sich dieser Stimmungsumschwung ebenfalls wider. Nach einer aktuellen Studie, die das Institut Polis im Auftrag der hessischen Landesregierung in Hessen durchgeführt hat, glauben immerhin rund 75 Prozent der Befragten, daß mit Hilfe der Gentechnik Krankheiten wie Krebs oder Aids besiegt werden können. Gleichzeitig stimmen fast 60 Prozent der Aussage zu, daß Gentechnik die Technologie der Zukunft ist. Befragt wurden 1500 Hessen über 18 Jahren.

Doch diese Zahlen dürfen nicht als uneingeschränkte Zustimmung zu der neuen Technologie interpretiert werden. Immerhin 73 Prozent der Befragten äußerten nämlich auch, daß Gentechnik in Dinge eingreife, in die der Mensch nicht eingreifen sollte, und 75 Prozent befürchten unabsehbare und irreversible Folgen für die Natur.

Nach Auffassung der hessischen Landesregierung kann diesen Ängsten nur dadurch begegnet werden, wenn Wissenschaftler ihre Forschungsvorhaben und -ergebnisse öffentlich machen und den Dialog mit der Bevölkerung suchen. Auf einer Veranstaltung der Landesregierung zur Gentechnik am 11. und 12. November in Frankfurt sagte Ministerpräsident Hans Eichel: "Die Menschen haben gerade bei diesen hochkomplexen Sachverhalten den Anspruch auf Information und Transparenz, um sich ein eigenes Urteil bilden zu können." Ein demokratischer Dialog sei auch deshalb unverzichtbar, weil die Gentechnik in Hessen bereits jetzt einen hohen wirtschaftlichen Stellenwert habe.

Eichel unterstrich, daß die Landesregierung an guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für innovative Unternehmen interessiert sei. Mit den Regionen Rhein-Main und Mittelhessen sowie den zum Rhein-Neckar-Dreieck zählenden Firmen Südhessens verfüge das Bundesland bereits über drei Spitzenstandorte der Bio- und Gentechnik.

Von einer grundsätzlichen Ablehnung der Gentechnik sind mittlerweile auch die Grünen abgerückt, zumindest in der Medizin. In einem Statement während der Frankfurter Veranstaltung sagte die hessische Umweltministerin Margarete Nimsch, daß eine grundsätzliche Diskussion über medizinische Gentechnik obsolet geworden sei. In weiten Teilen der Bevölkerung sei sie mit Hoffnungen auf die Heilbarkeit todbringender Krankheiten verbunden, diese Hoffnung könne auch Kritiker der Gentechnik nicht kalt lassen.

Gleichzeitig warf die Ministerin jedoch der Industrie vor, "Heilsprognosen" abzugeben, die bei näherer Betrachtung unrealistisch sind. Auch deshalb bedürfe die Gentechnik in jedem ihrer Anwendungsgebiete einer realistischen Betrachtung.

Einen verantwortungsvollen Umgang mit der Gentechnik fordert auch der Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen-Nassau, Professor Dr. Peter Steinacker. Die DNA sei zwar keine Tabuzone für menschliche Eingriffe, die Anwendung der Gentechnik erfordere aber eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Anwendungsgebiet, sagte er auf einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Veranstaltung.

Eingriffe in die menschliche Keimbahn sind in Deutschland ohnehin zur Zeit kein Streitpunkt. Sie werden von allen Bundestagsparteien abgelehnt, ein Verbot wurde parteiübergreifend verabschiedet. Und auch bei der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung gelten Manipulationen an Eizellen als unethisch.

Professor Dr. Wolfgang van den Daele vom Berliner Wissenschaftszentrum glaubt allerdings nicht, daß dieser Konsens auf Dauer bestehen wird. Bislang sei keine einzige praktikable therapeutische Anwendung für Keimbahneingriffe zu erkennen. Sobald es jedoch die Möglichkeit gebe, Erbkrankheiten auf diese Weise zu behandeln, werde der Konsens fallen. Hinzu komme, daß in anderen Staaten, etwa den USA, solche Eingriffe wesentlich positiver beurteilt würden.

Da die Globalisierung auch vor der Gentechnik nicht haltmacht, stellt sich ohnehin die Frage, inwieweit nationale Gesetze, auch wenn sie auf einem gesellschaftlichen Konsens beruhen, eine ausreichende Sicherheit bieten. Was in Deutschland verboten ist, wie Eingriffe in die menschliche Keimbahn, ist in anderen Staaten erlaubt und wird dort intensiv beforscht.

Eine weltweite verbindliche Regelung erscheint wenig realistisch, wie der ehemalige Bundesforschungsminister Professor Dr. Heinz Riesenhuber ausführte. Schon innerhalb der Europäischen Union sei ein Konsens über die Grenzen der Gentechnik kaum möglich. Riesenhuber: "Während die Iren das meiste verbieten wollen, ist in England fast alles erlaubt." Globale Absprachen seien angesichts unterschiedlicher Wertvorstellungen undenkbar: "Wir werden keine einheitliche Weltkultur bekommen."

Gentherapie: Anwendung in Sicht?

Im Gegensatz zur Keimbahntherapie hat die somatische Gentherapie viele Befürworter. Hier ist der Nutzen greifbarer, da Behandlungsmethoden für bislang unheilbare Krankheiten in Aussicht stehen. Ziel der somatischen Gentherapie ist es, ein defektes, krankheitsrelevantes Gen durch ein von außen zugeführtes Analogon zu ersetzen. Wissenschaftler gehen davon aus, daß um die Jahrtausendwende erste gentherapeutische Behandlungsmethoden bei Krebserkrankungen möglich werden. Bislang ist die somatische Gentherapie zwar noch auf klinische Studien beschränkt. Die Zahl der Wissenschaftler, die an einen möglichen Durchbruch dieser Therapieform glauben, wächst jedoch.

Einig waren sich die Referenten darin, daß die Rahmenbedingungen für Gen- und Biotechnik in Deutschland mittlerweile fast ideal sind. Die langen Genehmigungsverfahren, die in der Vergangenheit viele Unternehmen zum Auswandern veranlaßten, sind seit der Novellierung des Gentechnikgesetzes passé. Auf den Punkt brachte es Dr. Helmut Schühsler, der bei der Techno Venture Management GmbH in München Investoren für neue Biotech-Firmen sucht: "Bei Neubauten dauert die brandschutztechnische Abnahme häufig länger als die Genehmigung der gentechnischen Anlagen."

PZ-Artikel von Daniel Rücker, EschbornTop>

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