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Fortbildung Hessen

Influenza wird zurückkommen

»Die Influenza wird wieder kommen, und dann mit großer Wucht. Wir wissen nur nicht wann.« Professor Dr. Thomas Weinke mahnte bei einer Fortbildungsveranstaltung der Landesapothekerkammer Hessen den zu sorglosen Umgang mit anderen potenziellen zirkulierenden Viren neben SARS-CoV-2 an.
Elke Wolf
14.03.2022  15:06 Uhr

Bereits den zweiten Winter hintereinander ist die Grippesaison nahezu komplett ausgefallen. »Bis jetzt zur Kalenderwoche 10 war nahezu keine Influenza-Aktivität zu verzeichnen«, stellte der Infektiologe vom Ernst-von-Bergmann-Klinikum in Potsdam aktuelle Daten vor. Die Situation in Deutschland deckt sich mit der auf der gesamten Nordhalbkugel. Etwas anders stellt sich die Lage laut Weinke auf der Südhalbkugel dar: »Während im ersten Pandemiejahr auch in Australien die Influenzasaison komplett ausfiel, verläuft derzeit eine milde Saison mit kleineren Gipfeln – und zwar zu einem verschobenen Zeitpunkt. Statt in den Sommermonaten wurden im Januar und Februar vermehrt Infektionen gemeldet.«

Weinke ist sich sicher, dass die Influenza auch hierzulande irgendwann wiederkommen wird – und dann mit einer heftigen Welle. »Wenn Viren lange keine Rolle gespielt haben, dann kommen sie stärker zurück, da die meisten Menschen aufgrund der Schutzmaßnahmen gegen SARS-CoV-2 auch keinen Kontakt mit dem Grippevirus hatten und so keinen Immunschutz etwa durch eine durchgemachte Infektion aufbauen konnten und empfänglicher dafür sind.« Das gleichzeitige Zirkulieren von Influenza- und Coronaviren könnte die Lage verschärfen und zu einem verstärkten Krankheitsgeschehen führen.

Von RSV lernen

Dass sich der fehlende Immunschutz durch ständiges Maske-Tragen, Kontaktbeschränkungen und Reiseverbote auch hinsichtlich anderer Erkrankungen rächen könnte, zeigte sich in den vergangenen Monaten in der Altersgruppe der Säuglinge und Kleinkinder bezüglich des Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV). Bereits im vergangenen Juli kamen Kinderkliniken und Kinderabteilungen an ihre Belastungskapazität, erst im Dezember 2022 ist die Kurve wieder abgeflacht. »Die Zahl und die Schwere der Krankheitsverläufe stellte die Kliniken vor große Herausforderungen. Bei uns mussten etwa Kinder aus Berlin nach Brandenburg verlegt werden, um Kapazitäten zu schaffen.« Im Jahr davor zirkulierten RSV dagegen deutlich schwächer. Weinke stellte zudem Beobachtungen aus den USA vor, nach denen sich folgender Zusammenhang ergibt: Je länger die Kontaktbeschränkungen, desto größer der Ausbruch nach den Lockerungen.

»Wir sollten auf die nächste Influenzawelle vorbereitet sein. Das entscheidende dabei sind hohe Impfraten. Doch dabei ist auch in den Hochrisikogruppen noch deutlich Luft nach oben«, mahnte der Referent die mangelnde Impfbereitschaft der Deutschen an. »Im Bestreben, die Impfquoten zu erhöhen, ist jedes Mittel recht. Deshalb kann ich Apothekenimpfungen auch gegen Influenza nur unterstützen. Andere Länder machen es vor, dass die Apotheken ein niederschwelliges Angebot schaffen.«

Weinke: »Influenza wird in unserer Gesellschaft unterschätzt. Es handelt sich dabei nicht um ein bisschen Gliederschmerzen und Fieber, sondern um eine Systemerkrankung. Und: Die laborbestätigten Fälle sind nur die Spitze des Eisbergs«, bedauerte der Infektiologe die Tatsache, dass Influenza in der Wahrnehmung aufgrund des Pandemie-Geschehens vollends ins Hintertreffen geraten ist. Auch wenn nicht jede Saison schwer verläuft, habe es über die vergangenen Jahre gemittelt in jeder Grippesaison geschätzt etwa 10.000 grippebedingte Todesfälle in Deutschland gegeben.

Immunseneszenz bedenken

Es sind vor allem die Senioren, die eine Influenza stark trifft. Krankenhauseinweisungen, ernste Komplikationen und Todesfälle betreffen vor allem infizierte Senioren. So steigert eine Influenza massiv das Risiko, während der Erkrankung einen Herzinfarkt (zehnfach erhöht) oder einen Schlaganfall (achtfach erhöht) zu bekommen. »Zudem ergeben sich viral-bakterielle Synergien. Infizierte sind empfänglicher für Pneumokokken, was die Todesraten zusätzlich in die Höhe treibt.«

Im nachlassenden Immunsystem, der sogenannten Immunseneszenz, sieht Weinke einen wesentlichen Grund für die gehäuft bei den Über-60-Jährigen auftretenden Komplikationen und Todesfällen. Ab 60 und dann noch mal ab 65 Jahre nimmt das Infektionsrisiko an Fahrt auf. Sowohl die zellvermittelte Immunität als auch die Antikörperbildung gehen dann zurück. Im Erkrankungsfalle kann dann das Immunsystem auch schlechter reagieren, weil die Abwehr schlechter funktioniert. Bei Senioren ist nicht nur die Immunantwort bei Exposition mit dem Erreger, sondern auch die auf Impfungen vermindert. Der Hochdosis-Impfstoff mit 60 µg Antigen (Efluelda®), den die STIKO seit vergangenem Winter für Senioren ab 60 Jahre empfiehlt, hat laut Weinke seine Überlegenheit eindeutig gezeigt.

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