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Titandioxid: Weißmacher als Entzündungs-Trigger

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Das in vielen Arzneimitteln, aber auch Lebensmitteln und Kosmetika wegen seiner strahlend weißen Farbe als Hilfsstoff eingesetzte Titandioxid (TiO2) kann bei Patienten mit chronisch-entzündlicher Darmerkrankung (CED) die Entzündung verstärken. Da bei diesen Patienten die Barrierefunktion des Darms gestört ist, besteht zudem die Gefahr, dass TiO2-Nanopartikel in den Körper aufgenommen werden und sich in der Milz anreichern. Eine Forschergruppe um Dr. Pedro Ruiz, Dr. Belen Morón und Dr. Helen Becker von der Universität Zürich, die diese Effekte in Zellkultur und in Tierversuchen nachwies, rät deshalb nun im Fachjournal «Gut» CED-Patienten, auf den Verzehr von TiO2-haltigen Nahrungsmitteln möglichst zu verzichten. Das dürfte allerdings schwierig sein, denn der auch als E171 bezeichnete Hilfsstoff ist bereits jetzt weltweit einer der am meisten eingesetzten Nanopartikel, Tendenz steigend.

 

In der Petrischale fanden die Wissenschaftler zunächst heraus, dass TiO2-Nanopartikel in menschliche Darmepithelzellen und Makrophagen eindrangen und sich dort anreicherten. Intrazellulär aktivierten sie das NLRP3-Inflammasom, einen Proteinkomplex, der Bestandteil des unspezifischen Immunsystems ist. Dies regte die Zellen zu einer erhöhten Produktion von entzündungsfördernden Botenstoffen an. Mäuse mit CED, denen die Forscher TiO2-Nanopartikel fütterten, reagierten ebenfalls mit einer Aktivierung des NLRP3-Komplexes und in der Folge mit einer stärkeren Darmentzündung und einer größeren Schädigung der Darmschleimhaut. Zudem reicherten sich TiO2-Kristalle in der Milz der Tiere an.

 

Schätzungen über die Menge des täglich aufgenommenen Titandioxids sind schwierig und haben eine große Streubreite. Sie reichen von pauschal 2,5 mg bis 2 mg pro kg Körpergewicht. Derzeit existieren keine gesetzlichen Beschränkungen für die Verwendung in Nahrungsmitteln. Wenn TiO2 in pharmazeutischen Formulierungen enthalten ist, kann das etwa bei Arzneiformen mit spezieller Freisetzungskinetik im Darm lokal zu sehr hohen Konzentrationen des Hilfsstoffs führen, so die Autoren. Welche Effekte das sowie die über die Nahrung aufgenommenen Mengen an TiO2 auf CED-Patienten haben, sollte aus ihrer Sicht dringend in weiteren Studien untersucht werden. (am)

 

DOI: 10.1136/gutjnl-2015-310297

 

20.07.2017 l PZ

Foto: Fotolia/Africa Studio